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Sonntag, den 20. Februar 1881
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z Politische Streifzüge, Nachdruck verboten.
„Was versteht man eigentlich unter P o« litik?" fragte mich jüngst ein kleiner Bube, der das inhaltschwere Wort irgendwo aufgefangen haben mochte. Ich sah ihn an, lächelte und sagte: „Das verstehst du nicht, mein Bursche"; ich wollte ihm nicht sagen, daß selbst manche große Männer die Politik nicht verstehen. Und wenn nun einer meiner Leser diese Frage an mich richtete, war könnte ich wohl entgegnen? Ich würde sagen: Die Politik ist der Webstuhl der Völkergeschicke mit mehr falschen als guten Einschlägen; ein Feuer, an dem sich Mancher die Finger verbrennt, und das schon ganze Nationen verzehrt hat; die verkörperte Gewissenlosigkeit, Selbstsucht, Habgier, Lüge und Heuchelei; eine Schröpf- und Aderlaßmaschine für den Geldbeutel der Menschen, mit kleinen Abzapfungen der Großen und Capitalisten und starken Ader- lässen der Bauern und Handwerker; ein Versuchsfeld für ehrgeizige, abenteuerliche und unternehmungslustige Köpfe; eine Dressuranstalt für ungehorsame Bürger; eine Bühne für Maulhelden; ein glatter Par« quetboden für ehrliche und gerade Menschen; ein Schaffst für Charaktere; ein glühender Rost für Volksfreunde; ein Marionettentheater mit Puppen und Drähten; ein Schauspielhaus mit Couliffen, Versenkungen, Souffleurkasten und Vorhängen; eine erschütternde Tragödie; eine zweifelhafte Gründung, deren Actien auf „Glück und Menschenwohl" lauten, die aber stets tiefer tm Course fallen; eine mit Volksrechten
und Scheinparlamenten überzuckerte Wurmpille; ein Honigtopf, dessen süßer Brei den Völkern nicht blos um den Mund, sondern auch über die Augen geschmiert wird; ein Tanzboden, auf dem Alle nach der Flöte einiger Musikanten tanzen und springen; ein Narrenhaus, in welchem der Eine den Andern für verrückt erklärt; eine Fechtschule mit sichtbaren und unsichtbaren Waffen; ein Schlachthaus mit Metzgern und Kälbern; eine große Treib- und Kesseljagd mit Hasen auf der einen und Hunden auf der anderen Seite; eine Kaserne mit gehorsamen Soldaten und befehlenden Unter« officieren; eine Schönfärberei mit Anilinstoffen ; eine Kirmeßbude mit lockender, bunt bemalter Front und leerem Inhalt; eine Sandbüchse, die uns in die Augen geschüttet wird; eine Lotterie mit vielen Nieten und einzelnen Gewinnen; das Pa- tentbureauj für Raffinement und Ränkesucht und der goldene Born für gewissenlose Schlauberger und Maitreflen. Dies Alles und noch viel mehr ist die Politik, die bald im eisernen Panzer des Absolutismus, bald im verbrämten Purpur des Constitution«- lismus, bald in der Harlequinsjacke der Republik aufmarschirt; hinter ihr her trollen die Menschen, jubelnd und klagend, lachend und weinend, — und diesen tollen Car- nevalrzug nennt man: Völkergeschichte..
Wie in einer großen Dampsweberei das gewaltige Schwungrad srastlos rollt und schnurrt, viele andere Räder und Achsen treibt und unzählige Fäden in Bewegung setzt, so treibt auch die Politik die Staaten und webt den baumwollenen Stoff: Volks«
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Die Heldin des Bösen.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(Fortsetzung.)
„Aber.Mademoiselle," rief Georges Miel« mont in vorwurfsvollem Tone. „Sie begehen da in ihrer Verstimmung eine Handlung, die Sie vielleicht später bereuen werden."
„Und weshalb?"
„Weil dieses Kleinod Sie an eine Vergangenheit erinnert, die, wie Sie sagen, Ihnen lieb und theuer ist, und weil ja auch immerhin die Täuschungen der gegenwärtigen Stunde vielleicht nicht dauernd sind, sondern - —"
Das junge Mädchen wollte eben den Fremden um eine nähere Aufklärung über diese Worte bitten, als die Baronin und ihr Sohn sich umwandten und ihnen entgegen kamen.
Sie kehrten wieder in's Schloß zurück mit Ausnahme Georger', der langsam nach Einbruch der Dunkelheit seine Wohnung aufsuchte.
