Jtl. 7* Dienstag, den 11.' Januar 188t.
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O -Wie das alte Jahr dem ne«e» die Judenfrage vermachte
Unter dieser Ueberschrift bringt Dr. Jörg in den .Historisch-polit. Blättern' einen Neujahrsartikel, der die Juden- frage in sehr ernster und würdiger Weise bespricht. Der Artikel schließt mit folgen- den beherzigenswerthen Sätzen:
Unfraglich hat die antisemitische Bewegung ihre abstoßenden Seiten. E« handelt sich um Gäste im Schooße der deutschen Nation; und wenn auch der ärgste Miß- brauch des Gastrechts zu Tage liegt, so begegnet man ihnen doch täglich, selbst in der Volksvertretung, und man kann nicht jeden Einzelnen verantwortlich machen für Alle. Wir haben die Judenfrage nie unterschätzt ; aber wir haben sie nie gern berührt, und wir haben immer lieber den allgemeinen Begriff des „Geldjudenthum«" gebraucht, der leider nur zu viele christlich getaufte Deutsche mit trifft, selbst bi« in den Adel der deutschen Nation hinauf. Wie viele edele Häuser waren vor wenigen Jahren noch ganz anders gesinnt und ge- stimmt als heute, ehe sie gelernt hatten, mit zu speculiren und Wucher im Großen zu treiben! Sicherlich machen Tausende au« allen Ständen nur deshalb bei den Anti - Semiten mit, weil sie dabei zu Schaden gekommen sind. Und stcherlich liegt einer noch viel größeren Zahl der Gedanke sehr fern, daß die Judenplage doch nichts anders sei al« eine wohlverdiente Zuchtruth« für die deutsche Christen- heit hoch und niedrig, wegen Thuns und Lassens. Welches Bild bietet denn diese
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Die Heldi« de» »»ft*.
Rach dem Französischen »on I. Rüttger«.
(Fortsetzung.)
„Wir betraten da« Zimmer, wo auf einem großen Tische die Leiche lag, und Du kannst mein Erstaunen begreifen» al» A unter der Blouse, welche sie bedeckte, Robert Thuriot erkannt«! Bald langte die Gerichtsbehörde an; die Untersuchung, welche ^gleich angestellt wurde, ergab, daß am Abend vorher ein Mann da» Dorf in Begleitung einer Frau, welche ein Kind auf ihren Armen trug, pasfirt hatte. Sie schie- nen beide nicht im besten Einverständniffe mit einander zu leben, rauhe Worte flogen hin und her. Nun, — aber ich scheue mich weiter zu erzählen, Herr Graf."
„Fahren Sie fort," sagte Leopold, dessen Brust auf und abwogte.
„Run also, die Beschreibung dieser Frau paßt ganz genau auf die Ehefrau Robert Thuriot», bei dem man übrigen» ein Por- trait fand, da» jeden Zweifel unmöglich machte. Diese Photographie habe ich vor Augen gehabt. Da» Verschwinden der Frau, die ihr Kind zurückgelaffen hatte, s mußte natürlich den Verdacht auf sie len« i len, da« Verbrechen begangen zu haben, 1
Christenheit in der deutschen Nation? Kann man es den Juden verargen, wenn sie ein Volk al» bereits entchristlicht ansehen, dessen sogen. Gebildete in größter Mehrheit dem kältesten JndifferentiSmus oder gar selbst dem Chr'stushasse verfallen sind? Und welcher Respect soll der Jude vor einer Nation haben, die aus confesstonellem Haß unter sich selber im Kriege liegt wie zwischen zwei wildfremden Völkern, und deren Mehrheit sich vom Staat mit seinen Gewaltmitteln zu diesem Kriege gegen die Minderheit rooffnen läßt? Ist eS etwa zu viel gesagt, daß mancher deutsche Protestant sich trotz der Racen Verschiedenheit mit den Juden verwandter fühlt al» mit den katholischen Stammgenoffen? So lange dieser Zustand fortdauert, hat auch der Anti-Semitismus keinen fruchtbringenden Zweck. Das wäre der allein richtige Weg zur Lösung der Judenfrage, wenn die annoch christlichen und conservattven Elemente der Gesellschaft, ohne Unterschied der Confession, sich ehrlich die Hand böten zum Widerstand gegen die bunten Schaaren aller Anti-Christiani-mu» und gegen die Gesetzgebung, die im Geiste dieser Alliirten für das Reich und die Länder in's Werk gefetzt worden ist. Rach einer solchen Einigung ruft die gesammte sociale Frage, von der die Judenfrage und der Capitalismur nur der wesentlichste und, darüber täuschen wir uns nicht, der schwierigste Theil ist. In Frankfurt a. M. ist kürzlich ein Anfang zu dem heil- bringenden Werke gemacht worden. Er ist dar einzige tröstliche Symtom, da« uns
und in der That theilten auch die Gericht«. Personen, sowie Alle, die von dem geheim- nißvollen Vorfälle Kenntniß erhalten hatten, diese Ansicht. Später habe ich noch erfahren, daß Robert in eine politische Verschwörung verwickelt war, daß e« ihm gelungen war, nach Belgien zu entkommen — vermuthlich stand er gerade im Begriff, sich nach England einzuschiffen, al» er ermordet wurde."
