JH 48. Dienstag, den 1. MS,; 1881.
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* Gelegentlich der diesjährigen Kaftuachtfefston
haben Jhro Hoheit Prinz Carneval geruht, sich folgende Thronrede geneigtest aufschreiben zu lassen:
„Edle Herren und wohlweise Räthe meines Comitv'S! Tapfere Spieße! Honigsüße, goldene GassenjugendI Es bietet sich uns zwar zum öftern Gelegenheit, über die äußere und innere Politik unseres närrischen Reiches in den Wirthshäufern dieser Residenzstadt uns zu verbreiten, doch wollen wir diese festliche Zeit nicht verstreichen lassen, ohne an Euch über unsere Erfolge und Aussichten, über die ganze Lage unseres Reiches in hochfeierlicher Weife uns zu äußern.
Mit Genugthuung constatiren wir, daß die orientalische Frage sich bis jetzt ganz zu unserer Befriedigung entwickelt hat. Die Bewohner des Orient«, unter der spaßhaften Regierung unsere» Freundes, des Sultans, fahren fort, das ganze Jahr sich als Türken, Armenier, Griechen re. rc. zu ma»- Ilten und die anderen Leute zu foppen.
Auch aus den übrigen Staaten Europa'», zu welchen wir in freundschaftlichen Be
ziehungen stehen, wird uns gemeldet, daß sie nicht aufhören, Schulden zu machen, mit Soldaten zu spielen, sich gegenseitig Grimassen zu schneiden und es auf eine allgemeine Keilerei abgesehen haben. Man hat sich auch endlich bemüht, durch Berufung närrischer Käuze in die Ministerien und Kammern uns nach Kräften zu Willen zu sein, selbst unserer Vorliebe für orientalische Physiognomien.trägt man im Allgemeinen Rechnung.
Der zu unseren Ehren veranstalteten Flottendemonstration vor Dulcigno konnten wir zu unserem Bedauern nicht beiwohnen, weil wir damals unseren neuen Festfrack unserem Hofredner Gambetta für eine Geschäftsreise nach Cherbourg geliehen hatten.
Der angekündigte Besuch unseres Gönners, des Jean von Persien, unterblieb zu unserem Schmerze, denn seine hohe Zipfelmütze, ohne welche er nicht reisen mag, ging zur Zeit als Klingelbeutel im Lande herum.
Unseren Unwillen erregte nur, — glücklicherweise ein vereinzelter Fall — daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika fortfahren, ihre Schulden zu bezahlen. Die» muß ander» werden! Wir haben uns deshalb entschlossen, einige unserer tüchtigsten Nationalökonomen, sowie unsere gesummten Hofwucherer gratis hinüberzuschaffen , um diesen sonderbaren Leuten andere Ideen beizubringen. Indessen beabsichtigen wir nicht kriegerisch aufzutreten, sondern Frieden zu halten, vorausgesetzt, daß die Dummheit als höchste» internationale» Gesetz proclamirt und respectirt werde
■ und zum Beweise unserer friedlichen Gesinnung und zu Nutz und Frommen aller Länder gedenken wir eine Restauration am Nordpol einzurichten, um so die häufigen Expeditionen dorthin auf da» Wirksamste zu unterstützen.
Wenn so schon unsere internationalem Beziehungen befriedigend genannt werden dürfen, dann wird erst recht — insofern Euer Unterthanenverstand e» zu fassen vermag — unsere innere Reichsregierung Eueren vollen Beifall finden.
Unser Heer erfreut sich eine» vorzüg» lichen Stander, besteht nur aus eintägig freiwilligen Bürgermilizen, ist mit unschädlichen Mordwaffen bewehrt, wird so treff-' lich geführt, daß es noch nie einen Todteir, ja nicht einmal einen Verwundeten gehabt hat. Es besorgt außer dem Sicherheitsdienste und der Vertheidigung des Vaterlandes noch gratis die Aufsicht über geistliche Getränke. Nur die Einrichtung des Armee-Medicinalwesens hat sich als unzureichend erwiesen, indem am Tage nach der vorigen Schlacht ein böser Katzenjammer epidemisch und acut aufrrat.
Wir waren während des Jahres auch unausgesetzt bemüht, unser Marinewesrn zu heben und hoffen, daß es gelingen wird für unser Admiralschiff, die „Arche Noe" einen tüchtigen Befehlshaber endlich zu ge winnen.
