Samstag, den 29. Dezember,
JV 300.
1888
filher
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Erstes Blatt.
* Der Fall Ruckteschel.
Die deutsche, mäst protestantische Kolonie in Petersburg ist in großer Aufregung wegen der Verhaftung des sehr beliebten Pastors Ruckteschel. Dieser hatte am 9. Dez. einem Russen, einem Mitglieds der russischen Staatskirche, das protestantische Abendmahl gereicht, wa« streng verboten ist, war dann g> flohen, wurde aber an der Grenze noch angehalten, zurückgebracht und kurzweg zur Verbannung nach Sibirien verurtheilt. Das ist nur so ein Pröbchen russischer Gewissensfteiheit. Tausende ähnlicher Fälle kommen in den römisch- katholischen Gegenden der Reiches jährlich vor, man spricht aber in der Regel im Abendlande nicht davon. Run füllt der Fall Ruckteschel die Zeitungen und sie erheben große Klage. In der deutschen Kolonie zu Petersburg fürchtet man besonders schlimme Rückwirkungen auf das deutschprotestantische Schul- und Kirchenwesen. Ruckteschel ist wegen der Schrecken einer sibirischen Gefangenschaft irrsinnig geworden.
Die .Kreuzztg.' benützt den Fall Ruckteschel zu lauten Klagen über die „finstere Glaubens- tyrannei" Rußlands. Wir sind die letzten welche es billigen, daß der russische Absolutismus den lutherischen Pastor Ruckteschel verhaftet hat, weil er einen zur schematischen Staatskirche gehörenden Künstler auf sein Verlangen in die protestantische Kirche ausgenommen hat. Da aber in Rußland ein diesen Schritt mit Strafe belegendes Gesetz .xistirt, so handelt die russische Behörde ganz „gesetzmäßig", wenn sie Ruckteschel zur Verantwortung zieht. Damit kommen wir aber zu der Frage nach der Giltigkeit der Staatsgesetze, welche religiöse, kirchliche Dinge betreffen. Im Kulturkampf haben wir stets betont, daß die Maigesetze formell rechtlich zu Stande gekommen seien, daß der Staat aber dabei seine Befugnisse überschritten habe und daß manche jener Bestimmungen deßhalb weder gerecht noch zulässig seien. Die ganze Kultur- kampfsprlffe aber verketzerte dar als eine „Staats-" und „Reichsfeindlichkett" und hielt die Meinung für ein Verbrechen, daß gewisie Gesttzbestimmungen nicht verbindlich seien. Damals hatte auch die .Kreuzzeitung' nicht» dagegen, daß katholische Bischöfe, Priester und Laien ins G.fängniß wanderten
Jihu M Mi
Roman von Gabriele d'Arvor.
(52. Fortsetzung.)
Die Konstabler fitzten ihre Nachforschungen eifrig fort, um die Verschwörer zu entdecken; aber vergebens. Endlich, am Tage vor der Rückkehr des n-um Landlords, um wenigstens etwas aufweisen zu können, entschlossen der Richter und der Brigadier sich, zwei Schänkwiithe und Nelly Buckly zu verhaften. Letztere sollte die Seele de» Kom- plotts sein, denn sie verfolgte mit unbefriedigter Rachsucht Jene, die Tomy Podgey verurtheilt hatten. Nelly war auf einmal die Charlotte Cor- day von Greenish geworden.
Waren aber die Polizisten auf den Beinen, so wachten ihrerseits auch die Flüchtlinge. Sir hatten ihre Spione im Dorfe, die alle Schritte und Trüte der Konstabler verfolgten. Durch düse erfuhren sie auch die Gefahr, von der Nelly bedroht war.
