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J2 21. Donnerstag, den 26. Januar 1881.

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O Armuth und Auswanderung.

Die Kammer-Interpellationen baden nicht selten das Gute, daß sie Thatsachen öffent­lich feststellen, von deren Vorhandensein nicht immereine klare Vorstellung im Publicum herrscht. Bei Gelegenheit einer solchen Interpellation in der württembergischen Kammer wurde bargrthan, daß in Deutsch­land co. 200,000 Vaganten (Umherzieh.ende) sind die im Jahre bi» zu 120 Millionen Mark Unterstützung erfordern. Daß da» Elend in Deutschland groß ist, muthmaßte man, daß es aber in solch' hohem Grade besteht, wie hier angeführt, kam erst durch die er­wähnte Kammer Interpellation zum vollen Bewußtsein de» Pubticums. Neben der Armuth, die von Ort zu Ort zieht, ist aber die Armuth, die ihren festen Wohn- sitz hat, nicht weniger stark in Deutschland. In ^dieser Hinsicht tritt zu Tage, daß z. B. Stuttgart allein für blose unterstützungs­wohnsitzberechtigte Arme 160.000 Mark jährlich zu zahlen hat. Wie viele Millionen werden nun alle Städte in Deutschland zusammen für unterstützungswohnsitzberech­tigte Arme zu bezahlen haben? Zu diesen zwei Classen von Armen tritt aber noch eine weitere, die nicht die öffentliche Unter­stützung, wohl aber die Privatwohlthätig« keit in Anspruch nimmt und die weniger äußerlich hervortritt als die zwei ersten Cla ff en, aber dennoch eine fühlbare Bürde 5 für da« Gemeinwesen ist. Diese drei Classen l »on Armen haben indessen in Deutschland ■ »ott jeher bestanden; zeitweise weniger und zeitweise mehr fühlbar für das öffentliche Gemeinwesen. Das Gemeinwesen wäre auch

wohl in der Gegenwart nicht so nervös, hinsichtlich der bestehenden Armuth, wenn nicht eine weitere Clofle der Bevölkerung, durch die zur Permanenz gewordene schlechte Zeit in Deutschland, genöthigt wäre, das eigene Vermögen und sauer Erworbene aufzvzehren, wodurch sie mit jedem Tage der Armuth näher rückt. Diese zur Zeit noch wohlhabenden Armuths - Candidaten sind weit gefährlicher für die Behaglichkeit des Gemeinwesens als die notorisch Armen. Es greift durch sie die innere Zerrüttung der Wohlhabenheit im Gemeinwesen um sich, ohne daß die Träger des Gemein­wesens sich dieses Vorgangs klar bewußt sind. Wie stark diese Claffe von Armuths- Candidaten ist, kann kaum festgestellt werden. Dennoch lassen einige Anhaltrpuncte auf eine starke Ausdehnung derselben schließen. So wurde auch in der württembergischen Kammer darauf hingewiesen, daß in dem kleinen Württemberg allein 80 Eisenbahn- Ingenieure brodlos sind. Zu der Claffe der Bevölkerung, welche mit jedem Tage einen Schritt dem Abgrund der Armuth näher rückt, gehören aber nicht nur die Brodlosen, sondern auch Diejenigen, die zwar wohl Beschäftigung haben, jedoch nicht ausreichend zum Lebensunterhalt be- lohnt sind. Die Thatfache, daß ein großer Theil des Mittelstands, des Kerns der Bevölkerung, sich der Armuth zutreiben steht ohne Aussicht auf Hilfe, ist der An­laß zu der allgemeinen großen Unzufrieden, heil in Deutschland. Verzweiflung bemächtigt sich des Mittelstände«, er sieht kein Ende der schlechten Zeit und verliert die Hoff

nung auf eine bessere Zukunft — den Glauben an das Vaterland. „Der Glaube an bessere Zeiten geht verloren, die Haupt­ursachen der Lage sind bleibende I" rief ja auch Freiherr von Ow in der württem­bergischen Kammer der Abgeordneten aus. Und das deutsche Volk seufzt zu dem Manne, der schon einmal Deutschland „gerettet" hat: „O Bismarck, verleihe uns eine bessere Zukunft, stärke in uns den Glauben an da» Vaterland!" Kann er auch diefeS- mal helfen, wird er Mittel finden, die au» der Noch führen und nicht weiter in da» Elend hinein? Nach den vorstehenden Thatsachen, ist e» keine auffallende Er­scheinung mehr, wenn es der Mittelstand in Deutschland ist, welcher zu den Fort­ziehenden nach Amerika dar stärkste Con- tingent liefert. Er flieht vor der ihm drohenden Armuth. Er sieht, überkommen von nervöser Furcht ohne Glauben an eine 6* ff er e Zeit, in jeder Wolke, welche den Weltfrieden trübt, in jedem neuen Eteuerproj-ct, in jedem Bankerott eine« Nachbars, in jeder Arbeitseinstellung um ihn her, eine Furie, die auch noch ihn in den Abarmrd der Armuth stürzen wird. Dieser Wegzug einer zwar zur Zeit noch wohlhabenden, aber der Armuth immer näher rückenden Claffe ist im Allgemeinen beklagenswerth, allein im einzelnen Falle gewiß zu rechtfertigen. Ja e» liegt ein großer patriotischer Zug in dem Entschlüsse, vom lieben Vaterlande zu scheiden, statt ihm über kurz ober lang in Armuth ver­sunken, fei es in eigener Person oder durch die Familiensprossen, zur Lost zu

21 Die Heldin de» Bösen.

Rach dem Französischen von I. Rüttger«.

