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»HE 75. Samstag, den 2. April 1881.
Jfidbarr
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5t Politische Streifzüge.
Nachdruck verboten.
Wenn ich abergläubisch und zu schlimmen \ Hintergedanken geneigt wäre, könnte ich es j bedenklich finden, daß Fürst Bismarck ge« - rade am ominösen ersten April das! Licht der Welt erblickte. Aber die Zeiten der Astrologen und der Horoscope ist > vorüber, wo man den Tag, an welchem, ' und den Stern, unter welchem ein Mensch • geboren ward, als bedeutungsvoll für deflen i Schicksal bezeichnete; auch läßt sich Bis« marck nicht in den April schicken, und daß er selbst viel zu harmlos ist, um Andere ä zu foppen und zum besten zu haben, ist i weltbekannt. Er schickt uns höchstens neue j Steuern, direct und indirect; er schickt ■ Minister a. D. nach Italien; er schickt; einen Rommel und andere Telephone in's Feuer, — aber beileibe Niemand in den; April! Von dieser altrömischen oder alt« i keltischen Sitte will er umsoweniger etwas . wissen, als er selbst bei seiner Geburt vor ■ 67 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes j in den April geschickt wurde.
Fürst Bismarck, das Schwergewicht in der ausländischen und die Achse der inneren
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Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonnea«.
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Graf Dürande, der gute alte Comman« dant von Marseille, saß einsam frierend an einem kaltstürmenden Octoberabende bei dem schlecht eingerichteten Kamine seiner prachtvollen Commandantenwohnung und rückte immer näher und näher zum Feuer, während die Kutschen zu einem großen Balle in der Straße vorüber rollten, und sein Kammerdiener Basset, der zugleich sein liebster Gesellschafter war, im Vorzimmer heftig schnarchte. Auch im südlichen Frankreich ist es nicht immer warm, dachte der alte Herr und schüttelte mit dem Kopfe, die Menschen bleiben auch da nicht immer jung, aber die lebhafte gesellige Bewegung nimmt so wenig Rücksicht auf das Alter, wie die Baukunst auf den Winter. Was sollte er, der Chef aller Invaliden, die damals (während des siebenjährigen Krieges) die Besatz- > ung von Marseille und seiner Forts aus- | machten, mit seinem hölzernen Beine auf ■ dem Balle, nicht einmal die Lieutenants ■ seines Regiments waren zum Tanze zu brau- ’ chen. Hier am Kamine schien ihm dagegen j sein hölzernes Bein höchst brauchbar, weil, er den Basset nicht wecken mochte, um den
Politik, ist immer ein lohnender und vortrefflicher Ausgangspunct für politische Ergüsse, und so soll mir denn sein „etwas überlastetes Gedächtniß", von dem er am Montag im Reichstag sprach, als willkommener Anknüpfungspunct für meine heutige Plaudereien dienen. Ueberlastet ist nämlich Alles heutzutage: der Bürger mit Steuern» der Liberalismus mit Pech und die Woche mit guten und bösen Ereignissen. Man höre nur: in Deutschland fand in den Diöcesen Paderborn, Osnabrück und Trier die Wahl von Bisthumsver- wefern statt, die Gewählten wurden auf Grund einer gesetzlichen Handhabe des Eides entbunden und die Sperrung der Gehälter wurde aufgehoben; in Petersburg fand die Beisetzung eines durch Orsinibomben zeriffenen Kaisers statt, und der neue Czar sagte dem deutschen Kronprinzen viele Artigkeiten, worauf dieser einer Deputation von Deutschen aus Moskau den Frieden Europas als felsenfest gesichert bezeichnete; im ungarischen Parlamente baute der Liberalismus den Ehen zwischen Juden und Christen eine civile Brücke und in Rumänien setzte sich Fürst Carl die Königskrone auf'S Haupt; der ungerechte Krieg der englischen Raubpolitik gegen die Boeren in Südafrika hat sein Ende gefunden, und die belgische Deputirtenkammer hat trotz der Arroganz des Ministerpräsidenten einen neuen Präsidenten gefunden; der radicale Pariser Gemeinderath hat trotz der Proteste von 95 Spitalärzten die Barmherzigen Schwestern au» den Krankenhäusern vertrieben , und in Lissabon wurden die
