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JV 290.

Samstag, den 15. Dezember.

1888

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Zweites Blatt.

M« in M».

Roman von Gabriele d'Arvor.

(42. Fortsetzung.)

In der folgenden Nacht träumte Nelly, sie be­stiege ein großes Schiff und landtte nach einer vom schönsten Wetter begünstigten Ueberfahrt in einem fremden, prächtigen Lande, wo Alle« im üppigsten Grün und im Blumenschmuck prangte. Ein hübscher junger Mann führte sie lächelnd in ihre neue Heimath. Aber da« war William nicht. Sie erwachte mie dem Namen „Tomy" auf den Lippen.

Dieser Traum beschäftigte ste den ganzen Tag Gegen Abend verließ ste die Hütte, um die Kühe von der Wiese zu holen. Sie sah, wie ein Schat­ten au« einem Gebüsch auftauchte, ein Mann von großer Statur, in einen Mantel gehüllt, den Hut bi» zur Unkenntlichkeit in"« Geficht gezogen, näherte fich ihr.

„Erschreckt nicht, Nelly, ich bin e«.“

„Tomy!" erwiderte sie mit unterdrücktem Auf« schrei. Dann, fich der Drohung William"« erin­nernd, bat fie:

„Entferne Dich, Tomy, um Gotteswillen! Deine Anwesenheit hier ist Gefahr; schon einmal an die­ser Stelle . . ."

„Eben an diesem Orte, Nelly, wollte ich Dir danken für da«, wa« Du für mich gethan hast."

„Du hast ein gute« Herz, Tomy; ich zweifle nicht an Deiner Ergebenheit; aber versuche nicht, mich wieder zu sehen, Dein Leben steht auf dem Spiele. Wenn Du wüßtest . . ."

„Ich wollte Dir rin lt tzte« Lebewohl sagen. Da« Geschick trennt un», sei glücklich. Wa« mich be­trifft, ich werde abreisen, da« Leben, da« ich jetzt führe, behagt mir nicht; meine Familie wird die erste fich bietende Gelegenheit benutzen, um Irland zu verlaffen."

„Möchte die Gelegenheit nicht zu lange auf fich warten laffen, Tomy. Ich werde erst wieder zu­frieden sein, wenn ich D-ch au« aller Gefahr weiß. Wenn Du auf da» Schiff gehst, so laß e« mich erfahren, damit ich beruhigt sein kann. Und nun gehe, rasch, Tomy, mir war'», al» hörte ich ein Geräusch."

Tomy aber eilte nicht; die jungen Leute plau­derten noch einige Augenblicke leise mit einander.

„Nun gehe, Tomy," wiederholte Nelly dringend. „Wenn William erführe, daß ich mit Dir geredet, er würde in Wuth gerathen. Komm nicht mehr zurück, Tomy, versprich e» mir: Du fitzkst Dein Leben auf« Spiel und kannst mir und den Meinigen große« Unglück bereiten. Ich bin ein rechtschaffene« Mädchen; seitdem ich eingewilligt, William Pody'« Frau zu werden, darf ich die Erklärungen anderer junger Leute nicht mehr be­achten. Wenn Du mir also nicht mißfallen willst, Tomy, so gehe jetzt. Gott schütze Dich — und mich," setzte fie ganz letse hinzu.

„Wann findet denn Euere Hochzeit statt, Nelly?"

„In drei Wochen."

„Und bist Du glücklich?"

„Gewiß."

Da« bittere Lächeln bei diesem Worte stimmte schlecht zu der Versicherung de« Mädchen«. Der junge Mann ließ fich auch nicht täuschen, er näherte fich Nclly und ergriff ihre Hand.

„Adieu, Nelly, mein Herz wird stet» . . ."

Er vollendete den Satz nicht, Nelly, stieß einen Schrei de» Entsetzen» au«, ein Dolch blitzte im Halbdunkel. Da« Mädchen wollte fich zwischen die beiden Männer werfen, aber t« blieb ihr nicht

mehr die Zeit dazu, eine kräftige Faust hatte bereit« Pody den Dolch au» der Hand geschlagen und hielt den Angreifer fest.

„Diesmal bin ich befiegt!" knirschte Pody wüthend; „aber wir finden uns wieder, Tomy Podgey!"

