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Samstag, den 8. Dezember.

1888

Miner

Die .Mldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn >md Bestellgeld. 1 M. 50 Pf. mit der belletristischen Wochenbeilage ,Stern« und Blumen' in Fulda 1 Mark 70 Pfennig, auswärts 1 Mark 75 Pfennig.

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Erstes Blatt.

Hierzu ein zweites Blatt «nd der Weihnachts-Anzeiger Rr. 3 (erstes «nd zweites Blatt).

Aphorismen über die soziale Frage*)

I.

Die soziale Frage ist so alt, wie die Mensch­heit ; sie beginnt mit dem Ursprung der mensch­lichen Gesellschaft; — sie ist eben die Frage der Menschheit und somit auch die Frage jedes ein­zelnen Menschen und zwar in doppelter Bezieh­ung: denn sie zieht nicht nur jeden einzelnen Menschen in den Bereich ihrer Behandlung, son­dern sie verpflichtet an sich auch jedes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, seinen Verhältniffen und Fähigkeiten entsprechend, an ihrer Lösung mit- zuwiäen. Die Lösung derselben sinket daher ihren prägnanten Ausdruck in dem Gebot der Nächsten­liebe, und ist demnach so allgemein, wie das Ge­bot der Gottesliebe. Und darin liegt ihre emi­nente Bedeutung, welche eine entsprechende Beach­tung verlangt. Daher ist auch eine häufige und eingehende Besprechung in der Tagerliteratur noth- wendig. Bischof WUHelm Emanuel, Freiherr v. Ketteler sagt in dieser Beziehung von der Arbei­terstage sehr treffend: „Die Arbeiterfrage har eine ganz andere Bedeutung, al« alle sog. politischen Fragen. Wer die Kammerverhandlungen und die Tagerpreffe hört, sollte glauben, daß die politischen Fragen das Allerwichtigste seien, was die Menschen angehe; daß sie die wichtigsten und wesentlichsten Anliegen der Menschheit betreffen. Das ist aber eine große Täuschung. Die eigentlichen politischen Fragen haben vielfach nur für einen kleinen Theil des Volkes ihre wahre Bedeutung, nämlich für den Arbeiterstand der Feder, für den Theil, der am meisten redet und schreibt und deßhalb auch die Rednerbühne und die Preffe beherrscht; und darunter ist es wieder nur eine gewisse Partei, die diese Frage zu einem ausschließlichen Partei- intereffe und zu ihrem persönlichen Nutzen aurzu- beuten strebt. Düse Partei beherrscht beide Ge­biete und macht sich aus beiden in derselben Weise und mit denselben Gedanken so geltend, als ob nichts mehr in der Welt zu leben verdiente und ehrenwerth sei, als ihr Denken und ihr Thun für das Heil der Menschen. Sie redet daher auch durch beide Organe immer dasselbe. Unsere Zeit­ungen find geschriebene Kammerverhandlungen und unsere Kammerverhandlungen find rentirte Zeit­ungsartikel.

Alle» aber, was in diesen Kammerverhandlungen und Z-.itungsberichten mit endloser Weitläufigkeit verhandelt wird, berührt kaum das Leben des eigentlichen ArbeUerstandes, der da im Schweiße seines Angesichts sein Brod verdienen muß. Da«, was diese Massen de» Volke», was diese Arbeiter und Arbeiterfamilien vom Morgen bi» zum Abend denken, sagen und empfinden, war fie und ihr Leben wahrhaft angeht, wa» ihre Lage und ihre wesentlichsten LebenSbedürstisse verbessert und ver- schlechtert, wird in Wahrheit in allen politischen Tagerstagen kaum berührt." Gottlob! Manche« hat fich seit dem Jahre 1864, in welchem Bischof Ketteler diese Worte schrieb, in dieser Beziehung gebessert, und besonders unsere katholische Presse macht vielfach eine rühmliche Ausnahme. Doch beseitigt ist die Berechtigung jener Klage noch nicht.

*) Nachdruck nicht gestattet.

