Einzelbild herunterladen
 

Intelligenz-Blatt her freien MM Frankfurt, ^^ verbunden mit dem Amtsblatt, Organ der hiesigen Staatsbehörden, und den Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage. i

— *******'*— W— 1 W««« L

(Expedition: am Geistpförtchen, Schlachthausgaffe 21.)

^ 274. Samstag den 17. November 1860.

Ueberblick der Ereignisse im Gebiete der politischen und materiellen Interessen.

Frankfurt, 17. November. (Ueber den Character der sardinischen Politik.) Den Völkern ist ein weltbewegender individueller Ehrgeiz unentbehrlich, wenn ein schwieriges Befreiungswerk, wie einst in Holland und England durch mehrere Generationen von Dräniern, oder in Deutschland durch Gustav Adolph, durch die Mit­tel einer bestehenden Macht und durch den Hebel eines dynastischen Interesses vollbracht werden soll. Indem die Savoyer Sinn für wirkliche, statt für bloß eingebildete Größe hatten, standen sie nicht an, sich durch das Opfer einer legitimen Prinzessin eine Bun­desgenoffenschaft zu erkaufen, die ihnen eine der schönsten Kronen der Welt eintragen sollte. Am besten charakterisiren wir sie vielleicht, wenn wir sagen, daß ihnen nie vor ihrer eigenen Größe bange geworden ist. Warf ihnen die Gunst der Verhältnisse ein größeres Ziel in den Bereich der Hand, als sie es sich ursprünglich geträumt hatten, so spielten sie niemals die Bescheidenen. Carl Alberts Pläne gingen nicht über das Lombardisch-Venetianische und über das Pogebiet binaus. Von Victor Emanuel ist es notorisch, daß, wenn sich noch im vorigen Jahre Franz II. offen und ehrlich mit ihm verbunden hätte, er sehr gern zufrieden damit gewesen wäre, mit dem Könige Unter­italiens den Kirchenstaat theilen zu können. Der Pakt, den Carl Albert und Victor Emanuel mit der italienischen Nationalpartei geschloffen hatten, lautete dahin : sie sollten die sardinische Krone auf's Spiel setzen, um die italienische zu gewinnen. Von Victor Emanuel geht die Sage, wie er angesichts der Drohungen ganz Europa's auf seinem letzten Marsche von Ancona nach Neapel das Seegestade entlang reitend, eine Berech­nung angestellt habe: wieviel ein vertriebener und besitzloser König wohl zu seinem Le­bensunterhalt brauche und womit er sich diesen verdienen könne. Si non e vero, e bene trovato. Wenn es auch nicht wahr isi, bezeichnet es doch den Mann. Bei dieser Ge­legenheit dürfen wir übrigens die Bemerkung nicht unterlassen, daß Tollkühnheit mehr dem sardinischen Könige, als der sardinischen Staatskunst eigen ist, denn diese, die Pläne eines Cavour und Farini, haben bei aller äußeren Verwegenheit doch in der feinsten Erwägung der verschiedenen den fremden Mächten aufliegenden, resp, sie tren­nenden Nothwendigkeiten einen sehr sichern Rückhalt. Nicht weniger markirt ist die Stellung der beiden Fürsten zur Sache der Volksfreiheit und des konstitutionellen Systems. Carl Albert mit dem nach dem Aussterben der älteren, in ihren letzten Repräsentanten ziem­lich verkommenen Linie, die jüngere Linie Carignan succedirte, war trotz früherer An­wandlungen nach seinem Regierungsantritt ein Absolutist, der gegen Louis Philipp