Eugen hatte geendet. Er war fast so bleich, wie derjenige, dessen Herz in diesem Augenblicke auf eine so grausame Probe gestellt wurde. Alle schwiegen einen Augenblick lang.
„Wache oder träume ich — einen schrecklichen Traum, mein Gott?" murmelte der junge Graf.
Dann brach er in Thränen aus.
»Zeigen Sie sich als Mann, mein ar- met Freund," sagte d'Aubsry. „und betrachten Sie diese Periode Ihre» Leben» j in der That al» einen bösen Traum, dessen ? Erinnerung die Zett au»löschen rohb. Aber ■ diese Situation kann so nicht länget dau- ; etn; wollen Sie mir e« nicht überlassen, diese Geschichte aufzuhellen und zu ihrem Ende zu bringen?"
„Von Herzen gern — ich vertraue mich
i vom alten Jahre überkommen ist. Möge es dem l biblischen Senfkorn gleichen! Die Juden- i j fra e aber möge Niemand in den Mund i ' nehmen, ohne sich zu fragen, roaS denn er t selbst für die christliche Wellordnung ge# i leistet habe, und ohne auch an die eigene : Brust zu schagen: Mea culpa I
Deutsche» Reich.
। * Berlin, 9. Jan. Fürst Bismarck
ist gestern, Nachmittag« 5 Uhr, hier angekommen. Seine Anwesenheit hat 3 Ursachen : die Berufung des Volkswirthschaft«- rathes, die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses und die Ministerialsitzungen des Bundesrathes, welche letztere allerdings erst Ende d. M. beginnen werden.
— Vorgestern Abend 10 Uhr entstand im Generalstabsgebäude ein bedeutendes Feuer, welches gegen 11/2 Nachts wüthete. Der Kronprinz war fofort an der Brandstätte erschienen. Von Papieren sind nur Acten der Registratur verbrannt. Kactrn- material und Pläne blieben unversehrt.
— Der VolkSwirthschaftsrath wird auf den 20. Jan. einberufen.
— (Abgeordnetenhaus. 8. Jan.) Nach Erledigung mehrerer uuln deutender Gegenstände wird das Strombaugesetz an eine Commission von 21 Mitgliedern überwiesen^ Auf Antrag Petrr's wird der Nachtragsetat, betr. Baukosten für eine feste Mainbrücke bei Offenbach, der Budgetcommission überwiesen. Petri hebt die Bedenken gegen da« Hoitzmann'sche Projekt hervor. — Nach längerer Debatte, an der sich die Minister Bitter und Maybach, die Abgg. Zehrt
Ihnen ganz an," antwortete der Unglück liche mit tonloser Stimme.
„Dann fuhren Sie mich in ihre Wohnung," antwortete der General-Rach, indem er sich erhob.
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Die drei Männer verließen da» Hotel und schritten auf da« Hau« zu, in welchem der Graf mit seiner Frau wohnte. Vor der Thür sagte d'Aubvry zu Leopold.
„Ich und mein Neffe werden zunächst eintreten. Begeben Sie sich an einen Ort, wo Sie Alle» hören können, nm« zwischen uns und ihr gesprochen wird. Wenn Ihre Gegenwart nothwendig ist, werden wir Sie rufen."
Einige Augenblicke darauf befanden sich Eugen und sein Onkel Derjenigen gegen» über, welche den Namm der Gräfin de Vaillanlpont trug.
i In dem Augenblicke, wo sie sich vor chr • verbeugten, stieß sie einen Schrei au«, und । ihre Aufregung war so groß, daß sie sich i willenlos auf ein Kanapee niederfallm ließ. ? „Ah, Sie erkennen un» also wieder, Madame Thuriot;" rief d' Aube y in spöttische» Tone. „Um so besser, dieser Umstand wird un» unsere Aufgabe erleichtern."