JI& 56. Donnerstag, den 10. März 1881.
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Deutsches Reich
* Berlin, 8. März. Der Cultusmi- nister v. Puttkamer muß nun doch die Erbschaft des Grafen Botho zu Eulenburg antreten. Vorläufig bleibt Puttkamer noch Cultusminister, hat also beide Ministerien, das des Innern und das des Cultur, zugleich zu verwalten. Später soll v. Goßler, Unterstaatssecretär im CultuSministerium und Reichstogspräsident, das CultuSministerium übernehmen. — Regierungspräsident v. Wolff in Trier wird Oberpräsident der Provinz Sachsen.
— (Reichstag, 8. März). Erste Lesung der Vorlage, die zweijährige Etatsperiode betr. Bennigsen erklärt sich Namens der Nationalliberalen gegen die Vorlage. Die Consequenz der Annahme der zweijährigen EratSperiode im Reiche bedingt auch eine solche Einrichtung in allen Einzel- floaten Deutschlands. Da kann es eintreten, daß im Reichstage das Centrum für und im preußischen Landtage gegen die zweijährige Etatsperiode stimmen wird, weil es in Preußen bei Fortdauer des Culturkampfes alljährlich seine Beschwerden vorbringen muß. (!!) Marschall (konservativ) für die Vorlage, jedoch für alljährliche Berufung des Reichstags, da derselbe in den nächsten zwei Jahren den Ausbau der wirthschaft- lichen Gesetzgebung zu betreiben haben wird. Reichensperger (Olpe) erklärt sich zwar gegen die zweijährige Etattperiode meint aber, daß bei alljährlicher Berufung des Reichstages die 2jährige Budgetperiode acceptabel fein werde, wenn das Extra- ordinarium des Etats alljährlich vorgelegt
wird. Minister Bötticher vertheidigt die Vorlage und meint, daß die Regierung bezüglich der alljährigen Berufung des Reichstags keine Schwierigkeiten machen werde. Stumm spricht sich für die Vorlage aus und kündigt an, daß falls eine Commission eiugesetzt würde, er dort den Antrag auf eine sechsjährige Legislaturperiode einbringen werde. Lasker plaidirt in sehr entschiedener Weise gegen die Verlängerung der Etats- und Legislaturperiode. Stumm beantragt die Ueberweisung der Vorlage an eine Commission von 21 Mitgliedern. Die Debatte wird auf morgen vertagt.
— Die Budgetcommission des Reichstags berieth gestern den außerordentlichen Etat der Militärverwaltung (einmalige Ausgaben). Die für den Neubau eines Cafernements für 2 Escadrons des rhein. Dragoner-Reg. Nr. 5 in Hofgeismar geforderten 200,000 M. wurden abgesetzt; die Forderung von 600,000 M. für den Neubau eines Cafernements für das Kol- berg'sche Grenadierregiment Nr. 2 in Stargard in Pommern wurde auf 50,000 M. ermäßigt, ebenso die Forderung von 130,000 M. zum Neubau einer Caserne für 6 Com- pagnien Infanterie in Stralsund auf 30,000 M., die Forderung von 400,000 M. zum Neubau einer Caserne für ein Bataillon des brandenburgischen Infanterieregiments Nr. 24 in Neuruppin auf 300 000 M., 400,000 M. zum Bau einer Caserne in Schwerin wieder abgesetzt. Der Referent hatte beantragt, die Forderungen für Neubauten durch einmalige Ausgaben in Summa von 915,000 M. auf die Anleihe zu über»
s nehmen; der Antrag wurde gegen die Stim- ! men der Conservativen und Reichspartei | abgelehnt. Bei der Berathung des Ma- j rineetats wurden bei den Capiteln Jndienst- ; stellung der Schiffe und Fahrzeuge, sowie der Naturalverpflegung 300,000 Mark abgefetzt.
— Eine königliche Verordnung bestimmt: 1) mit dem ersten April wird die durch Er- f laß vom 29. Decrmber 1879 eingesetzte | königliche Direktion der Berlin-Stettiner ! Eisenbahn zu Stettin aufgelöst und der Be- j zirk derselben mit dem Verwaltungsbezirk । der königlichen Eisenbahn-Directionjzu Ser» ! lin, welcher die bisherigen Befugnisse der i aufgelösten Direktion vom 1. April ab hier- j durch übertragen werden, vereinigt; 2) die ? eingesetzten königlichen Direktionen der Köln- Mindener Eisenbahn und der rheinischen Eisenbahn zu Köln werden vom 1. April dieses Jahres ab die Firma: königliche Ei- senbahn-Direction (rechtsrheinische) bezw. königliche Eisenbahn-Direction (linkerhei» Nische) führen; 3) mit demselben Zeitpunkte werden die Verwaltungsbezirke der königl. Eisenbahn-Directionen zu Berlin, Magdeburg, Hannover, Frankfurt a. M., Köln (rechtsrheinischen) und Köln (linksrheinischen) nach Maßgabe des anliegenden Verzeichnisses anderweit abgegränzt; 4) werden die königl. Eisenbahn-Betriebsämter a) zu Münster und Dortmund, b) zu Trier und Saarbrücken aus den Bezirken der königl. Eisenbahn-Directionen zu Hannover bezw. Frankfurt a. M. ausgeschieden und ad a) der königl Eisenbahn-Direction (recytSrhei» nischen) zu Köln, ad b) der königl. Eisen-
55 Di- Heldin des BSfen.
Rach dem Französischen von I. Rüttgers.
