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Dienstag, den 4. Januar 1881

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Politische Jahresschau.

In Deutschland waren und sind die Parteiverhältnisse so verworren wie möglich: es sehlte an einem festen Ziele; das Staatsschiff lavirte nach rechts und links, und die Nationalliberalen und Con- servativen, die immer nachlaufen, wußten nie recht, woran sie waren. Die arg zu­sammengeschmolzene nationalliberaleFraction war uneinig mit sich selbst, theilte sich in eine rechte und linke Hälfte und hatte als Bindemittel nur noch den Haß gegen Rom. Lasker trat im März ganz aus der Fraktion aus, und auch v. Sybel, der Keschichirfälscher und Ehren-Präsident des Deutschen Vereins, legte im Juli sein Mandat als Abgeordneter nieder. Wenn das Schiff sinkt, verlassen es die Ratten. — Die Conservativen, auf die man vor einem Jahre große Hoffnungen gesetzt, haben sich als eine durchaus unselbstständige, unzuverlässige Fraction entpuppt, die nicht weiter geht, „als die Regierung es er­laubt"; sie stimmte sogar bei der Präsiden­tenwahl im Abgeordnetenhause gegen den Frhrn. v. Heeremann. Fest und geschloffen, klar bewußten Zielen nachstrebend, stand allein das Crntrnm da, da» Fürst Bis­marck selbst „einen unüberwindlichen Thurm" s nannte. — Von den Socialdemokraten hörte man nicht viel, sie sind ja in der Prefle und in Versammlungen in Folge des Socialistengesetzes mundtodt, und dieses Gesetz hat der Reichstag bis zum 30. Juni 1884 verlängern zu sollen geglaubt. Helfen wird das freilich Nichts, denn die revolutionäre Strömung ist damit richt

aus Deutschland bt|emgi, und der Adg. - Hasselmann hatte sogar bei der 3. Lesung \ des Gesetzes die Stirn, die russischen ' Mörderbanden und die französischen Brand- i stifter seiner Hochachtung zu versichern. | Fürst Bismarck war das ganze Jahr i unsichtbar und spielte hinter den Coulissen;

nur ein einziges Mal zeigte er sich den i Reichsboten. Dies geschah am 8. Mai, an j welchem Tage er dem in seinem Herzen | kochenden Unmuth Luft mochte, eine ge-

harnischte Rede gegen das Cent:um, die Liberalen, die Conservativen, kurz, gegen Alle und Alles hielt, und dann plötzlich | wieder verschwand. An seinem üblichen

EntlaflungSgesuche hat es auch nicht ge- i fehlt; er reichte dasselbe Anfangs April s dem Kaiser ein, weil Preußen bei Be- rattzung der Quittung«steuer (es handelte sich um eine neue Steuer auf Postan- , Weisungen) im Bundesrothe überstimmt worden war; er wollte eben nicht, daß die kleineren Staaten mit 7% Millionen Be­wohnern mehr Stimmen haben sollten, als die drei größten Bundesstaaten mit 33^/z Millionen Einwohnern. Der Bundesralh sagte nun schleunigst: pater peccavi, widerrief seinen Beschluß — und mit der Kanzlerkrisis war es zu Ende. Tie nervöse Empfindsamkeit des Fürsten hat gegen früher noch zugenommen, was von seiner Popularität aber nicht behauptet werden kann, da er es durch seine Politik von Fall zu Fall schließlich mit allen Parteien verdorben hat. Manches ging ihm schief, manche Niederlage haben seine Projecte er- litten, und sein eigenartiges Auftreten hat

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Die Heldin des Böse«.

Nach dem FranzSstschen von I. Rüttge rs.

(Fortsetzung.)

Indem sie diese schrecklichen Worte aus­sprach, schleuderte sie mit voller Kraft den Stein gegen das Haupt ihres Gatten, der ein wenig zuckte und eine Art Röcheln ver- nehmen ließ, während ein Strom warmen Blute» sich aus der Wunde ergoß.

Die Verbrecherin wich erschrocken zurück.

Alles rings umher , lag in tiefstem Schweigen.

Den Stein schleuderte sie weit weg, warf einen letzten Blick auf ihr Kind, welches ruhig auf dem Rasen schlief, und nachdem sie mit Schaudern kurz auf die Leiche ihres Gatten hingesehen, verschwand sie im Dun­kel der Nacht.

Der Sturm wüthete noch einige Zeit fort; dann zertheilte sich das Gewölk, Alle» wurde ruhig und in ihrem vollen Glanze stieg die Sonne empor und beschien mit ihren warmen Strahlen da» bleiche, ent­stellte Antlitz Thuriot».

n.

