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11. Sonnabend, den 15. Januar 1881.

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Politisch- Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Um das Jahr 520 v. Ehr. lebte ein be­rühmter Athlet von ungeheurer Stärke, Milon aus Kroton, der ein Kalb jeden Tag auf dem Arm trug, bis es ein star­kes Rind geworden war; als das Rind aber zu einem gewaltigen Ochsen heran­wuchs, da wurde es dem Athleten zu schwer, und ärgerlich darüber, daß er der Last nicht gewachsen war, tödtete Milon den Ochsen mit einem Faustschlage und ver­zehrte ihn an einem Tage. Dieser Athlet erinnert an das Deutsche Reich, das vor zehn Jahren zu einem Riesen erstarkte und auch Mancherlei auf die Arme nahm, hätschelte und herumtrug, was ihm jetzt zu schwer und zu kolossal geworden ist. Dazu gehört in erster Linie der Milita­rismus, der zu einem Mastochsen mit 1,054,000 Beinen (da jeder Soldat zwei gesunde Beine haben muß) herangewachsen ist. Als Kalb und als Rind ließ sich der Militarismus noch tragen, aber als Ochse geht's nicht mehr; er zieht den Träger zu Boden. Da nun nicht daran zu denken ist, daß Deutschland das Beispiel Milon's nachahmt und die Last von sich wirft, so werden alle erdenklichen Mittel ersonnen, um die immer schwerer werdende Last auf den Armen zu halten, und diese Mittel find neue Steuern. Aber eben diese Steu­ern ziehen das Mark aus den Knochen des jungen deutschen Riesen, und das Mittel erinnert an jenen Ringkämpfer, der sich mit seinem eigenen Fette Arme und Beine einrieb, bis er schließlich entkräftet hinstel.

ii

Die Heldin des Bösen.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(Fortsetzung.)

„Würde e« Ihnen unangenehm sein, sich nach New - Orleans zu begeben, um dort bei einem meiner Freunde eine ehrenvolle und einträgliche Stellung einzunehmen, die Sie vor allem Mangel schützen würde?"

„Also um mich zu betäuben, um zu ver­gessen? — Ja, ja, von Herzen gern."

„Gut, um so mehr als ich überzeugt bin, daß Ihr Vater Sie mit ganz anderem Auge ansehen wird, wenn er vernimmt, daß Sie gleichsam zur Sühne freiwillig in die Verbannung gehen und Muth und Entschlossenheit zeigen."

„Und wann würde ich abreisen können ?" fragte Leopold. „Sie begreifen, daß es mich drängt, in einer anderen Umgebung zu leben."

„Binnen vierzehn Tagen, wenn Sie wol­len; aber zuvor werden Sie sich noch ein­mal überwinden müssen, um Ihrem Vater sich vorzustellen und ihm Ihren Entschluß mitzutheilen. Würden Sie auch zurückge­wiesen, jedenfalls müßten Sie diese Pflicht erfüllen, und später würde es Ihnen hoch angerechnet werden."

Herodot erzählt, daß Alles, was Midas, König von Macedonien, berührte, sich in Gold verwandelte. Bei uns giht's umge­kehrt; Alles Gold verwandelt sich in den Händen des Finanzministers in Nichts, und seine Säcke sind nicht blos stets leer, son­dern voller Schulden. Midas erhielt von Apollo zwei Eselsohren; im umgekehrten Falle müßten also unserem Finanzminister die Ohren abgeschnitten werden; aber diese barbarische Sitte de» Orients ist in Deutsch­land nicht bekannt, der Minister zieht es vor, un» das Fell über die Ohren zu ziehen. Dieses Fell heißt auf deutsch Geld und wird in Gestalt von Steuern flüssig gemacht, und um dies zu ermöglichen, wer­den allerhand schlaue Manöver ersonnen, z. B. Verwendungrgesetz, 14 Millionen-Er- laß u. s. w., um dem Volke — nun ja: Erleichterung zu verschaffen! Herzlose Leute blenden gewisse Singvögel, damit diese um so schöner und öfter schlagen; so können auch die Steuerzahler mit Ködern geblendet werden, damit sie um so mehr und williger zahlen. Fürst Bismarck, der durch seine lange Unsichtbarkeit fast zu einer sagen- haflm Erscheinung geworden war, packte plötzlich in Friedrichsruh die Koffer, reiste nach Berlin und confrrirte mit dem Com- prom'ffethäter Bennigsen. Es gibt Leute, die viel anfangen und Nicht» durchsetzen; Bismarck gehört zu jenen, die Alles durch­setzen, was sie anfangen, und da er sich nun einmal in den Kopf gesetzt hat, Deutsch­land mit seinen Steuer - Reformprojecten zu beglücken und die wirthschaftliche Roth- läge zu bessern, so setzt er auch die Mittel

Leopold sah die Richtigkeit der Argumente seines Freundes ein und versprach ihm, sich am nächsten Morgen nach Barvoisau zu begeben.

