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M 104.

Sonnabend, den 7. Mai 1881

Jfultatr ttH Jeitung.

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W der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts beiden Postämtern. D-r vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda eine Markund «0 R -Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pf., auswärts bei ien Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 60 R.-Pfg., in« Haus gebracht 1 Mark SO Pfg. Die .illustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in'S Haus gebracht 40 Pfg Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg., bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Wenn große Leute stehlen und morden, dann sitzen keine Richter in schwarzen Roben zu Gericht und sprechen ihr Urtheil, sondern dann setzen sich die Dichter hin und machen äuf den, der am meisten gemordet hat und in Folge deffen auch rauben darf, herrliche Gedichte; wenn aber kleine Leute ihren Nachbar todtschlagen und sein Eigenthum „annectiren", dann wandern sie in's,Zucht­haus oder werden gehangen, — gerade als ob der Riub und Mord en gros eben da­durch» weil nicht ein Einzelner ihn begeht, sondern Hunderttausende daran Theil nehmen, kein Verbrechen mehr, sondern eine Tugend wäre. Raub bleibt aber Raub und Todtschlag bleibt Todtschlag, mag er mit Dolchmeffern oder Säbeln, mit Re­volvern oder mit Kanonen begangen werden, und die Vertausendfachung der Metzelei kann niemals aus einem Verbrechen eine Tugend machen. Nimmt ein gewöhnlicher Mensch, um seinen Vortheil zu wahren, zu Lügen, Heuchelei, Meineid und Vertrags­bruch seine Zuflucht, so ist er ein Lump, darüber sind wir bei uns alle einig: greifen aber die Diplomaten zu diesen Mitteln, so ist das eine „Kunst", — als ob es für Jene, welche die Geschicke der Völker lenken, andere Sittlichkeitsprincipien gäbe, als für die, welche gelenkt werden I Fast sollte man es aber glauben, wenn man sieht, wie Kriege erklärt und geführt, Länder über­fallen und eingesackt werden, und es ist daher kein Wunder, wenn die Rechtsbe- griffe des Volkes verwirrt werden. Als

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Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Er lebte auf großem Fuße, wie man sagte, und bewohnte mit seiner Frau, einer Engländerin von wunderbarer Schönheit, eine prachtvolle Wohnung in einem der ersten Pariser Hotels.

In der That hatte Linders nach einer Reihe sturmbewegter Jahre, in einem ge­wissen Sinne wenigstens, sich ernster Arbeit zugewendrt; sonst war das Spiel bei ihm eine Liebhaberei gewesen, eine Art von Fieber ohne Berechnung ; jetzt war es für ihn eine wirkliche „Arbeit" geworden, die er mit großer Energie und unermüdlicher Ausdauer betrieb.

Das Glück war ihm außerordentlich hold, und er war bald als der glücklichste von allen Spielern bekannt, welche die Spielhöllen Deutschlands und Belgiens heimsuchten. Seine etwas abenteuerlichen Manieren, die er früher zu Schau ge­tragen hatte, legte er jetzt ab, und beliebte dafür jetzt den vollendeten „Gentleman" zu spielen, was in der That auch besser zu seiner ganzen Erziehung und seiner augenblicklichen Geschmacksrichtung paßte. Er lebte in glänzendem Luxus, warf mit

vor einigen Jahren Rußland über die Türkei herfiel und Hunderttcmfende hin« schlachtete, da hing es die Phrase des „Christenthums" als Deckmantel über seine Raubgelüste, und dasselbe thut neuerdings Frankreich, indem es seine „väterliche" Hand begehrlich nach Tunis ausstreckt. Nun ja, das ist der Krieg, wird man sagen. Der Krieg! Enschuldigt dieses Wort denn etwa die Menschenschlächterei und den Länderraub? Oder ist das Ver­brechen deshalb weniger groß, weil es an der Türkei begangen wird? Die Türken, die Tunesen und die Khrumirs sind, soviel ich weiß, auch Menschen, mit derselben Da­seinsberechtigung wie die Europäer, wenn sie auch statt des Seidenstlzes einen Tur­ban und statt des Fracks Jacke und Gürtel tragen. Aber die Türkei gleicht der Dogge, die hinten und vorn gestutzt wird: im Osten schneidet man ihr einen tüchtigen Länderlappen ab und schenkt ihn Griechen­land, und im Westen schneiden die Fran­zosen Tunesien ab, — zur größeren Ehre des Christenthums und der „großen" Nation. Mit welchem Rechte? Ei, wer fragt denn danach, wenn es sich um eine Spitzbüberei en gros handelt? Nur die kleinen Diebe hängt man. Das nennt man Politik. Da mag der Bey von Tunis protestiren so viel er will, und da mag die hohe Pforte noch so laut erklären, Tunis sei rin Theil des Osmanenreiches, — keine Macht Europas rührt einen Finger; Alles bleibt stumm, denn die Mächte sind zwar schnell bei der Hand, wenn es sich darum handelt, der Türkei etwas abzunehmen, Gold um sich, so lange er welches hatte, und machte, wenn dies nicht mehr der Fall war, Schulden, die er bezahlte oder unge­deckt ließ, je nach den Umständen.

