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M 52. Sonnabend, den 5. März 1881.

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# Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Gewiß nicht ohne Befriedigung begrüßt der denkende Mensch nach den vielfach wüsten Fastnacht« « Tagen den Ernst wieder, der an ihn herantritt; nur vom Politiker läßt sich das nicht behaupten; denn nimmt er am Aschermittwoch, am Charfreitag, oder wann es auch sei, die Zeitungen zur Hand, in denen sich das Leben der Völker abspiegelt, — immer be­gegnet er den größten Tollheiten, gleich als sei die Welt ein permanentes Narren­haus und das Leben, das sich darin ab­wickelt, ein fortwährender Carneval; man findet Mummenschanz, Larven, Hans- wurstiaden, Dummheiten» aber keine Ehrlichkeit, keine Offenheit und selten ge« scheidte Streiche. Wenigstens ging es mir diesmal so ; am Dienstag besuchte ich einen Maskenball, um das färben- und gestalten­reiche Bild großer Kinder in bunten Lappen und Kappen an meinem Auge vorüberziehen zu sehen, und als ich am folgenden Morgen die Zeitungen zur Hand nahm, um mit ernster Miene den Puls­schlag öffentlichen Lebens zu prüfen, da hätte ich heller auflachen mögen, als am Tage vorher. Denn was ich fand, waren Comödien, Vermummungen, Versteckenspiel, Jntriguen, und diese wirkten um so ko­mischer, je feierlicher die Toga war, in der sie auftraten. Das Gebahren der Zeitungen oder vielmehr die Handlungsweise der Leute, welche die Politik machen, erinnerte mich an den Scharfrichter Krauts, ber in Frack und Cylinder am 19. Febr.

। in Cöslin einem Mörder den Kopf abschlug. | Da zog ein MaSkenzug an meinem Blicke | vorüber, wie er prächtiger von den be- ; währten Fuldaer Carnevalshelden nicht er­sonnen werden kann; die preußische Minister­krisis; die klopffechtende Flegelei Richters; der bald liberale, bald dictatorische Kanzler, die donnernde Strafrede Rickert'S; der 600-MillioneN'Etat des deutschen Reiches mit der kleinen Anleihe von 53 Millionen; die Zänkereien im österreichischen Parlament ob der Wucherdebatte, der Sprachenfrage und des Schulantrags; die wüsten „Cul- turkampfs"debatten in der belgischen De- putirtenkammer, wo Till Eulenspiegel, will sagen, Minister Bara oem Klerus den Hungergürtel umschnallt und die Bischöfe »in's Herz" treffen will, weil seiner An­sicht nach „der Socialismus weniger ge­fährlich ist, als das Mönchthum"; die Komödie im französischen Parlament, wo der unschuldige Gambetta, der nie ein Wässerchen getrübt hat, sich dem Volke auf dem Präsentirteller als Herrn des Landes anbietet und mit schmeichelnder Dialektik die Franzosen nach seiner Pfeife tanzen läßt; die Farce der orientalischen Fr-ge, die, man mag sie drehen und wenden, wie man will, auf eine Amputation der Türkei hinausläuft; der drohende „Culturkampf" in Spanien, wo das neue liberale Cabinet Saga- sta's mit Ctvilehe und Preßfreiheit der katho­lischen Kirche an den Kragen will; die irische Strangulirungs-Komödie in London; das widerliche Liebäugeln Parnell's mit Rochefort rc. — Das Alles könnte dem prächtigsten Carnevalszuge als Vorwurf

51 Die Heldin des BSserr.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(Fortsetzung.)

Er verbarg sich hier in einer Hecke und und wartete. Zehn Minuten später sah er Robert herankommen. Mit einem Satze stand er vor ihm — sofort hatte Robert ihn erkannt und zitterte an allen Gliedern

„Du hast mich belogen," sagte er zu ihm, indem er ihn bei den Händen ergriff; „aber ich weiß Alles; ich weiß, daß sie Dich erwartet. Gestehe jetzt die Wahrheit ein, oder wehe Dir!"

Robert, in seinem Schrecken, erzählte Aller, was sich zwischen ihm und Madame d'Aulneux zugetragen hatte.

„Schön," fuhr der Maler fort. „Begib Dich jetzt zum Pavillon, wo sie Dich er­wartet, aber wisse, daß Dein Leben in Ge­fahr ist. Sie hat ein großer Interesse daran, sich Deiner zu entledigen, und sie wird vor nichts zurückschrecken. Hüte Dich also irgend etwas anzunehmen, was sie Dir etwa zum Essen oder zum Trinken anbieten wird; merke genau auf alle ihre Bewegungen, und sobald sie Dich anrührt, brauchst Du nur zu rufen; ich bleibe in einiger Entfernung verborgen und werde Dir zur Hilfe eilen."

