Intelligenz-Blatt
der freien Stadl frankfurt, /MA
verbunden mit dem Amtsblatt, Organ der hiesigen Staatsbehörden,
und den Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.
(Expedition: am Geistpförtchen, Schlachthausgasse 21.)
JK 296 Donnerstag den 13. December
1860.
Ueberblick der GreignLsie im Gebiete der politischen und materiellen Interessen.
Frankfurt, 13. December. (Land und Leute in Neapel.) Die Folgen der großen Armuth der eigenthumslosen Classen sind, daß naturgemäß das ganze Land trotz des wenigstens in den Niederungen ungemein fruchtbaren Bodens, sich in ganz kläglichen wirthschaftlichen Zuständen befindet. Während in anderen Culturländern gerade die bäuerlichen Bevölkerungen den Hauptmarkt für Industrie und Handel bilden, lebt der Bauer und Kleinbürger Neapels ohne alle Bedürfnisse, als die allereinfachsten von Nahrung, Kleidung und Obdach. Daher siechen jene Adern des nationalen Erwerbs, Fabriken und Großgewerbe fehlen, alles ist auf den Ertrag des Ackerbaues angewiesen, der in den Gebirgen wenig lohnt und einer höchst ärmlichen Viehzucht weichen muß. Dem Staat, der Kirche und den Edelleuten gehört der größte Theil des Bodens. Woher sollen nun die Schulen kommen, wenn die Gemeinden zu arm sind, um Schulhäuser zu bauen und Lehrer zu halten! Aber, wenn es auch an den Geldmitteln nicht fehlte, so gebricht es ganz an Lehrern. Dies führt uns auf ein Feld, worüber die allerverkehrtesten Grundbegriffe in Umlauf sind, nämlich auf das Verhältniß der Kirche und Geistlichkeit in den italienischen Ländern. „Die Mönche verdummen das Volk!" so heißt die schwere Anklage, die man gegen den C!erus in aller Welt aussprechen hört. Das ist klarer Unverstand. Man kann die Menschen nicht dumm machen, wenn sie von Haus aus gescheut sind, wenn man ihnen nicht etwa Gift eingtbt oder sie mit Gewalt zum Branntweintrinken anhält. Das Wahre ist nur, daß man die Bildung des Volkes (durch guten Unterricht) heben und versäumen kann. Daß diese geistige Erziehung fehlt, darüber kann in Neapel kein Zweifel bestehen. Das Volk ist überaus unwissend. Ihm fehlen fast überall die Elementarschulen, es wächst fast ohne allen Unterricht auf. Ein Lehrerstand fehlt durchaus. Wer für solche Verrichtungen Sinn hat, tritt in ein Kloster oder wird Weltpriester, wo er wenig Arbeit und viel reichere Mittel zu wissenschaftlichen Studien und Leistungen hat, als ihm die Dorfschule gewähren kann. Ueber die Verhältnisse der Klöster in Neapel berichten zuverlässige Beobachter: Vielleicht führen in keinem Lande die Geistlichen und namentlich die Mönche ein so bequemes Leben als in jenem Eldorado des Mönchthums, wo die Natur ihre Genüsse in unerschöpflicher Fülle darbtetet und Pfarreien und Klöster fürstliche Liegenschaften besitzen. Daher der ungeheure Drang zum geistlichen Stande, sowohl aus den bürgerlichen als adeligen Classen. Es gibt im Lande dtesseit des Faro 19 Erzbisthümer, 64 Bisthümer, 3 Abtheien, 72 Elerikalseminarien, 3746 Pfarreien und eine nicht zu bestimmende Zahl von