JV 283. Freitag, den 7. Dezember. 1888
Meer W Jtitnig.
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Z Zur katholischen Bewegung in Baden.*)
Al» auf dem letzten badischen Landtage der vielberufene Artikel 4 der Kirchenvorlage von der unduldsamen „liberalen" Mehrheit abgelehnt wurde, konnte man im Lande Baden die verschiedenartigsten Stimmen und Empfindungen beobachten. Der kullurkämpferische Hochmuth kehrte seinen ganzen brutalen Haß gegen alle« Echtkatholische schärfer denn je herau«, die nationalliberale ,Lande»zeit- ungS'-Richtung feierte, wahre Orgien und prie« in triumphirendem Tone die „staatsmännische" Weisheit de« großen Kiefer, der da« „paritätische Land" vor dem Unsegen und Unfrieden de« Mönch- thum» gerettet habe. Aber nicht alle Elemente der nationalltberalen Partei theilten diese himmelhoch jauchzenden Gefühle. Die weitfichtigere, frei- finnigere, in diesem Falle auch gemäßigtere Richtung der nationalliberalen Partei, wie fie in der Zwäten Kammer durch die Herren von Neubronn, Winterer, Schneider, Map» und mehrere Andere vertreten wurde, bedauerte, allerdings nicht au- sachlichen Gründen und um der Gerechtigkeit willen, sondern lediglich aus Staatsklugheit und taktischen Gründen, aufrichtig die schroffe Ablehnung des so „harmlosen" Ordensartikels, und wenn auch diese nicht auf die Worte Meister Kiefers schwörenden Parteigenoffen in der badischen Preffe nicht mehr zu Gehör kamen, so ist doch seitdem mehr als einmal die unbehagliche, nicht» Gutes ahnende Stimmung der nationalliberalen kirchenpolitischen Dissidenten in auswärtigen (nach Herrn Kiefer'« juristischer Weisheit „ausländischen") deutschen Blättern zum Ausdruck gekommen. Wer, wie der nationalliberale Abg. Winterer, der jetzige Oberbürgermeister von Freiburg, bei der Kammerverhandlung über die Kirchenvorlage laut in die Welt hinausgerufen hatte, daß ein gesetzlicher Zustand, wie ihn die Kiefer'sche Mehrheit hinstchtlich des absoluten Ausschlusses jedweder Ordenrthätigkeit aufrecht erhalten wissen wolle, „in keinem zivilisirten Staate der Wesst" außer in Baden zu finden sei, wer, wie der Abg. Schneider, seinen nationalliberalen Kollegen in der Kammer vorhielt, daß die badischen Katholiken nicht länger mehr Katholiken zweiter Klasse sein wollten, der konnte natürlich an dem Resultat der Verhandlungen keine Freude haben.
*) Nachdruck nicht gestattet.
Mu um Mu.
Roman von Gabrir le d'Arvor.
(35. Fortsetzung.)
„Ich entfernte mich, das Haupt meine« Sohne«, ha« man mir ausgeliesert, mit fortnehmend. Am Fuße eines Berges begrub ich es und betete für die Seelenruhe all' der Lieben, die mir in so furchtbarer Weise entrissen. Nachdem ich lange Zeit geweint, erhob ich mich, um zehn Jahre gealtert. Ich schlug aus'» Geradewoht eine Richtung ein, bettelte auf meinem Wege und kam endlich in diese Berge, wo ich beschloß, den Rest meiner Tage zu verleben.
