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Erzählung von Carl Armand.

(Fortsetzung.)

Herr von Randow uumeh znrück, als habe er einen Schlag erhalten. Was bedeutet das? Und was bedeutet das dumpfe Geräusch, fj dar plötzlich vom Vorsaal her fich vernehmen läßt? Es klmgt wie das Gemurmel vieler Stimmen, untermischt mit Schluchzen und jammernoen Ausrufen. . . . Der Baron greift stch an die Stirne: eine Ahnung ist plötzlich über ihn gekommen und läßt jäh all' sein Blut^zum Herzen zurücktreten.

„Friedrich", stammelte er, „Friedrich, was geht hier vor? ... Jener Brief... er war doch nicht ... er kann doch nicht . . ."

„Der Brief war von mir", spricht da plötzlich eine sonore, seltsam bedeckte Stimme von der Thüre her, noch ehe der erschütterte Diener zu antworten vermag.

Der Baron fährt zusammen bei dem Klange. Er starrt hin auf die hohe dunkle Gestalt mit den bleichen, tief ernsten Zügen, die dort auf der Schwelle steht, Haar und Mantel von Schnee« flocken bedeckt.

„Hellmuth Feldern!" entfährt e» unwillkürlich den Lippen des Schloßherrn.

„3a, Hellmuth Feldern, Herr Baron, derselbe Hellmuth Feldern, den Sie einst um Ihrer Tochter willen aus Ihrem Hause gewiesen und der heute nun dennoch diese» Haus wieder betritt, auch um Ihrer Tochter willen."

Der alte Edelmann hat sich mühsam gefaßt. „Ich habe keine Tochter", klingt es in schneiden­der Schärfe von seinen Lippen. „Das Weib des Kunstreiters hat keinen Anspruch mehr auf diesen Titel."

Der Arzt, der leise die Thüre hinter stch zuge­zogen, tritt einen Schritt näher heran und sagt, den ernsten Blick voll auf sein Gegenüber richtend, langsam und eindringlich: „Jener Mann ist längst tobt, und das Verbrechen, chn geliebt zu haben, hat Ihr unglückliches Kind gebüßt gleich einer Märtyrin. Gebrochen an Leib und Seele, hat sie keine andere Sehnsucht mehr auf Erden, als ihren Vater wiederzusehen, ihm seine Enkel an das Herz legen zu dürfen. Werden Sie ihr diesen Wunsch auch jetzt . . . auch heute noch versagen?"

Der Baron schließt momentan die Augen, als ob ein plötzlicher Lichtstrahl ihn blende. Seine Enkel I . . . Wie süß die Worte dem Einsamen klingen. Seine Enkel! . . . Seltsam, er hatte nie daran gedacht, daß die Verstoßene Kinder haben könne, vielleicht sogar einen Knaben, einen Erben seines alten Namens! Fast will es über ihn kom­men wie ein Gefühl ungestümer Freude. Aber «ein, Thor, der er war: es sind ja auch zugleich die Kinder jenes Mannes, das Blut des Gauklers fließt in ihren Adern! Weg damit! lieber diesen Abgrund gibt e» keine Brücke.

„Ich habe keine Enkel, wie ich keine Tochter mehr habe", stößt er in tiefster Büterkeit hervor. „Auf der Randowburg ist kein Platz für — die Gauklerbrut."

Das Antlitz des Andern zist fahl geworden.

Ist da« Ihr letztes Wort, Herr Baron?" "Mein letztes! Wiederholen Sie es derjenigen, die Sie gesandt."

„Das werde ich nicht Ithun," entgegnete Hell­muth Feldern mit zitternder Stimme. „Diese grausame Antwort muß der Vater selbst seiner unglücklichen Tochter bringen, die da draußen vor seiner Schwelle in Todesangst der Entscheidung harrt . . . wenn anders er bei ihrem Anblick noch das Herz dazu hat!"

Der Freiherr sieht den Sprecher einen Augen« blick verständnißlo» an. Plötzlich jedoch wird ihm die Bedeutung der Worte klar — ein Zornesblitz sprüht aus seinen Augen.

„Sie ist also hier?" ruft er außer sich. „Sie haben es gewagt, gegen meinen Willen die Ent­artete über die Schwelle meines Hauses zu brin­gen, das ihre Gegenwart schändet? Keinen Augen­blick länger dulde ich sie unter meinem reinen Dache! Ich will sie nicht sehen ... fort.. . hinweg . . . ich . . ."

Hellmuth ist dicht vor ihn hingetreten und sagt leise, aber mit schwerer Betonung:

„Mäßigen Sie stch, Herr Baron. Sie sprechen von einer . . . Sterbenden!"

Herr von Randow greift krampfhaft rückwärts nach der Sestellehne. Darauf ist er nicht vorbe­reitet — darauf nicht! Gegen die Lebende ist sein Herz gewappnet gewesen mit unversöhnlichem Groll: ihre Schuld war der Schild zwischen ihr und seiner Vaterliebe. Aber in der sühnenden Nähe des Todes will ihm diese Schuld mit einem Male geringer, verzeihlicher erscheinen. In seinem Herzen erhebt stch machtvoll die lange verleugnete Vaterliebe und kämpft einen schweren Kamps mit dem beleidigten Stolze des Edelmannes.

