M 108. Donnerstag, den 12. Mai 1881.
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DeiitsckeS Reick.
* Berlin, lO^Mai. Die Unfallver- sicherungs-Commission hat die erste Lesung des Gesetzentwurfs heute beendet. Sie ernannte zu ihrem Referenten den Abg. Dr. Frhr. v. Hertling. Der Antrag Stumm, wonach es einzelnen Unternehmern gestattet sein soll, Versicherungen für sich selbst zu errichten, ist angenommen worden.
-nk- Ihre Leser erinnern sich, daß vor einigen Monaten das hiesige Polizei-Präsidium an eine unserer St. Vincenzcon- ferenzen, au die in der St. Michaels- parochie gelegene St. Josephsconferenz, das Ansinnen stellte, sich den Vorschriften des Vereinsgesetzes zu unterwerfen, d. h. also Statuten und Mitgliederver« zeichniß bei der Polizei einzureichen, sowie Anzeige darüber zu machen, an welchem Tage und zu welcher Stunde die Conferenz zusammentretr. Die Angelegenheit rief überall ein begreifliches Aufsehen hervor, da die Art ihrer Erledigung nicht nur für unsere übrigen Berliner (elf) Conferenzen, sondern überhaupt für den St. Vincenzver- ein in ganz Preußen von entscheidender Bedeutung werden konnte. Wie bekannt, hatten die beiden Polizeibeamten, welche s. Z. in der Conferenz erschienen waren, die Statuten, das Mitgliederverzeichniß und die Sitzungsprotocolle alsbald mit sich genommen und dem Präsidenten v. Madai übermittelt, so daß letzterer nur noch unter Rückgabe der beschlagnahmten Papiere eine schriftliche Anzeige über die Versammlungszeit verlangte. Wie ferner bekannt, remon- .strirte der Conferenzvorstand hiergegen, in
dem er nachwies, daß der St. Vincenzver- ein sich nicht mit „öffentlichen Angelegenheiten" besaffe, demgemäß also nicht nöthig habe, sich unter das Vereinsgesetz zu stellen, da dieses eben nur solche Vereine der Polizeiaufsicht unterwerfe, welche eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecken. Der Polizeipräsident beruhigte sich aber nicht gegenüber dieser Argumentation, sondern suchte wiederholt aus den Statuten nachzuweisen, daß der Verein den Zweck habe mit öffentlichen Angelegenheiten sich zu befaffen und verlangte demgemäß abermals Angabe der Versammlungsstunde. Hiergegen hat nun der Conferenzvorstand von Neuem remonstrirt, indem er erklärte, daß der Verein an und für sich die Oeffentlichkeit nicht zu scheuen brauche, man versammle sich jeden Mittwoch Abend 8V2 Uhr in der Wohnung des Herrn Bäckermeister Paschke, Pücklerstraße 10, und alle Welt könne sich davon überzeugen, daß dabei nichts Ungehöriges getrieben und keinerlei öffentliche Angelegenheiten behandelt werden; die Natur der dort erörterten Dinge sei im Gegentheil wegen der oft zu discutirenden intimen Familienverhältniffe eine d i s c r e t e, was das von der Polizei eingesehene Sitzung« - Protocollbuch ausreichend borge« than habe. Aus diesem Buche gehe auch hervor, daß der Verein nichts Anders bezwecke, als Bethätigung der Nächstenliebe und Beförderung christlicher Moral, man müsse deshalb dringend bitten, dem Vereine keine weiteren Schwierigkeiten (Ueberwachung durch Polizisten) in den Weg zu legen, die
nothwendig dazu führen würden, daß derselbe von seiner segenbringenden und namentlich in Berlin so nothwendigen Thätigkeit in Zukunft abstehen müßte. — Hierauf ist — es sind schon ein paar Monate vergangen, seitdem das Schreiben Herrn v. Madai zugestellt wurde und ich habe absichtlich einige Zeit verstreichen lassen, ehe ich Ihnen weitere Meldung über die Sache machte — kein fernerer Bescheid ergangen. Seit Monaten versammelt sich die St. Josephsconferenz regelmäßig wieder zur oben angegebenen Stunde ohne je wieder mit einem polizeilichen Besuche bedacht worden zu sein. Sollte aber dieses in Zukunft erfolgen, so würde allerdings eine Beschwerde beim Minister des Innern resp. beim Abgeordnetenhause unausbleiblich sein. Es scheint indeß, daß Herr v. Madai und der damalige Minister des Innern, der, wie ich hörte, in der Sache befragt worden war, sich mit der aus dem Protocollbuch geschöpften Kenntniß zufrieden gegeben und daß sie nur in irgend einer Form eine schriftliche Anzeige über die Versammlungszeit haben wollten, damit nach ihrer Auffassung dem Gesetze genüge geschehe. So hat man denn auch die oben erwähnte Form der Anzeige für ausreichend errachtet. — Nachträglich haben unsere Freunde übrigens herausbekommen, was eigentlich das befremdliche Vorgehen gegen die Conferenz zu Wege gebracht hat. Acht Tage vor dem polizeilichen Besuche in der Wohnung des Herrn Paschke war nämlich in dessen Nachbarhause eine Mor monenversammlung oufge«
