Mittwoch, den 23. Februar 1881.
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O Das neueste Weltwunder.
„Die sieben Wunder der Welt" sind ein stehendes Capitel in den Geschichtsbüchern für die liebe Jugend. Mögen die bekannten sieben Denkmäler der Kunst theils ihrer ungeheuren Größe und Massenhaftigkeit, sowie ihrer Dauer, theils ihrer ausgezeichneten Schönheit wegen im Alterthume auch bedeutendes Aufsehen erregt haben, so weiß der Geschichtskenner doch genau, daß sie nicht die einzigen, ja auch nur einmal die ersten Werke gewesen seien, welche die stau- nenswerthe Größe des Alterthums kennzeichnen. Dieser Wunderkceis wurde erst nach Alexander des Großen Zeiten festgesetzt, und daß man gerade sieben solcher Wunderwerke zu einem glänzenden Ringe vereinigte, hat wohl mehr seinen Grund in der Auszeichnung, die man der Zahl „sieben" beilegte, als in der Ausschließlichkeit jener Werke. Denn wer wollte leugnen, daß z. B. die chinesische Mauer, welche (incl. des manschurischen Pfahlwerkes von 100 Meilen) in einer Länge von 800 Wegstunden sich aus dehnt, nicht mit den babylonischen Mauern, und der Kaisercanal Dünho, 500 bis 1000 Fuß breit, 300 Meilen lang, durch Bergs und auf Hochbauten über tiefe Thäler geleitet, sich nicht mit den hängenden Gärten der Se- miramis mesien dürften. Die großen Bauwerke im alten Rom, die römischen Straßen und Wasserleitungen erregen noch heute unsere Bewunderung. Auch das Mittel- alter hat seine Wunder. Mit Staunen schauen wir die herrlichen Dome jener Zeit an und blicken anderseits hinüber zu den
, Ruinen jener gewaltigen Burgen, von de- \ nen viele uns heute noch ein Räthsel sind, l indem wir fragen: wie war es möglich, i auf jenen hohen und jähen Bergrücken ! solch' eine Festung anzulegen.
Auch unsere Zeit hat ihre Wunder, groß । an Zahl, Kunst und practischer Bedeutung. ’ Was würden die alten Bewunderer der „sieben Weltwunder" sagen, wenn sie einen Blick in die Massenproductionen unserer i großen industriellen Etablissements thäten, wo tausende von Menschen und tausende von Pferde-Dampfkräften wirken? Was würden sie sagen, wenn sie unsere Eisen- i bahnen und Riesendampfschiffe, mit ihren i Maffenfrachten, was sagen, wenn sie schauten, wie Europa und China sich per Draht | unterhalten, kurz, wie Zeit und Raum auf j Erden beinahe verschwunden sind? Möglich I ist, daß sie ausrufen würden: „wir hätten j noch Größeres geleistet, wären wir schon 1 im Besitze eurer Hilfsmittel gewesen; mög- - lich aber auch ist, daß sie bescheidener ge- I wesen wären, als die meisten modernen Künstler und Baumeister, und den „Göttern" die Ehre gegeben hätten. Und wie würden die Alten staunen, wenn sie mit glühendem Dampfroß durch den gewaltigen Mont-Cenis und den St. Gotthard- Tunnel führen und bei einem Besuche des „siebten Weltwunders", der Pyramiden, i plötzlich gewahr würden, wie eine breite künstliche Wafferstraße die Landenge von Suez durchfließt?
Das neueste „Wunder", das unsere Zeit in Angriff nehmen will, ist die Durch- । stechung der Landenge von Pa-
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Die Heldin des Böse«.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(Fortsetzung.)
XXXI.
Es gibt einen Menschen, den man in der Hütte wie im Palast jeden Morgen sehnsüchtig erwartet, einen Menschen, dessen Kommen un« meistens angenehm ist, weil er gerade das bringt, was für uns so große Anziehungskraft hat: Neues und Unsermuthetes. Ich spreche von einem Briefträger.
Derjenige Postbote, welcher das Schloß des Herrn de Loffange bediente, kam sehr frühe dorthin, und da Herr de Loffange ungeduldig auf seine Zeitungen und Briefe wartete, so war er immer pünktlich zur Stelle, wenn dieselben ankamen. Es verhielt sich sreilich mit Madame dÄulneux und Bertha nicht so, denn diese erhoben sich vor acht Uhr kaum von ihrem Lager.
An jenem Tage indeffen sah der Baron, welcher am Fenster stand, die Gouvernante seiner Tochter auf einer Bank im Garten fitzen, wo sie einen Brief las, während zu gleicher Zeit ein zweiter entfaltet auf ihren Knieen lag.
