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Samstag, den 15. Dezember 1888

Mr. 4

Aich rin Wrihnnchk-Sngrl.

Erzählung von Carl Armand.

(Schluß aus dem ersten Blatt des Weihnachts-Anzeigers.)

Wie weggewischt sind aus demselbem plötzlich all' die Kittern feindseligen Gedanken, der stolze Mann weiß in diesem Augenblicke nur, daß das rührend schöne junge Weib dort eine Sterbende, daß es sein einziges Kind ist.

Mit einem Aufschrei stürzt er vorwärts; im nächsten Moment liegt er hingeworfen vor der Bahre sein graues Haupt ruht am Herzen der Verstoßenen; seine Arme umklammern ihren Körper, als wollte er sie zurückreißen von den Pforten der Ewigkeit.

„Mein Kind, meine Alice, mein süßes kleines Mädchen! . .

„Vater . . . geliebter, theuerer Vater, ... ver­gib, o vergib deinem bereuenden Kinde", so geht es in abgebrochenem Geflüster von Lippe zu Lippe.

Alice hat die Hände um fernen Nacken geschlungen, ihr Mund drückt Kuß auf Kuß auf seinen grauen Scheitel. So ruhen sie eng aneinander geschmiegt. Kein fremdes Ohr vernimmt die stammelnden Liebesworte, die in diesen Minuten zwischen Vater und Kind getauscht werden.

Um die Beiden ist es still wie in einer Kirche. Me tief ergriffene Dienerschaft hat sich in lautlosem Schweigen in die Winkel gedrückt, während der Arzt, die Kinder an der Hand haltend, mit abge­wandtem Gesichte bei Seite steht und mühsam um Fassung kämpft. „ ,

Vom Festsaal her aber drangt immer hellerer Lichtschein. Kerze um Kerze flammt drinnen auf an dem geschmückten Tannenbaum unter de» alten Friedrich zitternden Händen, der nach zehn langen Jahren zum ersten Mal wieder für „sein Baroneß- chen" den Christbaum anzündet. Aber seine alten Augen find dabei fast blind vor Thränen; er weiß es ja: es ist auch zum letzten Mal.

Und jetzt steht er in der Thür und bewegt die filberne Klingel, deren Helles Geläute einst das Entzücken der kleinen Alice gewesen. Heute ent­locken seine zuckenden Finger ihr nur einen matten, dumpfen Ton.

Aber ste hat ihn doch vernommen: „Vater, horch, das Weihnachtsglöckchen!" flüstert sie mit verklärtem Lächeln. Der Baron steht auf und nimmt die leichte Gestalt in feine Arme, um sie hinüber zu tragen — zur Christfeier.

Wie ein müder Kind hat sie das dunkle Köpfchen an seine Schulter geschmiegt; ihr rechter Arm schlingt sich um seinen Nacken, indeß der andere schlaff herniederhängt. Indem sie an dem alten Friedrich vorüber schretten, erfaßt derselbe einen Augenblick die kleine abgezehrte Hand, die so be­ängstigend schmal und durchsichtig aus dem wetten Bermel des losen Gewandes hervortaucht, und preßt sie schluchzend an seine Lippen.

Die Silbern folgen langsam nach.

Und jetzt find fie drinnen in dem glanzerfüllten Saale, — Auf einem Sessel gegenüber dem flim­mernden Tannenbaum setzt der Baron sich nieder

mit seiner leichten Last, die er nicht au» den Armen läßt.

Mit einem „Ach" des Entzückens grüßt die Heimgekehrte die strahlenden Zweige.

„Daheim, endlich daheim!" flüstert ste, wie ein Kind int Schooße des Vaters ruhend, indeß ihre Blicke durch den altvertrauten Raum schweifen und ihre leicht geöffneten Lippen den füßen Weih- nachtsduft einfauchen, mit dem derselbe erfüllt ist.

Mit einen* Male schließt sie die Augen; eine plötzliche Veränderung geht durch ihre Züge.

Mit stockendem Athem beugt stch der Baron über das schmale Gesichtchen, das ohne Regung und Farbe an seiner Schulter lehnt. Dann richtet er sich jäh empor; sein Auge sucht in Todesangst das Antlitz des neben ihm stehenden Arztes.

Nur ein stummer, schmerzvoll vielsagender Blick gibt ihm Antwort — der unglückliche Vater ver­steht ihn. Aufstöhnend legt er wie zum Schutz beide Arme um die in seinem Schooße ruhende Gestalt.

„Nein, du darfst fie mir noch nicht nehmen, o Gott!" ruft er außer sich. — „Hinweg von ihr, grausamer Tod! Alice, meine Alice, hörst Du mich nicht?" c m

Die erschütternden Laute haben den Weg ge­funden in das Ohr der Sterbenden. Langsam öffnet fie die schweren Lider und flüstert mit sanftem Lächeln: „Nenn' ihn nicht grausam, Vater, den Tod — er ist ja mein Weihnachtsengel, dem ich all' dies Glück verdanke . . . nächst dir, Hell­muth."

