Donnerstag, den 14. April 188k.
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O Der Procetz gegen die Czaren- mörder
hat ein grauenerregendes Bild entrollt. Obwohl nur Wenige« aus den Verhandlungen bekannt geworden, so reicht es doch vollkommen aus, um den Charakter sowohl als auch die Ausdehnung der nihilistischen Mörderpartei in Rußland beurtheilen zu können.
Alle sechs Angeklagte traten in dem Gerichtssaale zu Petersburg mit einem Selbstbewußtsein, einer Ueberzeugung, Ruhe und Sicherheit, mit einer Todesverachtung auf, die den Zuschauer überzeugen mußten, daß solche Menschen zu Allem fähig seien, und daß auch die grausamste Todesstrafe, welche über sie verhängt wird, auf ihre Parteigenoflen nicht den geringsten abschreckenden Eindruck machen wird.
Der 19jährige Russakow, eine kurze untersetzte Gestalt mit tiefliegenden Augen, bekundet einen eisernen Willen. Bei dem Verhöre antwortete er zwar leise, aber in fließender Rede, und legte unumwunden ein offenes Gkständniß ab. Er spricht ohne jede Erregung und ohne alle Umschweife. Auch Michailow, ein 21jäh- riger Bauerssohn, gesteht sofort seine Betheiligung am Attentate. Er habe früher nur mit friedlichen Mitteln agitirt, sei aber bald zu der Einsicht gekommen, daß ohne Gewaltthätigkeit nichts erreicht werde. Die Arbeiter sollten keine Maschinen mehr sein, sondern Herren der Maschine. Ebenso benimmt sich die Jüdin Helfmann, die, obwohl erst 26 Jahre alt, mit ihrer Stumpfnase und ihren schwarzen, stechenden Augen
einen unheimlichen Eindruck hervorruft. Sie antwortet leise aber sicher. Die Betheiligung an dem letzten Attentate leug- net sie, bekennt aber, den Verschwörern ein Local zur Verfügung gestellt zu haben und Nihilistin zu sein. Mit größerer Begeisterung für die Nihilistensache tritt der Popensohn Kibaltschitsch, 27 Jahre alt, „im Namen des Volkes", wie er sagt» auf. „Unser Programm", ruft er, „ist die Befreiung des Volkes von der Gewaltherr, schäft." Und als der Präsident ihm bedeutet, er habe nicht im Namen des Volkes zu sprechen, erklärt er: Ich gehöre zur Partei und glaube, daß die Mehrzahl desVolkes mit ihr übereinstimmt. Er gesteht seine Betheiligung an den Ty- namitarbeiten ein, er habe die Bomben- fabrication eigens studirt, aber nur fünf Bomben fabricirt. Als ein gänzlich aller i Weiblichkeit baare» Frauenzimmer zeigt sich t Sophie Perowskaja, klein von Wuchs und mager, mit hoher Stirn, braunen i Haaren, in schwarzem Kleide. Sie sei, so i erklärt sie mit fester Rede, bei der Minenlegung in Moskau und bei der Ermordung : des Czaren betheiligt gewesen, sie habe 2 Bomben vertheilt und dem Russakow das Zeichen gegeben. Der 30 Jahre alte | Scheljabow, ohne Zweifel der fä- higfle unter sämmtlichen Angeklagten, eist - großer Mann mit schwarzemVollbarte antwor- | tet auf die an ihn gerichtete Frage, sei - Mitglied der Partei der „Narodnaja Wolja" \ und habe alle Beschlüsse ausgeführt. Er • habe die anderen zur That angeworben, Alles sei sein Werk, die Sache der Socia-
listen sei eine gerechte. Der Präsident unterbricht ihn. Scheljabow fährt fort die Monarchie anzugreifen, der Präsident unterbricht ihn abermals. Scheljabow verlangt, seine Meinung aussprechen zu dürfen. Er erklärt dann die Organisation der Partei der „Narodnaja Wolja". Da» Executiv- Comits leitet Alle und organisirt die Revolution. Es hat auch den Tod des Alexanders II. beschloffen. Der Präsident unterbricht: „des Kaisers". Scheljabow fährt fort, die Zusammenkunft der Vorstände der Gruppen und Centren haben den Beschluß gefaßt; er selbst sei einer der Organisa- loten gewesen. Als solcher habe er das Attentat vorbereitet. Mit Stolz erklärt er, er habe eine große Rolle gespielt und von Ruffakow sagt er, daß er ihn erst einge- weiht habe; Michailow habe von Nicht« gewußt; Jeffe Helfmann habe in einer Ab- theilung gearbeitet, Kibaltschitsch die ihm übertragene Aufgabe ausgeführt, Ruffakow sei Mitglied der Gruppe der arbeitenden Agitation gewesen. — Vorsitzender: Sprechen Sie von sich selbst und Ihrer eigenen Thä- tigkeit?" Scheljabow nickt und ruft: „Ja, jal" spricht dann über seine Beziehungen zu „Mylord", der auch an dem Alexan- drowrker Attentat betheiligt gewesen sei. Hierauf bespricht er das Attentat vom 13. März, sowie alle früheren und seine Thä« tigkeit hierbei in Gemeinschaft mit Preßnja- kow. Im Verlaufe des Verhörs gab Scheljabow Aufklärungen über seine religiösen Ueberzeugungen und sagte, er glaube an die Wahrheit und Gerechtigkeit der christlichen Lehre; ein echter Christ müffe für
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Seltsames Begegnen und Wiedersehen.
