Intelligenz-Blatt der freien Stadt Frankfurt, verbunden mit dem Amtsblatt, Organ der hiesigen Staatsbehörden, und den Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.
(Expedition: am Geistpförtchen, Schlachthausgasse 21.)
^L 230. Samstag den 28» September
1861
UeberblLÄ der Ereignisse im Gebiete der politischen und materiellen Interessen.
Frankfurt, 28. September. (Einem großen Todten.) Am Abende des i einen Mann
24. September,, sagt das „Frankfurter Journal," haben sie in Heidelberg ins Grab gesenkt, einen so seltenen und trefflichen, daß es als allgemeine Pflicht scheint, den Kranz der Verehrung auf den frischen Leichenhügel niederzulegen. Der i . würdige Altmeister deutscher Geschichtsschreibung, Friedrich Cbristoph Schlosser, schied nach einem ungewöhnlich reichen Leben geistiger Thätigkeit, das er bis an die äußerste Grenze eines hohen Alters gebracht hatte. Mit ihm schied eine außerordentliche Kraft, ein Charocter von ächtem Schrot und Korn, eine sittlich-ernste Größe der seltensten Art. Wie kaum ein anderer Geschichtschreiber, hat Schlosser die Kunst der
: er- ehr-
objectiven Anschaulichkeit und Ruhe mit dem tiefen Verständniß der inneren Bewegungen HeS Geisteslebens in sich verbunden, Ereigniffe und Triebfedern in organischem Zusammenhänge als klares lebensfrisches Bild einheitlich zu gestalten verstanden; seiner unendlichen Gründlichkeit, seinem ungewöhnlichen Scharfsinne ging über dem Geschehenen nicht das still Gestaltende, über dem Processe des Werdens nicht die Erscheinung verloren. Was ihm aber vorzugsweise angehört als ein Eigenstes, Hochachtbares, das ist ein Grad von Selbstständigkeit und Freimüthigkeit, wie Wenige seiner Genossen sie zu zeigen vermocht oder gewagt haben; das ist jenes überall hervorgetretene Bestreben, bei der Wahl de« Stoffes und dessen Behandlung auf die Bedürfnisse der Zeit, auf gemeinnützige Zwecke Rücksicht zu nehmen, und so die Geschichte in Saft und Blut des Volkes übergehen zu machen. Den Zweck der Geschichte als Lehrerin, Warnerin hat Schlosser wie kein zweiter zur Geltung gebracht; ihm war Schiller's erhabenes Wort: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!" nicht bloß eine schöne Phrase; er war selbst in seiner derb urtheilenden und doch ideal begeisterten, freimüthig vernichtenden und doch wieder mild und zart beschaulichen Persönlichkeit ein Richter, Lehrer und Warner. Und er hatte das volle Recht dazu, da der höchste sittüche Ernst all sein Wirken weihte, allen seinen Schriften das unantastbare Gepräge aufdrückte. Seine Worte von „der Zeit des Trugs und der Lüge, des Trotzes der Machthaber und der Schlaffheit ihrer Beamten, der Zett der Congresse und Protokolle, der politischen Verfolgungen und Verschwörungen, der Hoffnungen upd der Täuschungen seit 1815” (in der „Geschichte des 18. Jahrhunderts"), find in ihrer herben Wahrheit zugleich eine Mahnung an die Epigonen des vortrefflichen Meisters, ihm in der gleichen Unerschrockenheit des Urtheils, in derselben Charaktertteue nachzueifern, von denen er ein unübertroffenes Beispiel gegeben. Dse
volle Recht dazu, da der