„Aber, Herr," warf Robert, dessen Zähne klapperten, ein, wenn das, was Sie glau­ben, wahr ist, so würde es ja das Beste sein, wenn ich gar nicht hingehe!"

„Doch! Du mußt hingehen, aber ver­traue nur auf mich und es wird Dir nichts geschehen. Uebrigens habe ich Dir ja ge­faßt, daß ich in der Nähe bin. Nun geh.'"

Das Kind trat zögernd durch die kleine Thür, welche ihm die Wittwe angegeben hatte, in den Park ein und befand sich bald im Pavillon, der nur einige fünfzig Schritte entfernt, war.

Fünf Minuten waren kaum verflossen, als Mielmont einen lauten Schrei hörte: „Hilfe, Hilfe!"

In dem Augenblicke, wo die Stimme des um Hilfe rufenden kleinen Robert das Ohr de« Künstlers traf, befand sich dieser mitten in einem Gebüsch, da« zum Theil aus stachelichen Akazia's bestand, und lehnte wieder einem Ast einer derselben.

Er trug einen weiten leinenen Ueberwurf, mit dem er zu seinem nicht geringen Aerger in irgend Etwas hängen blieb, als er auf den Hilferuf Roberfs wegstürzen wollte.

Einige Secunden verflossen, ehe er sich losmachen konnte.

Als er sich dem Pavillon näherte, stand er dem Kinde gegenüber, das in der größten

dienen, wäre der Hintergrund ein nicht gar zu trauriger und wären die Zuschauer es nicht selbst, die schließlich mit ihren höchsten Gütern, mit Geld und Blut, die Zeche zu bezahlen haben. Wie ernst dieser Hintergrund ist, den diplomatische Kniffe weben, das hat uns die Nachricht von der blutigen Schlacht bei Spitzkop zwischen den Boeren und Engländern am 27. Februar gezeigt, in welcher fast das ganze 59. eng­lische Regiment mit General Colley ver­nichtet wurde. Diese Nachricht fiel wie ein düsterer Schatten in den hellen Carnevals- jubel hinein, und wenn die abermalige Niederlage der ländergierigen Engländer auch der bitterste Ernst ist, so ist dieser Ernst nichts Anders, als die Folge des PoffenspietS, das in London getrieben wird.

Es drängt sich mir, wenn ich die Ar­beiten der europäischen Parlamente in der nüchternen Aschermittwochsstimmung be­trachte, unwillkürlich die Frage auf: Wozu sind eigentlich die Kammern, die Volksvertretungskörper da? Sie sollen bekanntlich der Willkür, dem Abso­lutismus einen Riegel vorschieben. Ist dies aber in der Thal der Fall? Im Ernste kann dies Niemand behaupten. Es klingt zwar schön, wenn das Volk sich sagt: Wir haben eine constitutionelle Verfassung, wir machen uns selbst unsere Gesetze; allein der ganze Parlamentarismus, der in fast allen Staaten Europa'« mehr Schein und Decoration. als Wesen und Wirklichkeit ist, ist in der Regel nichts Anderes, als der willkommene Deckmantel ein­zelner Staatsmänner für ihre Pläne;

Bestürzung, die Kleider in Unordnung,

| heraustrat.

„Nun," frug er Robert lebhaft, „ist sie nicht da?"

Er wollte sich schon anschicken, in den Pavillon einzutreten, als Robert zu ihm sagte:

„Nein, sobald sie meine Hilferufe ver­nahm, lief sie weg."

In der That war Niemand anwesend, aber er trat mit dem Fuße auf die Trüm­mer eines Glases und bemerkte, daß der Boden mit einer Flüssigkeit bedeckt war.

,,Jetzt sprich," sagte der Künstler, „und erzähle mir, was vorgegangen ist."

„Sie hatten wirklich Recht, lieber Herr," hob der Knabe an, „es ist in der That eine böse, böse Frau! Sie saß schon da, als ich hinkam. Wie hast Du Dich außer Alhem gegangen, Kleiner, sagte sie, Du hast gewiß Durst. Bevor wir miteinander plaudern, trinke dies hier. Damit goß sie etwas in ein Glas, das sie mir hinhielt. Ich lehnte es ab, so wie Sie es mir em­pfohlen hatten; sie drang in mich und wollte Gewalt anwenden, daß ich tränke. Ich stieß ihre Hand zurück. Sie sagte bann: „Du bist eigensinnig, ich auch, Du wirst trinken." Ich antwortete: „Nein, nein, ich will nicht." Sie faßte mich bei meinen Armen, um so