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1888

Montag, dm 31. Dezember.

JV 301

Zeitmg

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Erstes Blatt

ein Ueberblick über die wichtigsten Ereigniffe deg verfloßenen Jahre» einer besonderen Abhandlun» vorbehalten bleibt.

Da» Jahr 1888 war für Europa und nament­lich für unser liebe» deutsches Vaterland ein Jahr de» äußeren Friedens. Das Kriegsgespenst, welche« man zu frivolen Wahlzwecken anfangs des vorigen Jahres so schaurig an die Wand gemalt hatte, blieb auch in diesem Jahre ein Schreckpopanz für politische Kinder in den Händen feiler Sold­schreiber. Fast ein Dutzend Male ertönte bald zu diesem, bald zu jenem unlauteren Zwecke in einer gewiflen Presse jählings künstlicher Kriegs­lärm, um stets ebenso schnell wieder zu verstummen. Himmelweit verschieden von diesen Börsen- und Parteiintriguen ist die jedes Patrioten Brust er­füllende ernste Sorge um die fernere Erhaltung des Frieden», der aber, so lange bei unseren westlichen Nachbarn die gegenwärtige, durch innere Uneinigkeit zur Ohnmacht verurtheilte Repulik am Ruder bleibt, kaum ernstlich gefährtet werden dürfte.

Für unser deutsche» Vaterland charakteristrt sich da» Jahr 1888 vor Allem als das denkwürdige Dreikaiserjahr, welches die beiden ersten deutschen Kaiser, den altehrwürdigen stegreichen Kaiser Wilhelm I. und den ritterlichen Helden und edlen Dulder Friedrich HI. in'S Grab finken und als kräftigen jungen Sproß den gegenwärtigen Kaiser Wilhelm II. den deutschen Kaiserthron be-

D Zum Jahreswechsel.*)

Unaufhaltsam enteilt die Zeit. Wieder ist ein Jahr dahingeschwunden, und wir stehen an der Schwelle eine« neuen Zeitabschnitt«, der wie ein großes Fragezeichen uns entgegentritt. Mrt schnellen Schritten nähern wir uns dem letzten Jahrzehnt des vielgepriesenen neunzehnten Jahrhundert«, und nur noch elf Jahre trennen uns von dem Beginn eine» neuen Säculum».

Ein Jahr, — weich' kurze Spanne Zeit in einem ereignißvollen Menschenleben; um wieviel kürzer noch im Rahmen eine» Jahrhundert«; welch' winzige» Sandkorn in der rastlo» rinnenden Ubr der Weltgeschichte, welch' nichtiger Tropfen im Meere der Unendlichkeit! Und doch ist für den Menschen der Gegenwart, der mitten in der Flucht der Ereigniffe steht, der mit ihnen umwoben und verwachsen ist, deffen Fühlen, Denken und Wollen, deffen Erfolge und Enttäuschungen, dessen Furcht und Hoffnung an die unmittelbare Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anknüpft, ein Jahr de» Leben» ein wichtiger, bedeutungsvoller Abschnitt.

Die Welt begeht bett Uebergang de» alten in das neue Jahr in lautem Jubel und Festesrausch; gleich als ob da» vergangene Jahr stet» jeder Er­innerung unwerth sei und die kommende Zeit nur ihrem Schr-tzr berg:, wirst man fich voll Entzücken dem neuen Jahre in die Arme, läßt e» bei Liederklang und Becherschall hochleben und begrüßt mit Pulverknall und Geschützsalven sein Erscheinen wie die Geburt eine» Prinzen. Sollen wir diesen alten Brauch tadeln? Wahr­lich nicht! Entspringt doch dieser nur selten ganz zu befiegende hoffnungsfreudige Ausblick in eine bessere Zukunst jener Eigenart de» menschlichen Gewüthe», welche fich aus der rauhen Wirklichkeit immer wieder emporhebt in idealere Sphären, dem leichten Vergeffen des erlittenen Ungemachs und der um so dankbareren Hinnahme kurzer Freuden- tage. Freilich mag e» auch oft genug tadeln«- werther Leichtsinn sein, welcher mitten in schweren Tagen die Bitterkeit des Lebens zu betäuben und und zu ertränken sucht in ausgelaffenster Lust. Solche Frivolität findet meisten» ihre Strafe und Rache schon in fich selbst, denn auf dem Bodm de» Freudenbecher» der inneren Unwahrheit bleibt

♦) Nachdruck nicht gestattet.