Das Antlitz mit den Händen bedeckt, ist er in den Sessel zurückgesunken. Das gewaltsame Heben und Senken seiner Brust unter der pelzverbrämten Hülle verräth dem angstvoll lauschenden Arzte den Aufruhr seines Innern.

Endlich unterbricht derselbe die beklemmende Pause, die seinen letzten Worten gefolgt ist. Er beugt stch herab und spricht, sanft den Arm des Barons berührend, in beweglichem Ton: „Bleiben Sie nicht länger unerbittlich, Herr Baron! Eine Bettlerin würden Sie ja am Christabend nicht von Ihrer Schwelle jagen . . . Wollen Sie grau» samer sein gegen Ihr einzige» Kind, da» sich sehnt, noch einmal vor seinem Tode den Christbaum in seinem Vaterhause brennen zu sehen? Lassen Sie ihn fahren, den unseligen Stolz, wie ich ihn fahren lassen mußte, indem ich diese Schwelle überschritt! E» gilt den letzten Wunsch einer Sterbenden — zögern Sie nicht länger, und bedenken Sie, daß mit jeder verrinnenden Minute zugleich da» Leben Ihre» Kinde» verrinnt!"

Der Baron antwortet nicht; nur qualvolle» Stöhnen dringt hinter den vorgehaltenen Händen hervor. ,

Er sieht nicht, wie Hellmuth dem alten Diener winkt, der bi»her schluchzend abseits gestanden, wie drüben leise die Thüre geöffnet wird und zaghafte

Schritte über den dicken Teppich huschen. Plötz­lich fühlt er von weichen schmeichelnden Händchen seine Finger herabgezogen; er fährt empor und blickt wie gebannt in ein herzige», frisches Knaben­gesicht, das unverkennbar die Züge seines Geschlechtes trägt. Keck, in freier An mut h steht der kleine, kraushaarige Bursche vor dem unbekannten Groß­vater, an dessen Schulter da« zaghaftere Schwester- lein in scheuer Liebkosung sein blondes Köpfchen verbirgt. c .

Wie ein warmer Strom fluthet es durch das verhärtete Herz des stolzen Mannes. Da steht er vor ihm, der ersehnte Erbe — ganz wie er ihn stch oft geträumt in frühem glücklichen Tagen — Blut von feinem Blute trotz alledem!

De« Knaben Helle Stimme entreißt ihn dem Bann, der ihn umfangen hält.

„Ist es wahr, daß du unser Großpapa bist, wie die Mama sagt? Und dürfen wir nun bei dir bleiben?" fragt er treuherzig, indem fein glänzender Blick zwischen dem Antlitz des Baron» und.dem geputzten Weihnachtsbaum hin und her wandert. Der Baron muß wohl genickt haben; denn der Kleine fährt lebhaft fort: „Ach, dann komm schnell, geh' mit zur Mama und sag' e» ihr, damit sie nicht mehr fo traurig ist und aufhört zu weinen. Ich kann e» nicht sehen, sonst muß ich auch meinen . . . Wir haben sie so sehr, sehr heb, unsere Mama. Gelt, Elsa? Und du wirst ste auch wieder lieb haben. Komm mit, willst du?

Mit ungeduldigem Flehen hängt der Blick de« Knaben an den zuckenden Lippen de» Großvaters. Derselbe bleibt noch immer stumm; aber er wehrt nicht den kleinen ungestümen Händen, die ihn von seinem Sitz emporziehen wollen. E» muß ihnen wohl eine wunderbare Kraft innewohnen, diesen schwachen Kinderhänden; denn willenlos läßt sich der Baron von ihnen mit fortziehen über die Schwelle des Vorfaale», den müden, sehnsuchtsvoll geöffneten Armen entgegen, die von der weißver- hangenen Tragbahre mit letzter Kraft dem Nahen­den stch entgegenstrecken.

„Vater!"

Wie herzerschütternd er klingt, dieser leise, ge­brochene Laut der süßen Stimme, in welchem die fliehende Seele noch einmal all' ihre Liebeskraft zusammendrängt I Er sprengt den letzten Riegel von der verschlossenen Pforte de» Vaterherzens.

(Schluß im zweiten Blatte des Weihnachts-Anzeigers.)

Vermischtes.

§ Dieser Tage kam bei der Musterung der Rekruten in Moskau folgender Fall vor. Ein gesunder kräftiger Bursche, so erzählt die ,M. D. Ztg/, stellte sich der Kom­mission vor und wurde nach kurzer Besichtigung für taug­lich befunden. Auf feinen nach innen gebogenen Z eig e- finger weisend, protestirte der Rekrut gegen die Zu- muthung, Soldat werden zu sollen, und hielt darauf me Versuche der Herren, seinen Fiuger gerade zu strecken, muthig aus. Plötzlich fragte einer derselben, Jett wmm der Finger eingebogen sei. „Schon feit

Wohlgeboren/ „Aber wie war er denn früher? fragte der Herr roeiter. „So, Ew. Wohlgeboren," antwortete der Rekrut und streckte den Finger zum allgememen Gaudium der Untersuchungskommisfion ohne alle Schwtengkett gerade hinaus.