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Sonntag, »en 15. Mai 1881.

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Somit stände ich denn glücklich mitten in den Fragen, die jetzt unsere innere Po litik aufs lebhafteste beschäftigen; bevor ich aber damit fortfahre, möchte ich dem Kanzler einen guten Rath geben, und der­selbe besteht darin, sich p o p u l ä r zu machen. Ich weiß zwar, daß dies einem Manne, der Menschen verachten gelernt hat, der soviel Charakterlosigkeit und Schwäche be­gegnet ist, schwer fällt, und doch halte ich es für nöthig. zumal im Hinblick auf die nächsten Wahlen und die allgemeine Unzu­friedenheit. Die Parole vom „kleinen Manne" schafft keine Popularität, denn man nimmt sie ebenso wenig ernst, wie die Drohung, die Reichsregierung von Berlin fort zu verlegen. Daß man anfangen soll, den Fürsten selbst weniger ernst zu nehmen, ist eine Richter'sche Bosheit, die ich aus Klugheitsrücksichten nicht unterschreiben - möchte. Ein probates Mittel hat Dr. \ Windthorst dem großen Staatsmanns an die Hand gegeben, nämlich die gründliche Revision der Maigesetze und die Einstellung des „Culturkampfes"; aber daran ist sobald leider nicht zu denken. Könnte der Fürst sich hierzu verstehen, dann mürde seine Po- pularität bei vielen Millionen christlich denkender Staatsbürger bedeutend zunehmen. Dann sollte er alle neuen Gesetze noch einige Jahrzehnt im Pulte liegen lassen und die Steuerschraube anbinden; sich auch nicht darüber grämen, wenn nicht jeder Wunsch in Erfüllung geht, wie z. B. die» bei der eingesargten Wehrsteuer der Fall ist.

। Ferner sollte Bismarck nicht über kleinliche l Dinge große Reden halten und laute Klagen - erheben, wie über seine Miethsteuer. Er be- i zieht ein Gehalt von 36,000 M. und da- j neben 18,000 M. Repräsentationskosten, - in Summa also 54.000 M. jährlich; da« । ZU hat er eine freie Dienstwohnung, für $ welche er 679 M. jährlich Miethssteuer s entrichten muß, die zu heftigen Reclamatio- l nen und Anschuldigungen geführt hat. Das

Palais desselben ist vom Reiche für § 3,000,0000 M. angekauft und auf Reichs- j kosten glänzend eingerichtet worden bis in die kleinsten Details. Alles, selbst Leinen­zeug, Küchengeschirr, Müllabfuhr und Rei- - nigung, wird ebenfalls auf Reichskosten be- « stritten. Der Etat fetzt dafür zwar nur

15,000 M. jährlich aus, aber diese Summe wird alljährlich weitaus überschritten. So hat die Wohnung des Reichskanzlers nach den Berichten der Rechnungscommission in i den letzten zwei Jahren nicht weniger als

63,232 M. 98 Pfg. beansprucht; nach bür­gerlichen Begriffen dürfte sie darnach schon 679 M. Miethssteuer werth sein.

Doch, große Männer können auch ihre kleinen Schwächen haben, — da» große Ziel behalten sie doch immer im Auge, und das heißt jetzt: Schaffung einer Mittel- Partei, deren Mrttelpunct Bismarck selbst ist, und die ihm sans phrase alle Mittel zur Erreichung seiner Ziele bewilligt. Ben Abika sangt zwar: „Nichts neues unter der Sonne", aber er kannte Bennigsen nicht und ahnte nicht, daß dieser geschmei­dige Comprom ßler und Ministercandidat a. D. auch einmal dem Kanzler zu Leibe

rücken und ein „wilder Knabe" werden könne. Ein Schauspiel für Götter, an dem selbst Richter Gefallen gefunden haben wird. Aber Bismarck dachte mit Cäsar: „Auch du Brutus?", hatte Mitleid mit dem zornigen Knaben und klopfte ihm Zucker. So klopft Oskar Carrä feinem Pferde den Nacken, wenn es durch bren­nende Reife nicht Hüpfen will, wie Bis- marck den ihm , persönlich so befreundeten" Herrn v. Bennigsen streichelte. „Komm her zu mir", das war der Grundton seiner Rede, „laß dich von der bösen Fortschritt»« Partei und den rappelköpfischen Secessio» nisten nicht in's Garn locken! Traue den Sirenen nicht und verstopfe deine Ohren mit Wachs, — denn große Dinge sollst du vollbringen; reiche Minnigerode die Hand und schaffe mir wieder eine große, zuverlässige Mittespartei, denn eine solche, die mir gehorcht, ist allein existenzberecht« igt." Wird diese schmeichelnde Liebeswerb­ung Erhörung finden? Ich müßte die Nationalliberalen schlecht kennen, wenn ich diese Frage verneinen wollte, und so stehen diese Herren denn am Scheideweg und haben das Wort! Und mit den Ratio- nalliberalen steht unsere innere Politik am Scheidewege und hart der Dinge, die da kommen sollen. Bismarck will eine Unter­lage für fein Regiment, das Richter dicta« torisch nennt; er will nicht von Ruhmes- stellung herabsteigen, „in die ihn das Ver­trauen und die Dankbarkeit der Nation ge­stellt hat", aber er fordert als Basis die Opferung der freien Meinung, der perfön« lichen Ueberzeugung, die Zurückdrängung