Zeh« m Zehe.

Roman von Gabriele d'Rrvor.

(53. Fortsetzung.)

Clary ergriff ihre Hand. „Kommt, Nelly, die Zeit flieht, beeilen wir un». Und ganz leise fügte er hinzu; „Tomy erwartet Euch."

Da« Stäbchen erzitterte beim Klange diese« Namen«.

„Uno meine Hochzeit, die in vierzehn Tagen stattfinden soll?" fragte fie.

„Wenn Ihr hier bleibet, werdet Ihr itt mer- zehn Tagen Niemanden mehr Heimchen. Nelly, ich biete Euch da» einzig mögliche Rettungsmittel an. Sobald Eure Unschuld einmal anerkannt ist, steht er Euch frei, zurückzukommen, aber jetzt ist e» klug, zu fliehen."

„Meine Mutter ist da drin, ich will nicht ohne Abschied von ihr fortgehen; fie stürbe vor Unruhe, wenn ich so plötzlich verschwunden wäre.

Bei diesen Worten riß fich da» Mädchen los und eilte in die Hütte. Clary folgte ihr. Als die Mutter hörte, wa« ihrer Tochter drohte, ver­fiel fie in Helle Verzweiflung.

„Du bist verloren, N.lly, mein armes Kmd!

mit all' ihren bitteren Erinnerungen, namentlich aus dem kurzen Herrscher-Martyrium Kaiser Friedrich'« im Einzelnen in'« Gedächtniß zurückzu­rufen. Al« Dreikaiserjahr aber wird das Jahr 1888 in mehrfacher Hinficht einen bmk- würdigen Platz in der äußeren und inneren Ge­schichte Deutschland» einnehmen.

Da» Jahr 1888 war vor allem, um hier nur die großen Gefichtspunkte heraurzuheben, da« be­vorzugte Jahr de» Papstthum». Da« am Schluffe de» vorigen Jahre» begonnene PapstMläum findet mit dem Sylvestertage seinen Abschluß, und nut freudiger Genugthuung weilt unser Blick auf dem glanzvollen Bilde, welche» die Huldigung der ganzen katholischen Welt und die beredten Ehrenbezeugungen so vieler nichtkathollscher Fürsten und Großen der Erde vor dem Inhaber der höchsten kirchlichen Gewalt un» darbot. Der Glanz des p^tstlichen Jubeljahres kann durch die fortgesetzten Beleidig­ungen und Kränkungen, welche Neuitalien seinem terhaltet. Fürchtet also nichts sür fie uno denket an Eure eigene Sicherheit 1"

Da« Mädchen überlegte einen Moment.

„Ich bleibe!" sagte e» entschlossen.

,Mie Ihr wollt, Nelly, Euer Eigensinn wird un» alle Beide verderben."

Der junge Mann setzte fich ruhig bei der Thür ntebct

„Was macht Ihr da, O'Warn?" ftagte da« Mädchen bestürzt, „Wenn man Euch findet, seid Ihr verloren!"

"So fliehet doch, Unglücklicher, schnell!"

Nicht ohne Euch, Nelly; ich habe den Auftrag, Euch zu retten, und kehre nicht allem m die Berge zurück. Höret! Sie nähern fich! Ich sehe be­reit» ihre Waffen im Monvlicht blitzen, noch einige Minuten und e« ist zu ipät. Sie werden Euch freilich nicht anrühren, Nelly, so lange noch ein Rthemzug n mir 'st; aber wenn fie Mich erwürgt baden, wa« wird bann au» Euch? Bi Viesen Worten zo, Clary seine Pistole heraus und lockerte ben Dolch im Gürtel.

