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M 100,

Dienstag, den 8. Mai 1881

Fuldaer 131 Zeitung.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sann- und Feiectag« ausgenommen Ran abonntrt gegen Vorausbezahlung zu Fulda tnderTkpedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche ilbonnementSpreiS beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda eine Markund 10 R -Psg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pf., auswärts bei dm Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 R.-Pfg., ins Haus gebracht 1 Mark SO Pf». Die Mustrirten SonntagsblLtter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in s Haus gebracht 40 Pfg Inserate: Die Petitzeile oder beten Raum 10 Pfg., bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

* »A« die Juden«Verfolger"' lautet der Titel einer Schrift, weiche A. v. Schleinitz im Verlage der Stuhr'schen Buchhandlung zu Berlin als Erwiderung auf die zuerst in den ,Grenzboten', dann unter dem Titel: „Israel und die Gojirn" in Buchform veröffentlichten antisemitischen Aufsätze hat erscheinen lassen. Im Namen der „Toleranz", der „Vorurtheilslofigkeit" und des „Liberalismus" tritt der (an­scheinend alt-liberale) Verfasser der Publi- cation der .Grenzboten' entgegen. Im ersten Theile der Schrift bekämpft derselbe den den Juden gemachten Vorwurf „unpatrio- tischen, undeutschen Sinnes", und beruft sich dabei auf die Semiten Simfon, Lasker, Friedenthal, Friedberg, Graf Stirum, Stahl (dessen jüdische Abstammung übrigens ent­schieden bestritten worden ist), Berthold Auerbach und Fanny Lewald. Der rothe Faden, welcher durch die Schrift sich zieht, ist die Ausführung, daß der thatfächlich vorhandene Niedergang de» deutschen Volks- characters nicht auf die Juden zurückzu­führen fei. Von vornherein wird zugegeben, „daß der deutsche Volkschararter bereits Schaden gelitten hat an seiner Integrität, an feiner Lauterkeit, an seiner stahlharten und stahlhellen Sittenstrenge; daß man ihn nicht mehr freispnchen kann von Frivolität, laxem Rechtrbewußsein, Jdealitätslosigkeit, glatten Militärs - Principien." „Aber," so fragt der Verfasser, ist hier wirklich das Ger« manenthum bei den Juden in die Schule gegangen? Ist diese frivole, ideallose, materielle, niedrig utilitaristische Richtung, welche jetzt unser gesammteS Zeitalter be«

5 Madelon.

Rach dem Französischen von I. RüttgerS. (Fortsetzung.)

Dann kehrte sie der Gräfin den Recken und verhielt sich ganz ruhig.

„Aber das ist ja eine kleine Teufelin!" rief die Gräfin, über solche Ungezogenheit höchstlichst erstaunt aus. — Dann ging fie, mit ihrem Fächer sich Kühle zufächelnd, mit ihrem Tänzer hinweg, der eben in dem Augenblicke hinzugetreten war, als die Scene tragisch zu werden drohte.

Madelon blieb in der Nähe Horace's stehen. Sie weinte nicht, aber ihre funkelnden Augen und ihre hochgeröthrtrn Wangen verriethen deutlich ihren Zorn und ihren Unwillen darüber, daß ihr so großes Un­recht geschehen sei, wie sie meinte. Sie hatte nun ihr Spielzeug und dazu ihre Bonbon« verloren; sie war gedemüthigt, geärgert und wüthend über die Gräfin und war ärgerlich über die ganze Welt. Horace bemitleidete fie wirklich, und indem rr sich mehr von seiner angeborenen Her« zrnsgüte leiten ließ, als er eigentlich wollte, bot er ihr an, ihr da» Spielzeug wieder zu geben.

„Nein, ich habe keine Bonbon» mehr," sagte da» Kind, welche» der Vorschlag

herrscht und welche man kühn überhaupt al» den modernen Zeitgeist bezeichnen * kann, wirklich ein Product de» Judenthum» ? Sind e» in der That die Juden, welche Schuld daran tragen, daß uns Deutschen so sehr die Begeisterungs-Fähigkeit für das Erhabene und Ideelle der strenge, spröde vor jeder Bestechung und jeder Trans« action zurückbebende Rechtrsinn abhanden gekommen ist»" Hr. v. Schleinitz verneint diese Fragen, sieht sich indrß „genöthigt einzuräumen, daß neben andern Elementen auch die Juden mit Vorliebe sich die modernen Anschauungen zu eigen gemacht", daß auch sie „die frohe Botschaft von der Nichtverbindlichkeit gewisser scrupulöser Moral - Gesetze willig acceptirt und mit glänzender Virtuosität die Nutz­anwendung gemacht" haben, sowie „daß der Hang zu Erwerb durchschnittlich bei der jüdischen Race sehr stark ent­wickelt ist und eine hervorragende Eigen­schaft derselben genannt werden muß." Allein alles das gehört „zur Signatur unserer Zeit", und an der „Erwerbsucht der Juden, an dem bei ihnen unverhält- nißmäßig vorherrschenden Handelsgeist „sind die Christen Schuld, weil „im Laufe der Jahrhunderte die gehässige Engherzigkeit der christlichen Völkerschaften nur in der bezüglichen Richtung ihren Kräften ein Gebiet der Bethätigung und ihrem Fleiß Aussichten auf Erfolg eröffnete." Seine Thesen: daß im Allgemeinen die heutigen christlichen Germanen den Juden nichts vor­zuwerfen hätten, führt der Verfasser nicht ohne Geschick und mit anerkennenswerthen

Merville'S anstatt zu besänftigen noch mehr zu reizen schien.

