JV 293.
Mittwoch, den 19. Dezember.
1888
Jnlbaer
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* Das Schicksal von Emin Pascha «nd Stanley
erregt ungeheueres Aufsehen, und das mit Recht. Ist Emin Pascha gefangen, so ist nicht nur die geplante deutsche Expedition zu seiner Unterstützung gegenstandslos, sondern ganz Centralafrika befindet sich widerstandslos in den Händen fanatischer Mohammedaner, welche sehr bald sich nach Süden wendend, den arabischen Sklavenhändlern Ostafrikas die Hand reichen und deren Aufstand unterstützen dürften. Unter diesen Umständen ist die Frage, ob Emin Paschas Macht in der That gebrochen und er sammt dem ihm zu Hilfe geeilten Stanl.y gefangen genommen ist, von höchster Bedeutung nicht nur für das Vorgehen in der Sklavenfrage, sondern auch für die kolonial-politischen Bestrebungen in Ostafrika. Der Feldherr des Mahdi, der frühere Sklavenjäger Osman Digma, hat dem General Gren- fett in Suakim die Nachricht zugehen lassen, daß Emin Pascha sammt einem anderen Weißen gefangen genommen sei, nachdem die Soldaten des Ersteren zum Mahdi übergegangen seien. Diese bloße Behauptung könnte eine bloße Kriegslist sein, ausgesprengt zu dem Zwecke, um Expeditionen zu Hilfe Emin Paschas zu hintertreiben. Jndi flen Osman Digma hat aber seine Behauptung auch mit „Beweisen" unterstützt. Er hat in Suakim einmgl die Abschrift eines Briefes präsentirt, welchen der Khedive von Aegypten Stanley übergab, als er zu Emin vorzudringen suchte, und General Grenfell, der den Brief verfaßte, hat die Abschrift als richtig erkannt. Außerdem hat aber Osman Digma auch ein Päckchen Snider- patronen überreichen lassen, welche bei dem „weißen Reisenden gtfunben worden seien. Die Sanstbariten Stanley'« sind aber mit Snider- patronen ausgerüstet, während die Sudanesen solche nicht besitzen. Es ist nun immer noch denkbar, daß Stanley den Brief durch einen Boten an Emin Pascha vorausgeschickt hat, um ihn durch die angekündigte Hilfe desto eher zu ermuthigen. Solchen Boten können auch sdie Sniderpatronen abgenommen sein. Daher konnte die Meldung des verschmitzten früheren Sklavenjägers auch eine Kriegslist fein, indessen kann sie auch auf Wahrheit beruhen. So bleibt nur übrig, die näheren Meldungen abzuwarten. Befinden sich Emin und
Zeh« nm Mn.
Roman von Gabri e t e d' Arvor.
(45. Fortsetzung.)
„Scherzen wir nicht über diese Sache, Clary; Du weißt, daß mein Herz mir nicht mehr angehört; ich könnte kein anderes Weib liedm, a's Nelly."
„Jndeß wirst Du auf diesen Wunsch doch verzichten müssen, denn in 14 Tagen ist sie William Pody's Frau."
„Ich werde trotzdem nie eine Andere lieben."
Tomy stand eben in dem Alter, dem hochherzige Illusionen eigen sind. Er glaubte an die unerschütterliche Beständigkeit menschlicher Gefühle und er wies deshalb den Gedanken, daß jemals eine Andere Nelly in seinem Herzen verdrängen könnte, mit Entschiedenheit von sich.
Clary's melancholischer Blick ruhte unbewußt auf dem weiten Ocean, dessen bewegliche Oberfläche nicht mit Unrecht ein Sinnbild des unbeständigen Menscher herzens genannt wird. Seine Gedanken führten ihn wert, wett hinweg über jene unendliche Fläche, in ein Land, wo Freiheit und Glück so manchem in seiner Heimath unterdrückten Iren geblüht. Warum nicht auch dorthin gehen?"
Stanley in den Händen der Mahdisten, so fragt es sich zunächst, ob ihr Leben noch durch Zahlung von Lösegeld zu retten ist. Sicher würde dazu in Suakim alles aufgeboten werden. Freilich ist auch bei großen Opfern auf die Freilassung Beider nicht sicher zu rechnen, weil die Mahdisten die große Erfahrung Beider fürchten. Aber auch im Falle der Freilassuug Beider wäre die Vernichtung der Macht Emin Paschas sowohl für die Sklaoenfrage wie für die deutsche Kolonialpolitik in Ostafrika bedeutungsvoll. Die fanatischen mohammedanischen Mahdisten würden sich sicher mit den Sklavenhändlern im Süden verbinden und geschieht das, so würden einige hundert Soldaten, von denen Graf Bismarck am Freitag sprach, eben so wenig genügen, wie die Stationen, welche Kardinal Lavtgerie plant. Das Verderben ist eben, daß die Afrikaner im Besitz europäischer Feuerwaffen und daher gefährliche Gegner find.