(Fortsetzung.)

„Schon viele alte Schlösser habe ich be­sucht" sagte die junge Wittwe, „aber nie habe ich, wa» Bildhauerarbeit und Aehn- liches anlangt, so Schöne» gesehen. > In der That, wenn hier irgend welche geheime Verstecke oder dergleichen vorhanden sind — und die» ist ja bei alten Schlössern oft 6er Fall — dann sollte man glauben, daß diese Holzbekleidungen nur dazu da find, sie zu verbergen."

Der alte Graf warf der Gesellschaft», dame einen mißtrauischen Blick zu und sagte in etwas beißendem Tone zu ihr:

„Ah, Sie, Madame, gehören also auch zu denjenigen Frauen, die überall Geheim- niffe wittern. — Schon 65 Jahre kenne ich dieses Zimmer, ober der Gedanke, den Sie da aussprechen, ist mir in der That nitmol» gekommen. — „Laura," sagte er dann, „rufe mir den Kammerdiener, ich will auf stehen."

Die drei Frauen zogen sich zurück.

Al» Laura zu ihrem Onkel zurückkehrte, fand sie ihn in feinem Schlitten sitzend, und sogleich sprach er mit ihr über Ma- dame dÄulneux, deren süßliche Sprache

und ewiges Lächeln für ihn, rote er sagte, i etwas Hinterlistiges und Anstoßende» zu I haben scheine.

] Sauro antwortete ihm, daß die Gesell- l schaftrdame anfangs auch auf sie einen ab i stoßenden Eindruck gemacht habe, daß jedoch dieser Eindruck sich bei ihr wenigstens ver- loren habe, und daß sie hoffe, daß e« auch so ihrem Onkel ergehen würde.

„Ich glaube kaum," erwiderte der Graf; „nur selten habe ich mich in dem ersten i Eindrücke getäuscht, den Jemand beim Be- I gegnen auf mich macht; und diese Person I macht auf mich, ich weiß nicht weshalb, 1 einen außerordentlich abstoßenden Eindruck, j deshalb wäre es mir lieb, wenn ich sie so j wenig als möglich sähe."

Drei Tage verflossen, ohne daß von i Leopold neue Nachrichten eingeloufen wa l rett. Unterdessen wurde der Graf sichtlich I schwächer und es war gar nicht mehr zweifelhaft, daß der Tod nahe bevorstehe.

Laura befand sich in einer äußerst un­angenehmen Lage; da» Benehmen ihre» Vetter» wurde ihr immer unbegreiflicher. Indessen hielt sie e» für angezeigt, ihm auf» Neue zu schreiben, um ihn von dem Zustande feine» Vater» in Kenntmß zu i fetze».

I Nachdem sie die« gethan, hielt sie sich

für verpflichtet, mit dem Kra> ken über die neuen testamentarischen Verfügungen zu sprechen, die er wegen der Verzeihung än­dern mußte, die er seinem Sohne gewährt hatte, und von welchem sie ihm die Mit­theilung gemacht hatte.

„aber rote kommt e», daß er noch im­mer nicht hier ist?" frug der Gret«.

„Oh, lieber Onkel, die Ursache, die ihn noch zurückhält, ist so ehrenhaft für ihn wie möglich, und wenn Du dieselbe kann­test, würdest Du ihm Tank wissen, deß bin ich sicher. Uebrigen» weiß er nicht, in wel­chem Zustande Tu Dich befindest, ich habe ihn soeben benachrichtigt, und jetzt wird er jedenfalls herdeie>len, dafür flehe ich."

„Gott wolle Dich erhören, mein theure» Kind, denn frei herausgesagt, e» würde mir sehr peinlich fein, sterben zu müssen, ebne ihn nochmals gesehen zu haben. — E» rst immer mein Fleisch und Blut, und seitdem er den Fehler begangen hat, ist seine Führung eine ganz ankere geworden. — J-dem Sünder deshalb Verzeibung! Glückücherweise habe ich noch so viel Kraft, dvß ich schreiben kann. Lege mir also Et'Mpelpapter und ein Couvert auf dieses TtschLen. Ich will alle Erörterungen mit meinem Notar vermeiden, denn Herr Rot- deau würde al» mein alter Freund nicht