' Sonntag, den 6. Februar 1881.
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Z Politische Streifzüge.
Nachdruck verboten.
Schreiben eines Katholiken an einen Freund in einer verwaisten Pfarrei. Mit tiefem Schmerze hake ich die erschütternden Schilderungen gelesen, die Du mir von dem geistigen Nothstande in der dortigen Gegend gemacht; leider if keine Aussicht vorhanden, daß diese trostlosen Zustände bald ein Ende nehmen. Du sagst, sechs Meilen im Umkreise gebe es bei euch keinen Priester mehr; der nächste Pfarrer sei ein Greis und kränklich; die Jugend lebe wild heran und die we- nigsten Leute hätten Zeit und Gelegenheit, einigemal im Jahre eine Messe zu hören oder zu den Sacramenten zu gehen; die Kranken stürben ohne die Tröstungen der Religion dahin und deine eigene Frau habe vergebens nach einem Priester verlangt, als sie auf dem Sterbebette lag. Ja, es ist entsetzlich, daß es in einem Lande, das sich christlich nennt, so weit gekommen ist. Aehnliche Bilder entrollten auch im Abgeordnetenhause die Herren Windthorst und v. Stablewrki, — es waren schaurig-düstere Gemälde voll Thränen und Noch, voll unsagbaren Weh's; aber alle Bitten und Klagen, alle Vorhaltungen und Appell's an den Gerechtigkeitssinn der Volksvertreter waren vergebens I Eine Felsmasse, aus Vor- urtheilen, Unwissenheit, Verbissenheit und Fanatismus gekittet, ist für Thränenbäche undurchdringlich. Ich war auf die Ableh- nung des Windthorst'fchen Antrages vorbereitet; aber trotzdem stehe ich schaudernd vor der Thatsache, daß man den verwaisten
Pfarreien die Gnade des hl. Meßopfers und der Sacramente nicht gönnen will. Ich fasse das Ungeheuerliche nicht; begreife nicht, wie Leute, die sich liberal nennen, also jede Gewissensfreiheit mit Füßen treten, und wie Conservative, die sich christlich nennen, also unchristlich handeln können! Und dabei soll dem Volke die Religion erhalten bleiben! .... Es war ein heißer Kampf, ein heißes Ringen; mannhaft stritten die Recken des Centrums für die unveräußerlichen Rechte des katholischen Vol- kes; mit kühnem Muthe trat sogar ein Liberaler für dieselben in die Schranken, — und was geschah? Man lachte zu unserer Roth! Ja, Freund, man lachte; ob aus Bosheit oder Unverstand, das will ich dahingestellt sein lassen. Unser verehrter I Führer, der siebzigjährige Windthorst, war nie so erregt, wie am 27. Januar; die Zornesröthe stammte hellauf in seinem Antlitze, — er hatte aber auch nie soviel Ursache zu zürnen, als über die Hetzrede seines Gegners Bennigsen. Dieser Ritter von der traurigen Gestalt, dieser Don Quixote auf dem Compromissegaul, der mit Gewalt einen Ministerstuhl erstürmen will, geberdete sich wie ein Rappai in Belgien, der eine ! Dogge auf einen Dachs hetzt, oder wie ein l panischer Kämpfer, der einen Stier in 1 Wuth versetzt und ihn von allen Seiten ■ schelt. Mit der Hetzpeitsche bearbeitete « er die protestantischen Conservativen und I Helt ihnen als rothes Tuch den „Haß l Rom'»« gegen das „evangelische deutsche ; Kaiserthum" vor. Seit dem dreißigjährig j gen Kriege, seit den Zeiten Heinrich's VIII., ’
Elisabeth's und der Hugenotten find solche Brandreden nicht mehr unter die Prote- stauten und Katholiken geschleudert worden. Und da wagt es die.Köln. Ztg? von den „üblichen Schimpfereien der ultramontanen Presse« und „den Ausbrüchen von Raserei" zu reden! Gereizt und gehetzt mögen die katholischen Blätter und Redner schon die Glacehandschuhe ausgezogen und mit derben deutschen, aber ehrlichen Fäusten dreingeschlagen haben; wenn man kämpft, streichelt man nicht die Wangen des Gegners mit Flaumfedern; allein solche „Ausbrüche von Raserei«, solch' verbissene, fanatische, blinde, tölpelhafte Wuth, wie der Vertraute Bismarck's, haben sie sich nie zu Schulden kommen lassen. Selbst liberale Organe geben zu, daß Bennigsen's Auftreten und Gebühren mit „der Schwäche der Heftig, keit« behaftet gewesen.
