Samstag, den 22. Dezember.
JV 296.
1888
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Zweites Blatt.
ä Weihnachtsplauderei.*)
Vermuthlich hat Niemand von uns sein gutes Geld in Panama- oder deutsch»ostafrikanischen Papieren angelegt; also brauchen wir uns durch den Krach in Mittel-Amerika und den Krach in Hinterafrika die Weihnachtsstimmung nicht verderben zu lasten. Es gibt freilich Leute genug auf Erden, denen e« miserabel schlecht geht, aber folktt sich deßhalb alle anderen die festliche Dasein«- freude verkaufen? Dann würde überhaupt das Lachen von der Erde verbannt sein und die Menschheit fich in eine Gesellschaft von Klageweibern verwandeln müsten. Während des Stündchens, welches wir in aller Bequemlichkeit dem leckeren Mittage ffen am Weihnachtstage widmen, liegen auf der Erde mindestens drei Tausend Menschen im Todeskamps. Wer da« „Mitleid" bi« in« Extrem treiben will, kann stch mit einer kleinen Anstrengung seiner Phantaste neben jede Rose einen Todtenkopf, neben jede Wiege einen Sccirtisch hinzaubern; wenn wir uns Abenls in« warme Bett legen, so können wir uns mit den Gedanken an die in den sibirischen ElSfeldern Begrabenen zum Zähneklo ppern bringen; und den erquickenden Frühstückstrunk können wir uns vergällen durch die Erinnerung an die armen Opfer der Sklaven jäger, welche im glühenden Wüstensande lebendig gedörrt werden. Wer am knistern- den Feuer gemüthlich sein Abendpfeifchen raucht, der braucht nur an die zwölf verkohlten Leute au« der Fabrik von Neumünster zu denken, um au« den lust g züngelnden Feammen der Menschheit ganzen Jammer fich entgegenleuchten zu sehen. Ja, die Welt ist immer ein Jammerthal, wenn auch ein Theil der Menschheit manchmal jauchzt und lacht und sich im Himmel dünkt, und war würde e« nützen, wenn der augenblicklich vergnügt gestimmte Bruchtheil aus theilnehmenden Weltschmerz auf feine frohe Laune verzichten wollte? Beseitigen läßt fich der ganze Jammer von Roth, Krankheit und Tod nicht; cs bleibt uns also nur die Wahl, entweder eine unaufhörliche und allgemeine S o l i d a r - B e t r ü b n i ß einzuführen oder manchmal die Augen von dem unheilbaren Leid der Andern wegzuwenden, um ftoh zu genießen, wa« uns selbst beschieden.
Jeder kennt wohl das Märchen von dem Miß- begierigen, den der liebe Gott dadurch kurirte, daß er ihm da« Auge der Allwiffenheit lieh, welche« die ganze Welt überschaut und in alle Heimlichkeiten dringt. Sehr bald warf fich der Neugierige zu den Füßen de« Herrn und flehte: Nimm die Sehkraft von mir, denn kein Sterblicher erträgt e«, die ganze Fülle der Bosheit und des Elendes auf Erden zu schauen!
Danken wir dem Himmel, daß unsere Erkenntniß in engen Schranken ton Raum und Zeit gekannt find; sonst könnten wir de« Lebens keinen Augenblick ftoh werden. Es ist natürlich, schön und gut, wenn uns der Tod eine« Familiengliede« bis in das Mark der Seele erschüttert; aber e« wäre unnatürlich, häßlich und schädlich, wenn wir unsere ganze Lebenskraft in fruchtloser Trauer verzehren, der Umwandlung de« Trennungsschmelzes in weh- müthiges Gedenken durch die heilende Hand der Zeit uns widersetzen wollten. Am schlechtesten paßt dieser ewige GrabeSjammer für den gläubigen Christen; denn wenn in ihm gleich nach dem Todesfall der Schmerz über die zettwellige Tr en- nung überwog, so muß doch bald die Gewißheit de« Wiedersehen« im Jenseits in den Vorder- grund treten.
*) Nachdruck nicht gestattet.