„Aha!" sagte Gaspard, „dieser würdige Friedensrichter will mit uns anbinden. Er mag sich in Acht nehmen, wenn er nicht einen Spaziergang in die andere Welt machen will. Der elende
für Akte, welche sie als Gewissenspflicht tu sahen. Erst das Vorgehen der russischen Regierung gegen protestantische Pastoren hat dem Blatte die Augen geöffnet Die .Kreuzztg.' sagt mit vollem Recht, e« „sei die absolute Pflicht und Schuldigkeit Ruckteschel« gewesen, Waronow in die evangelische Kirche aufzunehmen. Ganz recht!" War es auch nicht die absolute Schuldigkeit katholischer Priester Preußens, in den ihrer Obhut anvertrauten Pfarreien, die Kinder zu taufen, die Gläubigen Beichte zu hören, den Sterbenden die letzten Tröstungen der Religion zu bringen, wenngleich der Staat solche Funktionen als gesetzwidrig mit schweren Strafen belegte? Wie viel hundert Jahre Gefängniß find nicht in Preußen über Hunderte von katholischen Priestern verhängt worden für Akte, die sie al» ihre „absolute Pflicht und Schuldigkeit" ansehen mußten? Die.Kreuzztg.' meint, Ruckteschel habe so handeln müssen, auch wenn er sofort sein Haupt auf den Block der Guillotiue hätte legen müssen. Nun Hunderte kath. Priester find in Preußen in'» Gefängniß gewandert, haben selbst die Ausweisung über stch ergehen lassen müssen, ohne daß die .Kreuzztg.' darüber eine Thräne vergossen hat. Des Blatt meint ferner, in der Türkei, ja nirgendwo in der ganzen Welt" wären solche Dinge möglich wie in Rußland, selbst au» China würde kein Missionar, der einen Chinesen taufe, ausgewtesen. Zunächst sei daran erinnert, daß noch unlängst preußische Geistliche au« ihrem Vaterland- wegen einer einzigen „gesetzwidrigen" Taufe aurgewiesen werden konnten. Dann aber dulden die Türket und selbst China katholische Missionäre: Redemptoristen, Jesuiten, Schwestern vom hl. Herzen, welche auch heute noch aus ganz Deutschland verbannt sind. Wollten diese in ihrem deutschen Vaterlande eine Taufe vollziehen, so würde man gegen sie vorgehen, während die Türkei und China nichts dagegen Haden. Sonderbarer Weise aber übernimmt das deutsche Reich noch in China da» Protektorat über dieselben Ordensmänner, welche es durch das Jesuitengesetz vom Vaterlande und allen Funktionen in demselben ausgeschlossen hat. Das ist, um ein Wort der .Kreuzztg.' zu variiren, „deutsche Logik". Ist e» der .Kreuzztg.' ernst mit ihren Klagen, so trete sie für die Beseitigung solcher Bestimmungen erst im eigenen Hause ein!!
Schuft, um e» mit seinem Herrn nicht zu verderben, vergreist er sich an Unfchuldigen!"
„Wir dürfen Nlly nicht arretiren lassen," sagte Tomy, der eben anwesend war.
„Sie werden sie nicht anrührcn," versicherte Clary, entschlossen die Hand an den Dolch legend.
„Diese» Mal wirst Du al>o nicht so mitleidig sein," spottete Gaspard.
„Ich werde niemals zögern, einen Freund zu vertheidigen," antwortete O'Warn, „aber ich will kein Meuchelmörder sein."
„Ich habe einst gerade so gesprochen wie Du, junger Mann. Die Erfahrung wird Dich auch noch eines Anderen belehren. Wa» aber Nelly betrifft, so will ich nicht, daß sie für die uns erwiesenen Dienste büßen soll; lieber gehe ich selbst sie der Justiz entreißen. Man muß sie benachrichtigen und ihr eine Zuflucht hier in den Bergen anbieten, bis ihre Unschuld anerkannt ist. Tomy Podg'y, Deine Familie wird nichts dagegen Haden, sie aufzunehmen?"
„O, gewiß nicht," erwiderte der junge Mann eifrig. „Ich nehme r« auf mich, sie hierher zu holen."
„Nein," widersprach der Hauptmann; „ich habe
Deutsches Reich.
Berlin, 28.*Dezember.
