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M 46. Sonnabend, den 26. Februar 1881.

Fuldaer fll Jeitung.

Die »Fuldaer Zeitung^ erscheint t Sgl ich, Sonn- .unk Feiertage ausgenommen. Man obonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Expedition, Eanalfiraße Nr. 380, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche »bonnementspreiS keträgi eussck ließlich «ringkrlohn in Fulda'eine Markund e0R.-Pfg., mit Bringerlohn 1 M.70Pf., auswSrts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Marl und 60 R.,Pfg., ins Haus gebracht 1 Mark SO Pfg. Di« »illustrirten Eonntogsblätter« der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Pofischalter LS Pfg., in's Hous gebracht 40Pfg Inserate: Die Petit,eile oder deren Raum 10 Pfg., bei Wiederholungen 500/o Rabatt.

Für den Monat März nehmen Bestellungen auf die,Fuldaer Zeitung' alle Postanstalten, Landbriefboten und für Fulda die Expedition des Bl., Canal- stratze 380, zum Preise von 50 Pfg. (ohne Bestellgeld) an.

Z P olitische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Sähest du schon einmal, lieber Leser, ein Kind in einem Spielwaaren- oder Con- dilorladen vor all' den schönen Sachen und Süßigkeiten herumtrippeln; sähest du sein glänzendes Auge und die vor Begier zit­ternden Händchen, weil er vor lauter Wahl die Qual hatte und nicht wußte, wo es zuerst zugreifen sollte? Oder sähest du schon einen Feinschmecker in einem Delicateßge- schäft, wo ausgesuchte Weine und eine pi­kante Speisekarte seinen Gaumen kitzelten? So ähnlich mag das Gefühl Dessen sein, der die mit pikanten und interessanten, an sensationellen Ereignissen überreiche politische Speisekarte der letzten Woche mustert und nicht weiß, wo er zuerst zulangen soll. Da steht prickelnder Champagner aus der Hof­küche Bismarck's; grobkörniger Caviar; Minister-Pasteten ohne Thränenfauce; na- tionalliberales Frikassee, — kurz, Büchse an Büchse und Schüssel an Schüssel reiht sich, und das Herz im Leibe lacht Einem, wenn man daran vorbei spaziert. Diesmal gilt von der politischen Hexenküche das Göthe'sche Wort:

44 Dte Heldin des Böse«.

Rach dem Französtschen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Am folgenden Morgen in der Frühe schlug er den Weg zum Schlosse des Baron de Lossange ein, wo die erste Person, der er begegnete, Madame d'Aulneux war, die im Garten auf- und abspazierte, zugleich eine Zeitung lesend.

„Sonderbar," sagte sie; „ich ahnte, daß Sie bald kommen würden. Welche Nach­richten bringen Sie?"

„Schlechte Nachrichten I Ich habe Ihrem Rath gefolgt! Ich habe, obwohl ganz gegen meine Neigung, Laura um ihre Hand ge­beten, bin aber schimpflich abgewiesen wor­den."

Die Wittwe zuckte die Achseln.

„Und Sie geben so schnell da» Spiel verloren! — Wirklich, Sie zeigen wenig Beharrlichkeit."

„Um alle weitläufigen Erörterungen über diese» Kapitel kurz abzuschneiden, will ich bemerken, daß dte Sache zwischen ihr und mir so weit gediehen ist, daß ich Hacheville verlassen habe, um nicht mehr dorthin zu­rückzukehren."

„Das heißt, nur als Besitzer zurückzu­kehren, wollen Sie sagen?"

„Greif' nur hinein, in das politische Leben, Und wo du's anpackst» ist es interessant."

Wenn Fürst Bismarck nicht ein so gro­ßer Mann wäre, als bisher angenommen "wurde, und wenn ich boshaft genug wäre, mich über die Nebelkappe zu freuen, die er über fein strahlende» Haupt gezogen, so würde ich das Wort der,Nat.-Ztg.' aus dem Jahre 1873 citiren: „Es ist eine wahre Lust, heute zu leben", aber ich bin nicht so; ich weiß, daß Bismarck berechtigt ist, seinen Untercollegen (Windthorst nannte sie einfach „Commis") die Haare zu schnei­den uud ihnen den StandpUnct klar zu machen, und daß Niemand sich darum zu kümmern hat, wenn große Herren öffentliche Wäsche halten. Wenn kleine Leute sich zanken und Grobheiten sagen, dann bleibt's „in der Familie" oder höchstens in den vier Wänden des Gerichtssaales; wenn aber große Leute sich gegenseitig mit Com- plimenten tractiren, dann wird's gleich in alle Welt ausposaunt, und das ist eben das Schlimme. Bismarck thut mir herzlich leid, weil er als „Percy" den bösen „Preß- kosacken" wieder einmal Gelegenheit gege­ben hat, alle Haare seines Haupte» zu zählen.