Dann trat ein Augenblick des Still­schweigen» ein, während sie an den Tisch gelehnt, mit der Fußspitze langsam über die Trümmer ihrer Bonbon» dahinfuhr, welche am Boden lagen. Horace stand verwundert da und betrachtete sie in ihrem kindlichen Zorn — da fielen ihm die Berloquen ein, welche er an seiner Uhr trug, und womit er oft die Kinderherzen erfreut hatte.

„Willst Du einmal diese kleinen hübschen Dinge sehen?" frug er sie, indem er ihr die Berloquen hinhielt.

„Nein," antwortete Madelon etwa» unwirsch, indem fie einen Schritt zurück- trat.

„Dann betrachte wenigsten« einmal diesen kleinen Fisch hier, er kann den Körper bewegen und den Kopf und den Schwanz nach vorüber und rückwärts werfen."

„Nein," antwortete fie aufs Neue, dies Mal jedoch etwas zögernd, denn offenbar reizte sie doch der kleine Fisch; da trat Horace auf sie zu, und da» brachte sie zu einem festen Entschlüsse.

„Ich mag tone Berloquen," sagte sie mit mißvergnügtem Gesichte; „ich wünsche fie gar nicht zu sehen, ich sage es Ihnen."

Damit drehte sie sich um und verließ den

Ernste im Einzelnen durch. Erst wenn da» • deutsche Volk als ein streng sittliches überall im realen Leben sich bethätige, habe das­selbe ein Recht, „den christlich en Cha« racter seiner socialen Zustände und Lebens­gewohnheiten zu betonen und sich eine christliche Gesellschaft zu nennen". Daran ist viel Wahres, und insbesondere wird man auch dem Satze nicht wiedersprechen können, daß der „frech witzelnde, lästernde frivole uud scandalsüchtige Geist, wie er in Berliner Blättern sich geltend macht, ganz entschieden den Schattenseiten be» Berliner Naturells entspricht." lieber« Haupt läßt sich der vom Verfasser gegen manche in der anti-semitischen Agitation besonder» geräuschvoll hervorgetretenen Ele­mente erhobenen Widerklage die Be­rechtigung nicht abstreiten. Namentlich gilt die» von der Bewegung, als deren Leiter in der Reichshauptstadt der viel genannte Br. Henrici erscheint, welcher gelegent­lich an Spötteleien über die h. Schriften des Alten Testamentes keinen Anstand nimmt. Wir haben wiederholt darauf hin­gewiesen, wie wenig diese Behandlung der Juden-Frage auf Sympathie Anspruch machen darf. Sie ist im Grunde nichts weiter als ein Apell an die Leidenschaften der Masse zu Gunsten gewisser politischer Strebungen. Von einem Versuche zu der vor allem zu betreibenden wirthschaftlichen Emancipation auf dem Wege zielbewußter und ausdauernder Selbsthilfe ist dabei vollends nichts wahrzunehmen. Wie die Tendenz der Schrift es mit sich bringt, werden in derselben die Beschwerden Salon, ohne ein Wort weiter zu sagen. Eine Pause, welche zwischen zwei Tänzen stattfand, gab Horace Gelegenheit ebenfalls hinauszugehen. Er that dies um so lieber, als er sich auf's Neue von einer Vor­stellung bei der Comtesse bedroht sah, und er stand wenige Augenblicke darauf in dem Hofe, wo die frische Luft und die abmd- liche Stille seltsam von der Hitze und dem Gewühle im Saale abstach.

III.

Der Abend war herrlich. Der Mond war hinter den Bergen, dem Hotel gegenüber, aufgegangen und tauchte die ganze Land­schaft in sein bleicher, milde« Licht; die Vesdre erglänzte und strahlte wie mit un­zähligen Lichtern, und die Pappeln warfen lange, geisterhafte Schatten auf die Straßen.

Die Klänge be« Piano'«, die regelmäßigen Schritte der Tänzer, bisweilen auch da« Echo einer Stimme in der Ferne, welche am Berge wiederhallte. — Alle« da« schlug in unbestimmter Weise an da» Ohr, und ver­mischte sich mit dem Murmeln des Flusses und dem Geflüster bet Blätter, burch welche bei Wind strich.

Horace ging, ohne sich weiter bei einer Gruppe Herren, welche auf unb abwandel- ten, aufzuhalten, unter den Fenstern be« Salons vorbei, unb wollte sich nahe bei