Und wie erbärmlich war dar Verhalten der Conservativen! Sie gaben zu, daß der Nothstand existirt und der „Cul- turkampf« je eher je lieber beseitigt werden müsse; aber trotzdem stimmten sie gegen die bescheidene Milderung der schreiendsten Härten des Kampfes. Süße Worte helfen nicht, Thaten sind nöthig. Aber Thaten kann man nur von Männern verlangen, nicht von Leuten, die zuerst den Minister und dann noch hundertmal den Minister fragen, was sie Ihun dürfen. Es hat zwar Niemand zu behaupten gewagt, daß die Beschränkung der Religionsübung eine gute Sache sei; aber was sagten die Conserva- tiven ä la Stöcker? Werdet protestantisch dann helfen wir euch! Erkennt die Ober-
Die Heldin des Bösen.
Nach dem FranzSsischen von I. Rüttgers.
(Fortsetzung.) XXVI.
Laura benutzte die Bestürzung, in welcher sie ihre Mutter sah, um sich von ihr zu verabschieden und verließ in aller Eile das Zimmer. Sie befand sich in großer Auf- regung, und um wieder ein wenig Ruhe zu bekommen, beschloß sie einen Spazierritt zu. machen.
In Begleitung eines alten Dieners, der respektvoll in einiger Entfernung folgte, erreichte sie die Allee und ließ nachlässig den Zügel aüf den Hals ihres Reitpferdes, eines sehr frommen und treuen Thieres, fallen.
Wohl zwei Stunden mochte ihr Ausflug gedauert haben, während dessen sie beständig in eine tiefe Träumerei versunken schien.
Als sie eine kleine Anhöhe erreicht hatte, fiel ihr Blick zufällig auf ein kleines, an» muthiges Thal, in welchem sich eine Art Hütte erhob, die der Verwalter des Herrn de Loffange früher in der Absicht hatte bauen lassen, sie zu bewohnen. Da er aus verschiedenen Gründen diesen Beschluß nicht ausgeführt hatte, so hatte er bis jetzt ver- gebens einen Miether für das Häuschen
j gesucht, weil Jedermann die Einsamkeit, in r welcher es lag, scheute.
| Richt wenig war daher Laura erstaunt, als sie dem Kamin der Fecherolle - so hieß dies Häuschen nach dem Thale, in welchem es lag — eine leichte Rauchwolke entsteigen sah.
Roch mehr wuchs ihr Erstaunen, als sie in demselben Augenblicke gewahrte, wie ein großer Hund aus dem Häuschen trottete, dem bald ein Mann folgte, der mit einem leichten Rocke von Zwillich bekleidet war und auf dem Kopfe einen großen breitgeränderten Hut trug, so daß man nur den unteren Theil seines Gesichtes sehen konnte, das von einem mächtigen, dicht gewachsenen Barte eingerahmt war. Er ließ sich auf eine Bank nahe bei der Thüre nieder, und als die junge Dame in einiger Entfernung von einigen dreißig Schritten an ihm vor- betritt, erhob er sich und grüßte sie mit großer Höflichkeit.
Laura frug sogleich ihren alten Diener nach der Persönlichkeit des Unbekannten, aber sie konnte keine nähere Auskunft von ihm erhalten.
Als sie wieder nach Barvoifau zurück- ; gekehrt war, fand sie ihren Bruder auf - dem Rasenplatze unter einem Kastanien- I bäume ausgestreckt daliegen.
„Charles", sagte sie sogleich, „weißt Du, daß die Focherolle bewohnt ist?«
„Freilich, seit verflossener Woche."
„Und von wem denn?"
„Du kannst es begreifen, daß mir dies höchst gleichgiltig ist; nur zufällig habe ich über diese Persönlichkeit Einiges vernom- men. Dieser Nachbar, der uns einstweilen noch nicht belästigt, weil er mir wie ein Bär einsam zu leben scheint, heißt Georges Mielmont und muß sich wohl mit Malen beschäftigen, denn häufig soll er draußen, mit Zeichnen und Malen von Landschaften beschäftigt, gesehen worden sein. Die Wittwe Borsu, seine alte Haushälterin, hat mir gesagt, daß er auch viel schreibt. Er wird wohl halb Maler, halb Schriftsteller fein
folglich nur ein unbedeutender, hatm* loser Mensch. Gestern hatte ich zufällig das Vergnügen, mit ihm zu sprechen — er traf mich und bat mich um Auskunft über die Gegend. Ich habe unige Augen- bltde mit ihm gesprochen un ich muß gestehen, daß er mir ziemlich gut gefallen hat. Vielleicht speculirte er auf eine Einladung --"
"Möglich," fügte Laura; „aber ich muß schleunigst etwas essen, der Spazierritt hat mich hungrig gemacht."
„Apropos," hob Charles mit seiner ge-