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Sonnabend, den LS. Marz 1881

Fuldaer N8 Jeitung.

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Z Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

In derselben Stunde, al« ich die Nach­richt von der Ermordung des Beherrschers aller Reußen, des allgewaltigen Gebieters des nordischen Riesenreiches, erhielt, ging mir auch die neueste der .Frankfurter zeit­gemäßen Broschüren' zu, in welcher I. Lo- rique „Schule und Socialismus" behan­delt und einleitend sagt: „Wenn nicht alle Zeichen trügen, so stehen wir vor einer wesentlichen Umgestaltung des Gesellschaft!»- und Völker­lebens. Der sociale Organismus leidet an einer acuten (d. h. heftigen, hitzigen) Krankheit und stellt eine unheilvolle Krifis in Ausstcht. Diese Thatsache bedarf nicht erst eines Beweises, denn sie liegt offen vor Aller Augen. Die sociale Frage tritt in unseren Tagen so gebieterisch in den Vordergrund des öffentlichen Lebens, daß die anderen brennenden Fragen davor zu­rückstehen und erst durch ihre Beziehungen zu jener allgemeines Jntereffe erwecken können. Dar Nebel, woran die gegenwärtige ■ Gesellschaft leidet, macht sich mehr oder l weniger überall fühlbar, wo Culturvölker \ existiren; es ist im Grunde allenthalben ; dieselbe Krankheit, wenn sie auch in verschiedenen Ländern verschiedene Namen trägt. Die Socialdemokratie in ' Deutschland, der Communismus in i Frankreich, der Nihilismus in Ruß- j land, die Internationale in anderen ? Ländern find doch eigentlich nur besondere ? Erscheinungen des allgemein herrschenden NothstandeS."

Eine grelle Beleuchtung haben diese Worte durch den bis zum Fürstenmord verdichteten Wahnwitz jener Revolutions­partei erhalten, Oie darauf ausgeht, die ganze bestehende Ordnung der Dinge in gesellschaftlicher wie religiöser Hinsicht zu stürzen um auf den Trümmern ein neues Etwas, das aber selbst in den Köpfen die­ser Fanatiker noch keine feste Gestalt an­genommen hat, aufzubauen. Es ist ein vergeblich Mühen, den Nihilismus, eine Mißgeburt von Unzufriedenheit und Un­glaube, Leichtsinn und blindem Wahnwitz, von den Rockschößen der revolutionären politischen Parteien in Europa abzuschüt­teln, und indem der Pariser ,TempS' dies versucht, erinnert er nur an das Sprich­wort: „Wer sich vertheioigt, klagt sich an." Der ,Temps' sagt: „Man hat sich darauf gefaßt zu machen, daß das Verbrechen zu Gunsten der antiliberalen Ideen und dessen, was die Behörden den Geist der Revolu­tion nennen, ausgebeutet werden wird. Aber die große Streitfrage zwischen dem Princip der Autorität und der Freiheit hat mit diesem beklagenswerchen Ereigniß Nichts zu schaffen. Die liberalen und de­mokratischen Ideen können nicht in Mit­leidenschaft gezogen werden, sie sind der nihilistischen Bewegung durchaus fremd. Der Nihilismus ist ohne Beziehungen mit der Thätigkeit der politischen Parteien in Europa." Der,TempS' findet» daß Ruß­land mit Europa in diesen Dingen nichts gemein habe; die Ermordung des Czaren beweise Nichts gegen die Freiheit und De­mokratie, und es sei lügenhaft, aus diesen

62 Die Heldin des Bösen.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(Fortsetzung.) XXXIX.

Einige Augenblicke darauf saßen der neu Angekommene und seine beiden Begleiter im Salon und wurde der Erstere selbstre­dend mit Fragen wegen der Umstände be- stürmt, die seine Ankunft so lange verzögert und ihn gar verhindert hatten, nähere Nach, richten von sich zu geben, während ein An- derer kühn seine Stelle eingenommen hatte.

„Ich werde," antwortete der Officier, „Ihnen später ausführlich Alles erzählen, was mir während meines Aufenthaltes in Amerika und Afrika geschehen ist. Ich werde lange Zeit dazu nöthig haben! Uebrigens ist Alles ausgezeichnet und wird, hoffe ich, auch im Druck herausgegeben werden. Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, die Aufklärungen zu geben, die Sie von mir wünschen — Sie werden dann sehen, daß die Schuld nicht an mir lag, daß ich nicht herbeigeeilt bin, die Verzeihung ent« gegenzunehmen, die mein Vater mir gewährt hatte, und daß ich im rechten Augenblicke, d- h. vor seinem Verschwinden, nicht hier sein konnte. —"