Vorrath grüner Olivenäste, den er sich zur Seite hatte hinlegen lassen, allmählich in die Flamme zu schieben. Ein solches Feuer hat großen Reiz; die knisternde Flamme ist mit dem grünen Laube wie durchflochten, halb brennend, halb grünend erscheinen die Blätter wie verliebte Herzen. Auch der alte Herr dachte dabei an Jugendglanz und ver- tiefte sich in den Constructionen jener Feu- erwerke, die er sonst schon für den Hof angeordnet hatte, und speculirte auf neue, noch manigfachere Farbenstrahlen und Dreh« ungen, durch welche er am Geburtstage des Königs die Marseiller überraschen wollte. Es sah nun leerer in seinem Kapfe als auf dem Balle aus. Aber in der Freude des Gelingens, wie er schon Alles strahlen, sausen, prasseln, dann wieder Alles in stiller Größe leuchten sah, hatte er immer mehr Olivenäste in's Feuer geschoben und nicht bemerkt, daß sein hölzernes Bein Feuer gefangen hatte und schon um ein Drittheil abgebrannt war. Erst jetzt, als er aufspringen wollte, weil der große Schluß, das Aufsteigen von tau- send Raketen seine Einbildungskraft beflügelte und entflammte, bemerkte er, indem er auf seinen Polsterstuhl zurück sank, daß sein hölzernes Bein verkürzt sei, und daß der Rest auch noch in besorglichen Flam- men stehe. In der Roth, nicht gleich auf«
Minister davongejagt; in den Straßen von Madrid platzten Petarden, und in einer Kirche zu Oporto in Portugal insultirte man die Katholiken; Deutschland hat viele Auswanderer und der Konitzerverein von 10,000 Mitgliedern 6000 verloren; der Große Rath des Cantons St Gallen hat sich gegen die Wiedereinführung de Todesstrafe erklärt, und das franz. Cabinet hielt sich die Krisis vom Halse, indem sich die Minister in den feigen Mantel der Neutralität dem Wahlmodus gegenüber hüllten; im deutschen Reichstage wurde zwischen Schutzzöllnern und Freihändlern heftig debatirt, im französischen Senate und in der Depu- tirtenkammer furchtbar scandalirt, und auf dem Bankette der Syndicatskammern prügelte man sich sogar. In Constantinopel find die Diplomaten mit der Türkei und Griechenland nicht fertig geworden, und wie die Russen mit den Nihilisten fertig werden, das weiß kein Mensch; den belgischen Liberalen wird es angst und bange, denn wie in Antwerpen, so siegten neuerdings auch in Brüssel die Katholiken bei den Gemeinderathswahlen, und in Paris wird ein Duell zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Senator Janvier de la Motte stattfinden.....Der Leser ersieht
hieraus, daß wir nicht blos mit Steuern, gelehrten und dummen Zeitungsartikeln, endlosen Reichstagsreden rc., sondern auch mit recht vielen Neuigkeiten überlastet sind, und es ist erfreulich, daß sich wenigstens einige gute unter denselben befinden. Auf alle diese Einzelheiten kann ich nun unmöglich näher eingehen, denn dann müßte kommen zu können, rückte er seinen Stuhl wie einen Plikschlitten mit dem flammenden Beine bis in die Mitte des Zimmers, rief seinen Diener und dann nach Wasser. Mit eifrigem Bemühen sprang ihm in diesem Augenblicke eine Frau zu Hilfe, die, in das Zimmer eingelassen, lange durch ein bescheidenes Husten die Aufmerksamkeit des Commandanten auf sich zu ziehen gesucht hatte, doch ohne Erfolg. Sie suchte das Feuer mit ihrer Schürze zu löschen, aber die glühende Kohle des Beins setzte die Schürze in Flammen, und der Comman- dant schrie nun in wirklicher Noth um Hilfe, nach Leuten. Bald drangen diese von der Gaffe herein, auch Baffet war erwacht; der brennende Fuß, die brennende Schürze brachte Alle in's Lachen, doch mit dem ersten Wassereimer, den Baffet aus der Küche holte, war Alles gelöscht, und die Leute empfahlen sich. Die arme Frau triefte vom Wasser, sie konnte sich nicht gleich vom Schrecken erholen, der Commandant ließ ihr seinen warmen Rockelor umhängen und ein Glas starken Wein reichen. Die Frau wollte aber nichts nehmen und schluchzte nur über ihr Unglück und bat den Commandanten, mit ihm einige Worte in's Geheim zu sprechen. So schickte er seinen nachlässigen Dikner fort und setzte sich sorgsam in ihre Nähe-