Die Finanzen erfreuen sich eines blühenden Standes. Kein Gläubiger drängt uns„ da bei allen felsenfest steht, daß sie doch nichts bekommen.
Unter fothanen Umständen gedenken wix
48 Die Heldin des Böse«.
Rach dem Französischen von I. Rüttger».
(Fortsetzung.)
Der liebliche Klang seiner Stimme, sowie die Art und Weise, wie er sich ausdrückte, erregten die Aufmerksamkeit des Künstlers und mit den Händen in die Tasche greifend, betrachtete er ihn aufmerksam. Die Schönheit und der Adel seiner Züge leuchteten aus der Veränderung, welche sie durch Krankheit oder Elend erlitten hatten, hervor. Alder Künstler den Ausdruck seiner großen braunen Augen bemerkte, durchzuckte ihn eine Bewegung, die er sich nicht zu erklären wußte, und mit einem Male fühlte er sich zu dem Knaben hingezogen, daß er beschloß, ihn auszufragen.
Das Kind erzählte ihm, wie es so zu sagen gleich nach seiner Geburt Waise geworden, wie ein braver Bauerund seine Frau, die in Westflandern wohnten und ein wenig später sich in Brüssel niedergelassen hätten, es an Kindesstatt angenommen. Mit großer Sorgfalt, so erzählte der Knabe weiter, hätten seine Pflegeeltern sich seiner angenommen und ihn in eine Schule gebracht, damit er später ein Handwerk erlernen sollte; indeß hatte eine ansteckende Krankheit das Haus heimgesucht,
in welchem Sie wohnten, und Diejenigen, welche ihn mit so großer Sorgfalt geflegt, , waren in wenigen Tagen kurz nacheinan- der gestorben, und so stand er seit drei Wochen ganz allein in der Welt. Eine alte gute Frau, Namens Philomene von Acken, hatte sich zwar seiner wieder angenommen, aber sie war sehr arm und deshalb suchte er auf diese Weise einige Sou's zu verdienen.
Der Knabe hatte die» Alle« in einem Tone erzählt, der gar keinen Zweifel an seiner Aufrichtigkeit aufkommen ließ.
„Und wie heißt Du denn?" frug George» Mielmont.
„Robert Thuriot," war die Antwort.
Wenn der Blitz an seiner Seite nieder- ä gefahren, so wäre George» nicht so erschrocken ' gewesen al» jetzt, wo er diesen Namen au»- , sprechen hörte.
„Wie, wie," rief er mit erstickter Stimme, ! „Du heißt — habe ich gut gehört? — Sage e» noch einmal--"
Der kleine Knabe erschrack und wollte \ schon davonlaufen, aber George», der ferne Absicht merkte, nahm ihn beim Arme und hielt ihn sanft zurück.
„Fürchte nicht» von mir, arme» Kind," I sagte er in sanftem Tone; „Gott hat Dich | auf meinen Weg geführt. Bringe mich zu |
der Frau, bei welcher Du wohnst, und wenn ich Gute» von Dir höre, so wird Dein Glück gemacht sein. Du heißest also Robert Thuriot, nicht wahr?"
„Ganz gewiß, mein Herr; warum sollte ich e« sagen, wenn e» nicht wahr wäre?"
„Und wo bist Du geboren?"
^ch weiß davon nicht», aber ich bin zu Sterne bei Ostende erzogen worden, wo ich auch meine Eltern verloren habe."
„Kein Zweifel mehr," sagte Mielmont zu sich selbst, „es ist ihr Sohn! Merkwürdiges Zusammentreffen 1 Wirklich, man sollte sagen wie die alten Kreuzfahrer: „Gott will es!"
Eine Viertelstunde später befand sich der Künstler in einer der elendesten Gassen, welche in der Nähe der Rue Haute liegen. Sein kleiner Begleiter führte ihn in ein armseliges Gemach, welches dennoch sehr reinlich aussah; eine mehr al» siebzigjährige Frau saß bei ihrer Arbeit und war nicht wenig erstaunt, als der Künstler ihr den Vorschlag machte, den kleinen Robert in seine Dienste zu nehmen.
Der Kummer, welcher das Herz der guten Alten durchschnitt, als sie das Anerbieten des Künstler» vernahm, und die Lobsprüche welche sie ihrem kleinen Hausgenossen spendete, bestärkten den Künstler nur noch mehr