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JH 92.

Sonnabend, den 23. April 1881

Die ,Fuldaer Zeitung' erschsmt täglich, Sonn- .uirt Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung ,u Fulda

In der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche AbonnementspreiS beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda eine Mark und 50 R.-Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pf., auswärts bei den Postämtern: bei der Post äbgeholt 1 Mark und 50 R.-Pfg., ins Haus gebracht 1 Mark SO Pfg. Die .illustrirt-n Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in'S Haus gebracht 40 Pfg Inserate: Di« Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg., bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

Für die Monate Mai und . Juni nehmen Bestellungen auf j die ,Fuldaer Zeitung^ alle Post- i anstatten, Landbriefboten und i für Fulda die Expedttion, But- i termarkt 113, zum Preise von ■ 1 Mk. (ohne Bestellgeld) an. <

(Die ,Fuldaer Zeitung' ist im Post-Zeitungs- ■' Preisverzeichniß pro 1881 im II. Nachtrag sub Nr. » 1673 eingetragen.) --5

# Politische Streifzüge- |

Nachdruck verboten.

Als ich noch Gymnasiast war, hatte ich - einen Lehrer, der über Nichts aufgebrachter i wurde, als wenn ein deutscher Aufsatz mit - den Worten begann: „Wenn man das Le- z Ben betrachtet." Ob nun diese triviale Re- i densart seinen Aerger verschuldete, oder die j Thatsache, daß die Betrachtung des Leben» \ uns sehr triviale Gedanken nahelegt, das « weiß ich nicht; als ich aber einst schrieb: z „Wenn man da» Leben betrachtet, glaubt l man vor einem großen Narrenhause | zu stehen," da hatte der Professor Nicht« i zu erinnern. Auch ich würde diese Behaup- tung Niemand al» Fehler anrechnen, denn; viel Gescheidtes passirt in der Welt nicht, I im Gegentheil, kommen alle Tage recht viele - Narrenpossen vor; aber heute würde ich mich doch etwas correcter wie damals, al» ich noch für „den süßen Tod für's Vater­land" schwärmte, ausdrücken und nicht so­wohl von einem „Narrenhause", al» von einer Maskerade reden. Rühmliche Aus­nahmen und die ewigen Wahrheiten des

Christenthums abgerechnet, ist das Leben ä auch weiter Nichts, als eine große, perma- ] nente Maskerade, eine politische, sociale und $ religiöse Vermummerei; der Eine sucht den \ Anderen zu überlisten, zu betrügen und sein s wahre» Wesen mit der Larve schönklingen- j der Phrasen zu maskiren. Die» gibt mir ü Veranlaffung, da ohnehin die innere Poli­tik Osterferien hält, dem Leser heute einen internationalen Maskenzug vor­zuführen.

Zuerst kommt „viel Volk", die mäßigen Gaffer und Schreier, die immer und über­all nicht blos dabei, sondern auch an der । Spitze sind, fei es Bei Wahlversammlungen, \ fei es auf Freidenker-Congreffen oder in | CluBs, wo Fortschrittler und Antisemiten ; sich prügeln. Den Zug eröffnet ein \ Herold, deffen Fahne die stolzen Worte.- trägt: mundus vult decipi, (die Welt will ; Betrogen fein) und die Menge, welche kein r Latein versteht, glaubt, e» hieße: „Hier ! kommt der wahre Jakob." Dann folgen ; die officösen Trommler und Pfeiffer, die einen Höllenlärm schlagen, um „Stimmung" i zu machen. Sie spielen und Blasen nach ] Noten, gleichviel oB die Noten gut oder? falsch sind; je toller sie darauf loshäm« ; metn, um so andächtiger lauschen die Zu- j Hörer, und Manche finden sogar System \ und Melodie in dem TrommelwirBel; । Scandal muß fein. Die osficiösen Orakel - sind in Zeitungspapier und Telegraphen- ? dräthe gewickelt, Haden da» Erröthen ver- ? lernt und Behaupten kühn, die Consequenz ■ gepachtet und nie gelogen zu haben. Ihnen folgt da» Corps der Diplomaten, in

aalglatte Häute gehüllt, mit lächelnden Ge sichtern, verschmitzten Augen und doppelten Zungen; ein Wagen der nur aus Hinter- thüren besteht, wird ihnen nachgeführt. Was bei gewöhnlichen Menschen als Fehler und Laster angerechnet wird, Heuchelei. Jntriguen, Hinterlist und Doppelzüngigkeit, gilt bei ihnen al» Berechtigte Eigenthüm- lichkeit, Kunstgriff, Gewandtheit und Geni­alität. Für sie ist die Sprache erfunden, um die Gedanken zu verBergen. Die Diplomaten der Neuzeit sind an die Stelle der Parzen Bei den Alten getreten, denn sie spinnen die Lebensfäden der Völker und schneiden sie plötzlich aB; mit der Aengstlichkeit eine» knickerigen Käsehändler» halten sie die Waage des „europäischen Gleichgewichtes" in der Hand, und glauben sie dieses gestört, dann müssen Soldaten, Kanonen und Säbel dasselbe wieder Her­stellen. Man könnte die Diplomaten auch die Klüngelzunft nennen, denn sie klüngeln alle» aneinander, und dann kommen die Völker und büßen dafür, d. h. Tausende, die sich nie gesehen haben, stürzen wie wilde Thiere aufeinander los und zerfleischen sich — und die Leute in den Aalhäuten reiben sich schmunzelnd die Hände. Des­halb ist e» auch svlgenchUg, bah in bem Markenzuge hinter den Diplomaten die Kanonen, Mörser, Kranken- und Pulver­wagen folgen.

