1888
Montag, den 10. Dezember.
JV 285.
ZitMS
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Aphorismen über die soziale Frage.
ii.
Den Ausgangspunkt für die Lösung der Frage bildet naturgemäß das Individuum; denn die menschliche Gesellschaft bildet und entwickelt sich aus und nach den einzelnen Personen. Das In« dividuum ist die natürliche Grundlage und Vollkommenheit der Gesellschaft nach der Güte und Vollkommenheit der fie bildenden Individuen.
Das Verhältniß zwischen Individuum und Gesellschaft ist allerdings ein wechselseitige», so daß auch die Gesellschaft al« Ganze» einen bildenden Einfluß ausübt auf das einzelne Mitglied derfil- den; jedoch erweist sich diese« Verhältwß zunächst al« solches, daß die einzelnen Personen der Gesellschaft ihren bestimmten Charaktter aufdrücken. Der al« Sozialpolitiker rühmlichst bekannte Psrin spricht fich darüber also au«: ..I e d e r Fortschritt hat seinen Ursprung und seine Wurzel in der Seele, d. h. im einzelnen Menschen. Wenn man dar Individuum vervollkommnet, vervollkommnet man die Gesellschaft; denn die Gesellschaft kann immer nur da« sein, was die Glieder sind. Der Mensch ist so wesentlich ein soziales Geschöpf, daß man unmöglich etwas für seine persönliche Vervollkommnung thun kann, ohne daß die Folgen davon sich alsbald in der sozialen Ordnung fühlbar machen. Andererseits und aus dem nämlichen Grrwde findet in den sozialen Ver ältniffen keine VerM^Mg statt, ohne daß die Individuen die Folgen hiervon in ihren persönlichen und innersten Lben empfinden."
Hören wir darüber noch kurz einige Gedanken de» durch seine „Apologie de» Christenthum» vom Standpunkte der Sittenlehre" hervorragenden Wei». Eine der wichtigsten Vorbedingungen für die Erneuerung der Gesellschaft ist die Wiederherstellung und Neubelebung ihrer einzelnen Theile und der Individuen. Wie die Theile, so da« Ganze. „Darum", führt jener Gelehrte näher au«, „liegt Alle« daran, daß da« Bewußtsein geweckt werde, eine große Neugestaltung sei nur möglich, sei aber auch sofort fertig, wenn erst der größere Theil der einzelnen kleinen Bestandtheile de» großen Ganzen umgestaltet ist. Bester wäre e«, daß Jeder, statt in da« allgemeine Toben oder Jammern über da« Elend der Welt einzustimmen und die Zeit mit leeren Wünschen und Träumen von einer
z,h» im Mn.
Roman von Gabriele d'Arvor.
(37. Fortsetzung.)
Die Truppe marschirte also nach der Hütte der Mutter Jane. Diese hatte ihre Schmuggelwaare während der Nacht in Sicherheit gebracht und war zu sehr an die Besuche der Polizei gewöhnt, um Furcht zu bezeigen. Jack freute sich heimlich, daß die Konstabler leer zurück kamen, machte aber äußerlich da« gleichgültigste Gesicht von der Welt.
Die Polizisten überflutheten lärmend die Hütte, die kaum Platz für Alle hatte. Ganz ermüdet von dem langen Marsche warfen fie sich auf die Far- renkräuter am Boden.
„Heda, Alte!" rief der Brigadier, „schüre Dein Feuer. Wir sind halbtodt vor Kälte, trotz der fünfstündigen Uebung!"
„Ihr thätet auch bester, zu Hause zu bleiben, al» in dieser Jahreszeit in den Bergen herum zu yalrouilliren. Wa« führt Euch denn hierher?" ftagte die Alte.
