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Dienstag, den 1V. Mai 1881
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-nk- Die geplanten Verfassungsänderungen.
Der Reichstag war am Donnerstag außergewöhnlich gut besetzt. Alle Fraktionen hatten an ihre außerhalb Berlins weilenden Mitglieder die Aufforderung ergehen lassen, sich zu dieser Sitzung möglichst vollzählig einzufinden, denn man glaubte, daß es zur Abstimmung über die von der Regierung beantragten Verfassungsänderungen kommen würden. So weit kam es nun noch nicht; immerhin aber zu einer kochinteressanten Debatte. Der Gegenstand, um den es sich handelt ist bekannt. Entgegen den bisher zu Recht bestehenden diesbezüglichen Reichs- Verfaffungsbestimmungen sollten in Zukunft vierjährige Legislatur- (Wahl-) Perioden und zweijährige Etats- (Budget-) Perioden eingeführt und der Reichstag nur alle zwei Jahre berufen werden. Die Commission schlug vor, Alles beim Alten zu belassen und die Verfassung nur dahin abzuändern, daß die Berufung des Reichstags alljährlich im Oktober stattzufinden habe. Conservativerseits beantragte man Wiederherstellung der Regierungsvorlage. Nachdem Bennigsen in langer Rede für den Commissions-Antrag eingetreten war, erhob sich Fürst Bismarck, um dem Redner sofort zu antworten. „Wollen Sie andere Minister haben, so Hetzen Sie die tobt, welche gegenwärtig am Ruder sind!" sagte er gleich in seinen einleitenden Worten. Gerade der Vorredner habe ja Beweise dafür geliefert, daß die politische Abspan- nung immer mehr um sich greife; darum
solle man diese nicht noch vermehren durch überhäufiges Tagen von Reichstag und Landtagen. Ein solches parlamentarisches Ueber« maß könnten höchstens die berufsmäßigen Parlamentarier> vertragen, die zugleich Zeitungsredactcure oder Correspondenten seien, nicht aber auch die anderen Abgeordneten, die in ihrer Heimath noch wichtigere Geschäfte zu besorgen hätten. — Nunmehr hielt der Kanzler wieder eine halbstündige versteckte Philippika gegen den Abg. Richter, wobei die Ausdrücke „be- rufsmäßiger Parlamentarier" erblicher Parlamentarismus", „monopolisirte Redner", „monopolisirte Zeitungs - Correspondenten", „Leute, die weiter keine Beschäftigung haben" rc., in buntem Wechsel aufeinanderfolgten. Der Abg. Richter, den während dieses Theils der Rede des Reichskanzlers das ganze Haus incl. Tribünen in Okularinspektion nahm, fühlte sich sichtlich ge- troffen und verwahrte sich, nachdem Fürst Bismarck geendigt in einer persönlichen Bemerkung gegen die gegen ihn erhobenen „unwürdigen Verdächtigungen" — eine Aeußerung, die den gerade den Präsidenten- stuhl einnehmenden Freiherrn zu Frankenstein veranlaßte, Herrn Richter zur Ordnung zu rufen. — Von Richter ging der Kanzler wieder zu Freiherrn v. Bennigsen über, den er im Gegensatz zu dem in der Einleitung angewandten Tone jetzt mit ausgesuchten Höflichkeiten überschüttete. Er werde es, so bemerkte Fürst Bismarck, Herrn v. Bennigsen niemals vergessen, was derselbe seit langen Jahren für das deutsche Reich gethan, das Reich sei ihm
Dank schuldig und er (Redner) werde stets dankbar sein für die Mithilfe, die Herr v. Bennigsen ihm geleistet habe; aber alle Nationalliberalen möchte er „inständigst gebeten" haben, nicht das Unmögliche und Unerreichbare bei ihren Anforderungen zu erstreben, und nicht von den Secessionisten und Fortschrittlern sich ins Schlepptau nehmen zu lassen. Den Schluß der Rede bildete noch eine persönliche Ansprüche an Herrn v. Bennigsen. Sie bestand in dem Refrain aus Bürgers „Wildem Jäger": „Laß nicht vom Linken Dich umgarnen!* — eine prächtige Mahnung, von der wirr nur wünschten, daß sie auch von manchem Minister beherzigt würde! In Bürgers schönem Gedicht reitet der Wildgraf aus, als
„Vom Strahl der Sonntagsfrühe war, Des hohen Domes Kuppel blank.
Zum Hochamt rüste dumpf und klar Der Glocken ernster Feierklang. Fern tönten lieblich die Gesänge Der andachtsfrommen Christenmenge."