Zu der allgemeinen, einleitenden AB- theilung des Zuges gehört auch noch ein sonderbarer Jägertrupp, Leute mit Brillen und Glatzen, gelehrte und geleerte Männer, eine echt internationale Truppe

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Seltsames Begegnen und

Wiedersehen.

(Fortsetzung.)

Nur zweimal bedurfte e» der Schrift auf der Schiefertafel, da erkannten sie sich, die in den Revolutionsstürmen hierherver« schlagene arme Mutter den verlorenen Sohn, den die Welle hoch emporgetragen hatte. Geheimnißvoll sind die Wege und das Begegnen der Menschen auf Erden. Das Geheimniß der Handschrift blieb ihnen unerklärlich, und doch segneten sie es; ohne ; diese Handschrift hätte Clara, die frühge- alterte Mutter, die Zelle schnell verlassen, ; nur die Handschrift ihres todtgeglaubten; Mannes hatte sie mitten im Schrecken, ihr friedliches Zimmer in einen Stall verwan- i Belt zu sehen, festgehalten. Was sie wußte, | erzählte sie dem forschenden Sohne. Aus = den Briefen des abwesenden Vaters, des j Freiherrn Constantin, hatte der Sohn sei« : neu ersten Leseunterricht empfangen, die z Briefe blieben aus nach einem Auflauf in j Straßburg, Constantin wurde tobt geglaubt. Clara beweinte ihn, und da ihre Ehe heim­lich geblieben, so hatte sie kein Recht auf­zutreten; so ließ sie sich vom Zufall, der ihr den Sohn entriß, sie in’« Gefänguiß

stürzte und wieder daraus befreite, nach ; Spanien hintreiben, wo ein Kloster ihr die - Ruhe zum Lohn für so viele Leiden sicherte, bis auch hier die Mordfackel der Welt- : stürmer eindrang. Beide, Mutter und Sohn, schwärmten in Freude und die Auf- merksamkeit der guten Mutter auf die Lip- - pen des Sohnes machte ihr manche seiner leidenschaftlichen Reden hörbar, daß es ihr erschien, als ob sie mit dem Sohne den verlornen Sinn wiedergewonnen habe. Sie berichtete ihm alle Ereignisse ihrer früheren Jahre. Dem Sohne übergab sie alle Briefe des Vaters, und er staunte über die Gleich­heit beider Handschriften.

Clara sagte, daß sie nur diesen Trost > noch vom Himmel erfleht habe, den gelieb- ! ten Sohn, die« treue Abbild des Vaters, ; vor ihrem Ende zu sehen, dann wolle sie j allem Irdischen, auch dieser Freude an ' den Briefen einer schmerzlich seligen Zeit: entsagen; mit diesen Worten küßte sie noch i einmal die zerriebenen Briefe und versteckte - sie in der Rocktasche des Sohnes. Der ; Oberst, nachdem die erste ungestüme Freude i vorüber, wurde immer unsicherer, was er - beginnen, wie er die geliebte Mutter dieser \ einsamen Wildniß entreißen könne, während ; ihm selbst alle Wege unkundig, alle Be- ■ wohner der Gegend verfeindet wären. Die

Mutter wußte wenig mehr von der Welt, nur einen Wunsch äußerte sie, ihren lieben Sohn nicht mehr verlassen zu müssen. In dem Kloster zu bleiben, konnte sie ihm nicht rathen, die vertriebenen Bauern des Dorfs lagen in den Felsen versteckt und mordeten alle Fremden, die sich in's Dorf verirrten; für eben so unsicher hielt sie er, den Sohn fortziehen zu lassen. Tie Gebirgswege, durch welche sein Weg ihn führte, waren ebenfalls von den bewaffneten Bauern be­setzt; sie rieth ihm, spanische Bauernkleider anzuziehen, die sich wahrscheinlich noch in der Wohnung des entflohenen Pförtners fänden. Der Oberst billigte den Vorschlag und fand die Kleider passend, bereitete sei­ner Mutter den Sattel seines Pferdes durch ein Flechtwerk von Weiden, daß sie bequem von der Seite reiten konnte, ohne in Ge­fahr zu kommen, bei ihrer Schwächlichkeit herunterzufallen, er selbst wollte unter dem Scheine eines gemeinen Bauern das Pferd führen; so hosste er Sicherheit für die Mutter und für sich zu erreichen. Die Mutter schaffte noch am Morgen einige versteckte Lebensrnittel herbei und nahm dann einen stillen Abschied von ihrem ver­ödeten Zufluchtsorte. Die Ursache ihrer Entfernung halte sie in aller Kürze auf­geschrieben in's Meßbuch der Kirche gelegt,