J6S. 110. Sonnabend, den 14. Mai 188t.
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& Politische «treifzüge.
Nachdruck verboten.
Die Geschichte de« Menschengeschlechtes hat schon zu verschiedenen Zeiten so gewaltige Katastrophen durchgemacht, daß die Gesellschaft aus allen Fugen zu gehen drohte. Als vor 1800 Jahren der Gottmensch das Erlösungswerk vollbrachte, war auch Alles morsch und faul, sittlich entnervt, moralisch verkommen, politisch bankerott, und ähnlich sieht's auch heute wieder aus. Dar moderne Heidenthum läßt dem alten an Glaubens« und Sittenlosigkeit Nichts nach, und die politischen und socialen Zustände gleichen einem alten Rocke, der in allen Näthen kracht. Der Unglaube gilt als Bildung ; den Kampf gegen die Religion und die ewigen Wahrheiten des Christen- thums nennt man den Kampf für die Cultur, und die Laster und Verbrechen sind so allgemein und groß, daß die Gegenwart alle Ursache hat, in der Verkommenheit des Römerreiches zur Zeit der Nerone ihr Spiegelbild zu sehen. Und wie in sittlicher und religiöser Hinsicht gleicht unsere Zeit auch in politischer Beziehung den wankenden Thronen des sinkenden Cäsarenreiches. Allenthalben schwankt und kracht der Boden der politischen und gesellschaftlichen Ordnung ; wir kämpfen den Entscheidungskampf der Revolution, der Auflehnung gegen die göttliche und weltliche Ordnung, gegen den christlichen Geist und das Autoritätrprincip durch. Nichts kann auf Dauer und Bestand rechnen; in Frankreich wechseln die Regierungen wie Sturm und Hagelschauer im März; der allmächtige Beherrscher des
15 Madelon.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers' (Fortsetzung.)
Da Madelon gewahrte, daß Niemand sich dort befinde, so überschritt sie denselben, und warf durch die halb offen stehende Thür einen Blick nach draußen. Ihr gegenüber erblickte sie eine Straße, die fast ebenso men- schenleer war wie der Hof, welchen sie ver- laflen hatte, und auf welche die Sonne ihre glühenden Strahlen mit voller Kraft herabsandte. Auf der einen Seite eine Reihe großer Häuser mit Thorwegen und zahl- reichen einförmigen Fenstern, an der an- dern eine hohe Mauer, welche fast die ganze j Länge der Straße einnahm, und wo nur ’ ein gewölbtes Portal den eintönigen An- ! blick unterbrach. Einerseits von dem Wunsche ; getrieben, der tödtiichen Langeweile zu ent- i fliehen, anderseits von einer p'ötzlichen Neu- j Sterbe gestachelt, ging sie bi« zur entgegen- ' gesetzten Seite der Straße, und rasch an; der Mauer dahineilcnd, stand sie an dem Portale. Obgleich ihr Vater ihr ausdrück« . lich verboten hatte, jemals allein auszugehen, so kam ihr doch die Gelegenheit, ungehor- i sam zu sein, so selten, daß unter diesen . Umständen der Reiz der verbotenen Frucht sich mit dem Abenteuerlichen verband. j
Czarenreicher ist Gefangener im eigenen Lande; in Irland sucht man der offenen Empörung mit Gewaltmaßregeln zu begegnen» und der Fürst von Bulgarien erklärt sein Land für bankerott und droht mit Niederlegung der Krone. Bis an die Zähne gewaffnct stehen alle Staaten Europas da, und der eiserne Militarismus verschlingt die Steuerkraft der Völker; die Türkei, der man au« Eifersuchtsgründen den Todesstoß noch nicht gegeben, wird stückweise verzehrt, und manche Länder führen nach außen Kriege, um die Gährung im Innern zeitweise zu dämpfen; so hat Frankreich jetzt den Tunesen und Khrumir» die Schlinge um dem Hals gelegt und schnürt sie immer enger zu, bis jede selbstständige Regung erstickt ist. Die Franzosen haben von dem russischen Henker Frolow etwas gelernt, der schließlich, als die Stricke riffcn, seine Opfer erwürgte; Frolow bekam später aber Hiebe, was auch Frankreich passiren könnte, wenn England, Italien und die Türkei aus der passsiven in die active Rolle übergehen. Die europäische Politik balaucirt auf der Schneide des Schwertes, und He Polilik der einzelnen Staaten hat den Magenkrebs; derselbe besteht aus Mißtrauen, Unzufriedenheit und den Folgen de« wirthschaftlichen Elends, drei Dingen, die aus dem Hasten und Tasten der Staatsmänner nach solideren Formen, dem „Culturkampfe" und der liberalen Gesetzgebung auf wirthschaftlichem Gebiete entstanden sind. Die politischen Aerzte doctoren zwar an diesen Geschwüren herum, haben aber nicht den Muth, sie ganz wegzu-
Sie war jetzt schon soweit gedrungen — sollte sie nicht auch noch einen Schritt weiter thun und das geheimnißvolle Portal überschreiten?
