*12 59* Sonntag, den 13. März 1881.
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Bismarck sieht also, daß Niemand es Mm recht machen kann; viel leichter da» gegen ist, es mit Allen zu verderben. Der Excellenz Camphausen gab er Bitterwasser zu trinken; den brandenburgischen „Domherrn" Eulenburg „rammelte" er; Lasker schlachtete er ab; Struve stampfte er mit sammt seiner ganzen Schamlosigkeit zu Boden, die richterlichen Beamten, den Berliner Magistrat und den fortschrittlich-jüdi- schm Ring übergoß er mit ätzendem Scheidewasser, — kurz, er ist nach der ,Köln. Ztg.' „der Hecht im Karpfenteiche" geworden. „Todtmüde" ist er nicht mehr, denn wer an einem Tage sechs lange Reden hält und erklärt, nötigenfalls „bis 8 Uhr sprechen zu wollen", der hat gesunde Lungen und starke Nerven. D. h. die Nerven sind so lange starck, bis ihm ein Miethwa- gen mit einem Meininger Landrach darin in die Quere kommt, der gegen den jungen Bismarck kutschirt, bis ihm ein Lasker „reine Unwahrheiten" an den Kopf wirft, oder der fanatische Struve mit einem „schamlos" heraurplatzt. Dann hat's aber geschellt! Dann wickelt er (um das poetische Bild, da» einst die.Magdeb. Ztg? zeichnete, zu gebrauchen) die Knochen eines solchen Knirpses in ein Schnupftuch und nnrft den zermalmten Klumpen in eine Ecke. Fürst Bismarck ist seiner eigenen Aussage zufolge „lange nicht so schlimm, als er geschildert wird"; das sage ich auch, und wenn es auch nicht zu billigen ist, daß er Ministern und Richtern, Staatsbehörden
und Gemeindebeamten seine Mißachtung so offen zu erkmnen gibt und'sie über ihren Unwerth belehrt, so meine ich doch, daß e r diese Leute am besten kennen muß, und das Volk erfährt auf diese Weise von compelenter Stelle au», welche Leute Land und Stadt regieren.
Ich finde es gar nicht schön und recht, daß jetzt alle liberalen und Judenblätter wie eine Meute angeschossener Eber über den sinkenden Kanzler herfallen und kein Wort zu seiner Vertheidigung haben; frü- her, al» er zur Jagd gegen das „Schwarzwild" in's Horn stieß, da trabten sie mit Halli und Halloh hinter ihm drein; heute aber, wo er den jüdisch-liberalen Ring und das verlotterte Wirth- schaftsregiment sprengen will, da schimpfen und raisonniren sie über den einst „geliebten Percy". Viel hat mir an den Neden BiSmarck'S nicht gefallen, aber das gefällt mir, daß er in voller Kriegsrüstung gegen Nationalservile, Fortschrittler und Semitismus aufmarschirl ist! „Kleinlich" mag es sein, daß der große Kanzler, der ; „Dank der Gnade Sr. Majestät des Kaisers reich genug ist", und der „weniger auf hohes Gehalt als auf gute Behandlung sieht", nachdem er Millionen als Dotation erhalten, sich über die chicanöse lieber« bürdung mit Steuern beklagt, — aber trifft der Tadel, den Bismarck an der Berliner Stadtverwaltung rügte, nicht mehr oder minder die Gemeindeverwaltung fast sämmtlicher Groß- und auch Kleinstädte? Ist die Steuereinschätzung denn immer gerecht und billig? Die liberalen Großindu
striellen bezahlen im Verhältniß zum armen Manne, der von der Hand in den Mund lebt, durchweg eine Steuer, die zu der de» Arbeiter« in gar keinem Verhältniß steht! Ich kenne den Vorsitzenden einer Steuer- Einschätzungscommission, der 5 bis 6 Geschäfte betreibt und seinen Classensteuersatz von 18 auf 12 M. herabsetzte.
Die Wuth der Liberalen ist ebenso begreiflich wie rührend, denn sie fürchten, der Kanzler werde sich ganz von Ihnen abwenden. Der ,Hann. Courr.' blickt „mit Bitterkeit" auf die Session des Landtags zurück und sieht „mit schweren (!) Gedanken" der Zukunft entgegen; die ,Kölnische Ztg.' findet den Kanzler nicht nur „kleinlich" , sondern auch „schwächlich"; uud nimmt sich sogar des von ihr in den Bann gethanen Secesfionisten Lasker an; die ,Magd. Ztg.', die ganz die Flügel hängen läßt, meint, es sei Zeit, „daß die Liberalen sich rühren", und so sollte man glauben, der tapfere Liberalismus wolle den Kanzler I mit Haut und Haar verschlingen, während diese Chamäleons die ersten wären, die bei der geringsten Winddrehung Bismarck den Schnurrbart ablecken würden. Was ist es denn, was die lebendigen Lichtfackeln Deutschlands so in Harnisch gebracht und so fuchswild gemacht hat ? Etwa Eulenburg'« Sturz oder Lasker's „reine Unwahrheit" ? Bewahre! Es ist nichts Anders, als die in Aussicht gestellte Milderung des„Cul« turkampfes" und die mehr und mehr zu Tage tretende Absicht der Regierung, mit einer confervativen Politik größer» Ernst zu machen. Es ist aber auch
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Die Heldin des Böse«.
