M S«. Sonnabend, den 30. April 1881.
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Politische Streifzüge.
Nachdruck verboten.
Trotz der Fortschrittspartei macht die Welt doch wirklich bedeutende Fortschritte; die Polizisten sind Schnellphotographen geworden; sie bringen ihren Apparat, ähnlich einem Operngucker, an die Augen, und so oft sie auf einen Knopf drücken, ist ein Bildchen fertig, seien es Personen, Gegenstände oder ganze Gruppen. Schade, daß die Journalisten es noch nicht so weit in der Kunst gebracht haben; sie könnten dann alle politischen Bildchen schnell fixiren, und diese hätten auch noch den Vortheil naturgetreu zu sein, während wir jetzt meistens Zerrbilder, zumal aus den officiösen Ateliers, zu sehen bekommen. Eine andere Frage wäre er freilich, ob die politischen Negative (negativ heißt: verkehrt) sich in genießbare Positive (d. h. richtige Bilder, wie sie sein sollen) umarbeiten ließen, und ob die schönfärbendrn Retoucheure sich nicht gar zu sehr aus'» Schmeicheln verlegen würden, z. B. beim drohenden Tabakmonopol, den Steuervorlagen und sonstigen „verkehrten* Aufnahmen. Aber interessant wäre so ein politischer Schnellphotograph doch; man denke, was so eine Woche, selbst wenn sie eine Osterwoche ist, Alles an's Tageslicht zaubern kann: in Braunschweig ein SOjähriges Regierungsjubiläum mit stiefmütterlicher Vertretung aus Berlin; in Baden eine Ministerkrisis, die auch dem confervativen Stößer den Stoß gab; in Bayern heilloses Parteigezänk; in Hamburg Zollanschluß-Anbahnungen; in Wien den ersten niederösterreichischeu Bauerntag
Madelon. s
Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)
„Aber weshalb tanzen Sie denn nicht?" sagte sein liebenswürdiger Reisegefährte vom Tage vorher zu ihm, als er eben mit der Gräfin eine Polka getanzt hatte. „Sie thun sehr unrecht daran, ich versichere es Ihnen; ich kann Sie einem ganzen Dutzend hübscher Personen vorstellen, wenn Sie es wünschen. Diese Dame, mit welcher ich getanzt habe, würde entzückt sein . . . ."
„Ich danke sehr; ich bitte Sie," versetzte Horace, als sein eifriger Freund schon auf die Dame hinzueilte, um sie zu holen; „ich tanze sehr schlecht, und bin übrigens auch noch sehr ermüdet, von dem Spaziergange, den ich soeben gemacht habe."
„Ah, richtig, diese Promenade," antwortete der Andere mit betrübter Miene, „ich hätte Sie nicht dazu bestimmen sollen; sie ist Schuld, daß Sir nicht bei der Table d’höte waren, und jetzt hindert sie Sie am Tanzen."
„Aber ich langweile mich durchaus nicht, ich versichere Sie," sagte Horace. „Aber sagen Sie mir doch etwas über all' diese Personen, die ich hier sehe; logiren sie Alle hier im Hotel?"
mit geharnischten Resolutionen; in Paris die internationale Münzconferenz; in London die Leiche Beaconifield's; in Albanien blutiges Gemetzel, --- foon den unersättlichen Griechen, den ruhmesdurstigen Franzosen an der afrikanischen Küste und der Nihilistenjagd in Rußland gar nicht zu \ reden. Welch' ein hübsches Tableau ließe - sich aus solchen Bilderchen zusammensetzen, ; z. B. etwa so: in der Mitte Bismarck in einer Wolke; neben ihm Eimer, um die Blutstropfen aus dem Tabak aufzufangen; kriechende Nationalliberale, trotzige Secef- sionisten und Fortschrittler rund herum; im Hintergründe Herr Pindter von der .Norddeutschen' mit dem Stempel „Verschwörer, republicanische Mörderbande," der Jedem auf die Stirn gedrückt wird, der nicht für Bismarck ist. Dann der 75- jährige Herzog von Braunschweig, umringt von seinem jubelnden Volke, in offenen Wagen auf der Straße» was heutzutage etwas heißen will und der Czar ihm nicht nachmacht; daneben drei abgesägte badische Ministerstühle. Bayern, die sich mit Bier- trügen die Schädel einschlagen u. s. w. Ich überlaffe es der Phantasie des Lesers, sich dieses Bild weiter auszumalen und mit den nöthigen Arabesken zu verzieren; ich würde er selbst thun, wenn ich im Besitze eine« polizistischen Schnellphotographen wäre.
