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Freitag, den 8. April 1881
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O Die tunesische Frage nimmt tätlich größere Ausdehnung an. Von zwei Seiten wird Frankreich in Algier bedrängt. Die Expedition Flatter», mit großem Aufwand in Scene gesetzt, ist nachdem ste beinahe ihr Ziel erreicht hatte, kläglich umgekommen, und von Osten her werden die Angriffe der unabhängigen Völkerschaften täglich kühner und nachdrücklicher. Will Frankreich seine algerischen Besitzungen zu dem machen und als das erhalten, was sie fein sollen, so muß es Entschließungen faffen, deren Folgen über die Bedeutung eines algerisch.tunesischen GrenzconflictS weit hinausgehen.
Die Mission Flatters hatte den Zweck, die Wüste Sahara auf die Möglichkeit hin, eine Eisenbahn durch dieselbe zu bauen, zu untersuchen. Von der Westküste her, dem Senegal entlang, wird bereits eine Eisenbahn gebaut, welche die Hinterländer Se- negambiens bis nach Timbuctu, einem alten Centralpuncte des Karawanenhandels, näher an das Meer bringen soll; der Eisenbahnbau aber, der durch die Mission Flatters eingeleitet werden sollte, ist bestimmt, die Sahara quer in gerader Linie von Algier aus bis zum Sudan zu durchschneiden und so die reichen Länder Mittel-Africa's in directe und kürzeste Verbindung mit den Häfen von Algier und Südfrankreich zu bringen. Der Traum eines französischen Indiens, das, im Gegensätze zu dem englischen Indien, sozusagen unmittelbar vor den Thoren von Marseille läge, sollte auf diese Weise verwirklicht werden. . . .
Als die Mission Flatters vor zwei Jahren
beschlossen wurde, da ging es nicht ohne Opposition ab. Namentlich war es der militärische Charakter der Mission, der zu vielen Bedenken Anlaß gab. Es waren vorzugsweise die algerischen Deputirten und Senatoren, die darauf aufmerksam machten, daß eine militärische Mission da» höchste Mißtrauen unter den Eingeborncn erregen und stet» den größten Gefahren ausgesetzt sein werde. Der Oberst Flatter» büßte wirklich seinen Eifer mit seinem Leben und Frankreich bezahlte seinen Jrrthum mit dem Verluste zahlreicher Menschenleben und einer empfindlichen Niederlage. Die transsaha« rischen Pläne werden jetzt wohl für einige Zeit ruhen müssen, denn da» Mißtrauen der Eingeborenen wird nicht so rasch schwinden, daß eine blos wissenschaftliche Mission ungefährlich wäre. Der Schlag ist um so empfindlicher, als Oberst Flatters schon die größte Hälfte seines Weges zurückgelegt hatte, also bereits einem glücklichen Ende entgegensehen konnte.
Nicht minder sind die Franzosen in Algier von Osten her bedrängt. Auf der ganzen Länge, in welcher sich Algier in das afrikanische Festland hinein erstreckt, hat es Tunis in der Flanke mit zahlreichen unabhänigen Stämmen, die jeder Zeit bereit sind, nicht blos räuberische Einfälle zu machen, sondern auch die bereits unterworfenen algerischen Stämme zur Empörung zu reizen. Seit der Eroberung Algiers haben die Franzosen nur mit dem Schwert in der Hand den Boden besitzen und ausbeuten können, und eigentlich hat der algerische Krieg seit fünfzig Jahren noch kein
Ende genommen. Insofern wären die Einfälle und die Kämpfe nicht von Bedeutung, wenn nicht zwei Umstände dazu kämen die der Lage ein ernsteres Gepräge geben. Seit einiger Zeit arbeiten die Franzosen offenbar daran, ihre Machtsphäre von Algier aus bedeutend auszudehnen. Die Mission Flatters ist dafür ein Beweis. Dieses Bestreben mußte den eingeborenen Stämmen bald klar werden und mußte sie zum gemeinsamen Widerstande veranlassen. In der That find die Angriffe auf Algier seit einiger Zeit zahlreicher und die Verbindung der einzelnen Stämme eine compactere geworden. Dann ist es aber auch der Bey von Tunis, der dem Vorgehen der Franzosen nicht gleichgültig zusehen konnte. Rücken die Franzosen immer weiter vor, so wird er immer mehr bei Seite gedrückt und endlich in das Meer oder in die Wüste geworfen. Die Franzosen bedrohten ihn also nicht blos in Tunis selbst, wo sie schon längst eine Art Expropriation von Innen heraus an ihm ausüben, sondern auch an der Grenze, wo seine ganze Existenz auf dem Spiele steht. Unter diesen Umständen entschloß er sich zum Widerstand. Die Stämme, die seit einigen Zeit in Algier räuberisch einfallen, ziehen sich regelmäßig auf tunesisches Gebiet zurück und für alle Reclamationen Frankreichs hat der Bey nur taube Ohren. Die Angreifer handeln also jedenfalls unter seinem Schutze, mit seiner Billigung. Nun ist es, wenn die Franzosen die Angriffe mit Nachdruck zurückweisen und sich in Zukunft gegen dieselben schützen wollen, unumgäng-
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Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonnean. , (Fortsetzung.)