(Fortsetzung.)
„Mein Herr," rief die Wittwe höchlichst erzürnt au», „nicht genug mit der Gewalt, die Sie einer Frau anthun, fügen Sie noch die Beschimpfung hinzu, das ist doppelte Feigheit!"
„Immer dieselben schönen, großklin- genden Worte aus der Zeit, wo Sie noch beim Theater waren. — Ja, Sie haben sich in der That nach Barvoisau begeben, um dort ein Document zu entwenden, da» Sie dort verborgen wußten — Sie, die Sie auch, und zwar aus guten Gründen, wohl wissen, wo sich die Leiche des alten Grafen befindet. Aber jetzt, wo Sie sich doch bald vor Gericht zu verantworten haben, werden Sie wohl sprechen müssen."
„Vielleicht habe ich das Gericht weniger zu fürchten als Sie," antwortete Madame d'Aulneux mit Festigkeit; „Sie können mich tödten, aber einschüchtern werden Sie mich nicht."
„Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich Ihren ganzen Lebenslauf kenne, das ist genug gesagt — ebenso auch das Schicksal Ihre» Begleiters, der in der That jener aus dem Bagno entwichene Sträfling ist,
s auf den ich früher einmal anspielte. Wird i er morgen verhaftet, dann stürzen all' Ihre - Luftschlösser zusammen I"
; „Sie sprechen nur von Verhaftungen," - sagte die Wittwe scherzend; „ich habe mich i also nicht geirrt, Sie sind ein Agent der I geheimen Polizei, das, was man einen - Mouchard nennt 1"
\ „Meinethalben. — Haben Sie das be- • rühmte Testament gefunden, haben Sie es bei sich?"
„Rein."
„Und doch sind Sie nicht heute in dieser schrecklichen Nacht nach Barvoisau gegangen, ohne ihm Voraus gewiß zu fein, daß Sie j es finden würden; mithin ist Ihr Begleiter ! in dessen Besitz. — Uebrigens theile ich I Ihnen mit, daß binnen drei Tagen der j wirkliche Leopold de Vaillantpont, der Zoua» | ven Capitän, den sie tobt geglaubt haben, j hier anlangen wird. Er befindet sich in i Frankreich und wird von Allem, was hier : vorgeht, auf dem Laufenden gehalten."
Das schlaue, unverschämte Weib vernahm diese Worte sichtlich mit größtem Erstaunen, aber bald gewann sie wieder ihre frühere Geistesgegenwart.
; «Ich habe lange genug gelebt," sagte s sie, „und mich genug in der Welt umge- i sehen, um' diese verfänglichen Fragen zu
kennen; ich will nur bemerken, daß die Kunst, Jemanden zu verhören, nicht Ihre : starke Seite zu fein scheint, und daß Sie ! es wohl verdienten, von Ihren Vorgesetzten
Ihre» Amtes enthoben zu werden.
f „Ja," fuhr der Maler fort, „es wird . dieser Leopold kommen, der vor beinahe elf | Jahren sich in eine Tänzerin zu Lille sterb» i lich verliebte, die e« unter Anwendung von t allerlei Mitteln fo weit brachte, daß er sie : heirathete — unter dem Namen Tinah ■ My'io. Die Ehe war null und nichtig. Sie hieß eigentlichAnna Badonund war dieWittwe eines gewissen Robert Thuriot, eines Volksaufwieglers, der sich genölhigt sah, Frank- reich zu verlassen, und den sie in dem Augenblicke ermordet hatte, wo er im Begriffe stand, in Ostende sich nach England einzu- schiffen. Zu diesem Verbrechen fügte sie noch eine andere, nicht minder verabscheu- ungSwürdige That: ihr Kind ließ sie liegen an der Seite des ermordeten Gatten — —"
Während Mielmont mit zitternder Stimme diese Worte sprach, hatte er sich erhoben und stellte sich kerzengerade vor die Wittwe hin.
„Anna Badon." sagte er bann, „Dein Kind ist hier, in diesem Hause, vernimm es. — Glücklicher als fein Vater, ist es dem verbrecherischen Plan entronnen, den Du