Einzelbild herunterladen
 

M 32

Donnerstag, den 10. Februar 1881

Zeitung

T-,,A

- »w.

O Verallgemeinerung u*b Reform des Ei send ah «wesens.

(Zur Secundärbahnfrage). (Schluß)

Einfache Schienenwege entsprechen dem­nach, nicht blo- wie wir oben sahen, den Anforderungen des Localpersonenverkehrs, sondern auch den Anforderungen des gro­ßen, weitgehenden und Transitgüterverkehr«. Deshalb ist es zweifellos sicher, daß künf- tige Eisenbahnen einfachen Betriebsstiles, außer dem Verkehr von den Landstraßen, auch einen großen Theil der Trans- portmaffen von den bestehenden Bahnen abforbiren (aufsaugen) werden. Wo eine schlichte Secundärbahn an zwei Endpuncten mit bestehenden Bahnen in Verbindung tritt, da hat sie m e h r als bloße locale Bedeutung. Obgleich die Transportmaffen die Tendenz haben, sich auf vortheilhafte Weise über sämmtliche Transportrouten zu vertheilen, so wird doch bei Eisenbahnen, im Gegensätze zu Landstraßen, oft auf Um- wegen tranportirt. Verschiedene Gründe tragen hierzu bei. Der kürzeste Eisenbahn­weg ist, der Steigungen rc. wegen, nicht immer auch der billigste. Der Transport auf Eisenbahnen wird nicht wie bei Land, und Wasserstraßen von einer Vielheit von Privaten, sondern von einer einheitlichen Verwaltung, sei es Privat« oder Staats- bahnverwaltung, besorgt. Hier tritt Eon« currenz ein. Immerhin aber ist es nur ein vorübergehender Zustand, wo der weitgehende Güterverkehr über unvor- theilhafte Umwege dirigirt wird. Ent« weder wird die verkürzende, concurrirende

Linie angekauft oder es werden Verträge geschlossen.

Wo die Eisenbahngesellschaften klein und in ihrer Vereinzelung nicht mächtig sind, pflegt letzteres zu geschehen. Bei einer großen Vielheit von Eisenbahn-Inhaber« schäften, braucht doch immer nur eine ein­zige Verwaltung den weitergehenben und Transitgüterverkehr zu besorgen. Die be- treffende Verwaltung würde die übrigen Eisenbahngesellschaften, über deren Bahnen sich der Verkehr bewegt, für Stellung der Zugkraft resp. für Benutzenlaffen der Bah- nen entschädigen. Wo Secundärbahnen in Betracht kommen, braucht jene Verwaltung nicht gerade eine Secundärbahngesellschaft zu sein, sondern könnte auch jede beliebige Privat- oder Staatsbahnverwaltung den genannten Güterverkehr betreiben. Er ist auch gar nicht einmal nothwendig, daß die den weitgehenden und Transit-Güter- verkehr betreibende Verwaltung überhaupt an Eisenbahnbesitz organisch geknüpft ist. Große, nicht Eisenbahnen besitzende Privat- und sogar Staatrinstitute (nach Analogie der Posteinrichtungen) waren zum Betriebe des weitgehenden und Transitgüterverkehrs geeignet. Somit verschwinden alle Beden­ken, die gegen die Existenz kleiner Se- cundärbahn-Jnhaberschaften resp. .Gesell- chaften geltend gemacht werden könnten.

Der Güterverkehr umfaßt zum größeren Theile den Verkehr in ganzen Wagenla- düngen und zum kleineren Theile den Stück- gutverkehr. Es wäre wünschenswerth und zugleich vortheilhast, wenn letzterer auf eine große einheitliche Verwaltung, welche

mit der Postverwaltung in organischer - Verbindung stände, übertragen würde. Hier« ( durch würde die Promptheit der Beförder- i ung größer und könnte der genannte Ver- kehr bei großen Entfernungen über Schnellfahrtsbahnen dirigirtwerden. Den Eisenbahn. Verwaltungen würde ein großer Theil von Schreibereien, Recherchen rc. erspart. Selbstredend müßte für Siel« lung der Zugkraft, welche der genannte Verkehr benöthigt, Entschädigung geleistet werden. Jene Reform wäre eine vernünf­tige, Kosten ersparende Geschäftstheilung, bei welcher sämmtliche Bahnen, welchen Betriebsstil sie auch hätten, profitiren würden.

Aus den obigen Erörterungen geht her­vor, daß sowohl bei den bestehenden Eisen­bahnen viele Betriebskosten erspart werden können, als auch, daß neben diesen Bahnen noch eine sehr große Menge von Secun­därbahnen existenzfähig ist, daß letztere an Meilenzahl noch bedeutend weitverzweig« ter als erstere sein können. Jedenfalls müßte das Eisenbahnwesen mehr populari« sirt und in den Kreis volkswirthfchaftlicher Erörterungen gezogen werden.