Der Reichstag ist wieder eröffnet, und ich müßte jetzt mit beiden Füßen in die großen Fragen hineinspringen, die Deutsch, land Heil und Segen bringen sollen, näm« ' lich in den Fortbau der Reich-steuerre-
„Nicht alle, durchaus nicht; Viele von ihnen sind von Lüttich herübergekommen und kehren heute Abend mit dem Zuge um 10 Uhr wieder dahin zurück. Jndeß kenne ich alle diejenigen, welche sich in Chaud- fontaine aufhalten, ganz genau."
Dann begann der liebenswürdige Fremde mit einer gewissen Selbstgefälligkeit Horace von allen Personen, die er kannte, Alles, was er wußte, mitzutheilen, wobei er nicht vergaß, die Comtesse zu erwähnen.
„Aber dieser Herr dort unten," frug Horace, indem er auf einen Unbekannten deutete, der eben an der Thür erschien, „wie heißt er?"
Es war ein Mann von hoher Statur, mit regelmäßigen Zügen, blondem Haupthaar und langem Bart und Schnurrbart. Die Toilette, welche er trug, war untadel- haft, und sein Auftreten war ein ganz anderes, als dasjenige der bürgerlichen Gesellschaft, womit der Saal zu drei Vierteln angefüllt war.
„Ah, richtig," rief der Belgier lebhaft aus, „Sie sehen da die bemerkenswertheste Person der ganzen Gesellschaft; aber ist es möglich, daß Sie diesen Herrn nicht kennen?"
„Ich habe ihn niemals in meinem Leben gesehen," antwortete Horace; „ist e« irgend
form und in die Socialgesetzgebung des Kanzlers; aber bevor ich mich so hoch versteige, will ich zunächst einige pikante Kleinig. leiten annageln, die auch werth sind, beachtet zu werden. Das Kleine ist ja nicht immer das Unbedeutende. Da hören wir zunächst, daß der Trierer Wolff nicht Minister werden will, weil er die schlagfertige Zunge Windthorst's fürchtet und ihm nicht Rede und Antwort stehen kann, wo so leicht allerdings auch nicht ist. Von Reden scheint der Ex-Ministercandidat überhaupt kein sonderlicher Freund zu sein; denn selbst wenn er einmal was gesagt hat, und sei es auch nur bei Gelegenheit eines Essen« gewesen, flugs erklärt er, er habe es nicht „öffentlich" gethan. Feine Diplomaten ! Wölfe heulen, und mancher Wolf hat sich durch sein Geheul schon verrathen, ehe er das Schaf gefaßt hatte; aber ein preußischer Minister, der es mit dem Centrum zu thun hat, muß nicht nur geschmeidig, glatt und sonst noch mancherlei sein, er muß auch reden und — schweigen können. Habe ich nicht jüngst noch gesagt, daß für Diplomaten die Sprache erfunden sei, um die Gedanken zu verbergen? Ein Judenblatt befürwortet nun die Ministercandi- datur von S y b e l ’« — warum nicht gleich die de» Dr. Konitzer. Als schlechten Witz ließ ich mir den Vorschlag schon gefallen, aber im Ernste den Geschichtsbaumeister und Ehrenpräsident des „Deutschen Vereins" unter den Ministercandidaten zu nennen, ist doch weiter Nichts, als eine Herausforderung und Beleidigung von 8 Millionen Katholiken. Sybel als Cultusminister und eine Berühmtheit, ein Fürst, ein Gesandter oder ein sonstiger Würdenträger?"
„Nichts von all' dem," sagte der Belgier lachend, „und doch in seiner Art eine große Berühmtb-it. Es ist Herr Linders, der große Spieler."
„Ich habe nicht einmal von ihm sprechen hören," antwortete unser junger Engländer; übrigens stehe ich in gar keiner Beziehung zu dieser Art Leuten.
„Freilich; ich dachte nicht daran, daß der Herr fremd ist; aber Alle, tie nur einige Zeit in Wiesbaden, Homburg oder in Spa gelebt haben, haben von Herrn Linders sprechen hören. Verflossene» Jahr hat er zwei Mal in Hamburg die Bank gesprengt, gewann diesen Sommer 200,000 Francs in Spa und verlor sie acht Tage darauf wieder. Es ist wirklich cin gefährlicher Mensch, und das außerordentliche Glück, welches er hat, macht ihn zum Schrecken aller Spielbankbesitzer."
„Aber wenn er doch zweihunderttausend Franc» verliert?"
„Ach, da» ist nur eine sehr seltene Ausnahme; im Allgemeinen geht er sehr kaltblütig dabei zu Werke — eine nothwendige Vorbedingung bei diesen Spielen — und spielt nur, wenn das Glück ihm günstig zu sein scheint, und hört auf, sobald es ihm