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M 109.

Freitag, den 13. Mai 1881.

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tischen Character geben. Wir haben aus - unserer Liebe zu Rußland niemals ein \ Hehl gemacht; man wird uns deshalb die ' Versicherung glauben, daß wir ohne patri- otische Beklemmung die Pickelhaube aus; der russischen Armee verschwinden sehen, und daß wir uns von Herzen freuen wer­den, wenn Czar Alexander III. das Wohl- | befinden seiner Truppen und die Zufrieden- ■ heit seines Volkes durch diese Maßregel er« § höht. Jedenfalls meinen wir, daß diese ä bahnbrechende Reform auf dem Gebiete des ; Armeewesens zum Mindesten auf denselben Werth Anspruch erheben kann, wie die andere großartige Reform, welche bestimmt, daß in Zukunft der Galgen nicht mehr öffentliche Plätze, sondern nur noch Ge- fängnißhöfe zieren soll. Wie gesagt, die civilisatorischen Fortschritte Rußlands sind großartig. Es wäre unbillig, wollte man noch mehr verlangen. Czar Alexander III. hat ja die Verantwortung zu tragen, wenn schon in Rußland ganz gewiß das Wort Geltung hat: „quidquid delirant reges plectuntur Archivi“, nach Seume'S hübscher Uebersetzung: „Den Brei, den die Könige eingerührt, müssen die Bauern aureffen." Einen Bundesgenossen hat Czar Alexan­der III., und das ist Rochefort, dessen Wuthausbrüche e» jedem anständigen Menschen unmöglich machen, auch nur das geringste Mitleid mit den russischen Galgen­opfern aufkommen zu lassen. Die Extreme berühren sich: Im Osten das Verbrechen des Despotismus, im Westen der Despo­tismus des Verbrechens.

Deutsche- «eich.

* Berlin, 11. Mai. Heute ist großer Buß- und Bettag.

-nk- Die Berliner Blätter brachten spaltenlange, zum Theil telegraphische Berichte über die in Wien stattgefundenerr Hochzettsfeierlichkeiten. Einige von Berliw aus entsandte Specialcorrespondenten er­kennen dabei neidlos an, daß das Wiener Fest an „Großartigkeit, Pracht und vor Allem an Gemüthlichkeit" dasjenige hinter sich lasse, welches unlängst aus gleicher Veranlassung in Berlin begangen wurde. Es ist wahr, es giebt kein Land in der ganzen Welt, in welchem die Dynastie und das Volk durch ein so inniges, herzliches, wahrhaft familienhaftes Verhältniß mit ein­ander verbunden wären, als es im alten Kaiserstaate an der Donau der Fall ist. Und dabei giebt es wiederum kein Reich, das so verschiedenartige Völkertheile in seinen Grenzen vereinigte, als das viel­sprachige Oesterreich. Abermals ist eS die Dynastie, welche das einigende Band unter allen an und für sich fremdartig sich gegen­überstehenden Nationen bildet und wie ein eherner Rahmen den Mosaikstaat umschließt. Wenn man in Oesterreich vom Kaiser spricht, so hat der Deutsche und der Czeche, der Slovene und der Pole, der Magyare und der Ruthene nur den Gedanken, daß „Gott den Kaiser erhalten" möge. Das dynastische Gefühl ist im Volke so mächtig, daß die eingewanderten Juden, welche die österreichische Presse leider fast vollständig beherrschen, entgegen ihren kosmopolitischen Neigungen mit einstimmen müssen in den

O Ruffische -Reformen."

Das Große ist doch immer zugleich das Einfache. Wer hätte gedacht, daß es so leicht, so überaus leicht ist, ein großes Reich, das am Rande des Abgrundes steht, zu retten!

Seit langen Wochen zermartern sich Tausende das Gehirn, erproben Tausende ihren Witz, um für R u ß l a n d einen Aus­weg zu ersinnen aus dem Schreckenrlaby- rinthe des Nihilismus und der Corruplion. Vergeblich war alles Sinnen, vergeblich ergrübelten die Weisesten künstliche Pläne, vergeblich ertheilten die Klügsten besonnene Rathschläge. Aber „was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth." — Ob Reform und Verfassung, ob Reaction und Selbstherr­lichkeit, ob dem Terror des Dynamits mit dem Terror des Galgens zu begegnen, oder ob die Erregung der Gemüther durch ent­gegenkommendes Wohlwollen zu besänftigen sei, daß sind Fragen für Doctrinäre, für Theoretiker, für Lehrmeinungshelden, der praktische Sinn eines kindlichen Gemüths fühlt instinctiv, daß die Krankheit des russischen Staatskörpers heroische Heilmittel verlangt. Und ein solches heroisches Heil­mittel ist gefunden: Die Uniform!« rung der russischen Armee soll eine durchschlagende Aenderung er­fahren, und zwar im „nationalen Sinne". An Stelle der preußischen Pickelhaube tritt die astrachanische Mütze, und hohe Stiefeln mit weiten aufgeschlagenen russischen Hosen werden fürderhin den unteren Extremitäten des militärischen Rußland einen national-asia«

