Fuldaer
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Mittwoch, »en 18. Mai 1881.
Jeitung.
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O Colonial - Politik Bismarcks.
Ist der geneigte Leser einmal in Lüttich gewesen und hat dort Ausflüge gemacht? Es ist eine herrliche Gegend, nicht mit Unrecht nennt man sie die „belgische Schweiz". Wie wir privatim von dort erfahren, soll Fürst Bismarck sich da angekauft haben oder doch ankaufen wollen, und es ist charakteristisch, daß die Wallonen, die dort zu Hause sind, mit Furcht und Schrecken an die Zeit denken, wo der „Herschgewaltige" dort ihr Nachbar sein wird. Fürchten sie vielleicht, der deutsche Reichskanzler würde diesen, wenn wir nicht irren, den ehemaligen 10. Kreis des hl. römischen Reiches retrahiren, wie vor zehn Jahren Elsaß-Lothringen? Dar soll vorerst wohl gute Weile haben. Heb» rigens wollten wir von diesem Plane des Kanzlers, dessen Richtigkeit wir natürlich nicht verbürgen können, nicht reden, dagegen von einem andern.
Die Wiener (alte) ,Presse< vom 6. Mai enthält eines jener kurzen politischen Sen- tenzchen, die gewöhnlich der Aufmerksamkeit der meisten Leser entgehen, aber desto eifriger vom Politiker aufgegriffen werden. Das Sätzchen ist ein Londoner Telegramm und lautet:
„Man will hier (London) wiffen, daß Deutschland infolge Verwickelungen in Tunis das Protektorat über Marokko anstrebt."
In der That ein Blitz, welcher eine Anzahl dunkler Puncte erhellt! Längst fiel es auf, daß der deutsche Kanzler die Franzosen so eindringlich aufforderte, die Hand auf Tunis zu legen, und daß seine Tages-
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Madelon.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)
„Doch, doch — ich weiß es ganz sicher)" sagte er lebhaft und mit etwas unruhiger Miene: „aber — mit einem Worte, Du bist viel zu jung, um Dich mit dergleichen Sachen abzuquälen; Du könntest sie doch nicht begreifen, später wird man Dir Alles erklären."
„Du kannst es mir also jetzt nicht sagen?" versetzte sie traurig. „Aber dann lässest Du mich wenigsten» .wieder einmal in die Kirche gehen, nicht wahr? Wirklich, es war so schön! Die Lichter, die Musik — der Gesang — Weißt Du, Vater," fügte sie dann hinzu, indem sie die Stimme etwas sinken ließ, „daß alles das mich zu Thränen gerührt hat?"
„Wirklich?" sagte Linder» in etwas wegwerfendem Tone, indem er leicht die Achseln zuckte.
Die Art und Weise, mit welcher Linders diese» Wort gesprochen hatte, war nicht so sehr gegen die vertraulichen kindlich naiven Mitthrilungen Madelon« gerichtet, al» vielmehr gegen die Veranlassung zu ihrer Erregung, die sie hervorgerufen hatte, und wofür er keinerlei Sympathie hegte. Und
presse für Frankreichs Action in’» Zeug ging. Der „ehrliche Makler" ist nur, wenn man ihm etwas „bieten" kann, so diensteifrig. Sollte das „Protektorat" über Marokko wirklich einer jenen stillen Pläne sein, welche Fürst Bismarck eine Zeit lang bei sich im Stillen vorbereitet, und mit welchen er die Welt zu überraschen liebt? Deutschland sehnt sich längst nach Colonialbesitz, um Absatz für seine Maaren und für seine Auswanderung zu finden. Die letztere nimmt vollend« in diesem Jahre ohne Zweifel größere Dimensionen an, als je, und wird die von 1872 (125,650 Köpfe) weit überragen. Wie wichtig wäre e« daher für uns, wenn wir der Reichsmüdigkeit einen Canal in ein viel näher, als Nordamerika, gelegenes und obendrein recht gesegnetes und mit dem Vaterlande verbundenes Territorium eröffnen könnten! Das Sultanat Marokko hat eine Größe von ungefähr 672,000 qkm. (das deutsche Reich 540,000 qkm.), darunter entfallen allerdings nur gegen 200,000 auf das Tell, d. h. die fruchtbaren Küsten- und Gebirgsgegenden, 67,700 auf die Steppen und über 400,000 auf die Sahara; aber e« zählt nur 6 Millionen, nach der höchsten Tiffotschen Schätzung 11 Millionen Einwohner, eine wahre Bagatelle im Vergleiche \ zu dem ertragsfähigen Boden. Wie viele weitere Millionen Menschen könnten da bei deutschem Fleiße ein reichliches Auskommen finden, besonders da die Berg- districte und das ganze nördlich vom Atlas gelegene Land für uns Deutsche gar nicht zu heiß sind, da die Hitze der ganzen -
trotzdem schien e«, als ob das Kind den leisen Spott fühle, der in seiner Antwort lag. Sie zuckte unwillkürlich zusammen, und eine leichte Röthe bedeckte ihr Gestcht. Linders begriff wahrscheinlich, daß er einen Fehler gemacht habe, denn er bemüthe sich sogleich, durch Schmeichelworte den ungünstigen Eindruck zu verwischen; aber es war zu spät: denn durch dies eine unbesonnen hingeworfene Wort hatte Linders zum ersten Male eine Schranke zwischen sich und seinem Kinde errichtet und jenes innige Zutrauen erschüttert, welches ja für immer ungetheilt und rückhaltslos zwischen ihnen herrschen sollte.