Auf Gold- und Silbersachen findet man einen Stempel, welcher den Feingehalt anzeigt. Für alles das, was stch für Liebe, Treue oder Mitleid ausgibt, läßt fich kein Stempel gesetzlich vorschreiben; e» ist viel Talmigold darunter. Die tiefoerschleierte Wittwe, welche die Blumen auf dem Grabe ihres Gatten mit ihren Thränen ernährt, ist selbst des Glaubens und die Welt glaubt es mit ihr, daß ihr Herz von reinster Liebe zu dem Verewigten erfüllt ist; im Himmel aber werden vielleicht die Klagen und Thränen auf dem Conto „Selbstsucht" gebucht, weil die gute Frau im Grunde ihres Herzen» bloß über die unangenehmen Folgen trauert, welche der Todesfall für fie selbst mit fich bringt. — Auf dem Gesicht der feinen Dame int Plüschmantel und Bon spiegelt stch mitleidvolles Entsetzen, wenn ihr ein sieches Kind oder ein hohläugiger Krüppel in die Augen fallen; aber wenn von ihr Opfer verlangt werden für die Kranken» und Armenpflege, dann werden die mitleidigen Züge hart; mit wenigen Groschen kaust fie stch los, um gleich darauf Hunderte von Mark in Schmuck- und Luxussachen zu vergeuden.
Weihnachten ist da» Fest der Liebe, aber nicht des gefühlsduseligen oder phrasenreichen Scheine» der Liebe, sondern der wahren, echten, werk» thätigen Liebe. Da» Seufzen und Jammern über da» Elend der Welt ist ein tönendes Erz und eine klingende Schelle; Gefühle find gleich wallenden Nebeln, Worte gleich rinnendem Wafler, aber die That ist gleich dem Acker, aus welchem segensreiche Frucht sprießt.
Du willst zu Weihnachten Deine ganze Famllie recht froh und glücklich machen. Das ist recht hübsch von Dir; aber bilde Dir bloß nicht ein, daß das ein Heldenstück der Tugend sei. Wenn Du Deinen Kindern hübsche» Spielzeug kaufst, denkst du dabei bloß an die Freude der KleinlN oder spckulirst Du nicht eigentlich auf den Genuß, welchen Dir selbst der Jubel der Kleinen bereiten wird? Und wenn Du Deiner Ehehälfte einen schönen Mantel ober einen neuen Hut schenkst, so schwebt Dir vielleicht schon der Gedarke vor, wie imposant e» fich ausnehmen wird, wenn Du am Feiertag eine so reichgeschmückte Frau am Arme hast. Du kennst die scherzhafte Anekdote von dem zärtlichen Ehemann, der seiner Frau zu ihrem Namenstage ein Kistchen vorzüglicher Cigarren schenkte, mit dem Versprechen, fie ihr treulich vor- zurauchen. Da» war grober Eigennutz; aber ein feinerer Eigennutz steckt hinter den meisten Stücken der häuslichen Bescheerung. Und die Moral davon lautet: „Wenn du da» Christfest zu einem wirklichen Liebesfest machen willst, bann thu' auch nach Kräften Gute» solchen Leuten, bis bich „eigentlich nichts angehen." —
Bei tiefer Gelegenheit möchte ich noch einen Zweifel zur Sprache dringen, ber mir öfter» auf- gestoßen ist; namentlich auch bei ber Lektüre von rührsamen Weihnachtsgeschichten. Da spielt nicht selten ein süßes, schöne» Kind reicher Ellern eine prächtige Engelsrolle; es finbet armeÄinber, betten kein Weihnachtsbaum aufgebaut ist unb erquickt und beschenkt sie höchsteigenhänbig mit mütterlicher Sorgsamkeit. Auch sonst wirb e» sogar in ernsten Vorlrägett über Erziehungskunst al« schön unb nützlich angepriesen, daß Eltern, um ihre Spröß- linge an Mtldthäligkett zu gewöhnen, die mtloen Gaben durch die Hand ber Kinder aurthei- len lassen. Solche Schilderungen und Anleitungen haben etwa» Verlockende«; aber ich kann mir nicht helfen, e« sträubt sich etwa» in mir gegen diese den Kindern zugedachte Rolle. Ich beobachtete einmal, wie ein zehnjährige« elegante« Mädchen unter Anleitung ihrer eleganten Mutter einem Straßen- bettlet einen Groschen in die Mütze warf. Schade,