Was Bischof Ketteler dort speziell von der Arbeiterfrage sagt, gilt auch von der sozialen Frage überhaupt, von der die Arbeiterfrage ein Theil ist, auch wenn man unter Arbeiter nicht nur den Arbetter im eigentlichen Siune den Lohnarbeiter, den Taglöhner versteht, sondern auch jene, die zwar ein eigenes Geschäft betreiben, aber mit so kleinem Kapital, daß ste sich in ähnlichen Verhält­niffen, wie die Arbeiter für Lohn, befinden z. B. den kleinen Handwerker, Gewerbsmann u. s. w., ebenso den kleinen Haus- und Gutsbesitzer, der hauptsächlich vom Tagelohne lebt.

Die soziale Frage hat einen weiteren Umfang — fie ist universal. Was die Frage nach dem harmonischen Klang in der Musik, ist die soziale Frage in der menschlichen Gesellschaft; sie soll uns nämlich über die Stellung der einzelnen Glieder in der Vielheit belehren und zeigen, wie die har­monische Einheit des vielgestaltigen Menschenge­schlechtes erzielt werde. Die soziale Frage behandelt also den Menschen als „animal sociale“, d. h. sie behandelt das Verhältniß des einzelnen Menschen zur menschlichen Gesellschaft; dieselbe ist eben ein lebendischer Organismus, zu dessen Gliedern alle Menschen gehören. Bei einem Organismus macht sich aber eine Krankheit ebenso, wie die Gesund­heit, bei allen seinen ©Hebern geltend, wohl können bestimmte Glieder in hervorragender Weise krank­haft affizirt sein, aber es werden doch immer auch die anderen Glieder irgendwo in Mitleidenschaft gezogen. Soll basier eine wahre und volle Ge­sundung erfolgen, so nützt nicht eine einseitige Be­handlung, sondern fie muß nothwendiger Weise vom Gesammtorganismus ausgehen; folgerichtig muß jedes Glied in den Strom der Heilung hin- eingezogcn werden — und keines darf fich aus­schließen: die Heilung der sozialen Schäden muß organisch sein. —Sodann ist zu beachten, daß die soziale Frage, wie die ganze Menschheit, so auch den ganzen Menschen betrifft, und fich nicht etwa auf den Leib und die zeitlichen Bedürfnisse de« Menschen beschränkt. Man muß, wie Freiherr von Schorlemer-Alst vor nicht langer Zeit näher ausführte, aufhören, die soziale Frage hauptsächlich als „Magenfrage" zu betrachten. Dieser materielle Moment derselben ist nur äußer­lich und wenig wichtig; die Hauptsache ist und bleibt die „Seelsorge", das moralische, das fittlich bildende Moment, welches auf das materielle, natür­lich-zeitliche bestimmend einwirkt. Man muß be­achten, daß moralische Hebel, und nicht bloß physische in die soziale Ordnung eingreifen, und daß volle Sicherheit dieser Ordnung mit Sittlichkeit ein und dasselbe ist. — Es kommt daher alles darauf an, daß dementsprechend die Grundlage für die Lösung der sozialen Frage gelegt ist. Unnütz find demnach die vielfachen theorettschen Systeme, die, ohne eine solide Grundlage, aus­gehen vom ewigen, endlosen Zweifel. Diese trifft das Wort unseres Windthorst: „Die meisten, die über die soziale Frage schreiben, wissen nicht« davon." Wir find sicher, diesem Vorwurf nicht zu verfallen. Denn zunächst ist e« nicht unsere Absicht, ein derartige» System zu fabriziren und darzulegen, sondern wir wollen nur, wie schon die Ueberschrift sagt, einige aphoristische Darstellungen au» dem großen Gebiete der sozialen Frage ver­suchen. — Zudem haben wir eine positive Grund­lage, wir haben für die soziale Frage Prinzipien, die in der Ewigkeit gründen und daher ewig wahr und wirksam bleiben — eine Grundlage, welche Gott, der Ausgang«- und Zielpunkt der sozialen Ordnung, selbst gelegt hat.

Diesen einzig wahren Standpunkt bei der sozialen Frage bestimmter zu normiren, wollen wir einer folgenden Darstellung vorbehalten.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Dezember.