Bei der feierlichsten Gelegenheit, welche sie in ihrem so kurzen Dasein bis dahin gehabt, hatte sie sich an ihn gewandt und war von ihm mit einem kalten und witzig sein sollenden Worte abgewiesen worden. Sie faßte zwar dasselbe zuvor nicht in seiner ganzen Bedeutung auf und fuhr auch nichtsdestoweniger fort, ihren Vater mit großer Innigkeit zu lieben; indeß vergaß sie diesen Vorfall nicht und faßte den Entschluß, von nun an die Eindrücke, die sie etwa empfangen möchte, im Innern ihre« Herzen« zu verschließen.
Was Linders anlangte, so hatte dieser Gespräch bei ihm anfangs eine Unruhe und
Küstenstrecke — am Mittelmeer 475, am atlantischen 860 km. Länge — durch Seewinde gemäßigt wird I Sollte sich je ein Handels- und Colonisations- Vertrag mit dem dortigen Sultan — ermöglichen, so wäre ein solcher unendlich werthvoller, al» der mit den Samoa - Inseln der Südsee.
Deutsche- «eich.
* Berlin, 16. Mai. Am 30. und 31. Mai finden große Paraden der Garde- Infanterie bei Berlin, resp. Potsdam statt. — Auch am Sonnabend hielt der Kaiser selbst auf dem Tempelhofer Felde eine Truppeninspection.
— Die vereinigten Ausschüsse des Bundesraths für da« Seewesen und für Handel und Verkehr traten heute zu einer Sitzung zusammen.
— (Reichstag.) Das Aichungsgesrtz wird in zweiter Lesung unverändert nach den Beschlüssen der Commission angenommen. Es folgt die dritte Lesung des VerfaffungS- gesetze». Minnigerode und Treitschke sprechen gegen den Beschluß einer jährlichen Berufung des Reichstags im October, sowie Kardorff, der für Beseitigung I des Culturkampfes plaidirt. Kayser, Marquardsen, Windthorst für den Beschluß erster Lesung; letzterer nimmt von der Erklärung Kardorffs zu Gunsten des Culturkampfs Act. Staatssecretär Bötticher erklärt, die jährliche Einberufung des Reichstags im October sei unannehmbar, ■ dieselbe involvire eine Beschränkung der
eine Verwirrung zur Folge, deren er vergebens Herr zu werden suchte. Dieses Kind, das er in gewissem Sinne mit sich selbst identificiren wollte, indem er es lehrte, mit seinen Augen zu sehen, nur durch seine Vermittlung gleichsam zu begreifen und zu ur- theilen — sollte dieses Kind im Begriffe stehen, über den engen Horizont, den er ihm zu setzen beliebt hatte, mit gierigem Blick hinaus zu schauen? Für den Augenblick däuchte es ihm, als ob sein ganzes Erziehungssystem, das ihm bis dahin ganz genügende Frucht hervorgebracht zu haben schien, jetzt mit einem Male zu wanken und gar der Einsturz zu drohen beginne. Diese Möglichkeit barg Thatsachen in sich, die er schon halb und halb voraussah, ohne indeß die Mittel noch auch die Macht zu haben, sie aufzuhalten; denn, obwohl er durch- aus nicht scheute, ihr jeden heilsamen Einfluß fernzuhalten, so schauderte er doch da- vor zurück, ihr förmlich Lüge und Jrrthum einzupflanzen. Hätte es sich um einen Kna- ben gehandelt, so würde er ohne Zweifel kein Bedenken getragen haben, ihn in die Bahn hinein zu lenken, welche er selbst eingeschlagen hatte; aber konnte er das mit seinem unschuldigen Töchterchen thun? Er sagte sich: Nein. Deshalb mußte er sich darauf beschränken, mittels seiner Einwir-