Im Laufe eines Winters, welchen er in Bruxelles zugebracht hatte, lernte er einen Engländer Namens Charles Moore kennen, der ebenfalls seinen Geschmack besaß, dessen Fähigkeiten, Anlagen und Grundsätze gar noch unter dem Niveau der feinigen standen. Es bildete sich zwischen Beiden eine Art Compagnie-Geschäft, bei welchem Linders die Geschäfte besorgen, sein Freund da­gegen die nöthigen Fonds liefern sollte, indem dieser nicht blos über sein eigenes Vermögen verfügen konnte, sondern auch dazu über dasjenige feiner Schwester Madeleine, eines jungen Mädchens von achtzehn Jahren, welches keinen andern Verwandten auf der Welt mehr hatte als ihn, und ihn auf den Continrnt begleitet hatte.

Herr Linders war Madeleine Moore vor­gestellt worden, — sie, vollständig im Unklaren über feinen Charakter und sein Vorleben, hatte sich durch das glänzende äußere Auftreten und die feinen Manieren des Freundes ihres Bruders bestechen Waf­fen. Adolphe machte seinerseits gar kein Hehl aus dem Eindruck, welchen die aus«

aber sie sind nicht zu Hause, wenn es heißt, deren Eigenthum zu schützen. Ja, ja, die Politik ist ein eigenartiges Ding, die man mit dem gewöhnlichen Menschen­verstände und den sonst üblichen Rechtsbe­griffen nicht messen darf. Sie ist ein Un­geheuer, das Alles verschlingen zu dürfen glaubt, wenn ihm nur die nöthigen Kanonen im Rücken stehen, und daher ist es auch erklärlich, daß heutzutage, wo kein In­dustriezweig blühen will, die Kanonenfabri« cation die angestrengteste Thätigkeit ent­faltet. Eben deshalb heißt auch das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Civili« fation und des Fortschrittes.

In Europa selbst donnern zwar augen­blicklich die Erzeugnisse Krupp'schen Ge­werbefleißes nicht, aber trotzdem sieht's recht trübe und finster aus. Das größte und mächtigste Reich unseres Welttheils, das russische Riesenreich, zittert vor einer geheimen Verschwörerbande, und der Be« Herrscher dieses Reiches floh mit seiner Fa­milie nach Gatschina und schloß sich hinter einer dreifache Kosakenreihe ab, um nicht allzuschnell das Schicksal seines Vaters zu theilen. Keine Milde, keine Verfassung, — nein, eiserne Strenge und Despotismus soll die Gährung niederhalten, die „Aug um Aug, Zahn um Zahn" fordert; Knebelung der Presse, Spione an allen Ecken und Enden, Galgen und Kerker, das sind die Mittel, die dar Reich retten sollen; nicht einmal die Veröffentlichung des Rescriptes Alexanders II. erfolgte, — und die euro­päischen Staaten sind nicht einmal so ge­fällig, den Congreß zur Bekämpfung der gezeichnete Schönheit der jungen Engländerin auf ihn gemacht hatte.

Charles Moore, der ein durchtriebener Schurke war, hatte nicht das geringste Be­denken, eine Verbindung seiner Schwester mit einem Manne zu begünstigen, deffen Leben und lasterhafte Vergnügungen er genau kannte. Da sonst der sofortigen Ehe­schließung kein Hinderniß in den Weg trat, so fand dieselbe ohne Verzug statt, und erst zwei Monate später erfuhr Madame Linders — was ihr übrigens auf die Dauer kaum, verborgen bleiben konnte, '— den wirklichen Charakter des Mannes, der ihr Gatte geworden war.

Jndeß vermochte diese Entdeckung sie keineswegs zu beugen; sie verstand es, mitten im Unglück sich aufrecht zu halten und sogar rnuthig einer solch' grausamen Enttäuschung entgegenzutreten. Sie be­schränkte sich darauf, ihm einen [einzigen Vorwurf zu machen.

„Du hättest mir dies im Voraus sagen sollen, Adolphe," sagte sie tramig.

„Dann würdest Du mich nicht geheirathet haben," antwortete er kurz.

„Wirklich? Aber ich liebte Dich so sehr, Adolphe, wirklich zart und innig."

Und sie liebte ihn noch immer, das arme Weib, sie liebte ihn bis zu ihrem letzten