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Sonntag, den 8. Mai 1881.
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Z V-littsche Str-tfzüge.
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Aber wie die Europamüden sich durch die Phrase vom „armen Manne" nicht ködern und verlocken lassen, noch länger die mit Steuern und „Culturkampfs". düsten durchtränkte deutsche Luft zu athmen, so gibt es auch im Lande selbst Millionen, die zwar die Botschaft hören, denen aber der Glaube fehlt. Die rührige Fortschrittspartei meint sogar, das ganze Flötenspiel ver Ofstciösen sei nur ein Wahlmanöver, um die „urtheilslosen" Massen mit dem Schlachtruf: „Für Bis. marck" in'« Feuer zu schicken. Wie bos. haft, — als ob der mächtige Kanzler den armen Mann als Schild gebrauchen müsse, um sich gegen die bösen Fortschrittler zu schützen! Die Truppen des Perserkönigs Kambyses hielten zwar, als sie 525 v. Chr. gegen die Aegypter in die Schlacht rückten, Katzen hoch, weil die Katzen den Aegyptern heilige Thiere waren, die nicht getövtet werden durften; aber daß Bis- marck es jetzt mit dem armen Manne so macht, wie damals die Perser mit den Katzen, das wollen wir doch nicht annehmen. Der Kanzler ist so groß, und seine Gegner sind so klein; aber auch große Männer können manchmal kleinlich sein, besonders wenn es sich um Miethsteuer handelt. Ich begreife den Aerger des vom Fortschrittsring chicanirten und überschätzten Fürsten um so besser, als auch ich heute mit neuen Steuerzetteln beglückt wurde; begreife sogar, daß die Miethsteuer die Reichsregie- rung aus Berlin fort und in eine freund
lichere Stadt treiben soll. Da» arme Berlin mit seiner Sandwüste!
Die einzigen Leute, die heute etwas erleichtert und hoffnungsfroher aufathmen' sind die Nationalliberalen; sie fühlen wieder neuen Odem in den schwindsüchtigen Lungen und üben sich in der Kunst des Bauchrutschens wie vor Jahren, als ihr Weizen blühte. Und sie haben Ursache, Jubelhymnen anzustimmen: Die ,Prov.- Corr.' erklärte daß eine Nachsession des Landtags nicht stattfinde, daß also an eine Aenderung im „Cnlturkampfe" nicht zu denken sei; der Ministerwechsel im Muster- floate Baden bedeutet eine Schwenkung nach links; in der Eifel werden Geistliche vor Gericht gezogen, die eine Mission abhielten ; in Köln hat die Regierung das Haus des verstorbenen Domprobster München in väterlichen Besitz genommen, und der Regierungspräsident v. Wolff in Trier soll trotzdem und alledem noch Cultusminister werden! Und bei solchen Ereignissen und Aussichten sollte ein liberales Gemüth nicht aufjauchzen? Sie wollen ja Alles dem geliebten Kanzler zu Gcfallen thua, wenn er ihnen nur den „Culturkampfs" knochsn vorwirft; sie wollen wieder mit ihm zu Tische sitzen, anstatt in der Strafecke zu stehen, — und Bismarck weiß, was er an ihnen hat. Mit seinen Steuer- und sonstigen Reformprojecten steht's wie mit dem Thurm zu Pisa oder dem Lambertithurm zu Münster; eine Majorität ist nicht zu haben, — nun, da greift er zur nach- giebigsten und charakterlosesten; die läßt mit sich handeln, schließt Compromisse und
gehorcht. Als Gegenleistung fordern die Leute ja nur die Fortdauer des kirchenpolitischen Kampfes, ein liberales Ministerium und die Abänderung der Zollgesetzgebung. Bescheidener kann der jüdische Schacher nicht auftreten. Wenn dieselben Leute aber dem Centrum „Schacherpolitik" vorwerfen, — nun, so glauben dies die liberalen Philister.
Aber ruhig Blut, es wird Alles schon gut werden; der Staat wird schon helfen. Der Staat? Was ist er, wo ist er, was macht er? Die Frau weiß zwar ganz genau, was der Staat ist und kostet, aber der Mann hat die Antwort nicht so schnell bei der Hand. Ist Fürst Bismarck der Staat, gleich dem sranzösischen Ludwig, der sagte: „Der Staat bin ich!", oder bildet das ganze Volk den Staat? Lächerlich, — der Staat ist eine geheimnißoolle Person die am meisten beschäftigte, angerufene und um Hilfe gebetene. Wer hätte nicht schon irgend einer Sache den Staat angerufen? Vollends in jetziger Zeit weiß der Staat gar mcht, wo er zuerst und am besten helfen soll. Von allen Seiten wird er angegangen: Staat hier, Staat da! Sieht und hört man sich im Lande, in der Presse, in den Parlamenten um, so hört man Millionen Stimmen, die durcheinander rufen: „Staat schütze die nationale Arbeit! Schaffe die Concurrenz ab! Vertilge den Egoismus! Organisice die Arbeit und die Arbeiter ! Bändige das Capital und gewöhne ihm seine Tyrannei ab! Schaffe die Armuth aus der Welt! Beseitige den Zwischenhandel! Beschränke den Handel des
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Madelon.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.) |
Bald war in der Folge denn auch der Zeitpunct erschienen, wo er sich nicht un- gern des Zwanges entledigt gesehen hätte, welchen ihre Gegenwart ihm auferlegte.