Während sie noch zögerte, kamen zwei Geistliche des Weges daher und öffneten die Thür, ohne die Anwesenheit des Kindes zu bemerken, welches, von wachsender Neugierde getrieben, sich hinter ihnen herschlich und plötzlich im Innern eines Klosters stand.
Ein offener Gang lief um einen viereckigen Rasenplatz herum, und an einer Seite erhoben sich die Mauern, die Strebepfleiler und die Thürme einer großen Kirche.
Madelon blieb einen Augenblick unbeweglich stehen; sie glaubte einer Scene aus einer Oper, wie sie deren in Paris gesehen hatte, beizuwohnen; nur war hier Alles wirklich und dazu viel schöner!
Die Sonne strahlte durch die Bogen und den durchbrochenen Ornamenten - Schmuck des alten Baue« hindurch und zeichnete Alle« zugleich auf dem Fußboden wieder ab, während Thürme und Glocken sich lebhaft von dem Azurblau de« Firmamentes abhoben; aus dem Innern der Kirche ertönten ernst und majestätisch die Klänge der Orgel und übten auf da« Kind eine fast wunderbare Anziehungskraft au«. Schnell durchschritten die beiden Geistlichen den Gang — Made
schneiden» und dadurch freffen sie immer nach. An Gesetzen fehlt'« nicht, aber die meisten haben keinen höheren Werth wie die Dutzend- waaren, von denen Professor Reuleaux sagt: „Billig und schlecht." Die Regierungen wissen sich nicht eins mit dem Volke, und dieses ist nicht erbaut von den Maßnahmen der Regierungen. Daß dieses auch von Deutschland gilt, hat endlich sogar der Com- promißvater v. Bennigsen eingesehen, der bei Berathung der Verfassungsänderung im Reichstage in einer Anwandlung von Muth rund heraus erklärte, daß innerhalb und außerhalb des Parlamentes eine wachsende Mißstimmung herrsche und die Ursache im Reichskanzler zu suchen sei. („Man denke I" sagte Lessing.) Fürst Bismarck stürme auf den Reichstag mit einer Menge Vorlagen ein, ohne jede Rückstcht.darauf, ob eine Aussicht auf Durchbringung vorhanden sei, und ob sie schon früher abgelehnt wurden. Die Regierung habe keine feste Mehrheit und es komme ihr gar nicht darauf an, aus welchen Parteien eine winzige Mehrheit sich bilde, so daß Niemand vorauszusehen im Stande sei, was aus diesen chaotischen Zuständen entstehe. Es freut mich, daß diese Erkennt- niß auch in jenen Kreisen langsam aufdämmert, die bisher gewohnt waren, die Opfer des Verstandes und des Willens für Loyalität und Patriotismus auszugeben und die Alles schön und gut fanden.
Mit der Parlamentskrankheit hängt die Ministerkrankheit, die wahrhaft epidemisch in Europa geworden ist, eng zusammen. Diese Herren leiden alle am Wechselfieber und kurzen Athem. Der Ministerverbrauch
Ion ihnen auf den Füßen nach, und Alle drei betraten durch eine Seitenthür die Kirche.
E« war ein weites, etwas düstere» Gebäude, dessen lange Schiffe und schlank emporstrebende Säulen sich in den Augen Madelons bei ihrem Uebergange aus dem Hellen Tageslicht in dieses Halbdunkel, fast in eine unbestimmte geheimnißvolle Ferne zu verlieren schienen.
In der Ferne bemerkte man den in vielen Lichtern strahlenden Hochaltar, mit den in reiche Gewänder gekleideten Geistlichen, den Weihrauchwolken und den mächtigen Candelabern ; überall Statuen, Kerzen, Bilder, dazu die Menge, welche auf den Knieen lag und die majestätische Stimme der Orgel, welche in Wellen heiliger Melodiken vom Gewölbe herablönte. Madelon wußte sich nicht zu sagen, welches Gefühl in diesem Augenblicke in ihrer Brust sich regte. Es schien, als ob unter dem Einflüsse dieser religiösen Harmonie, dieses für fie ganz neuen, ungewohnten Schauspiele», ein verborgener Trieb in ihrem Herzen erwacht sei, der mit ihr selbst im Kampfe lag und gewissermaßen sich nach Außen Luft zu machen suchte. War mochte e« nur bereuten, diese milde und doch wieder so eindiiug- liche Harmonie, diese» geheimnißvolle Halbdunkel, diese« auf den Knieen.in Andacht