Da nahen zwei Reiter ihm von rechts und links — ein guter und ein böser Engel. Der böse Geist treibt ihn an zur Jagd, der andre spricht:
„Zur Feierglock und Chorgesang
Kehr um! Erjagst Dir heut nichts^ Guts! Laß dich den guten Engel warnen Und nicht vom Bösen dich umgarnen!"
Der Graf folgt der Stimme des Bösen, stürmt mit seinen wilden Gesellen fort zerstampft des Landmanns Acker und schont nicht der Armen zahmes Vieh, unter das sich das gehetzte Wild gemengt. Selbst in eines „Klausners Gotteshütte", in
Madelon.
Rach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)
Die Person bei welcher sie untergebracht worden war, wohnte ungefähr fünf Meilen von Paris entfernt, in einem kleinen Dorfe, das auf einer Höhe lag, von wo aus man eine ziemlich ausgedehnte Uebersicht hatte. Da, Haus, welches man Herrn Linders angegeben hatte, lag ein wenig abseits und von der Landstraße durch einen Garten getrennt. Kaum hatte er das kleine Gitterthor geöffnet, welches zu demselben hineinführte, als ein hübsches Kind von zwei Jahren sich den Armen einer Frau etwand, welche auf der Thür« schwelle saß und ihm unter kindlichem Freudengeschrei entgegen eilte.
Man pflegt wohl zu sagen, daß es keinen derart verderbten oder schlechten Menschen geben kann, in dem nicht noch ein Funken wenigstens von Gefühl schlummere Seltsam genug besaß Linders bei seiner Kälte und seinem starren Egoismus doch noch immer eine gewisse Milde. War er einerseits egoistisch genug, um diejenigen grausam leiden zu lassen, die er eigentlich hätte glücklich machen sollen, so war er doch hinwiederum nicht verkommen genug, daß er
seinen Opfern jedes und alles Mitleid versagt hätte. Er hatte seine Mutter geliebt, indem er ihre hochherzige Gesinnung mißbrauchte, und hatte Therese gehaßt, weil er gemeint hatte, sie suche ihm seine Mutter abwendig zu machen. Ihre Vorwürfe waren ihm nicht geradezu gleichgültig gewesen, ebenso wenig als der stumme Tadel, welcher in ihrem traurigen Blick lag, und die Niedergeschlagenheit und das absichtliche Schweigen seiner Frau. Seit dem Tode der letzteren sehnte er sich oft mit Auarn- blicken nach einer wahren, reinen Liebe,'die, seine Jrrthümer und sein Unrecht vergessend, sich ihm rückhaltlos weihen würde — eine Liebe, wie diejenige, welche ihm Madeleine während der ersten beiden Monate ihrer Verehelichung entgegen gebracht hatte. Und nun hatte er da ein unschuldiges Geschöpf vor sich, das noch lernen konnte, ihn von Herzen zu lieben, ohne Voreingenommenheit und ohne Mißtrauen. Wäre Madelon ein mehr furchtsames Kind gewesen, wäre es bei seiner Annäherung scheu vor ihm geflohen, wie viele Kinder ihres Alters ge- than haben würden, dann wäre mit diesem einzigen Besuche Alles aus gewesen. Linders wäre dann abgereist, ohne sich vielleicht Jahre lang radier um das Kind zu kümmern, das sich übrigens ja in guter Pflege
und in sorgsamen Händen befand. Aber sie kam so ganz aus freien Stücken, ihm die Aermchen entgegenzustreckend, und blickte ihn mit ihren braunen ausdrucksvollen Augen so bedeutungsvoll an, und als die Amme, sobald sie Linders erkannt hatte, das Kind hieß, seinen Vater zu umarmen, hob dieser mit ganz ungewöhnlicher Zärtlichkeit es in die Höhe und drückte es herzlich an feine Brust.
Von diesem Tage an trug er sich mit einem Plane, den er wenigstens zum Theil sogleich zur Ausführung brachte. Ein ganze» Jahr fast hielt er sich beständig in Paris auf und besuchte sein kleines Töchterlein häufig, wobei er nicht vergaß, ihr immer eine Kleinigkeit mitzubringen, so daß da» Kind bald seine Taschen als eine unerschöpfliche Vorrathskammer von Spielzeug und Zuckerwerk betrachtete. Er hatte sich bald ihr Herz völlig erobert, und als die Amme starb, als das Krnd ein wenig mehr als drei Jahre alt war, entschloß er sich, seinem Vorsatz gemäß, es nicht mehr fremden Leuten anzuvertrauen, sondern es bei sich zu behalten. Er brachte es deshalb nach Paris, nahm eine Bonne, und von da ab begleitete Madelon ihn beständig auf seinen Reisen.
(Fortsetzung folgt.)