Di« lange Erzählung der Trübsale meine» Lebens ist zu Ende. Diese Grotte hier ist Zeugin meiner schrecklichen Verzweiflung gewesen; fie hat meine Verwünschungen, mein Schreien nach Rache gehört. Doch endlich hat die göttliche Gnade meine Seele gerührt. Meine Thränen verloren ihre Bitterkeit; ich hörte auf, über mein Unglück zu seufzen, ich weinte über meine Fehler und meine schuldbaren Leidenschaften. Gott ist Herr über Leben und Tod; wenn er uns Leiden schickt, die das Herz zu brechen drohen, so müssen wir fie
| den Katholiken aber, welche — sohatte der Kiefer'sche Liberalismus, unbekümmert um die Wünsche der Landesherrn, dem die Annahme der unveränderten Kirchenvorlage sehr am Herzen lag, es gewollt und dekretirt, — auch fernerhin Katholiken zweiter Klasse bleiben und Rechte, die ihnm in jedem zivilifirten Staate gewährt find, in Badm entbehren sollen, kämpften zwei nahezu entgegengesetzte Empfindungen um die Oberhand: Auf der einen Seite die tiefste Entrüstung und Empörung über die fanatische Intoleranz des herrsch- gewaltigen Liberalismus und über den offenen kulturkämpferischen Appell an das „protestantische Bewußtsein" der Volksminderheit; — auf der anderen Seite aber eine gewiffe Genugthuung darüber, daß der Nationalliberalismus endlich einmal feine heuchlerische Friedensmaske so rückstchts- los gelüstet und zu seinem eigenen Ruin mttge- holfen hatte. In diese letztere Empfindung mischte sich aber bei Vielen das Gefühl der Erleichterung, weil die Katholiken in Baden — Dank der Kiefer'schen Tyrannei — einer sehr schweren Gefahr entronnen waren, der Gefahr der Versumpfung und des Marasmus, welche, wie einmal die Dinge lagen, nur zu leicht als Folge des zwar sehr bescheidenen Friedensgesetzes in verstärktem Maße die katholische Bevölkerung ergriffen haben würde. Daß die Katholiken und ihre Kirche dieser drohenden Gefahr, welche mit einer abermaligen Stärkung und Befestigung der nationalliberalen Parteiherrschast gleichbedeutend gewesen wäre, glücklich entgangen find, verdanken ste, wie schon gesagt, vor allem Herrn Kiefer und seiner Leibgarde verbissener Kulturkämpfer.
Mittlerweile hat der Nationalliberaliümus von Woche zu Woche Gelegenheit gehabt, die Folgen seiner da» katholische Bewußtsein und Ehrgefühl herausfordernden Haltung zu studiren und in Augenschein zu nehmen. Die erste Folge war die Veranstaltung der so glänzend und großarttg verlaufenen Generalversammlung der deutschen Katholiken in Freiburg. Windthorst's Beredsamkeit und Feuereifer, seine Disziplin, seine Volksthümlichkeit feierten Triumphe, und wir sahen sogar manche Katholiken, bei denen dar liberale Märchen von der „welfischen Reichsfeindschast" des Centrumr- sührers nicht ganz ohne Wirkung geblieben war, mit voller Begeisterung zu Wmdthorst schwören. Doch wozu sollen wir die herrlichen Tage von Freiburg, die Allen — sei e» au» eigener Erfahr- annehmen, ohne zu murren; die Auflehnung gegen seinen Willen verbütert unser Herz und verringert doch nicht unsere Bürde. Vor Allem sollen wir keinen Haß gegen den tragen, den wir als Urheber unseres Unglücks anklagen. Gott, der den Bösen sein Werk vollbringen läßt, behält fich auch vor, ihn zu züchtigen.
Allmählich lernte ich diese erhabene Lehre de« ChristenthumS verstehen und damit kehrte die Ruhe in meine Seele zurück. Die Tröstungen der Gnade haben seitdem mein Leben versüßt. Das Feuer der göttlichen Liebe hat mir den letzten Rest menschlicher Empfindung verzehrt. Ich habe verziehen, auch ihm, James Pody. Und Sott hat mich diesm Tag erleben lassen; ehe meine Seele sich von den letzten Banden losreiße, sollte es mir noch vergönnt sein, den Enkel dessen zu retten, der meinen Sohn ermordet, und von ihm den Fluch zu nehmen, den ich dereinst so gottvergessen über der Großvaters'Haupt aursprach!"
