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Zweites Blatt

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Ach ein Wkihichts-Eiigel.

Erzählung von Carl Armand.

(Fortsetzung aus dem ersten Blatt des Weihnachts-Anzeigers.)

VI.

Weihnachtsabend! In dem großen, alterthüm- ltchen Festsaale der Randowburg ragt hoch und dunkel die mächtigeWethnachtStanne empor, welche alljährlich zu diesem Zwecke aus den Forsten de» Schlöffe» an diese Stelle wandert.

Der Baum ist fertig aufgeputzt, zum Anzünden bereit. Ringsum an den getäfelten Wänden stehen Tische mit Geschenken für die zahlreiche Diener­schaft des Hauie«, welche vollzählig versammelt im Vorsaal des Rufes zum Eintreten harrt, um au» der Hand des Schloßherrn ihre Bescheerung zu empfangen.

Es ist nichts geändert worden an dieser patriarcha­lischen Sitte, obwohl seit Jahren schon auf der Burg die Weihnachtskerzen nur einen einsamen, kinderlosen Mann bescheinen, deffen Herz unter ihrem Glanz au« tausend Wunden blutet. Aber der alte Edelmann hält nun einmal im Großen wie im Kleinen mit eiserner Zähigkeit an den Ueberlieferungen seine« Hause«. Die Vorbereitun­gen im großen Saale stnd noch genau dieselben wie zu der Zeit, da noch die Elfenfüßchen der kleinen Baroneffe Alice den Baum umtanzten, ihr kindlicher Jubel noch da« Hau« mit Wohllaut füllte. Wie die Seele de« Vaters auch leiden mag unter den jedesmal dadurch heraufdeschworenen Er­innerungen, so duldet er doch nicht die geringste Abweichung von der Regel. Jahr um Jahr legt er in pietätvoller Strenge sich selbst das Opfer diefer Feier auf.

Heute aber scheint e« ihm ganz besonders schwer zu werden, dieses Opfer. In fich zusammengesun­ken fitzt er in dem tiefen, lederüberzogenen Arm- stuhl am lodernden Kaminfeuer und läßt den-Blick wie traumverloren ringsum über die festlichen Ver­anstaltungen schweifen. Von Zeit zu Zeit öffnet ein schwerer Seufzer seine zusammengepreßten Llp- pen; er scheint e« nicht zu bemerken, daß sein alter Kammerdiener schon lange wartend neben dem Weihnachtsbaume steht und des Befehls zum Anzünden harrt.

Endlich weckt ihn ein Laut, der wie unterdrück­te« Schluchzen klingt, au» seiner Versunkenheit. Er blickt um fich und gewahrt den alten Mann, der fich vergeblich bemüht, seiner Bewegung Herr zu werden und die immer neu hervorquellenden Thränen aus den Augen zu wischen.

Da« Antlitz de« Barons verfinstert fich jäh. „Was soll da», Friedrick?" sagt er streng. „Schon den ganzen Tag über seh' ich Dich mit Thränen in den Augen! Du weißt, ich liebe dergleichen nicht in meiner Gegenwart. Du empfingst heute Morgen einen Brief durch einen fremdm Boten, seitdem bist Du so verstört. Wenn e» eine schlimme Nachricht war, und Du in Folge deffen Urlaub wünschch, so sag' e« mir frei heran» . ... Ich wußte übrigen« nicht, daß Du Angehörige befitzest, setzte er wie ftagend hinzu.

Der Alte lauscht einen Augenblick nach dem Vorsaal hin, im nächsten liegt er zu den Füßen seines Herrn und umfaßt flehend deffen Knie.

„Darf ich sie anzünden für Baroneffe Alice?

(Fortsetzung im nächsten Weihnachts-Anzeiger.)

Der alte Diener wirft seinem Herrn einen selt­samen Blick zu; wie tiefes Mitleid liegt cs darin und doch zugleich wie ein Vorwurf.

„Ich habe in der Thar keine Angehörigen mehr, Euer Gnaden", erwidert er mit unsicherer Stimme; „mein Kummer ist auch kein persönlicher. Ich ... ich denke beute nur so viel an unser Baroneßchen ... an Baroneffe Alice wollt' ich sagen. Wo in der weiten Welt sie wohl sein mag, und ob heute am Heiligabend für sie auch wohl ein Christbaum brennt, wenn . . . wenn anders sie noch am Leben ist. . . ."

Die Stimme bricht in Schluchzen. Gottlob — der Anfang zu der schweren Aufgabe, die der treue Alte übernommen, ist gemacht. In banger Scheu streift sein Auge das Antlitz seines Herrn, den seine Kühnheit momentan sprachlos gemacht zu haben scheint. „ ,

Aber jetzt fährt der Baron auf. Em Blick de» Zorne» sprüht au» seinen Augen.

„Friedrich!!"

Er ruft e« laut, beinahe drohend; dann richtet er feine zusammengesunkene Gestalt plötzlich stolz empor: „Er gibt keine Baroneffe Alice mehr für mich. Diejenige, die einst diesen Namen führte, ist tovt seit zehn Jahren! Merke dir da«, und hüte dich, den Namen je wieder vor meinen Ohren aus­zusprechen."