(Fortsetzung.) 1
So saß sie nachdenklich auf einem Armstuhle, als eine ihr ähnliche Gestalt in ihren Kleidern, die sie gleich erkannte, hereintrat. Mit hohen abgemeffenen Schritten ging die Gestalt an'« Fenster und sprach pathetisch die Schlußworte aus der Jungfrau von Orleans: „Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!" — Trotz der prachtvollen Stimmenerhöhung erkannte Julie in derselben ihre Charlotte, welche die Dienste einer Kammerjungfer und Köchin zu glei- cher Zeit bei ihr verwaltete, seit die Kriegslasten ihr die Beschränkung der Ausgaben räthlich gemacht hatten. Sie sah der geschmückten Köchin verwundert zu, was aus der Thorheit werden sollte, bi« diese an dem chemischen Zunder die Argandsche Lampe angesteckt hatte und mit einem Zusammenfahren und Schrei ihre Herrschaft erkannte. — „Was für Possen?" fragte Julie, „mein Kleid anzuziehen, meinen Helm aufzusetzen, mir ist es unleidlich, meine Kleider auf Andern zu sehen!" — „Ich hatte keine schlechte Absicht", sagte die Köchin, „es war nur aus Liebe zur Kunst." — „Wa« für Kunst?" rief Julie ungeduldig, „denkst Du
im seidenen Kleide besser zu kochen, ich glaube Du bist närrisch geworden." — „Ach, mein gnädiges Fräulein!" entgegnete Charlotte, „wie wenig kennen Sie mich, ich sollte so unverschämt sein, das schöne Kleid im Küchenrauch zu schwärzen I Nicht für mein leidiges Handwerk, nein, für die edle Kunst lebe ich, nicht in der Küche, nein auf dem hellerleuchteten Liebhabertheater sollte da» schöne weiße Kleid paradiren, hier bin ich Köchin, da bin ich Fräulein von Orleans, und ohne Ruhm zu melden, bin ich die beste von allen und mache Ihnen Ehre, denn ich werde jedesmal herausgerufen, und die Leute fragen dann, bei wem ich diene, und ob Sie mir die Rolle einstudirt hätten?" — „Wäre mir nicht unwohl," sprach Julie, „so könnte ich lachen, Alle« studirt, Alle« künstelt, und Keiner kann was Rechts zu Stande bringen. Welcher verderbliche Leichtsinn in unserm Unglücke, es ist mir, als litte ich selbst an allen den Nebeln, weil ich sie in meinem Vaterlande sehe. Schnell die Kleider aus- gezogen, da« Schauspiel ist heute geschlossen. Du verdientest Strafe, aber mir ist unwohl, geschwind mache Thee!" — „Ach gnädiges Fräulein l" rief Charlottte bekümmert, „ich kann keinen Augenblick abkommen, der gute Mensch, der den König spielt, wird mich ' gleich abholen. Denken Sie, er wäre früher
gekommen und Sie später, so hätten sie Sie mich doch nicht mehr gefunden, ich hatte ihm die Thüre ausgelassen und höre ihn schon kommen." „Zieh meine Kleider au« und geh au« meinem Dienst, wenn Dir das Lumpentheater mehr als ich zu befehlen hat", antwortete Julie. — „Ich kann nicht bleiben", schrie die Köchin, „ich kann die Kleider nicht aurziehn, denn es ist schon zu spät, um andre zu miethen; ich müßte mir da« Leben nehmen, wenn ich die Künstler so anführte und in unanständigen Kleidern aufträte;! was an Fettflecken auf's Kleid kommt, will ich gern wieder ausmachen." — „Charlotte! fei vernünftig," sprach Julie, „ich muß sonst zur Polizei schicken." —• „Es soll mir nur so Einer kommen," meinte die Köchin, „die gehen selber gerh in unser Liebhabertheater, und vor einem fremden Soldaten kriechen sie alle zusammen in’s Ofenloch; ich muß heute spielen, und sollte ich morgen dafür im Zuchthause sitzen. Da ist er schon, mein König!" — Es war Hans, des Rittmeisters Stallknecht in schönpolir- tem Küraß, den er sich von einem Kürassier geliehen, der singend in's Zimmer trat und sehr erschrocken in der Thüre stehen blieb, als er die Braut seines Herrn (beim er hatte es längst in de» Herrn Papieren heraus gelesen) mit seiner Jungfrau im Streit