14 Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Die einzige Lücke in dem Glücke Made­lon'- zu jener Zeit war nur die Anwesen­heit ihres Onkels Charles, den sie gar nicht leiden mochte, und der sie seinerseits al» eine Last betrachtete und seinem Schwager ein über das andere Mal verblümt oder geradezu vorwarf, daß er sie immer bei sich behalte. Fast jedes Mal, daß Beide zusam­mentrafen, fanden Erörterungen über die­ses Capitel statt; indeß dauerte glücklicher­weise dieses Verhältniß nicht lange, Char­les, der sich immer mehr auf feine eigene Rechnung etablirte, starb auf einer seiner einsamen Reisen, zwei Jahre später nach jener Zeit, wo Horace Merville sie in Chaud- fontaine getroffen hatte.

Madelon war damals acht Jahre alt und hatte noch keinen eigentlichen Unterricht er­halten. Mit zehn Jahren stand ihre Er­ziehung noch immer auf demselben Stand­punkte, ohne daß Linders irgendwie den Wunsch geäußert hätte, auf nur einem Ge­biete ihren Jdenkrei« zu erweitern. Was ihre Kenntnisse in der Religion anlangt, so waren sicherlich die Wilden in irgend einem unbekannten Theile der Erdbälle« in

dieser Hinsicht kaum unwissender als Made­lon, denn ihr Vater hatte dafür Sorge getragen, daß sie von religiösen Glaubens­überzeugungen auch nicht das Geringste er­führe. Seine persönlichen Ansichten in die­ser Beziehung traten in heftigen Ausfällen gegen Geistliche und Ordensleute zu Tage — besonders aber gegen die letzteren, die in seinen Augen durch Therese, seine Schwester, vertreten waren.

Von den äußeren Formen und Ceremo« nien der Religion mußte Madelon noth« wendigerweise eine Vorstellung haben, da sie sich ja fast fortwährend in einem katho« lischen Lande aufhielt; aber der Umstand, daß sie sich mit denselben bereits von ihrer zartesten Kindheit an vertraut gemacht hatte, nahm ihnen jedes Interesse, das sie ihrer Einbildungskraft hätte bieten können, wäh­rend ihr übrigens der Sinn und die Be­deutung derselben völlig fremd blieb. Wenn sie ihren Vater bisweilen über den Sinn und den Gegenstand einer Prozession frug, die sie sich in den Straßen bewegen sah, so gelang e« ihm mit leichter Mühe, ihre Fragen durch Spott und Hohn gegenständ»- los zu machen oder abzulenken. Geistliche, Ordensleute und Ordensfrauen stellte sie mit Aerzten, Militairs und anderen Fach­leuten auf eine Linie, die. ihre Art und

Weife hatten sich Reichthümer zu erwerben, gerade so wie auch ihr Vater die seinige hatte, indem der hauptsächliste und wahre Zweck des menschlichen Leben» in den Augen Madelons darin bestand, so viel Geld als möglich zu machen.

Trotz alldem war das erste Mal, daß sie eine Kirche betrat, für ihr ganzes Leben von außerordentlicher Bedeutung. Es war die» in einer französischen Provinzialstadt, wo Linders wegen seiner Geschäftsangele­genheiten sich einige Zeit aufhalten mußte.

Madelon befand sich ganz allein in einem ihr vollständig fremden Hotel, und da sie ihr Spielzeug und ihre Bücher nicht zur Hand hatte, weil sie in den Reise koffern eingepackt waren, so wurde ihr doch als­bald die Zeit recht lang. Da sie die Rück­kunft ihre» Vater» vor Ablauf mehrerer Stunden nicht erwarten konnte und schlech­terdings nicht wußte, was sie bis dahin be­ginnen sollte, um die Zeit zu tödten, so lief sie bald hier bald dort im Hotel um­her, von einer Etage zur anderen, schaute zu allen Fenstern hinaus, die sie erreichen konnte, und stand schließlich vor einer Thür, welche auf den Hof hinausging, der still und öde da lag.

(Fortsetzung folgt.)