Mittwoch, den 16. Mürz 1881.
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—m- Der Henrrirrg-Wallrrrarm- Scandal.
Unter diesem Titel erschien zu Frankfurt am M. eine kleine Broschüre von I. L. Klein, welche derartige „Enthüllungen über die Vorgänge bei dem Hilfsverein für Gewerbetreibende" bringt, daß dem Leser geradezu der Verstand still stehen möchte, und die Frage als ein unlösbares Räthsel erscheint, wie es denn nur mög- I i ch gewesen sein konnte, daß der Buchhalter einer mit Corporationsrechten versehenen Darlehnscaffe für Handwerker in dem „aufgeklärten" Frankfurt den mittleren Bürgerstand eine ganze Reihe von Jahren so an der Nase herumführte. Das Motto des Schriftchens lautet:
„Hin ist der ersparte Pfenning Durch die Schlechtigkeit des Henning, Armer Leute Geld Verprafser Trank Champagner er wie Wasser. Seine „Hilfscass" diente leider
Nur als Hilf dem Halsabschneider, Viele brachte er in Noth Schande folgt ihm in den Tod.
Der in dem Motto genannte „Halsabschneider" heißt Wallmann. Dieser Wallmann hat die verabscheuungswürdigsten Wuchergeschäfte getrieben. Endlich ist er der weltlichen Gerechtigkeit in die Hände gefallen. Der Buchhalter Henning dagegen hat sich bekanntlich am 18. Februar im Frankfurter Stadtwalde erschossen, um den Lohn für sein Leben vom ewigen Richter zu empfangen. Hier eine kurze Charakteristik der beiden Helden, sowie einige Proben ihres gewissenlosen Treibens:
feinsten Weine, sondern auch der besten
„Das Aeußere des Henning ist abstoßend. Man denke sich Mephisto unter der Maske des Fallstaff, einen starken, großen, brutal aussehenden Mann, mit rothem Haar und Vollbart. Leute, die das Unglück hatten, mit Henning auf dem Hilfsverein in Berührung zu kommen, können nicht genug über das rohe und schroffe Benehmen desselben klagen. Er war ohne Vermögen und trat, wie es heißt, seine Buchhalterstelle mit Schulden an. In einer früheren Stelle soll er sich allerlei Unterschleife zu Schulden haben kommen laffen. Seine Frau stammt aus Sachsenhausen von armen Eltern. Henning war ein Genußmensch in de» Wortes verwegenster Bedeutung. Er gab sich einer Verschwendung hin, die ihre» Gleichen suchte.
500 M. bestellt. Das Haus, welches den Henning, wie es selbst sagt, zu seinen besten Kunden zählte, beeilte sich, den Auftrag zu effectuiren, als es Nachricht von der Kata
strophe erhielt und die Sendung zurückhielt. Merkwürdig erscheint daß dieses luxu«
kannten wurde er für einen „guten Kerl" gehalten und seine Grobheit galt als Ausdruck eines biederenj, ehrlichen Gemüths! Die Kellner verlieren in ihm den Spender anständiger Trinkgelder, denn er gab nie unter 3 Mark.
Ja, Henning war gut und wohlthätig. Einem hiestgen Wirth in der Nähe des Hauses Sarasin ließ er eine Reise nach Italien machen, damit dieser sich von den Geschäftsstrapazen erhole. Einem anderen Wirthe am Theaterplatze soll er ca. 1000 Mk. gegeben haben als Beisteuer zu den Herstellungskosten eines Buffets.
Dieser Wirth hat auch aus Dankbarkeit gegen den freigebigen Freund, nach dessen so plötzlich erfolgten Tode einen „Extraplatz" auf dem Frankfurter Friedhöfe für denselben gekauft, wahrscheinlich damit derjenige, der so viele Sünden auf sein Haupt gehäuft, nicht neben armen ehrlichen Menschen in die Reihengräber komme.
Henning war nicht nur Consument der
Vielleicht war er einer jener zurechnungsfähigen Narren, wie sie Maudsley in sei- nein Buche: „Die Zurechnungsfähigkeit der Geisteskranken" schildert. Sein Vater, der Beamter auf der Constablerwache war, hat sich erhängt, der Sohn endete durch einen . , , , ,
Pistolenschuß. j Cigarren, weil sie theuer waren. Noch
Das höchste, was Henning zu kennen ! wenige Tage vor seinem Tode hatte er bei schien, war Essen und Trinken. Ec hielt dem Vertreter einer Hamburger Tabak- große Gastmahle in früheren Zeiten, äußerte - firma, von welcher er im vorigen Jahre bei solchen Gelegenheiten aber oft: „Daß ' für 700 M. Cigarren, ä 1 M., bezogen, nur der fDirectorj Geismar nichts davon er- ; für seine Freunde von derselben Sorte für fährt". Auch den Weibern war er nicht abhold ~~ ' und dürfte bei seiner genußsüchtigen Natur < wohl die Frage am Platze sein: Oü est j la femme?! In den hiesigen feineren Wein- wirtschaften war er ein gern gesehener ;
Gast, denn er verzehrte mit seinen Freun- . v„p VIV|„
den große Quantitäten. Von seinen Bc- riöse Leben Hennings, dessen Gehalt nur
Die Heldin des Bösen. *
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(Fortsetzung.)