„Du wirst da« noch früh genug erfahren, alte Vogelscheuche! Jetzt tische einmal von Deinem f besten Whiskey auf. Er hat zwar keinen Zoll bc-
phantastisch ausgemalten Zukunft zu vergeuden, kräftig Hand an tem Platze anlege, wo er steht und wohin ihn seine Pflicht rüst. Und da« kann ein Jeder ohne Ausnahme dort, wo cs am noth- wendigstcn ist — bei fich selber. Es hat darum schon einen Sinn, wenn man als Schlüstel zur Lösurg der sozialen Frage die Selbsthllfe ar preist. Auf wirthschaftlichem Gebiete freilich ist diese« Mittel ein leere« Wort, oft kalter Hohn. Aber auf sittlichem Gebiete ist c» da« erste aller Gebote, sobald e« fich um Erneuerung der Gesellschaft handelt. Denn die soziale Frage ist vor allem eine fittliche. Würden nur erst Alle das Wort erfüllen: „Arzt heile Dich selber", so stände e« schnell ganz anders um die Gesammtheit." Die Arbeit zur Lösung der sozialen Frage beginnt daher mit der Erziehung de« Kindes auf den Armen der Mutter und wenn es anfängt, die Erde mit seinen Schritten zu bemcsten; sie wird sortges.tzt durch Erziehung der Knaben und Mädchen in den Jahren der körperlichen und geistigen Entwicklung und wenn sie den Schulunterricht genießen; fortgesetzt wird sie sodann in hervorragender Weise durch erziehliche Bildung der heranrcifenden Jugend während der Jahre, in welchem dem Menschen für sein ganzes Leben ein Charakter sich einzuprägen pflegt; endlich setzt sich dieselbe fort in der rechten Thätigkeit de« Manne« und der Frau während der Vollkraft de« Leben« bi« hinauf zum letzten Greisenalter. t
Der Ausgangspunkt bei Besprechung der sozialen Frage sind die einzelnen Theile der menschlichen Gesellschaft und Individuen; die Grundlage hingegen bilden die sittlichen Anlagen der Menschen d. h. die Religion. Gott selbst ist also der tiefste Grund, auf dem fich die Lösung der sozialen Frage aufbaut; und er allein kann e« nur st in, da er der Urheber und da« Endziel, wie allen Sein«, so auch der sozialen Ordnung ist. Wo man also beim Lösungsversuch der sozialen Frage nicht auf Gott zurückgeht, da fehlt die rechte, feste, untrügliche Grundlage; und daher ist ein solcher Versuch ohne wahren, dauernden Werth. Gott aber hat die Menschen an die durch Jesu» Christus gestiftete Kirche gewiesen. Diese, die katholische, d. h. allgemein und mit Generalvollmacht ausgestattete Stellvertreterin Gottes hat die hohe Aufgabe von ihm erhalten, den einzelnen Menschen, wie die ganze Menschheit zu ihm zurückzuführen.
Daher ist zunächst an erster Stelle und am zahlt, aber das ist gleich, deshalb ist er nicht schlechter. Vorwärts, laß Dich nicht lange bitten!"
„Herr, man hat Euch getäuscht; ich bin eine arme Frau, woher sollte ich dar Geld nehmen für so theuere Waare?"
,Bah, Deine Freunde au« den Bergen liefern Dir den Whiskey umsonst. Schnell gehorche, wir bedürfen einer Stärkung I" ,
„Ich wollte Euch wohl gern gut bewuthen, aber ich habe nichts al» einen Krug dünnes Bier, das ich selbst braue." _ , _
„Vorwärts, Freunde 1" rief der Brigadier, suchet selbst das Versteck zu finden!" ,
Die alte Frau sah theilnahmslo« zu, w»e die Konstabler alle Ecken der Hütte durchsuchten, aber nicht» zu Tage förderten. Draußen befand fich ein ziemlich großer Vorrath von Torf aufgestaprlt. Hier in diesem Haufen Brennmaterial wsttertm die Konstabler einen verborgenen Schatz, und richttg fanden sie darunter ein Fäßchen Whiskey.
„Bravo!" rief der Chef; „eine doppette Ration für den, der den Lebenstrank aufgestöbert hat! He, gute Frau, Du wolltest Beinen Liqueur wohl frisch erhalten, daß Du ihn so gut zugedeckt?"