„Stehe zu Diensten!" gab Tomy spöttisch zurück; „ich erwarte Euch bei mir, in den Bergen!"

„Ich komme, ich schwöre e» Euch! Ich kenne den Weg, ich kenne Eueren Schlupfwinkel, Bandit, Brandstifter! Ja, ich komme, aber nicht allein. Ah, ich werde mich rächen! Nelly, ich habe es Dir vorher gesagt, Du hast es so gewollt!"

„Nein ich habe e« nicht gewollt!" protestirte das Mädchen. „Du hast ja gehört, er will ab- reiscn, ich habe ihn gebeten, nicht mehr zu kom­men. Genügt das nicht?

Der Verthetdiger Tomy'», der Niemand ander» war, als Clary O'Warn, hielt den Angreifer immer noch fest. Er fragte fich, ob er ihn nicht unschädlich machen müffe. Schon hatte er seinen Revolver auf ihn gerichtet.

„Clary!" schrie das junge Mädchen, dem Ge­ächteten in den Arm fallend, rührt ihn nicht an, ich beschwöre Euch!"

„Nelly, ich würde strafbar sein, wenn ich die Schlange leben ließe. Er plant schreckliche Rache gegen uns."

„Ich kenne Euch nicht, ich habe nichts gegen Euch int Sinne," erklärte zitternd William.

„Ich bin ein Geächteter wie Tomy. Wenn Ihr Tomy verrathet, vernichtet Ihr un« Alle. Meine Gefährten würden es mir nie verzeihen, einen ge­fährlichen Feind geschont zu Haden. Ich bin kein Meuchelmörder, aber hier handelt e» fich um unser Aller Leben, ich befinde mich in der Nothwehr."

„Clary, thut es nicht!" flehte Nelly. „Ich bitte Euch, dieser Mann ist mein Verlobter. Ihr ver­dankt mir Beide da« Leben, al« Gegenleistung for­dere ich, daß Ihr William schonet."

„So muß er wenigstens schwören, daß er un« nicht verrathen will!"

„Ich schwöre es!" sagte William, erschreckt in die Mündung der Pistole blickend. War dieser Schwur aufrichtig? Pody hätte e« selbst nicht sagen können in diesem Momente.

„Kann man fich auf sein Wort verlaffen?" fragte Clary.

„Ja," verstcherte Nelly, „William ist jähzornig, eifersüchtig, aber er ist nicht schlecht."

„Wir werden ihn übrigens überwachen. Wehe ihm, wenn er Miene machen sollte, un« schaden zu wollen!"

Clary zog seinen Gefährten mit fich fort, und Beide verschwanden in der Dunkelheit.

„Wie kamst Du dorthin?" ftagte Tomy seinen Freund, al« fie allein waren.

„Ich kenne Deine Unvorstchtigkeit und fürchtete, Dein Verlangen, Nelly zu sehen, würde Dich in Verlegenheit bringen. Glücklicher Weise bin ich noch gerade zur rechten Zett gekommen. Diesem Pot y traue ich nicht; e« war ein Fehler, daß ich ihn schonte, aber wer kann den Bitten diese« Mäd­chen« widerstehen?"

„Du hast wohl gethan, Clary, man muß jede« Blutvergießen zu vermeiden suchen."

„Da« ist allerding« wahr, aber vielleicht läßt dieser Verräther dafür da« unserige streßen."

„Er hat geschworen, un« nicht zu verrathen."

„Ich gebe nicht« für einen Eid. Dieser Mensch hat ein falsche» hinterlistige« Gestcht. Tomy, et­wa« sagt mir, daß diese« Abenteuer un« Unglück bringen wird."

„Fort mit so trüben Gedanken, Elary; oder hast Du etwa de« Schutzgeist der O'Warn ge­sehen?

„Nein, vielleicht werde ich ihn aber bald sehen." „Wir sind im Stande, die schlauesten Pläne der Polizei zu durchkreuzen, und sei sicher, Nelly warbt über uns."

Clary O'Warn ließ schweigend den Kopf finken und vertiefte fich in Betrachtungen.