* Von 1871 bis 1885 ist im Deutschen Reich die Zahl der Katholiken nur um 12,9 Prozent, die der Evangelischen aber um 14,8 Prozent gestiegen; in Preußen dagegen vermehrten sich in diesem Zeitraum die Katholiken um 16,4, die Protestanten um 14,7 Prozent. Der Nachtheil für die Katholiken im ganzen Reich beträgt also nahezu 2 Prozent; wir müßten etwa eine Viertel Million Seelen mehr aufweisen können, wenn wir mit den Protestanten gleichen Schritt gehalten hätten. Da nun die Zunahme der Katholiken in Preußen 16,4 Prozent beträgt, so müffen dieselben im außerpreußischen Deutschland noch viel mehr, al» eine Viertel Million cingebüßt haben, damit der Gesammtprozentsatz auf 12,9 Prozent gedrückt werden konnte. E» scheint, da» außerhalb Preußen«, namentlich in Bayern und Baden, den Katholiken Terrain durch die M t s ch e h e n verloren geht. Da heißt e« für alle Betheiligten: Habet Acht!
* Frhr. v. Fürth, ein treuerprobter Mitkämpfer für die katholische Sache und langjährige« Zentrumsmitglied, ist gestern Morgen in Aachen gestorben. Hermann Ariooist Hubert Frhr. v. Fürth war am 21. März 1815 zu Lüttich geboren. Ec besuchte da« Gymnasium in Aachen, studirte in Bonn und Berlin Jura und Came- ralia, an der katholischen Universität zu Löwen Kirchenrecht und andere theologische Disziplinen. , Er widmete sich der juristischen Karriere, in welcher er zuletzt Landgerichtsrath war; als solcher wurde er penfionirt. Er vertrat von 1877 bis 1887 Bonn im Reichstag und von 1874 bis 1888 Bonn-Rheinbach im Abgeordnetenhaus. Bei den letzten Wahlen nahm er ein parlamentarisches Mandat nicht mehr an. Sein allzeit t pferbereiter frommer Sinn, seine treue Liebe zur katholischen Sache sichern ihm unter den deutschen Katholiken ein dauerndes Andenken.
* Wie der ,Hamb. Korresp.' in Bestätigung früherer Meldungen au« zuverlässiger Quelle erfährt, wurde die Voruntersuchung gegen Professor Geffcken am 3. Dezember geschloffen. Seit jener Zeit befinden sich die Akten in den Händen de» Ober-Retch«anwalt« behufs Ausarbeitung der Anklageschrift; es ist demgemäß zu erwarten, daß die Anklage in nächster Zeit dem
kein Vertrauen in einen Verliebten. Deine Un- klughcit hat Dich schon einmal in arge Verlegenheit gebracht. Clary, der schon mehr als einen schwierigen Auftrag ausgeführt, eignet stch dazu bester als Du,"
Tomy bestand nicht auf seinem Wunsche; er ließ freilich nur ungern einem Anderen die Sorge, Nelly zu retten und über sie zu wachen, aber der Hauptmann befahl, und da mußte er stch fügen. Uebrigen« empfand er leine außerordentliche Freude bet dem Gedanken, daß Nelly, verfolgt, wie er selbst, in seine Nähe, zu seinen Eltern kommen sollte. Seine kühnsten Träume hatten ihm ein solches Glück nie vorgesptegelt. Da» junge Mädchen konnte nun William Pod y niemals h-irathen; ste würde wohl niemals heimkehren dürfen. Ein gemeinsame« Loo« sollte ste mit ihm verbinden. Nelly liebte ihn, daran zweifelte er nicht, und wenn ste nun frei geworden, würde ste nicht einwilligen, die Seine zu werden und ihm nach Australien zu folgen?
Auf dem Wege zu der Hütte seiner Eltern betrachtete der junge Mann wonnetrunken da« Bild, da« stch vor seinem Güste entrollte, und da« die Phantast- ihm in den schönsten Farben auimalte.