Als Chartum in Trümmer sank, beklagte die ganze cioilisirte Welt den tragischen Untergang des Helden Gordon; dann dachte man an den Mann jöon Wadelai, Dr. Schnitzler, besser bekannt unter dem Namen Emin Pascha. Die fanatischen Heerhaufen des Mahdi hatten Egyptens Herrschaft über den Sudan zertrümmert, England- Regimenter bis an die ursprünglichen Grenzen Egyptens zurückgedrängt. Emin Pascha, abgeschnitten von jeder Verbindung, verstand e», für sich die Oberhand zu behalten und gestützt auf die Spitzen der Bayonette einiger schwacher Negerbataillone in Wadelai ein Reich zu gründen und den Angriffen des Mahdi seither zu trotzen. Die Weltgeschichte sah gar manche seltsame Entstehung von R ichen, wenige aber unter so abenteuerlichen Umständen und Vorbedingungen. Den „Gefangenen zu Wadelai" zu befreien, erschien als Ehrenpflicht. Stanley wurde erkoren, ihn zu suchen. r @6 zeigte sich der volle strahlende Nimbus dieses Namens; nicht ein Mensch zweifelte an dem Mißlingen der Expedition des kühnen Amerikaners; wie er „Livingstone färb", würde er Emin Pascha finden. Die Vorsehung hat es anders gefügt. Seit Jahresfrist ist Stanley verschollen; Niemand weiß ob er dem tückischen Fieber, Noth und Elend, den mörderischen Händen der Eingeborenen erlag. Bald kam vom Bongo, bald von Sansibar die angeblich sichere Botschaft seine« Todes, dann kam
Die Stimme Towy's riß ihn aus seinem Grübeln.
„Gedenkst Du immer im Gebirge zu leben, Clary?"
„Ja, ich halte mich bereit für den Tag, wo Irland noch einmal versuchen wird, die Sklavenketten zu zerbrechen und seine Unabhängigkeit wieder zu erobern. Der letzte der O'Warn schuldet sein Blut dem Vaterlande, er wird gegen diese Pflicht nicht fehlen. Aber Du, Tomy, der Du keine Tradition einer großen Namen« aufrecht zu erhalten hast, warum bleibst Du in einer Stellung, die Deinem Geschmack so wenig zusagt?"
„Ich kann nicht fort."
„Weißt Du, woran ich eben dachte? Der Kapitän sagte mir, in zwei Monaten würde er die Reise nach Spanien machen und dabei in Frankreich anlaufen. Benutze die Gelegenheit, um Irland zu verlassen."
„Da« kostet Geld, und wir haben keines."
„Das wenige, was ich besitze, steht Dir zur Verfügung. Die Ueberfahrt ist nicht lang, der Kapitän hat ein gutes Herz; er wird Euch gern mttnehmen, Dich und Deine Familie. Ist das nicht ein ausgezeichneter Vorschlag?"
„Ja, ohne Zweifel, meine Eltern würden ihn sicher annehmen," meinte Tomy.
wieder die seltsame Märe, daß er als „weißer Pascha" gegen die Quelle des oberen Nil zöge. Da plötzlich kommt aus Suakim die Nachricht, daß beide gefangen sind. Die Erfahrungen von Chartum lehren, daß die Gefangenschaft des Mahdi gleichbedeutend mitZdem Tode ist. Alle Bestrebungen der Missionäre, die in seinen Ketten schmachtenden Christen zu befreien, blieben erfolglos, mit Mühe entrannen die Unterhändler dem Tode. Die hervorragende Stellung der beiden neuen Gefangenen forderte erst recht seine Rache heraus.
Ein Leitartikel der .Times* spricht mit Nachdruck und mit vollem Rechte aus, daß England in eigenen und der Welt Augen für die jämmerliche Verunglückung Emins und Stanley- verantwortlich sei, weil die englische Regierung, nachdem Gordon preisgegeben worden und seinen Tod gefunden habe, die uneinnehmbare Stellung Chartums aufgegeben habe. Hätte England Cyar- tum erobert, so wäre Emin gesichert, der Entsatzzug durch Stanley überflüssig, Suakim frei gewesen. Die .Times* tritt jetzt, da vermuthlich große Derwischschwärme vor Suakim ankommen, für Unterhandlungen ein.
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Dezember.
* Die Nachricht von der Gefangennahme Emin Paschas und Stanley« durch die Mahdisten entbehrt noch immer einer zuverlässigen Bestätigung. Die von Osman Digma eingeschickten angeblichen Beweisstücke beweisen nichts; dagegen liegen zahlreiche Momente vor, welche die Hiobspost als recht unwahrscheinlich erscheinen lassen. In Suakim glaubt man nicht daran.
* Da« Emin-Pascha-Comit« hält heute wieder eine Sitzung ob, um zu berat Heu, was angesichts der neuesten au« dem Sudan gekommenen Nachrichten zu thun sei. Wahrscheinlich wird der Antrag zur Berathung gelangen, die Abreise W iß- mann's, welche bereits für nächste Woche anberaumt war, so lange aufzuschieben, bis unzweifelhafte Nachrichten über das Schicksal Emin Pascha'« eingetroffen sind.
• Die Anti-Sklavereibewegung scheint jetzt in Sansibar selbst Boden zu gewinnen. Der Sultan, der bisher auf einem Landsitz weilte, ist nach seiner Hauptstadt zurückgekehrt und man er»
„Und Du?"
„Ich kann das Land nicht verlassen."
Clary zuckte mit den Achseln.
„Du wirst vielleicht noch einmal bedauern, meinen gut gemeinten Vorschlag nicht angenommen zu haben." —
Der Kapitän ging am andern Morgen unter Segel; die Gebirgler luden die Branntweinfäfler auf die mitgebrachten Ponies und verabschiedeten sich von Gibs und feiner Familie.
„Werden wir Euch bald wiedersehen?" fragte Lizzy, sich an O'Warn wendend.
„Bei der Unsicherheit, in dcr wir leben, kann Niemand etwa» versprechen," antwortete Clary.
„Bei St. Patrick I" rief der Fischer, „mit so trüben Gedanken wollen wir uns nicht trennen I Lizzy, bring noch ein Glas aus dem Fäßchen in der Ecke!"
Clary lehnte dankend ab.
„Ihr seid zu ernst, Clary; man könnte fast glauben, Ihr hättet stets das Gespenst der O'Warn vor Augen I"
„Ich habe e« gesehen - letzte Nacht!" Das junge Mäochen näherte sich ihm.
„Dann droht Euch Gefahr, Clary; kehrt nicht