„Unzweifelhaft ist es dringend wünschens« werth," sagt der bedeutendste der Eisen« bahnfachmänner, „daß der allgemeinen Kenntniß und richtigen Beurtheilung de« Eisenbahnwesens ein größeres Interesse als bisher zugewendet und daß Verbesserungen und Erweiterungen dieses wichtigen Com« municationsmittels im weitesten Umfange angestrebt werden."

Mit diesen Worten wollen wir schließen.

Die Heldin des Bösen.

Nach km Französischen von I. RüttgerS.

(Fortsetzung.)

Die Verlegenheit Laura'« und ihre« Bru« ders war keine geringe, und sie erwarteten, daß ihr Vetter ihnen irgend welche Auf- klärung wegen seines seltsamen Benehmens von sich geben würde; aber er hüllte sich in ein undurchdringliches Stillschweigen.

Charles konnte indeß nicht länger schweigen.

„Ach, mein lieber Cousin," sagte er, „Sie erlauben mir zu bemerken, obwohl ich Ihnen gegenüber nur ein Grünschnabel bin, daß Sie, wenn Sie auch vielleicht sonst dem Herrn gegenüber, dem wir soeben begegnet find, nach ihrem Belieben auftreten konn­ten, doch aus Rücksicht auf mich, der ich eigentlich das Zusammentreffen veranlaßt habe, ein wenig ander» hätten handeln können."

„8« ist wahr, ich bin ein wenig heftig und barsch gewesen.bemerke Leopold; ,-wenn Sie jedoch so viel gelitten hätten, wie ich, so würden Sie begreifen, daß man menschenscheu wird und daß man mit Leuten nicht allzu zart umgeht, die Einem unge- legen in den Weg kommen."

„Allerdings," versetzte Charles, indem

er die Pferde antUeb, „nicht ganz unrich- „ tig und sehr erklärlich."

Während der Weiterfahrt öffnete Laura ihren Mund nicht; sie war in traurige Ge­danken versunken und auf ihrem Gesicht hatte sich ein Zug von Traurigkeit gela- grrt. War sie schon am vorhergehenden Tage beim Anblicke desjenigen, mit dem ihre Gedanken sich so lange Zeit beschäf­tigt hatten, nicht wenig enttäuscht worden, so wollte ihr der Auftritt, wobei sie nur eine stumme Zeugin gewesen war, noch immer nicht aus den Gedanken. Diese Unhöflichkeit, die man ebenso wohl Grob­heit hätte nennen können, Georges Mel- mont gegenüber, däuchte ihr auf alle Fälle, in ihrer Gegenwart wenigstens, ungerecht­fertigt, und außerdem mußte sie sich sagen, daß derjenige, welchen ihr Cousin so gröb­lich beleidigt hatte, zu ihm einen vollstän- digen Gegensatz bildete, die Anmuth in der Antwort, seine feine Manieren und der Adel seiner Züge, der trotz seines vollen Bartwuchses daraus hervorleuchtete, auf der einen Seite, die Unhöflichkeit, ja Grobheit, sowie das verwilderte Aussehen und Be­nehmen auf der anderen Seite verhielten sich zu einander wie Tag und Nacht.

„Werden wir bald auf Hacheville sein?" frag Leopold.

„Wie ? Du kennst die Oertlichkeiten nicht mehr wieder? In fünf Minuten werden wir an Ort und Stelle sein."

„Run, Alles hat sich hier ein wenig ver­ändert, vielleicht sogar sehr viel," antwortete der Graf; „in zehn Jahren werden die Bäume größer und verleihen oer Landschaft ein ganz anderes Aussehen."

„Allerdings, und dazu hat man in der letzten Zeit viele Gebüsche und Waldungen abgeholzt."

Bald darauf befand sich Leopold de Bail- lantpont der Baronin de Savigny gegen­über, die, hö chst erstaunt, sich in Ausdrücken der Verwunderung erschöpfte und nicht pomphafte Worte genug finden zu können schien, um ihre Freude darüber an den Tag zu legen, daß sie den Verbannten wieder sehen könne, und ihn weiterhin in endloser Weise zu seiner strammen, militärischen Haltung und dergleichen becomplimenttrte. Die Verwirrung und das Erstaunen der guten Dame schien derart zu sein, daß fie fast gänzlich außer Fassung gerirth.

Man begab sich in den Salon, wo die Mutter Laura's zu ihrem größten Erstaunen ihre Gesellschaftsdame nicht vorfand, die sie noch einige Minuten vorher in demselben anwesend gesunden hatte. Sie bedauerte die« sehr — denn gerade bei feierlichen