daß ich nicht zeichnen kann, sonst hätte ich diese gönnerhafte Haltung de» kleinen Mädchen«, die selbstbewußte Miene, den nach dem Eindruck der großen That spähenden Blick, die vorsichtige Vorstreckung de» rechten Arme» unter Zurückziehung de» Röckchens, da« einer Gefahr der Berührung mit dem Bettler ausgesetzt war — dieses typische BUb einer „Wohlthat" voll Eitelkeit, Selbstüberhebung und Mißachtung de» Beschenkten hätte ich gar zu gern auf'» Papier gebracht. Ja, es steckt in ber halben Blüihe des Wohlthuns auch eine Dosis Oft, vom Gift de« Befitzstolze», de« Kastengeistes, btt gefährlichen Einbildung, daß wir etwa« Andere», Bessere» und Höhere» feien als Diejenigen, welche ein Geschenk von uns annehmen. Ein ausgewachsener Charakter mag diese Giftbosis ohne Schaben vertragen können; aber ich fürchte, baß fie für bie zarten Kindergemüther leicht zu stark wirb. Der Erwachsene hat in ber Schule bei Lebens wenigstens die Möglichkeit gehabt, bie Nichtigkeit bes irdischen Befitzes, die Gleichheit ber Menschenwürde bei Arm und Reich kenmn zu lernen. Aber das Kind soll da» erst noch lernen. Je vortheilhafter fich feine Erscheinung und sein Besitz von dem Aeußeren und den Habseligkeiten ber ärmeren Äinber abhebt, desto größer ist bie Gefahr ber Ueberhebung. Wird nun diese Gefahr nicht vermehrt, wenn man da» Kind selbst al» Patron, Gönner und Wohlthäter der ärmeren Altersgenossen sich aufspielen, den Eitelkeits-Duft der Danksagung es einsaugen läßt? Noch bedenklicher wird bie Sache, wenn sogar erwachsene Personen vor dem Kinde ihren Rücken beugen unb dem kleinen Gehirn da» Bewußtsein einimpfen, daß der Besitz ihm schon da» Uebergewicht über „große Leute" gebe.
Das stnb meine Bebenken gegen bie Verkeilung von Almosen burch bie Hände der Kinder selbst. Aber — so wird man entgegnen — bie Kinder müssen doch zum Wohlthun angehalten werden? Geht denn das nicht auf andere Weis-? Z. B. die Mutter sitzt dem Kinde auseinander, daß alle schönen Gaben vom lieben Gott herrühren. Er gebe aber nicht allen Menschen gleich viel, sondern dem einen mehr, dem andern wenig. Wer mehr erhalten hat, der müsse das Gut treu verwalten und gut anwenden, denn der liebe Gott fordere einst Rechenschaft. Du hast nun auch schon etwas Gelo in Deiner Sparbüchse; ber liebe Gott hat es uns gegeben unb wir haben es Dir gegeben. Wie willst Du das nun anwenden? Viele Kinder haben keine Sparbüchse und bekommen auch zu Weihnachten nicht» geschenkt, obschon fie so artig und fleißig waren. Wollen wir ihnen etwa» mit- geben von dem Unserigen? Dann gib mir nur Demen Beitrag, ich werde ihn dem Christkindchen für die Armen geben. Unb so weiter. Genügt biese Wohlthättgkeit burch Vermittelung ber Eltern nicht dem Erziehungszwecke? ,
Wer aber eine unmittelbare Betheiligung beeÄmbee an Liebeswerken will, der sehe von dem gefährlichen Gelbgeben ab und halte lieber da» Kind zu persönlichen Liebesdiensten an. Z. B.: Auf einem Spaziergänge mit Deinem auf- blühenden Jungen begegnest Du einem armen Knaben, der einen schweren Korb schleppt; da machst Du Deinen Sptößling darauf aufmerksam, wie nöthig dem die Hilfe fei. Wenn Du Deinen Sohn bewegst, daß er mit froher Miene dem armen Jungen den Korb tragen Hilst, so hast Du ihn fittilch wettet gefördert, als wenn Du ihn 100 Tyaler vertheilen läßt. Ovn bie Mutter geht mit ihrem angehrnben Backfischchen über bie Straße, während gerade ein Kind auSglettet und weinend im Schmutz liegt. „Komm, Elsa, das arme Kind