13 Madelon.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers- (Fortsetzung.) !
Das waren schon glückselige Augenblicke: aber wie glücklich war erst Madelon, wenn ihr Vater den Abend im Hotel zubrachte und dann mit einem oder zwei Freunden Karten spielte! Diese schmeichelten dann fortwährend der armen Kleinen, die an der Seite ihres Vaters saß, und mit ihren lebhaften klugen Äugen das Spiel verfolgte; und doch waren nicht wenige unter ihnen, welche sich entfernten, das Schicksal verwünschend, das sie mit Linders zusammengeführt hatte, und zugleich mit lobt» sichern Haß im Herzen gegen diesen Mann mit den aristokratischen, verlockenden Manieren, der sie so zu sagen ruinirte. Die Mittel die er anwandte, um sie in seinen Netzen zu fangen, und sie dann bis zum letzten Groschen auszuplündern, — Madelon wußte nichts von diesen unwürdigen Manövern — war die traurige Seite in dem Charakter dieser Persönlichkeit, ein Charakter, den sie niemals gründ- sich kennen gelernt hatte, und bei dem wir auch nicht länger verweilen wollen. Die größte Wonne jedoch für Madelon war, mit ihrem Vater die Badestädte zu besuchen,
denn da konnte sie beständig an seiner Seite sein, so, daß sie in den Salons von Homburg und Wiesbaden fast so bekannt war, wie der Spieler selbst. Man sah dann, wie sie ganze Stunden lang, auf den Knieen des Vaters sitzend, ihm half, Couleur zu markiren, und zuweilen auch selbst einen Florin auf den verhäagniß- vollen Teppich werfen, um, wie ihr Vater lachend zu sagen pflegte, dem Glücke eine andere Richtung zu geben, bald wie sie nach einem angestrengten Tage auf irgend einem Divan in einer Saalecke eingeschlafen war. Ging Herr Linders in's Theater, so war Madeleine sicherlich mit dabei, und sie saß dann ganz in Wonne versunken, und wohnte, die Augen auf die Bühne gerichtet der Vorstellung der bessern Opern bei, deren Melodien sie bald auswentiz singen konnte. Ebenso bildeten die Bälle für sie einen frühen Genuß. Unsere Made- lon fand ein großes Vergnügen darin, sich selbst in ihrem Schmuck zu sehen, und sodann übten die reich auegestatteten Salons, wie sie im herrlichsten Lichterglanze strahlten, die lebhafte Menge der Tänzer, die hin- reißende Musik, die glänzenden Toiletten und alle derartige Dinge auf sie eine Art von Zauber aus. Uebrigens konnte Madelon entzückend schön tanzen und hatte eine
ausnehmend graziöse Weise, denjenigen ihre Hand hinzureichen, die sie um die Ehre eines Tanzes bitten kamen, und selten sah man sie ohne einen eleganten Tänzer, der sich durch ihr niedliches Wesen und naives Geplauder hatte verführen lassen; war dies einmal nicht der Fall, so nahm sie ihre Zuflucht zu ihrem Vater, der immer bereit war, ihre kleinsten Wünsche zu erfüllen und der ihr nicht widerstehen konnte, wenn sie ihn mit ihrer schmeichelnden Stimme noch um „einen kleinen Walzer" bat.
Bei Linders war es Grundsatz, nur Abends sich dem grünen Tisch zu nähern; mit wenigen Ausnahmen blieb er demselben Tags über gänzlich fern, da er glaubte, daß diese Zeit dem Glück nicht sonderlich günstig sei. Aber dann gab eä wieder andere Zerstreuungen für Madelon: Spazierfahrten, Concerte in den Gartenanlagen des Kursaals, die ländlichen Ausflüge, und die kleinen einfachen Diners unter frischem Grün in irgend einem „Gasthof" auf dem Lande. In solchen Fällen war einer der Freunde des Herrrn Linders oft mit dabei, und Karten und Würfel ihre unzertrennlichen Gesellschafter, nahmen sie dann während des Nachmittags in Anspruch, wobei dann Madelon inzwischen sich auf ihre Weise amüsirte, in Haus und Hof und