Al» Laura von ihrem Erstaunen sich ein wenig erholt hatte, brach sie in die Worte aus:
„Aber Leopold! Leopold! Was mag nur aus ihm geworden sein! Ist er tobt oder lebt er noch! Unmöglich können doch seine Spuren ganz verschwinden. Ein Officier kann nicht verloren gehen, ohne daß man Nachforschungen angestellt habe, ohne daß man wisse, wo er eigentlich, unter welchen Umständen er verblieben ist. Ach, Herr Mielmont, Sie, der Sie schon so großen Anspruch auf unsere Dankbarkeit erheben können, der Sie bei allen diesen Ereignissen stets voll der Liebenswürdigkeit und der Bereitwilligkeit gewesen sind, leihen Sie uns auch jetzt Ihren Beistand, und helfen Sie uns doch, unseren Cousin wieder finden!"
„Mademoiselle," antwortete der Künstler einfach, „ich bin Ihren Wünschen bereits zuvorgekommen, und fast mit vollständiger Gewißheit glaube ich Ihnen mittheilen zu können, daß der Capitän Leopold de Vail- lantpont noch am Leben ist, daß er sich vollständig wohl und munter befindet, daß
i er nicht säumen wird, die wieder zu sehen, z die er unablässig geliebt hat und deren Zu- s Neigung zu ihm selbst er wohl kennt." - „Oh, mein Herr, sollte es möglich sein!" | rief Laura mit gefalteten Händen und strahlendem Gesichte aus, „täuschen Sie sich auch nicht?"
„Ich glaube es nicht. — Uebrigens, ich wiederhole cs Ihnen noch einmal, Sie werden Leopold wiedersehen, und zwar um so eher, je schneller er von der lebhaften Theilnahme Kenntniß haben wird, die Sie zu ihm hegen."
In der Hoffnung, nähere Mittheilungen von dem Künstler zu erlangen, bestürmte Laura ihn noch mit einer Menge von Fragen; indeß entschuldigte sich dieser damit, daß er ihr nicht mehr mitlheilen könne.
Dann kam die Rede auf die Beerdigung des Enkels der alten Cornelia, der in der That Anspruch auf den Namen de Bail» lantpont hatte, wenigstens nach den Papieren, welche die alte Bettlerin befaß, und aus denen klar hervorging, daß er der Sohn des Grafen de Vaillantpont war. Freilich hatte er seine Familie entehrt, seinen Vater genöthigt, ihn zu verleugnen, unter Sträflingen hatte er gelebt und halte den Bagno nur verlassen, um die Rolle eines Betrü- gers zu spielen.
In Anbetracht aller dieser Umstände be« i schloß man, daß Armand ohne Geräusch auf ! dem Kirchhofe des nahen Dorfes beigesetzt - werden solle.
i Am folgenden Morgen um sechs Uhr fand diese Beerdigung in Gegenwart Charles' de Savigny, Georges Mielmont und einiger Bauern statt.
„Ich muß auf einige Tage verreisen," hatte der Künstler zum Bruder Laura's gefügt, indeß erinnern Sie Ihre Schwester an das Versprechen, welches ich ihr gegeben habe, und sagen Sie ihr, daß ich es halten werde. Sie werden bald Leopold Wiedersehen.
„Ah," sagte Charles de Savigny, „Sie sind wirklich eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit! — Wenn ich an das Vergangene denke, so möchte ich sogar noch weiter gehen; es scheint mir, daß Sie nicht allein zu dem Zwecke hierhin gekommen sind, um Bäume und Landschaften zu zeichnen.
Sie müssen wohl noch andere Pläne ne- benbei haben, und ich bin wirklich versucht, Sie — ich weiß nicht wie ich sagen soll — für eine Persönlichkeit zu halten, die irgend eine Jntrigue verfolgt wie ein Spürhund seine Fährte, und die dann mit der Gewandheit eines Romanschreibers die Jntrigue löst und entwirrt."