„Euer Gnaden haben also noch immer nicht vergeben, — nach zehn langen Jahren?" entgegnet der Gescholtene leise und traurig. „Und sie war doch Ihr einzige« Kind 1"

Um die Lippen de« Barons zuckt er gewaltsam. Er allein weiß, was die Verstoßung diese« ein- einzigen, Über alle« geliebten Kinde« ihn gekostet hat, an da« er so stolze Hoffnungen gclnüpft, von dem er gehofft hatte, daß e« sein Geschlecht vor dem Aussterben bewahren sollte. Hatte doch die Gnade de« Landesherrn ihm die Erlaubniß ertheilt, falls feine Tochter einen ebenbürtigen Gatten wähle, deffen Namen den feinigen hinzu- fügen zu dürfen. Und all' diese Träume hatte sie zerstört in wahnsinniger Verblendung, hatte Schmach und Schande gebracht über den edlen Namen, den sie hatte forterhalten sollen - nein, er kann nicht vergeben, — nie, niemals! Unwillkürlich spricht er'» laut, da» harte Wort. In seiner Erregung hört er nicht, daß unten die Klingel gejogen wird und schwere langsame Schritte die große Treppe herauflommen.

Der alte Diener aber hat e» gehört und fich in ängstlicher Hast seinem Gebieter genähert.

„Auch nicht, wenn sie nun elend und krank... wenn sie vielleicht gar sterbend wäre?" klingt e» in fast beschwörendem Ton von feinen Lippen. „Bedenken Euer Gnaden, wie unser armes Baroneßchen ihren Fehltritt gebüßt, wie sie gelitten haben mag in diesen zehn Jahren ... und daß ... daß heute Weihnachtsabend ist . . .

„In der Thal, da» haben wir Beide schon allzu lange vergessen", sagt der Baron kalt mtt gewalt­sam erzwungener Fassung. „Laß die Vergangenheit rühm und zünde endlich die Lichter an.

Literarisches.

Fr ankfurter zeitgemäße Broschüren. Neue Folge herausgegeben von Dr. I. M. Raich. Band 8, Heft 12 — DieZwangsmischschule in ihrer Gemnn- gefährlichkeit von Dr. I. A. Keller. Druck und Ver­tag von A. Foesier Nachfolger. Frankfurt a. M. und Luzern 1888.

Mit diesem wahrhaft zeitgemäßen Hefte schließt der neunte Jahrgang der Frankfurter Broschüren n-u-Folge. Der als Pädagoge weityin bekannte Verfasser spricht hier ein ernstes und überzeugendes Wort. Er hefter den Blick ganz besonders auf die gemischt-, konfessionslose oder simultane Volksschule, streift aber auch °,e konfessionslos«, Gymnasien und Realschulen. Die theoretischen Schluß­folgerungen, das reiche Material aus der pagagogischen und zeitgeschichtlichen Literatur, wie die betrübenden Er­fahrungen belehren uns in gleicher Weise, daß die Simul­tanschule verwerflich vom christlichen, verhängnrtz» voll vom pädagogischen und gemeingefährlich be­sonders vom sozialpolitischen Standpunkt Sie ist die Schule der Knechtschaft, da sie das innerste Leben, das Glaubensleben bindet; die Schule der Unduldsam­keit denn auf den Schulbänken nebeneinander geruckt, werden bald die Katholiken, bald die Protestanten durch diese oder jene Meinung des Lehrers sich gekrankt fühlen , die Schnle der Prosa, denn den Kinderherzen enlstromt Poesie am reichlichsten zu aus dem Kinde Jesu und semer Liebesosfenbarung; die Schule der Charakterlosig­keit, denn der gläubige Lehrer ist m ihr genothrgt, das zu ignoriren, was im schönsten Sinne des Wortes Her­zenssache für ihn geworden ist. Möge die treffliche Bro­schüre recht viel gelesen werden und sie dazu be,tragen, daß baldigst in den christlichen Ländern die Siinultan- schule verschwinde, wie der Schnee vor der belebenden Frühlingssonne.

* Bekenntnisse eines ehemaligen Frei­denkers. Von Leo Taxil. Autor,strte- Uebersetzung. Freiburg in der Schweiz. Verlag der Buchhandlung des Werkes vom hl. Paulus. (Für Deutschland m Commission bei der Bonisatius-Druckerei in Paderborn.) 1888. Preis M. 2.80. Der Name „Taxil" ist anläßlich der auyehen- erregenden Enthüllungen, welche sein Träger, der bekannte Er-Freimaurer, über die Freimaurerei veröffentlichte, ost genannt worden. Gewiß ist in Manchem der von der plötzlichen Bekehrung des ehemaligeu verbissenen Krrchen- ieindes hörte, der Wunsch reg« geworden, über die Person, di- Vorgeschichte und die auffallende Umkehr desselben Näheres zu erfahren. Die eben genannte Schrift kommt diesem Wunsche entgegen. Taxil erzählt in den „Bekennt- niffen" selbst sein wechselvolles Leben. Gabriel Jogand- Pagös — dies ist der wirkliche Name Taxil's — entstammt einer sehr gut katholischen Familie Süd-Frankreichs. Er wurde bald radikaler Publizist uud Agitator. D,e Jour­nale, welche er gründete, und die Pamphlete, welche er in die Welt schleuderte, strotzten von verläumderffchen An­griffen auf kirchliche Dinge und P-rsonen. Schließlich gründete er, um den Kampf 'M großen Maßstabe zu führen, in Paris ein eigenes antiklerikales Verlagshaus und einen über ganz Frankreich verbreiteten Frechenker- Verband. Es folgten jedoch bald bittere Enttäuschungen. Taxil fand bei seiner Partei Treulosigkeit und hmterlb^e Befehdung. Dies war der erste Anlaß zu ferner ®rnW”= ung. Das aktenmäßige Studium derG-schichte der Jung^ frau von Orleans wirkte ausschlaggebend. Die Machtdes Uebernatürlichen trat ihm in der Erscheinung Johanna s von Arc mit bezwingender Gewalt gegenüber. Der ®ta«6e seiner ersten Jugend erwachte wieder. Der reurge Frei­denker" ist seither redlich bemüht, das ,n den Tage« semer Verblendung angestiftete Unheil wieder gut zu machen.