Da» Fäßchen wurde geöffnet und die tm Kreise
mtt bet 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
wirksamsten die Lösung der sozialen Frage in ihr, in ihren Einrichtungen und Lehren zu suchen. So lange die Kirche in dem Lösungsversuche dieser Frage unbeachtet bleibt, ist die Lösung derselben natürlicher Weise absolut unmöglich, weil man die Quelle selbst verstopft, welche allein heilend retten kann. Windthorst sprach sich bei Gelegenheit der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu Amberg (1884) hierüber also aus: „Wenn man sich wirklich mit der sozialen Frage beschäftigen und sie kennen lernen will, dann soll man in das so sehr verachtete Mittelalter hineingehen, und sehen, wie die Kirch e damals immer bemüht war, diesen Nebeln entgegenzutreten, wie sie es verstanden hat, eine richtige Vermittelung zwischen Reich und Arm durch christlichen Sinn und christliche Liebe herbeizuführen. Man hat diese Arbeit der Kirche zurückgedrängt und hat alle« selbst in die Hand nehmen wollen und wir haben sogar da» stolze Wort gehört, der Staat müffe „praktische» Christenthum" treiben — der Staat, der selbst aufgehört hat, christlich zu fein. So lange die Thätigkeit der Kirche voll und ganz zurGeltung kam, haben wir die soziale Frage in der heutigen Gestalt nicht gehabt. Da war da» Handwerk eine Ehre und hatte seinen goldenen Boden, da suchte der Handwerker in christlich geordneten Innungen seine Vertreter und nicht auf der Bierbank; da hatten die Arbeiter eimn Schutz gegen übermächtige Arbeitgeber, und die Arbeitgeker wurden zu ihren christlichen Pflichten ihrer Arbeitern gegenüber angehalten."
So lange also da» Mittelalter in und mrt der Kirche lebte, kannte man nicht da« finstergrausige Angesicht der sozialen Frage, wie e« UN« heute entgegentritt. Al« aber das Band, welches den Staat mit der Kirche verknüpfte, sich lockerte und nach und nach in Folge der fogenanten, Reformation — eine wahre Deformation! — vollständig zerriffen, und diese Kluft von der ungläubigen W.stenschaft in den folgenden Jahrhunderten, be- sonders von der „Afterphilosophie" de« 18. Jahrhunderts, auf welche sich die modernen Staaten vie fach aufbauten, immer erneuert wurde, lagert sich die soziale Frage unhelldrohend wie eine dunkle Wolke über der menschlichen Gesellschaft; und fie wird, da» lehrt un« die Geschichte aller Zeiten, nicht früher weichen, bi» die Leuchte der ewigen Wahrheit sie verscheucht, welche die Kirche den Völkern bietet.
herum lagernden Konstabler tranken in langen Zügen. Bald übte da» starke Getränk seine Wir- hing, Singen, Johlen, unfläthige Scherze wetteiferten mit einander; e» war eine richtige Orgie.
Furchtsam sahen Mutter und Sohn dem Treiben zu, fie wußten, daß diese Menschen im betrunkenen Zustande zu jeder Gewaltthat fähig waren.
Als da» Fäßchen den letzten Tropfen hergegeben, ließen die Trinker ein Grunzen der Enttäuschung hören. , ,
„Hast Du sonst.keinen Schnaps mehr, alte, Hexe?" fragten fie stieren Blickes.
„Nein, Ihr habet mir Alle» genommen."
„Haben wir benn nicht da» Recht, eine Waare in Beschlag zu nehmen, die geschmuggelt ist?"
„Ich habe nicht» geschmuggelt!" seufzte die Frau.
„Du nicht, aber die Briganten, von denen Du ihn bekommen. Wir wollen uns jetzt aber ein wenig mll Deinen Angelegenheiten beschäftigen, sagte der Brigadier, „ich habe einen Befehl für Dich."
Er zog ein Papier au» der Tasche.
„Da Du nicht lesen kannst, so will ich Dir sagen, wa» in dem Papier steht. Du bist der Hehlerei und der Unterstützung der Briganten be-