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Sonntag, d«n 10. April 1881

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Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

„Du hast so unrecht nicht," nahm der Conservative das Wort, „und Fürst Bis­marck muß so AehnlicheS auch empfunden haben, als er in seiner Rede vom 2. d. das Christenthum so stark betonte und hervorhob, daß ,die Bevölkerung de» Landes in ihrer überwiegenden Mehrheit aus ehr­lichen Bekennern des Christenthums besteht/ Auch ich will hoffen, daß im Jntereffe de» Staates und der socialen Ordnung der Friede mit der Kirche, und betrachte man sie auch nur als die .schwarze Gensdarmerie', bald zu Stande komme. Wir befinden uns überhaupt in einem Uebergangsstadium, und nicht blos auf politischem und kirch­lichem, sondern auch auf wirthschaft« lichem Gebiete wird mit den Wechsel­bälgen des verfloffenen Jahrzehnts gründ­lich gebrochen werden. Wir stehen mitten in den hochwichtigen und bewegten Kämpfen um Steuergesetze, Staatrsocialismus, Jn- nungswesen, Unfallversicherungen, und ich möchte nur wünschen, daß die Regierungin mancher Beziehung nur noch entschiedener vorgehen und sich weder mit Halbheiten begnügen, noch über’S Ziel hinausschießen möchte. Das Jnnungsgesetz ohne den Bruch mit der liberalen Gewerbefreiheit und ohne JnnungSzwang, blos mit lockendem Flitter ausstaffirt, ist ein Rumpf ohne Gliedmaßen, und das Unfallversicherungsgesetz ohne die Verschärfung der Haftpflicht und im Joche der Centralisirungsbestrebungen gleicht einem Renner, der durchgeht und sich schließlich in einem Netze die Beine verstrickt. Im

Großen und Ganzen kann man sich mit diesen weittragenden Programmen des großen Kanzlers, wie auch mit seinen indirecten Steuerfordrrungen, einverstanden erklären, wenn Einzelnes auch noch der Correctur bedürftig ist. Am interessantesten ist bei all dem die Erscheinung, daß gerade Die­jenigen, die früher den Fürsten in alle Himmel erhoben und den Zweifel an seiner Genialität und Unfehlbarkeit als .Reichs« feindlichkeit' brandmarkten, jetzt mit Lasker, Bamberger und Richter über ihn herfallen ».behaupten,,» habe fein Prestige verloren?"

„Das geht mich an," fuhr der Fort­schrittler dazwischen. „Unsere Parole: ,Fort mit Bismarck 1' ist berechtigt, und ich wünsche nichts sehnlicher, al» daß er bald zu einem Andern sage: .Sohn, hier hast du meinen Speer!' Was will Bis­marck ? Neue Steuern und Centralisation, d. h. die Zügel aller Einrichtungen im ganzen Lande in der Hand de» Staates! Was die Steuern anbelangt, so denkt der Kanzler offenbar:

,gutta cavat lapidem non vi, aed saepe cadendo4, [bet Tropfen höhlt den Stein auch nicht mit Gewalt, sondern durch häufiges Nie« derfallenj |b. h. wenn ich bie Brau-, u. Wehr- u. Stempelsteuer oft bringe, geräth's doch ein- mal. Aber so bald doch noch nicht: die Brausteuer wird trotz der Bier-Verdäch­tigung abgelehnt; die Quittungssteuer wird erst recht abgelehnt, und die Wehrsteuer wird ganz sicher abgelehnt, nur die Börsen­steuer wollen Centrum und Conservative aus Haß gegen .unsere Leit' zu Stande bringen; der Brau- und Wehrsteuer gönnt

f man nicht einmal ein ehrliches Begräbniß ' in Commissionen, man wirft sie vom

Bord des Plenums direct in's Meer. I den Haien der Bismarcknörgler zum j Fräße. Bismarck mag noch so rührend vom .armen Manne' sprechen, eS zieht nicht; wenn aber Auer und Bebel so sprächen, dann hieße er: Sie coquettiren mit dem ,süßen Pöbel' und reizen das Volk gegen die Regierung, die Arbeiter gegen die Ar­beitgeber und die Besitzlosen gegen die Be­sitzenden auf. Jetzt, Bauer, ist's freilich etwas anderes! Sind denn die Coupon«

IJ schneider- oder Abschneider so schlimme Menschen, hat selbst Bamberger nicht ge­beten, ,doch nicht so geringschätzend von den braven Capitalisten zu sprechen' ? Es klingt so schön, so schmeichelnd: .Entlastung der

■ ärmeren Volksclasien von dem Druck direc« i ter Staatssteuern, Entlastung ber Gemein­den von Communalauflagen, gerechtere ver« theilung der Staats- und Communal« lasten — aber das dicke Ende, das nachkommt, heißt: .Beschaffung der hier­für erforderlichen Mittel durch weitere Ausbildung des Systems der indirecten Besteuerung im Reich und in den Com« munen' und in nothwendiger Folge: Herab« drückung der Selbstständigkeit der Gemeinde­behörden auf den Nullpunct. Fürst Bis­marck ist auf dem besten Wege, Socialist zu werben unb hat bas welthistorische Ver« bienst. ber erstewahrhaftsocialistischeStaats­mann gewesen zu sein. Er will den Staat und bie Arbeitgeber, bezw. örtliche öffent­liche Verbände zwingen, einen Theil ihres Einkommens herzugeben, um die Lage der

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Der tolle Invalide ans dem Fort Ratonnea«.