Indem er eine kleine Lindenallee verfolgte, gelangte er an einen Hügel, den mehrere Kastanienbäume krönten, und er sah nur undeutlich unter einem der hundertjährigen Bäume eine Frau sitzen.
Der Ort war vollständig öde, und die Nacht schon ziemlich vorgerückt.
5 Mit Recht frug er sich, wer nun diese - Frau sein könne, die sich nicht fürchte, so \ nächtlicher Weile ganz allein, fern von jeder , menschlichen Wohnung sich zu bewegen.
Er trat vorsichtig so nahe als möglich \ hinzu, in der Hoffnung, so ihre Züge in ! etwa» unterscheiden zu können; aber in : demselben Augenblicke erhob sie sich, stieg 1 den Hügel hinab und betrat den Weg, der ! an demselben vorbeilief.
s Der Künstler bemerkte jetzt, daß sie in eine Art Mantel gehüllt war, den sie vorhin nicht trug. Der Gedanke, daß es vielleicht Madame d' Aulneux sein könne, kam ihm plötzlich in den Sinn.
Im nämlichen Augenblicke tauchten die Umrisse eines Menschen in einiger Entfernung auf einer kleinen Anhöhe auf.
Geraden Weges kam dieser Mensch auf die Unbekannte zu, gerade als ob er sie hier erwartet habe.
„Ah," sagte Georges leise zu sich selbst, „sicherlich Mitverschworner. Ich will versuchen, ob ich sie eikennen und verstehen kann."
Leise schlich er an einer andern Seite den Hügel hinauf, wo er sich hinter einem der gewaltigen Bäume verbarg.
wohl. Bald schneidet das Schwert eines neidischen oder rachesüchtigen Nachbarn den Faden jäh durch, bald greift der Weber selbst mit übermüthiger oder frevelnder Hand in das künstliche, zarte Gewebe, und mit dem Leben von Hunderttausenden und dem Glücke von Millionen wird gespielt, als handle es sich um Spielpfennige. Oder wie soll ich es nennen, wenn die officiöse .Norddeutsche', kurz darauf, nachdem Bismarck einen langen Frieden feierlich verheißen, mit dem französischen Rachesäbel raffelt, — zu Gunsten eines Börsenmanövers! Daß Gambetta auf den Eiern der Rache sitzt, und daß Deutschland sich mit dem gallischen Hahn noch einmal wird messen müssen, das gebe ich zu; aber so bald wird dies nicht geschehen, und ohne Bundesgenossen wird Frankreich keinen Angriff wagen; dieser einzig mögliche Bundesgenosse, Rußland, ist zur Zeit aber Nichts weniger als gut auf die Politikmacher in Paris zu sprechen, und auch keineswegs im Stande, ein s chlagfertiges Heer an unsere Ostgrenze zu weifen. Weshalb also das Kriegsgeschrei des Bismarck'schen Leibjournals? Wollte es vielleicht den Ansichten Moltke's, daß der Krieg „eine von Gott gewollte Weltordnung" sei, zu einer furchtbaren und blutigen Illustration verhelfen? Kriege wird's immer geben, aber nöthig sind sie nicht, selbst nicht einmal als Elixir gegen den Materialismus! Nöthig sind sie nur in den Augen avancements, lustiger Lieutenants und festgefahrener Diplomaten, aber nie in den Augen des Landmannes, des Handwerkers, des Künst-
Gleich darauf erkannte er in dem Men« fchen, der hinzugekommen war, Leopold de Vaillantpont.
Die Frau war unbeweglich in der Mitte des Pfades stehen geblieben.
Der eben Hinzugekommene stand endlich ganz nahe bei ihr.
„Ah, bist Du es, Cornelia?" sagte er; „ich hatte mich also nicht getäuscht, als ich Dich schon von Weitem zu erkennen glaubte. Aber was thust Du eigentlich hier? Hast Du mich vielleicht zufällig erwartet?"
»Ja, ja, ich bin es," antwortete sie mit gebrochener Stimme; „da der Berg nicht zu Einem kommt, so muß man wohl zum Berge kommen. Webhalb bist Du heute Morgen nicht in die Allee von Barvoisau gekommen? Ich habe daselbst länger als eine Stunde gewartet?"
„Ich hatte das Rendezvous vollständig vergessen, übrigens wäre es mir auch unmöglich gewesen, mich einzufindcn. Ich muß so viel Vorsicht gebrauchen!" —
Die Alte brach in ein schallendes Gelächter aus.
„Du, Kluger!" sagte sie; „Du bist weiter nichts als ein Dummkopf, ein Undankbarer und eine feige Memme."
„Oh, oh, Cornelia, was sind das für