Ein wenig darauf trat die Wittwe wie
der in's Haus und begab sich zum Baron, der lachend zu ihr sagte:
„Sie waren ganz sertieft in die Lektüre Ihrer Correspondenz; sie muß wohl sehr intereffant und ungeduldig erwartet gewesen sein, daß Sie sich außergewöhnlich frühe erhoben haben."
„Oh, es war ganz zufällig, daß ich ge- rade anwesend war, als der Briefträger kam. In der That ist einer von den beiden Briefen, die er mir gebracht hat, von großem Interesse für mich. Es ist darin — freilich auf ganz vertrauliche Weise — die Rede von diesem Herrn Mielmont, den Sie mit Ihrer gewohnten Liebenswürdigkeit und Sorglosigkeit in Ihr Haus eingeführt haben, ohne ihn näher zu kennen."
Herr de Lossange sah die Gouvernante erstaunt an.
„Ich habe ihn eingeladen, weil er ein talentvoller Mensch ist, der mir in sehr klarer Weise die Gründe auseinandergesetzt hat, die ihn bestimmten, die schöne Jahres- zeit in Artois zuzubringen. Haben Sie vielleicht ungünstige Nachrichten über ihn?"
„Ich hatte bereit« die Ehre zu bemerken, Herr Baron, daß man mir4»nter dem Siegel der Verschwiegenheit geschrieben hat. Jndrß kann ich Ihnen drei Thatsachen mit aller Bestimmtheit mittheilen; von Profes-
nama. Zur Vollführung des ProjecteS sind verschiedene Pläne ausgestellt, lange haben die Vorarbeiten gedauert, die viele Kosten und Verhandlungen erforderten. Tie Beschaffung des ungeheuren BaucapitalS, die bei großen Unternehmung oft hindernd in den Weg tritt, machte nach dem guten Verlauf des Suez-Projectes hier weniger Sorge, wohl aber stellten sich andere erhebliche Bedenken und Schwierigkeiten ein. Männer der Wissenschaft fürchteten, daß bei einer Durchstechung der Landenge von Panama der Golfstrom, der sich in die centralamerikanischen Gewässer ergießt, dort bricht und dann nördlich wendet, den Canal weiter aushöhlen und sich schließlich mit Gewalt in den großen Ocean stürzen werde und daß dadurch das nördliche Europa in eine Eiszone umgewandelt werden könne. Wieviel oder wenig eine solche Besorgniß Berechtigung hat, wagen wir als Laien auf diesem Felde nicht zu entscheiden; sicher ist nur, daß die Practiker eine solche Furcht nicht theilten. Andere Bedenken erhoben sich in technischer Beziehung, ob es nämlich möglich sein werde, die gewaltige Gebirgsmassen (Anden) jenes Districtes in solcher Höhe und Breite zu durchbrechen, um die größten Seeschiffe mit ihren Masten viele Meilen weit unterirdisch zu befördern, ferner die nöthigen rießenhaften StauungS- und Schleusen- Anlagen zur Ausgleichung der Niveau- Verhältnisse durchzuführen. Alle diese Bedenken sind indeß überwunden, und der Plan liegt zur Ausführung fertig vor. Große Schwierigkeiten anderer Art, deren sion ist er kein Maler; er ist an anderen Orten auch unter einem andern Namen bekannt gewesen als unter demjenigen, den er hier in unserer Nähe trägt; und, was für uns Alle sehr große Bedeutung hat, weßhalb ich es auchnichtverschweigenkann—"
„Sprechen Sie doch, Madame, Sie beunruhigen mich wirklich."
„Uebrigens habe ich schon zur Hälfte die Wahrheit verrathen, und auch Sie, der Sie so klug sind, haben gewiß auch schon etwas Sonderbares in dem Blicke, in den Manieren, in der Sprache des Unbekann, ten bemerkt. Kurz, ich will Ihnen mit» tbxilen, daß man mir ihn als einen Menschen bezeichnet hat, dessen Geisteskräfte nicht ganz unversehrt mehr sind."
Der Baron lachte laut auf.
„Die Person," sagte er dann, „welche Ihnen die« mitgetheilt hat, ist entweder schlecht unterrichtet oder ist gegen den Herrn Mielmont feindlich gesinnt. Man hat Sie erschrecken wollen. Ich darf mich einer langen Menschenkenntniß rühmen, und war ich bis jetzt bei unserem Nachbar habe bemerken können, ist eine vollkommene Ruhe und ein seltener klarer Verstand. Dann ist er Künstler, und biet, wird es schon sofort erklären, wenn er seine Eigenthümlich- leiten hat."