Fast unaufhörlich war er auf Reisen, indem er den Sommer in den deutschen Badestädten, den Winter in Frankreich, in Belgien oder in Italien zubrachte, und sie dabei in irgend einem Pariser Hotel allein ließ, bis dahin, wo er wieder zurückkehren sollte. Anfangs erhob sie gegen ein solches Verfahren lebhaften Widerspruch, sie war noch so jung, so wenig an die Einsamkeit gewöhnt, daß ein wahrer Schrecken sie bei dem Gedanken an eine derartige Verlassenheit erfaßte; übrigens klammerte sie sich mit einer Art von Verzweiflung an die Träume an, die sie al» junges Mädchen gehegt hatte, und bei ihrer noch immer fortdauernden Liebe zu ihrem Gatten konnte sie sich noch immer nicht der Ueber« Mgung entfchlagen, daß auch er sie noch liebe.
Jndeß wurde sie nach dem Tode ihrer beiden kleinen Knaben immer gleichgiltiger oder gefaßter. Jedoch nagte der Kummer derart an ihrem Herzen, daß sie nach
1 sechsjähriger Ehe und vier Monate nach der Geburt ihres dritten Kindes starb — einsam und fast verlassen in einem Pariser Hotel, wobei Niemand anders an ihrem Sterbelager stand als der Arzt, die Amme des Neugeborenen und die Eigenthümerin des Hotels. Ehe sie ihren Geist aushauchte, richtete sie einige Worte an ihren Gatten, der sich gerade in Deutschland auf Reisen befand, um ihm mitzutheilen, daß sie im Sterben liege. Herr Linders, von schrecklicher Reue gequält, eilte so schnell als möglich nach Paris zurück, aber be- reits war es zu spät: als er anlangte, vernahm er, daß seine Frau einem bösartigen Fieber erlegen war, das bei ihrem ohnehin schwächlichen Körper sie rasch hinweggerafft habe. Es bildete für Herrn Linders eine Art von Trost, daß er sich sagen konnte, daß sie nicht gerade buchstäblich vor Kummer gestorben sei — indeß überkam ihn, als er vor ihren leblosen Zügen stand, auf'» Neue Reue. Hatte er sie glücklich gemacht? Over halte er nicht vielmehr ihr Leben mit Bitterkeit erfüllt? Und dennoch hatte er sie eines Tage» geliebt, und dir Erinnerung an diese längst dahingeschwundene Zeit trat ihm jetzt bei diesem traurigen Anlaß wieder lebhaft vor die Seele.
Welches auch seine Gedanken sein mochten, äußerlich wenigstens ließ er nichts davon merken. Mit schlecht verhohlener Urige« duld hörte er die Beileidsbezeugungen der Madame Lavoux, der Eigenthümerin des Hotels an, sowie desgleichen die ausführliche Beschreibung der letzten Augenblicke seiner Frau, übergab ihr dann die wenigen Gegenstände, welche die Verstorbene hinterlassen hatte, — mit Ausnahme jedoch von ihrer Uhr und einiger ziemlich werthlosen Kostbarkeiten, billigte die Anordnungen vollständig, welche man ihm vorschlug, danach die Amme da» Kind mit sich auf's Land nehmen und sich wegm der noth- wendigen Unterhaltungskosten an Madame Lavoux wenden sollte.
Am folgenden Tage wohnte er dem Leichen- begängniß bei und verließ dann sogleich Paris.
Nahezu zwei Jahre lang kam Linders nicht mehr nach Paris und irrte inzwischen von Stadt zu Stadt umher, frei von allen Sorgen und jeder Unruhe — abgesehen davon, daß er Madame Lavaux von Zeit zu Zeit die nothwendigen Fonvs schickte, wobei er sich übrigens sehr freigebig zeigte.
Man theilte ihm über sein Kind nichts mit, und er begehrte nicht« zu hören. In- deß sah er sich etwa ein und dreiviertel Jahr nach dem Tode seiner Frau genöthigt.