Der Greis hatte fich erhoben, seine hohe ehrwürdige Gestalt richtete fich in ihrer ganzen Höhe aus, seine Augen glänzten, eine Aureole von Helligkeit umstrahlte die majestätische Sttrn des Einfiedler«. E: streckte die Rechte aus gegen den
ung, sei cs aus Berichten — noch so lebhaft in der Erinnerrng sind, eingehender in'« Gedächtniß zurückrufen? Thatsache ist, daß die Freiburger Katholikenversammlung den Anstoß undSporn gegeben hat zu einer katholischen Bewegung im Lande Baden wie man sie in dieser Tiefe, Gründlichkeit und Allgemeinheit vor einem Jahre nochfast für einen leeren Traum gehalten hätte.
Ueber dem Grabe des Ordensartikelr der Kirchenvorlage haben fich die sog. „Gemäßigten" und die „Entschiedenen" unter den Katholllen die Hand gereicht und arbeiten jetzt mit vereinten Kräften an der Reorganisation und dem Wiederaufschwung der Centrumspartei in Baden. In allen Thellen des Landes werden katholische Volksversammlungen abgehalten, an denen tausende und abertausende von katholischen Männern theilnahmen. Am letzten Sonntag hat wieder eine imposante Volksversammlung in Mannheim stattgefunden, an welcher über 2000 katholische Männer theilnahmen, ungerechnet die circa 1500, welche wegen Ueberfüllung des Saales umkehren mußten; Freiherr v. Buol, Professor Schädler aus Landau und Dr. Fischer aus Heidelberg hielten zündende Reden. Auch in der Residenzstadt Karlsruhe soll am 16. Dezember eine große Katholikenversammlung statt- finden, bei welcher namentlich Pfarrer Wacker, der schneidige, geistvolle Redmr und erprobt! Parteiorganisatior und Wahlfeldmarschall austreten wird.
Herr Wacker hat fich die mühevolle, aber verdienstliche Aufgabe gesetzt, nach und nach dar ganze Land zu bereisen und allenthalben durch engere Besprechungen und öffentliche Versammlungen die morssch und faul gewordene Parteiorganisation wieder in Bewegung zu bringen, namentlich dem so wichtigen Preßverein allenthalben Eingang zu verschaffen. Da» katholische Volk schuldet diesem uneigennützigen, thatkräftigen, muthigcn Manne den größten Dank. Schon hat er auf den Versammlungen in Freiburg, Konstanz, Radolfzell, Haslach seine Beredtsamkeit in den Dienst der guten Sache gestellt und bei den Katholiken großen Anklang gefunden. Andere Volksversammlungen fanden inzwischen in Markdorf, Ettlingen, Bühlerthal, Seckenheim, Brühl und Ketsch statt, so daß in der Zahl der seit September im Lande Baden abgehaltenen jungen Mann, der überwältigt von dem Eindrücke dieser Szene in die Knie gesunken war.
„William Pody, Enkel von James Pody," sagte er langsam und mit Feierlichkeit, „ich danke dem Herrn, baß er Dich hierher gesührt! Gott wende von Deinem Haupte das Schwert seiner Gerechtigkeit ab! Derjenige, der keinen Namen mehr hat unter den Menschen, segnet Dich!"
Die schwachen Lichtstrahlen de« Herdfeuer« beleuchteten diese« großartige Schauspiel. Der auf den Knieen liegende junge Mann war unfähig, seine Thränen zurückzuhalten. Da» Unglück und besonders die Hoheit de» Greises hatten ihn tief erschüttert. Und dann erwachte ein Gefühl der Reue in seiner Seele: auch er war nahe daran gewesen, eine schlechte That zu begehen, das Blut de» Verräther» floß in seinen Adern. Die Begegnung mit dem Einfiedler hatte ihn von diesem Wege aufgehalten, die Segnung dieses edlen Opfers war eine große Gnade des Himmels für ihn, eine Mahnung von oben — wird er fie beachten? Einem jungen Gemüthe fehlt e« selten ganz an edlen Gefühlen; auch William Pody erhob fich ruhiger in der Seele, der Sturm der Essersucht schien gebrochen; er war entschlossen, den Ein-