„Von den Arabern gefangen genommen,

4 bin ich längere Zeit bei denselben geblie­ben, weil zu gleicher Zeit einer ihrer An­führer den Franzosen in die Hände gefal­len war und sie abwarten wollten, was mit ihm geschehen würde, um darnach über mein Schicksal einen bestimmten Beschluß zu fas­sen. Endlich wurden die Gefangenen aus­gewechselt, und ich eilte wieder zu meinem Regiment. Auf Umwegen erfuhr ich hier, daß mein Vater nach längerem Aufenthalte in Deutschland und in Italien wieder nach Frankreich zurückgekehrt sei. Ich mußte mir sagen, daß Laura in der Zwischenzeit ein großes Mädchen geworden fein müsse, und entschloß mich also, zu ihr zu gehen und sie wieder an ihre frühere Freundschaft zu erinnern — damit sie, wie einst die Taube in der Arche, als Vermittlerin diene zwischen einem erzürnten Vater und dem schuldigen Sohne — schuldig freilich eine» Jugendstreiches.

„Ich suchte also einen langen Urlaub nach, den ich auch wegen meiner Gefangenschaft und meiner Wunden — von denen die letzte, die ich, wie Sie sehen, im Gesichte erhielt, kaum geheilt war — leicht erhielt. Gewich­tige Gründe nöthigten mich, mich in Tou­lon aufzuhalten. Ein mir befreundeter Of-- freier, der den Bagno besucht hatte, sprach mir von einem Sträfling, dessen Aehnlich«

Ereignissen eine Anklage gegen die liberal len Grundsätze zu machen, welche mehr und mehr in Europa das Uebergewicht erlang­ten und Nicht» mit den Verbrechen der russischen Mordgesellen zu schaffen hätten. So? Das heißt denn doch der Logik und den offenkundigen Thatsachen Gewalt an- thun! Wenn die Attentäter ä la Russakow, Solowiew, Hartmann rc. nur den Despo­tismus und Absolutismus de« Czaren- thum» sprengen wollten, weshalb gab's denn in Deutschland, wo wir doch eine con- stitutionelle Verfassung haben, einen Hödel und Nobiling? Weshalb in Spa­nien und Italien, wo die Monarchie eben­falls keine unumschränkte ist, einen Mon« casi, Otero, Paffanante? Wie sind gar in der französischen Republik die Communard«, diese Bestien in Menschengestalt, möglich, und wie ist die Ermordung des Präsidenten Lin- coln und die Niedermetzelung des Präsidenten von Ecuador und Paraguay zu erklären? Nein, die Regierungsform, die hie und da nur als Vorwand benutzt wird, hat mit diesem Verbrechen Nichts zu thun; der Geist der Rebellion sist es, der um­geht, und dieser böse Geist wurzelt in dem Unglauben, der in der Gegenwart in breiten Schlammbächen die Länder der Erde überfluthet hat. Wo kein Glaube an Gott, keine Furcht vor dem Jenseits ist, da schwindet auch die Achtung vor der Autorität. Der Liberalismus hat dem Volke die Religion aus dem Herzen ge­spottet; er hat es gelehrt, die Autorität der Kirche, dieser Pflegerin und Hüterin des Gehorsams, der sittlichen und socialen leit mit mir ihm außerordentlich ausgefal­len sei. Neugierig ihn zu sehen, ging ich hin — in der That verhielt sich die Sache so, wie mein Freund mir gesagt hatte. Ganz besonders — ein seltsames Zusammentref­fen — hatte er eine rothe Linie, wie eine Narbe, die sich ihm über sein ganzes Ge­sicht hinzog. Am folgenden Tage sank ich ausis Krankenlager, und der herbeigerufene Arzt erklärte, daß ich vom Schleimfieber befallen sei. Es wurde so heftig, daß ich länger als einen Monat bettlägerig war und die meiste Zeit in vollständigen Fieber­phantasien dalag.

„Als ich wieder hergestellt war und wie­der ausgehen konnte, hörte ich, daß mein Doppelgänger aus dem Gefängniß entsprung- gen sei, und einer meiner Freunde meinte scherzend mir gegenüber, daß ihm an mei­ner Stelle diese Geschichte sehr unangenehm sein würde, da diese Aehnlichkeit möglicher­weise sehr widerwärtige Verdrießlichkeiten und Verwechselungen veranlassen könne. Die Bemerkung war gewiß ganz richtig und be­unruhigte mich nicht wenig. Verschiedene Vorfälle, die ich nicht weiter erzählen will, machten mir bald die Unannehmlichkeiten einer solchen unerklärlichen Aehnlichkeit sehr fühlbar. — Ja, ich wurde sogar eines Ta­ges mitten auf meinem Spaziergange ver-