* Nach einer Mittheilung der ,Nocd. Allg. Ztg.' sind in noch nicht ganz zwei Monaten, näm­lich vom 22. September bis 17. November, nicht weniger als 13 aktive französische Offiziere von den Polizeibehörden in Aachen, Koblenz, Wiesbaden, Dresden, München und Berlin „aus Deutschland als verdächtig" aus gewiesen wor­den. Dabei ist der bisherige Militär-Attachö bei der französischen Botschaft Hierselbst, Oberst Stoffel, welcher bekanntlich in der Umgegend von Rap- polt» weilet Studien über Cäsar'» Krieg ge­gen die Germanen vornehmen wollte, nicht mit- gerechnet. Alle jene 13 Offiziere wollen led!g ich zu „Sprachstudien" nach Deutschland gekommen sein, doch sollen sie sämmtlich, den Obersten Stoffel eingeschlossen, höflichst gebeten worden fein, ihre Geschieht- und Sprach-Studien aus anderem al» deutschen Boden zu betreiben. Wenn wir da» Blatt richtig verstehen, wären die französischen Offiziere außerdem schon vorher im Allgemeinen aufmerksam darauf gemacht worden, daß ihre Anwesenheit in Deutschland nicht erwünscht sei, und da» offiziöse Organ leiht der Hoffnung Ausdruck, daß dieselben diesem berechtigten Wunsche in Zukunft fich ge­fügiger erweisen würden, als dies bisher geschehen sei. Die diesseits kundgegebene Willensmeinung hat überaus v e r st i m m e n d auf die französische Regier­ung gewirkt und Veranlassung zu der plötzlichen Be­rufung de» Botschafters Herbette nach Paris gegeben. Ferner schreibt das Kanzlerblatt, die,Nordd. Allg. Ztg.', in ihrer neuesten Rundschau: Der italie­nische Ministerpräsident Crispi ergriff in der ge­strigen Sitzung der Senats das Wort zu einer Darlegung seiner Auffassung der gegenwärti­gen politischen Lage. Dieselbe kann im Großen und Ganzen als durchaus konform mit den Anschauungen betrachtet werden, welche auch sonst überall an unterrichteter Stelle vorwiegen, namentlich was die Zurückweisung der Sorge vor einer unmittelbaren Kriegsgefahr anlangt, fteilich nur unter der Einschränkung, daß die Lage Euro­pa'» immerhin eine ernste ift und Italiennöthige, seine Rüstungen intsprechend zu erweitern.

• Der Reichstag wird sich am 15. ds. ver­tagen. Bis dahin soll auch die erste Lesung de« Genossenschaftsgesetze« erledigt werden. Ob und welche Jnitiativ-Anträge noch vor den Ferien zur Verhandlung kommen, ist noch nicht festgesetzt.

♦ Im Reichstage hat sich au» Mitgliedern verschiedener Fraktionen eine freie Vereinigung zur Ausarbeitung eine» Gesetzentwurfs betr. die Weinfälschung gebildet. Aus den stattgefundenen Besprechungen ergibt fich, daß man den Zusatz von Wasser und Zucker nicht al» Fälschung bettachtet wissen will und daß für den Declaration»« zwang wenig Meinung besteht.

• Au»Sansibar geht dem,B. T.' nachstehen­de» Telegramm zu: Um Bagamoyo hat ein Kampf stattgefunden; in Zanzibar, wo man noch keine bestimmten Nachrichten hierüber hat, geht da« Gerücht, die Deutschen hätten fich au« Bagamoyo zurückgezogen und mehrere seien dabei getödtet worben.

• Der Reichst«g fitzte heute bie 1. Berath- ung bes Gesetzentwürfe« betreff ent) bie Alter«- und JnvaliditätSverstcherung der Arbetter fort. Abg. Dr. Buhl (nl.) sprach fich im Allgemeinen zu­stimmend zu der Vorlage au«. Der Erörterung in der Kommission bedürften bie Fragen bet Herab­setzung bet Altersgrenze, bet Versorgung der nur vorübergehend Invaliden, der eoent. Rückgewähr der Beiträge der weiblichen Arbeiter und der frei­willigen Versicherung. Der Reichszuschuß fei hier