Tomy dachte über die Worte nach, die Nelly zu ihm gesprochen und da er nicht darin fand, ,wa« er gern gefunden hätte, so bemühte er fich, in den Ton der Stimme de« jungen Mädchens den Aus­druck einer geheimen Zuneigung zu legen, die er in ihrem Herzen lesen zu können glaubte. Er zweifelte nicht daran, daß Nelly ihn liebte, und daß nur ein unerbittliches Geschick sie an William fiffeln sollte. Wie diese Kette brechen und Nelly dem verhaßten Rivalen entreißen? Er sann Tag und Nacht, ein Mittel hierfür zu finden, er fand keine«. War konnte er thun, er, der Geächtete, der sich verbergen mußte, um der Gerechtigkeit zu entgehen? In seinem Lande war e« für ihn vor­bei mit dem Glücke, mit allen Lebenshoffnungen. Und wenn es ihm auch gelang, in» Ausland zu entfliehen, so entfernte er sich damtt für immer von Nelly. Nein, lieber wollte er zwischen den „Outlaws" leben, als nie mehr das Mädchen wiedersehen.

Es war schon spät, al» die beiden Freunde zu ihren Leidensgefährten zurückkehrten. Die Schmugg­ler saßen um ein große« Feuer, plauderten und rauchten. Clary und Tomy berichteten über da« Resultat der ihnen aufgetragenen Mission, hüte­ten sich aber wohl, eine Andeutung über da« er­lebte Abenteuer zu machen.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Coblenz, 12. Dez. Das Cri-Cri, der Waldteufel, die Riggerpipes (Negerpfeifen) oder wie alle die Lärmin­strumente heißen mögen, sind in den Schatten gestellt durch eine neue „Skandalschachtel", deren Lärm seit einigen Tagen die Straßen unserer guten Stadt (sogar während des Hochamtes gestern und vorgestern) bedenklich unsicher machte. Einmal tönt es wie das Geheul eines geprügelten Hundes, dann wie das Miauen einer Katze, der man den Schweif abgehackt, dann wie das Krähen eines Hahnes, endlich knarrt das Instrument wieder wie ein nicht geschmierter Wagen oder eine nicht gefettete Säge. Kurz und gut die Knaben, welche das neue „Mar­terinstrument" traciren, machen damit einen nerven- und ohrenzerreißenden Heidenlärm auf der Straße, der für Gesunde sehr schlecht, für Kranke aber gar nicht zu er­tragen ist. Wir lenken die Augen unserer sorgenden Po­lizei auf dieses neue Marterinstrument und erwarten, daß sie dasselbe aus Grund des „Groben Unfug-Paragraphen" konfisziren wird, wo sie dasselbe findet. Denn wenn die­ser ifernale Straßenskandal, den ein Theil unsrer hoff­nungsvollen Jugend aufführt, kein grober Unfug ist, wissen wir wenigstens nicht, was darunter jemals ver- standen werden kann. Den Eltern aber, die diesen Unfug dulden, müßten seitens ihrer resp. Sprößlinze „Privat­vorträge" auf dem schönen „Instrument aus gewichstem Faden mit Blechschachteldeckel" verordnet werden. Abhülfe würde dann sofort erfolgen I

! A u f dem Balle.s Herr: „Mein Fräulein, ich heiße Pfefferling." — Junge Dame lacht. — Herr: „Sie ent­schuldigen, mein Fräulein, wenn ich nach dem Grund Ihrer Heiterkeit frage?" — Junge Dame: „Mein Gott, wie kann man nur Pfefferling heißen?" — Herr: „Nun, mein Fräulein, Sie werden niemals in diese Verlegenheit kommen!"

sJn der Gesellschaft.) „Ich kann nicht begreifen, weßhalb die Herren jener Dame Beifall klatschen, sie singt ja schauderhaft." — „Mein lieber Freund, die Dame ist sie einzige Tochter des Kommerzienraths B. und bekommt 300,000 Mk. baar mit. Und eine Dame mit 300,000 Mk. singt immer schön."

[Genaue Auskunft.) Fremder: „Können Sie mir uicht sagen, wo sich hier im Orte die meisten Herren rafiren laffen?" — Packträger: „Na, Männeken, wo denn wohl anders, als im Gestcht I"

S Unteroffizier zum Einjährigen Dr. Müller: „Jar nix verstehen Se, ’n Dickschädel sind Se vor lauter Jelehr ämkeit. Js bat wahr, bat Se schon zwei Bücher geschrie >en haben, wie?" — „Stein, nur eins." — „Det wollt ick Ihnen aber ooch jerathen habenI "