Diese nächtliche Erleuchtung hatte ein andere Wirkung, die wohl in keines Menschen Absicht lag; sie rettete Rosalien und ihrem Kinde das Leben. Beide waren in dem ruhigen Treiben des Kahnes eingeschlummert, und Rosalie sah im Traume ihre Mutter von innerlichen Flammen durchleuchtet und verzehrt und fragte sie: Warum sie so leide? Da war's als ob eine laute Stimme ihr die in Ohren rief: „Mein Fluch brennt mich wie Dich, und kannst Du ihn nicht lösen, so bleibe ich eigen allem Bösen." Sie wollte noch mehr sprechen, aber Rosalie war schon aufgeschreckt, sah über sich den Bündel Leuchtkugeln im höchsten Glanze, hörte neben sich einen Schiffer rufen: „Steuert links, wir fahren sonst ein Boot in den Grund, worin ein Weib mit einem Kinde sitzt!" Und schon rauschte die vordere Spitze eines großen Flußschiffes wie ein geöffneter Wallfischrachen hinter ihr, da wandte er sich link«, aber ihr Nachen wurde doch seitwärts nachgeriffen. — „Helft meinem armen Kinde!" rief sie, und der Hacken eines Stangenruders verband sie mit dem großen Schiffe, das bald darauf Anker warf. — „Wäre
« das Feuerwerk auf dem Fort Ratonneau j nicht aufgegangen," rief der eine Schiffer, „ich hätte Euch nicht gesehen, und wir hät- ; ten Euch ohne bösen Willen in den Grund - gesegelt; wie kommt Ihr so spät und allein ä auf'» Wasser, warum habt Ihr uns nicht t angeschrien?" — Rosalie beantwortete schnell i die Fragen und bat nur dringend, sie nach b dem Hause de« Commandanten zu bringen.
Der Schiffer gab ihr aus Mitleid seinen Jungen zum Führer. — Sie fand Alles in Bewegung beim Commandanten, ste bat ihn, seines Versprechens eingedenk zu sein, daß er ihrem Manne drei Versehen verzeihen ; wolle. Er leugnete, daß von solchen Ver- I sehen die Rede gewesen, es sei über Scherz und Grillen geklagt worden, das sei aber teuflischer Ernst. — „So ist das Unrecht auf Eurer Seite," sagte die Frau gefaßt, denn sie fühlte sich nicht mehr schicksallos, „auch habe ich den Zustand des armen Mannes angezeigt, und doch habt Ihr ihm einen so gefährlichen Posten vertraut, Ihr habt mir Geheimniß angelobt, und doch habt Ihr Alles an Basset, Euren Diener erzählt, der uns mit seiner thörichten Klug, heit und Vorwitzigkeit in das ganze Unglück gestürzt hat, nicht mein armer Mann, Ihr seid an allem Unglück schuld, Ihr müßt dem Könige davon Rechenschaft geben." —
Der Commandant vertheidigte sich gegen den Vorwurf, daß er etwa« dem Basset erzählt habe, dieser gestand, daß er ihn im Selbstgespräche belauscht, und so war die ganze Schuld auf seine Seele geschoben. Der alte Mann sagte, daß er den andern Tag sich vor dem Fort wollte todtschießen ! lassen, um seinem Könige die Schuld mit l seinem Leben abzuzahlen, aber Rosalie bat ; ihn, sich nicht zu übereilen, er möge bedenken, - daß sie ihn schon einmal aus dem Feuer - gerettet habe. Ihr wurde ein Zimmer im | Hause des Commandanten angewiesen, und j sie brachte ihr Kind zur Ruhe, während sie | selbst mit sich zu Rathe ging und zu Gott ? flehte, ihr anzugeben, wie ste ihre Mutter ; den Flammen und ihren Mann dem Fluche j entreißen könne. Aber auf ihren Knieen ver- - sank sie in einen Schlaf und war sich am i Morgen keines Traumes, keiner Eingebung : bewußt. Der Commandant, der schon früh ! einen Versuch gegen da» Fort gemacht hatte, 5 verdrießlich zurück. Zwar hatte er keine Leute verloren, aber Francoeur hatte । so viele Kugeln mit solcher Geschicklichkeit . links und rechts über sie hinsausen lassen, . daß sie ihr Leben nur seiner Schonung ; dankten. Den Fluß hatte er durch Signal« ; Schüsse gesperrt, auch auf der Chaussee durfte
Niemand fahren, kurz, allerVerkehr der Stadt