Wir befinden utt» im Theater zu Lille. Kopf an Kopf drängt sich die schaulustige

Menge, um ein neues Ballet zu sehen, I welche» man an jenem Abend gab. Zudem ; war es eine Benefiz-Vorstellung für Made­moiselle Tinah Mylio, eine hübsche reizen­de Tänzerin, welche am folgenden Mor­gen zum großen Bedauern des Publicum« die Stadt verlassen sollte.

In einer Loge saßen einige junge Artil« lerie-Offiziere, welche während des Zwischen­actes sich damit amüsirten, über ihre Nach­barn zu sticheln und auf Kosten ihrer Freun­de und Collegen mit einander zu plaudern.

„Wollt Ihr eine große Neuigkeit hören?" sagte Einer derselben. „Hört: man hat - mir versichert, daß der Graf de Vaillant- pont in Tinah verliebt ist und davon spricht sie zu heirathen.

Ein allgemeines Gelächter war die Ant­wort.

„Nun, Du treibst wohl Deinen Scherz mU uns!" sagte endlich einer seiner Kame­raden. „Heirathet man überhaupt eine Tänzerin? Und dann noch der Graf, der von einem Geschlechte stammt, das minde­sten» einen Stolz und Dünkel besitzt, wie ein spanischer Grande! Baarer Blödsinn! Zählt er ja auch erst einundzwanzig Jahre."

Kaum waren diese Worte verhallt, al» die Thüre der Loge aufging und Leopold de Varllantpont sichtbar wurde.

vielfach verletzt, so auch den bayerischen Gesandten Herrn v. Rudhardt, der in Folge dessen Berlin verließ und „Urlaub" nahm, d. h. nach Petersburg übersiedelte. Da Fürst Bismarck mit dem „Cultur- kampfe" keine Erfolge erzielen kann, ver­legte er sich auf die Reform der Wirth- fchaftspolitik, wurde nebenbei Handels- Minister und trug sich mit großen wirth- fchoftlichen Projecten; zunächst sollen uns 14 Millionen Steuern geschenkt, dann die vier untersten Stufen der Classensteuer gänzlich von derselben befreit, und die Hälfte der Grund und Gebäudesteuer den Kreisen überwiesen werden, — wenn der Reichstag 110 Millionen neuer Steuern bewilligt. Ist das mcht komisch? Man wirft mit einer Wurst nach einer Seite Speck und nennt das „Steuererleichterung". Das neue Jahr wird schon für neue Steuern sorgen, — wir kämen ja auch sonst aus der Gewohnheit. Also die Steuern mehren sich und der „Culturkampf" bleibt, — nette Aussichten. Das kopflose Juligesetz kam zu Stande, ist aber ein Heft ohne Messer. Obgleich die Regierung die Maigesetze für unhaltbar ansieht, geht sie doch keinen Schritt-wrviA>^der^ wartet ruhig ab und will sogar da» Messe« lesen und Spenden der hl. Sacramente nicht freigeben. Das einzige „Wohlwollen" des Cultusministers besteht darin, daß Geist­liche in verwaist en Nochbarpfarreien Amts­handlungen verrichten dürien, daß hie und da eine Simultanschule ausgehoben und es einem Theil der katholischen Geistlichen gestattet uurde, den R'liiionSunterrickt in

Er war em schöner junger Mann von schlanker Gestalt und feinem Aussehen, bei dem freilich Alle» noch eine gewisse Kindlichkeit und Lebensunerfahrenheit ver- rieth. Er kam gerade zur rechten Zeit, denn kaum war er eingetreten, als der Vorhang sich hob und Mademoiselle Ttnah Mylio, die Heldin des Tages, leicht und graziös ans die Bühne hupfte.

Mit einem donnerähnlichen Beifallsge- klatsche wurde sie empfangen. — Sollte eS doch ihre Abschiedsvorstellung sein.

Mademoiselle Tinah Mylio war ein rei­zendes Geschöpf mit schwarzen Augen und prächtigem, braunem Haarwuchs, der ihre frische Gesichtsfarbe um so stärker hervor­treten ließ.

Sie tanzte zum Entzücken, und grade an diesem Abend riß sie da» Publicum so sehr hin, daß die Bühne bald mit Blumenbou- queis buchstäblich bedeckt war und die Bei­fallsrufe kein Ende zu nehmen schienen.

Der junge Graf verließ schleunigst die Loge, um sich an die Thür zu begeben, durch welche Tinoh das Theater verlassen mußte.

In der That erschien sie einige Augen­blicke darauf in Begleitung von Madame Dufor, ihrer Kammerfrau.

Leopold de Vaillantpont war den Damen beim Einsteigen in den Wagen behilflich,