Nach dem Franzdsischen von I. Rüttger».
(Fortsetzung.)
XYYVI.
Begeben wir uns jetzt auf's Neue zur Einsiedelei, wo eine ungewöhnliche Aufregung herrscht.
Madame d'Aulneux hatte man dort hingebracht, ebenso wie den Verwundeten, den wir einstweilen noch immer Leopold dx Vaillantpont nennen wollen.
Die Wittwe hatte man in einem Zim- mer eingeschlossen, während zwei Jagdaufseher von Hacheville sie bewachten; der Mann lag auf einem Bette hingestreckt, bei ihm ein Priester, ein Arzt und die alte Cornelia, die ihn nicht einen einzigen Augenblick verlassen hatte und fortwährend mit dem Ausdrucke schmerzlicher Zärtlichkeit auf ihn blickte.
Georges Mielmont ging mit düsterer Miene auf und ab.
Seine Züge waren fast so bleich wie die desjenigen, der voraussichtlich nur noch wenige Stunden zu leben hatte.
Der kleine Robert hatte sich in eine Laube im Garten geflüchtet und zerfloß in Thränen.
Man hatte die Gerichtsbehörde von dem Vorgefallenen benachrichtigt und erwartete jeden Augenblick ihr Eintreffen.
i Endlich erschien der Staatsprocurator mit dem Untersuchungsrichter und dessen Secretär; zwei Gepsdarmen begleiteten sie. Kleine Gruppen von Neugierigen, die die Nachricht von dem Vorfall angelockt hatte, umstanden hier und da die Einsiedelei.
Georges Mielmont hatte zuerst eine geheime Unterredung mit den beiden Beamten, worauf dieselben das Verhör de« Verwundeten begannen. Seine ersten Aussagen waren, daß er nicht derjenige sei, für welchen er sich ausgegeben hatte; nichtsdestoweniger fügte er hinzu, daß er trotzdem der rechtmäßige Sohn des Grafen de Vaillantpont fei.
Diese Aussage erregte bei den meisten Anwesenden das größte Erstaunen, und allgemein wurde der Zweifel an der Richtigkeit dieser Behauptung laut.
„Sprich, Cornelia, erzähle Alles," fuhr der Sterbende fort, ich habe nicht mehr die Kraft dazu."
„Meine Herren," sagte die Bettlerin sich erhebend, „Sie haben es gehört, er wünscht, daß ich Ihnen Alles offenbare; die Wahrheit haben Sie schon zum Theil aus seinem Munde vernommen — ich werde seine Aus«
. sagen vervollständigen — denn, wissen Sie, i ich, ich bin seine Großmutter. — Also ich i habe da« Wort?"
„Sprechen Sie," sagte der Staatsprocurator, „aber machen Sie's kurz."
„Darüber können Sie ohne Sorge sein. Obwohl man mich für verrückt hält, so begreife ich doch wohl, daß es keinen Augenblick zu verlieren gibt.
„Vernehmen Sie also, meine Herren, daß ich, nachdem ich sehr jung Wittwe geworden war, mich als Magd auf einem Schlosse verdungen habe, das in der Nähe von Mons im Hennegau lag und Herrn de Wattignies zugehörte. Ich hatte nur ein Kind, eine Tochter, für die ich die größten Opfer brachte, denn ich hatte sie in einem Pensionate untergebracht, wo sie eine für ihren Stand außergewöhnlich sorgfältige Erziehung erhielt. Als sie achtzehnjJahre alt war, wünschte ich sie wieder um mich zu sehen und brachte es dahin, daß Madame de Wattignies sie als Kammermädchen annahm. Zur Jagdzeit pflegte der General de Vaillantpont, der damals Wittwer war, immer einige Wochen auf dem Schlosse zuzubringen. Er sah meine Angelica und verliebte sich in sie. — Eines schönen Tages war die Unglückliche auf und davon, mir einen Brief zu« i rücklassend, in welchem sie unter allerhand