Mit einem Blick unaussprechlichen Dankes steht fie bei den letzten Worten zu dem Arzt empor, der neben ihr niederkniet und in stummer Qual die geliebten Hände küßt. —

„Wo, wo sind die Kinder?"

Die ahnungslosen Kleinen, die starr vor Freude und Bewunderung die nie geschaute Herrlichkeit des Christbaumes bestaunen, eilen auf den leisen Ruf herbei und schmiegen sich zärtlich in die ge­öffneten Mutterarme. — „Mama, wie schön!" rufen Beide wie aus einem Munde. — „Bist du nun nicht mehr traurig, und werden wir nun immer hier bleiben?"

Die arme junge Mutter nickt mit herzzerreißen­dem Lächeln, indeß ihr feuchter Blick sich in banger Frage auf das Antlitz des Barons heftet.

„Vater, willst du fie nehmen, als . . . als mein Weihnachtsgeschenk ... al« mein Vermächtniß?"

Der Baron sucht fich gewaltsam zu fassen. „Ihre Heimath ist fortan auf der Randowburg, flüstert er mit erstickter Stimme.

„Dank, Vater, Dank ... Und nun- nun . . . noch Eins: auch Hellmuth hat Thell an ihnen . . . ohne ihn wären fie jetzt elend und verlassen. Er ist unser Retter geworden. Du kannst noch nicht wissen ... er wird — dir nzählen . . . wenn . . . wenn — es vorüber tft . . . und . . . nicht wahr, ihr Beide werdet — fort­an Freunde fein? In der Liebe zu meinen ver- waisten Kindern werdet ihr euch begegnen . . . um . . . meinetwillen! Euere Blicke sagen mir, daß ihr e« wollt! Kommt, gebt mir euere Hande,

Zweites Blatt.

daßjich Reginfieinanber füge! . . . So, Gott fei Dank! Nun ist Friede ium mich ... nun kann — ich schlafen . . . ich bin so müde — müde. --Lebt Me, Alle wohl — ich bin — glück­lich .. . ich sterbe ... in der Heimath . . . im Weihnachtsfrieden. ..."

Ihre Stimme ist immer leiser und leiser gewor­den; j-tzt liegt fie ganz still, die brechenden Augen unverwandt auf die allmählig verlöschenden Ker­zen gerichtet. , ,

Die weinenden Diener ringsum murmeln leise Gebete. Die Kinder sehen still auf ihre Mutter, Feldern faltet ihnen die Hände.

Jetzt schwebt der Todesengel über dem Ge­mache. Aber nicht wie sonst, in ernster furchtbarer Majestät, naht er sich hier — nein, leise und lind. Aus dichten Tannenzweigen senkt er sich her­nieder auf ein müdes Augenpaar, das fich krampf- los schließt unter seinem Kusse - hier ist er in Wahrheit, was die Lippen, deren Schmerzenszug seins Berührung in seliges Lächeln gewandelt, von ihm gesagt; — ein Weihnachtsengel!

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Redaktion,

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[«m End- des Monats.j „Ach. ^»stdoch»» verführerisch, die Speisezettel in dm großen Refiauran^ iufhibtren, aber ich mutz mich jetzt vor zeder aufregenden Lektüre hüten!"

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Vermischtes.

sSetzer-Rache.f Ein Referent eines Blattes, wel> cher beständig mit seinen Setzern in Streit lag. weil diese nach seiner Meinung sich nicht buchstäblich an sem undeut lich-s Manuskript hielten, fügte dem letzteren stets die folgende Bemerkung bei: „An den Setzer ! Soü gesetzt werden, wie es geschrieben steht." In enter Nacht nun kam er von einem Feste heim, über welches er m der Morgennummer referiren sollte und er vergaß nicht, tote gewöhnlich, seinem Manuskript die erwähnte Bemerkung hinzuzufügen. Am nächsten Morgen brachte man thm das Blatt ansä Bett, da er nicht, rote sonst, aufgestanden war. Als das Dienstmädchen um M/r Uhr mit dem Kaffee ms Zimmer trat, lag ihr Herr mit dem Antlitz d-r Wand zu- gekehrt. Neben dem Bette lag das Blatt auf dem Boden und die Augen des Mädchens fielen auf sfolgende wunder­liche Figuren in dem Referat: —

Der Referent ging an dem Tage nicht in die sondern ließ fich durch Unwohlsein entschuldtgen. kUsEin schlimmer Druckfehlers Ein Komponist hatte zu einer Musikaufführung ein Lied vierstimmtg druckm kaffen und darüber gesetzt- „Sanft, langsam und mü Nachdruck." Das Lied wurde m der Druckerei ettt spät fertig und der Komponist empfing die abgezogenen @$emp- lare kurz bevor das Lied sollte gesungen werden Ntchls Böses ahnend, vertheilte er sogleich das in Partitur ge. druckte Lied. Schon als er das Zeichen rum Anfang ge­geben, hörte er ein unterdrücktes Lachen, "5^*8 sM-r. während das Lied gesungen wurde, so zunahm, daß baS Tonstück durchaus verunglückte. Dte Schuld an dem aanzen Unglück war ein Buchstabe, em umgekehrtes „u . Der Setze/hatte nämlich gesetzt- „Saust, langsam und

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