Zugleich hatte er dabei noch einen andern Zweck im Auge: nämlich von seiner kleinen Freundin, Laura de Savigny, Abschied zu nehmen.

Da er diesem Gedanken Ausdruck gab, so frug ihn der General-Rath, wer diese Dame wäre.

„Es ist," sagte, er „eine kleine Verwandte; ihre Mutter ist eine Vaillantpont, welche im Alter von achtzehn Jahren den Baron Gottfried de Savigny heirathete, der, al» er starb, ihr nur ein kleines Vermögen und zwei Kinder hinterließ. Sie halten sich beinahe immer auf Barvoisau auf; mein Vater betet Laura fast an, und beim letzten Male, wo ich mit ihm sprach, hat er mir angekündigt, daß er es trotz aller Gesetze und Vorschriften so einrichten würde, daß sein Vermögen ihr zufallen würde. Wenn ich es nun einmal verlieren soll, dann ist es mir lieber, daß Laura es erhält, als irgend Jemand Anderes. Es ist ein engel­gleiches Geschöpf, die mich liebt, ja die mich so sehr liebt 1"

„Run," sagte dÄubsry lachend, „Ihr Plan ist schon gemacht: Sie können da­

durch, mit denen er sein Ziel erreichen zu können glaubt. Diese Mittel sind das harte Butterbrod in Gestalt von ca. 110 Millionen neuer Steuern, aber auf das Brod streicht er das süße Kraut des Ver­wendungsgesetzes ; daß Kraut für den Magen ungesund ist und daß das Bärenfell ver­kauft wird, ehe man den Bären hat, das hat bei einem so genialen Manne wie Bis­marck Nichts zu sagen. Darin besteht ja eben die Genialität, daß sie über gewöhn­liche Dinge erhaben ist und ihre eigenen Wege geht. Wenn die Tasche der Steuer­zahler dem Oelkrüglein von Sarepta glich, das nie leer wurde, dann wären die Fi­nanzpläne des Reichskanzlers ganz berech­tigt; aber die Tasche des Volkes ist leer und Bismarck kein Elias, und mit allen seinen Projecten macht er die Taschen nicht voller, sondern immer noch leerer. Bei der Eigenart des eisernen Kanzlers handelt eS sich aber weniger um die Frage, daß seine Forderungen bewilligt werden, als viel­mehr darum, wer sie bewilligt. So recht will keine Partei in das harte Kraut-But« terbrod beißen; deshalb sollen die Volks­vertreter erst das süße Kraut ablecken, (d. h. das Verwendungs-Gesetz und den be« rü—hmten Steuernachlaß gutheißen,) und dann das harte Brod hinabwürgen. Wir befinden uns in einer folgenschweren Kri­sis, deren Lösung von weittragender Be­deutung ist. Eine Mehrheit für seine Ent­würfe findet Bismarck, das ist sicher; nur weiß man noch nicht, welche er der Gnade würdigt, ihm unter die Arme zu greifen. Will er die Confervativen und die L<be-

väterliche Erbe durch sie antreten. Wie alt ist sie?"

„Oh," kaum 12 Jahre"

„Entzückend! Binnen acht bis zehn Jahren kann der Gedanke, den ich so eben ansdrückte, zur Wirklichkeit werden, da Ihre eheliche Verbindung glücklicherweise nur eine scheinbare gewesen ist. Richten Sie sich also darnach ein. Zeigt Ihr Vater sich unversöhnlich, worauf man jedenfalls gefaßt sein muß, so können Sie durch Laura die verlorene Erbschaft wieder­gewinnen."

Leopold lächelte bitter und zuckte die Achseln.

„Nichts als Träume, mein lieber Freund!" sagte er dann. „Ich will hieran nicht einmal denken, die Gegenwart ist traurig genug für mich, um solche fröhliche Hoff­nungen hegen zu können. Morgen früh also werde ich nach Barvoisau gehen, und ich werde Sie sogleich von dem Erfolge meines Besuches in Kenntniß setzen."

XII.

Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch macht Leopold sich auf den Weg zum väterlichen Wohnsitze.

Je näher er demselben kam, desto mehr fühlte er seinen Muth schwinden; aber er