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Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

„Sieh' doch einmal," meinte das flfinb in seiner Einfalt, „wie sonderbar sie aus- sieht, mit ihren hoch aufgekämmten Haaren und dem alten Äaumwollenkleid!"

„Man sollte sagen, sie hätte Jemanden verloren," sagte die Mutter mit Milde, in­dem sie an sie herantrat, um sie anzureden."

Auf die Frage, welche die Frau an sie richtete, antwortete Madelon, daß sie Nie­manden verloren habe, daß es ihr indeß sehr lieb sei, wenn man ihr den Weg zeige, auf welchem sie wieder zum „schwarzen Ad­ler" kommen könnte.

„Der ist ganz in der Nähe," war die Antwort. „ Wir gehen eben diesen Weg; wenn Du willst, werden wir Dich dorthin führen."

Madelon stieg mit den wackeren Leuten die breite Treppe hinunter, und überschritt mit ihnen den Platz, auf welchem eine Menge Leute im Sonntagsstaat auf« und abwogte oder vor den Buden der Marktleute stand und gaffte. Indeß empfand sie nicht die geringste Besorgniß oder Unruhe; noch ganz in Gedanken an da« versunken, wa» sie in der Kirche gesehen und gehört hatte, ging sie stillschweigend dahin, bi» die Frau, von

leicht erklärlicher Neugierde getrieben, einige Fragen an sie richtete.

„Du hältst Dich im Hotel auf, Kleine nicht war?"

„Ja, wir sind gestern gegen Abend an­gekommen."

„Und rote kamst Du denn ganz allein in diese Kirche?"

„Mein Vater war ausgegangen", ant­wortete Madelon erröthend und sichtlich ver­legen ; „ich war ganz allein und so traurig, daß ich — aus dem Hotel hinauslief, um auf die Straße zu gehen, und ich bin in die Kirche durch eine ganz andere kleine Thüre gekommen, als diejenige, durch welche wir soeben hinaurgekommen sind. So habe ich mich verirrt und den Weg zum Hotel nicht wiederfinden können."

„Du bist also fremd hier und hast noch nie diese Kirche gesehen?" frug der Mann.

„Nein, niemals," antwortete Madelon; dann frug sie, wieder ganz in ihre eigenen Gedanken versunken, wa» die Leute da machten.

„Da, Du meinst in der Kirche?"

„Ja freilich, in der Kirche, wa» machen die Leute denn dort?"

„Weißt Du denn nicht," sagte die Frau, „daß heute da» Fest der Himmelfahrt Christi ist?"

„Nein," antwortete Madelon, „ich wußte e» nicht. Waren deshalb die Leute da? Aber was machten sie denn da?"

„Was meinst Du damit? Gehst Du denn nicht jeden Sonntag in die Messe? frug die Bürgers frau erstaunt.

„In die Messe? Wa» ist das denn? Ich bin noch nie in einer Kirche gewesen!"

„Noch nie in tiner Kirche gewesen!" rie­fen alle wie aus einem Munde.

„Aber, liebes Kind", meinte die Fami­lienmutter, „in Deinem Alter müßtest Du schon lange zur Kirche gewesen sein. Du scheinst wohl doch neun Jahre alt zu fein, und unsere kleine Cöcile ging schon in die Kirche, als sie kaum fünf Jahre alt war — nicht wahr, Cscile?"

„Ja, Mama," sagte die kleine Fran- zösin mit einem gewissen Stolze, zu dem ihr neues Mouffelinkleid und das ihr unge­wohnte Costüm Madelons nicht wenig beitrug.

„Und sie hat noch keinen einzigen Sonn­oder Festtag gefehlt," fügte Mama bei, „mit Ausnahme des letzten Jahres, wo sie die Rötheln hatte."

„Aber ist es denn jeden Tag so wie heute," frug Madelon, „diese vielen Leute, dieser Gesang, diese Lichter?"

(Fortsetzung folgt.)