Die Mutter war nach der Thür gestürzt.

mit doppelter Bitterktit die Hefe des Selbstvor­wurfes und des moralischen Ueberdruffe«. Doch das muß der Einzelne mit fich selbst ausmachen. Im Allgemeinen wirb man ben schönen Brauch des Sylvester- unb Neujahrsjubel» nicht verwerfen bürfen. Harmlose Festesfreude ohne Uebertretbung und Ausschreitung sei Jedem vergönnt, welchem es feine Verhältnisse erlauben.

Aber alle« zu seiner Zett! Neben dem lauten Festerjubel darf auch die innere Prüfung, die stille Selbsteinkehr am Sylvester- oder NeuMstage nicht zu kurz kommen. Dreifach ist die Richtung, in der sich in diesen Tagen unsere Gedanken be­wegen sollen: Rückwärts! Vorwärts! Auf- " Rückwärts wendet sich der prüfende Blick und die ernste Gewiffenserforfchung auf das ver- floffene Jahr, auf feine Früchte und Erfolge, wie auf feine Irrungen und feine Fehler; Freud und Leid, sorgenvolle und heitere Tage, unser eigenes Thun und Lassen, wie unser Verhältniß zu Anderen, zu Freund und Feind, zu Vorgesetzten und Unter­gebenen lassen wir an unserem Gerste vorüber­ziehen und entrost feit dann In kurzen, markigen, ungeschminkten Zügen die Jahresbilanz unseres Lebens. Mag diese nun einen moralischen lieber- schuß oder ein Manco ergeben, wir dürfen es bei dieser rückschaumden Prüfung nicht bewenden lassen. Unverzagt und mit neuen Vorsätzen, au«- gerüstet mit den guten ober schlimmen Erfahrun­gen der Pergaugensett, * - -

wärt«, geradeaus der Zukunft fest ins Auge. Und wir können die» füglich mit um so größerer Zuversicht, je inniger unb fester wir gleichzeitig ben Blick — aufwärts richten zu Ihm, dem Geber alles Guten, bem Lenker ber menschlichen Geschicke, bem allmächtigen Hort unb Schirm aller deren, bis guten Willens sinb unb auf ihn bauen unb vertrauen. Dieser dreifache Blick — vor­wärts, rückwärts und aufwärts — wird in allen Lagen des Lebens und zu jeder Zeit, vor allem aber bei dem wichtigen Abschnitt der Jahreswende, unsere Kraft neubeleben, unseren Willen stählen und unser inneres Gleichgewicht befestigen oder, wenn es gestört war, wiederherfiellen.

Unpolitische, rein menschliche Sylvester- und Neujahrs-Gedanken waren es, die wir in Vor­stehendem aussührten. Von einer politischen Zeitung erwartet man aber in der Regel auch eine mehr oder minder politische Sylvester-Betrachtung. Wir können uns in dieser Hinsicht kurz fassen, da Du magst sagen, wa» Du willst, man wird Dir nicht glauben, und William Pody ist nicht hier."

„Er würde nicht» für sie thun können.' „Doch, er nähme sie mit nach Cork." .Glaubt Ihr, daß die Polizei sie dort nicht finden würde?" erwiderte O'Warn.

O e» ist schrecklich! Mir mein Kind fortneh- nehmen, die Elenden! Wer mag fie beschuldigt haben?" , „

Einer ber Konstabler, ber Tomy verhaftete.

;;®a« Ungeheuer! Möge bie Hölle ihn ver­schlingen !"

In biesem Augenblicke glaul te Clary ein ver- bächtige» Geräusch zu hören. Er lauschte. R ch- tig, dasselbe näherte fich, man hörte deutlich Säbelklirren. . m .

„Höret, fie kommen!" rief er. „Nelly, folget mir rasch, ehe e» zu spät wird," drängte er.

„Uub meine Eltern? W nn ich fl ehe, wirb man sie fortführen 1" gab Nelly zuruck.

„Nein, b<u hat keine Noty; bie Konstabler bähen angegeben, daß Ihr allem uno gegen den Willen Eurer Eltern Verbindungen mit un» un-

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