(Schluß.) |

Am Thore schon verließ die Menge Ro­salien, denn Francoeur schoß von Zeit zu Zeit über diese Fläche. Rosalie zeigte dem Va­ter Philipp den Felsenwall, wo sie ihr Kind noch einmal stillen und es dann in den Mantel niederlegen wollte, dort möge es gesucht werden, da liege es sicher auf­bewahrt, wenn sie nicht zu ihm zurück­kehren könne. Vater Philipp setzte sich betend hinter den Felsen, und Rosalie ging mit festem Schritt dem Steinwalle zu, wo sie ihr Kind tränkte und segnete, e» in ihren Mantel wickelte und in Schlummer brachte. Da verließ sie es mit einem Seuf­zer der die Wolken über ihr brach, daß blaue Hellung und das stärkende Sonnen« bild sie bestrahlten. Nun war sie dem harten Manne sichtbar, als sie am Stein­walle heraustrat, ein Licht schlug am Thore auf, ein Druck, als ob sie umstürzen müßte, ein Rollen in der Luft, ein Sausen, das - sich damit mischte, zeigte ihr an, daß der \ Tod nahe an ihr vorübergegangen. Es i wurde ihr aber nicht mehr bange, eine ; Stimme sagte ihr innerlich, daß nichts un­tergehen könne, was diesen Tag bestanden, 1

und ihre Liebe zum Manne, zum Kinde regte sich noch in ihrem Herzen, als sie ihren Mann vor sich auf dem Festungswerke ste­hen und laden sah, das Kind hinter sich schreien hörte; sie thaten ihr Beide mehr leid, als ihr eignes Unglück, und der schwere Weg war nicht der schwerste Gedanke ihres \ Herzens. Und ein neuer Schuß betäubte ihre Ohren und schmetterte ihr Felsstaub in’s Gesicht, aber sie betete und sah zum Himmel. So betrat sie den engen Fels- gang, der wie ein verlängerter Lauf für zwei mit Kartätschen geladene Kanonen mit boshaftem Geize die Masse des verderb­lichen Schusses gegen die Andringenden zusammenzuhalten bestimmt war. — „Was siehst Du? Weib!" brüllte Francoeur, i „sieh nicht in die Luft, Deine Engel kom­men nicht, hier steht Dein Teufel und Dein Tod." — „Nicht Tod, nicht Teufel trennen mich mehr von Dir," sagte sie getrost und schritt weiter hinauf die großen Stufen. — „Weib!" schrie er, „Du hast mehr Muth als der Teufel, aber es soll Dir doch nicht» helfen." Er blies die Lunte an, die eben verlöschen wollte, der Schweiß ; stand ihm hellglänzend über Stirn und - Wangen, es war als ob zwei Naturen in ! ihm rangen. Und Rosalie wollte nicht diesen . Kampf hemmen und .der Zeit vorgreifen, ,

auf die sie zu vertrauen begann; sie ging nicht vor, sie kniete auf die Stufen nieder, als sie drei Stufen von den Kanonen ent­fernt war, wo sich das Feuer kreuzte. Er riß Rock und Weste an der Brust auf, um sich Luft zu machen, er griff in sein - schwarzes Haar, das verwildert in Locken starrte, und riß es sich wüthend aus. Da öffnete sich die Wunde am Kopfe in dem wilden Erschüttern durch Schläge, die er an seine Stirn führte, Thränen und Blut löschten den brennenden Zundstrick, ein Wirbelwind warf das Pulver von den Zündlöchern der Kanonen und die Teufels­flagge vom Thurm. „Der Schornsteinfeger ; macht sich Platz, er schreit zum Schornstein i hinaus!" rief er und deckte seine Augen.

Dann besann er sich, öffnete bie Gitter« thüre, schwankte zu seiner Frau, hob sie auf, küßte sie, enblich sagte er: „Der schwarze Bergmann hat sich burchgearbeitet, es strahlt wieber Licht in meinen Kopf, unb Luft zieht hindurch, unb bie Liebe soll wieber ein Feuer zünden, baß uns nicht mehr friert. Ach Gott, was hab’ ich ver« : krochen! Laß uns nicht feiern, sie werden i mir nur wenig Stunden noch schenken, wo l ist mein Kind ich muß es küssen, weil ich j noch frei bin; was ist sterben? Starb ich , nicht schon einmal, als Du mich verlassen,