Ich will nun nicht, obgleich ich ein ver­zeihliche» Prickeln in den Fingerspitzen ver­spüre, mit beiden Händen in den saftigen Gerichten herumwühlen und die zer­hackten Ministersünden zu einer Fricadelle formen, — die Speisen find gar zu ge­pfeffert, und Pfeffer wirkt auf die Thränen« drüsen, — sondern ich will nur mit dem freundlichen Leser das politische Deli-

„Oh, ich habe darauf kaum Hoffnung. Aus den Mittheilungen, welche ich aus der Umgebung des Notar» Roideau erhalten habe, geht hervor, daß die Anordnungen, welche der alte General zuerst getroffen hatte zu dem Zwecke, seiner Nichte sein gan­zes Vermögen zuzuwenden, so geschickt an­gelegt gewesen find, daß sich kaum hoffen läßt, daß die Gerichtsbehörde sie für un- giltig erklären wird, selbst wenn ich im Stande wäre, einen Proceß anzustrengen."

„Allerdings wahr," versetzte Madame d' Aulneux „wenn man aber jemals das eigen­händige Testament wieder finden würde, welches der Graf in seinen letzten Lebens­lagen auf Barvoifau gemacht hat!"

„Aber kaum möglich, ohne daß man die Leiche de» Grafen wiederfindet."

Die Lippen der Gouvernante umspielte ein bedeutsames Lächeln, das Leopold nicht entging.

„Freilich," sagte sie dann, „man hat viel gesucht. — E» bleibt nur noch zu wissen übrig, ob es nicht auf Borvoisau noch Stellen gibt, die man nicht abgesucht hat. — Das Schloß ist unbewohnt. —"

„Pauline," sagte Leopold lebhaft, „man hat gegen Sie Verdacht gehegt, ich für meinen Theil, bin fest überzeugt, daß Sie wissen, was au» dem Grafen geworden ist. — War

cateffen-Gefchäft der letzten Tage näher besehen, die Büchsen mit Caviar, Austern, Schweizerkäse und sonstigem pi­kantem Inhalte etwa» genauer untersuchen und die Verslein mittheilen, die auf jedem Töpfchen und jeder Büchse notirt sind.

(Erste Büchse) : Die rein gegessene Gründer.Ehre des geludwigten v. Ben­nigsen, schwimmend als mageres Fett­auge auf Champagnerfause, nur durch ein Vergrößerungsglas sichtbar. Warum geht Herr von Ludwig gegen die Gründer auch nicht zarter vor? Alle sind ja ehren- werthe, höchst refpectable Herren, die zwar mit recht groben Stricken ihre Opfer stran- gulirten, aber grobe Worte nicht vertragen, können. Immer hübsch parlamentarisch^ immer recht artig, auch wenn man es mit Aermeln zu thun hat, die das Zuchthaus streiften! Sonst schreit der ganze jüdisch­liberale Ring Au und Weh, und der zür­nende Achill Ludwig wird tobt ge—schwiegen. Das Caramellenbriefchen auf der Büchse aber lautet:

Sie aßen ihn mit Hochachtung Ganz rein von allen Schlacken Und wickelten mit Redeschwung Ihn in der Unschuld Laken.

Ein zweites ähnliche» Büchschen enthält einige nicht vergossen Blutstropfen aus dem Duell des Fürsten Putbus mit dem Ab­geordneten Richter nebst einem Schmink­töpfchen, um das Roth der Scham aus dem Gründergewiflen mit falschem Roth zu überpinseln und folgenden Spruch:

Wenn alle Gründersünden,

So zahlreich und so schwer,

für eine Absicht Sie dabei gehabt haben, weiß ich allerdings nicht; war es Ihr In­teresse ? War es Rache? Sprechen Sie, ich bin der Mann, der Ihnen in diesen beiden Dingen dienen kann, sehr wohl dienen kann, ich schwöre es Ihnen."

„Ich zweifle daran nicht. Aber glauben Sie es mir, ich bin es nicht, der den Gra­fen hat verschwinden lassen; ich habe nur Vermuthungen und Verdachtsgründe, das muß ich eingestehen; — aber wer diese» Geheimniß ergründen wollte, der müßte gro­ßen, ja gewaltigen Muth besitzen."

„Muth! diesen habe ich wohl."

„Aber es handelt sich hier um etwa» mehr, als einem rasenden Stier entgegen­zutreten, — Uebrigens ist auch der Augen­blick noch nicht gekommen, mich näher aus­zusprechen. — Aber was sehe ich? da kommt ja George» Mielmont in der Allee."

Leopold zitterte an allen Gliedern, al» er diese Worte hörte.

„Entschuldigen Sie mich," sagte )rdann „ich fürchte, daß ich mich bei seinem An­blicke nicht beherrschen kann. Wann werden wir un» wiedersehen?"

„Kommen Sie heute Abend dort unten, Sie wissen ja, dann können wir nach Her­zenslust plaudern."

(Fortsetzung folgt.)