JM 278
Samstag, den 1. Dezember.
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Roman van Gabriele d'Arvor.
(30. Fortsetzung.)
„Wenn der Landlord befohlen hat." bemerkte Tomi), „so können alle Schwierigkeiten den Vollzug des Befehles nicht hindern."
„Run gut, wir werden dann wohl einen Besuch da drunten machen müssen. Da» kommt uns eigentlich ungelegen; wir haben heute gerade eine bedeutende Menge Alkohol herüber gebracht, indeß haben wir noch Zeit, ihn während der Nacht in Sicherheit zu bringen."
Jack machte sich nun sofort auf den Heimweg. Plötzlich bemerkte er auf dem Schnee Fußeindrücke neben den Seinen. Beunruhigt hielt er an und untersuchte die Spuren genauer.
„Mr ist Jemand nachgegangen," war da» Resultat seiner Beobachtungen. Und nochmals beobachtete er die Spuren mit größter Aufmerksamkeit.
„Das ist keiner der Unsrigen. Die Eindrücke find ebenso frisch wie die meinigen, aber der, von dem sie herühren, trägt feinere» Schuhwerk als wir. Auch im Dorfe gibt e» wenig Leute, die so elegante Schuhe tragen, man möchte fast sagen .... aber nein, da» ist unmöglich! Niemand konnte mich sehen und doch ... . ja, die Tritte halten sich in gleichmäßiger Entfernung von den meinen .... ich bin verfolgt .... vielleicht steckt ein Spion in der Nähe.
Er überlegte einige Augenblicke. „Ich muß sie doch davon in Kenntniß setzen," murmelte er; „man muß stet» auf der Hut sein."
Und er kehrte zurück nach dem Orte, wo er Tomp und Clary getroffen. Während er den schmalen Pfad hmabstieg, versteckte sich der Mann, den wir schon gesehen haben, hinter einem dicken Baumstrumpf, wo er, von der anbrechenden Dunkelheit begünstigt, unbemerkt blieb. Sobald aber Jack an ihm vorbei war, kam er au» seinem Versteck hervor und da er nicht» mehr zu erfahren hatte, verfolgte er den Knaben nicht weiter, sondern schlug den Weg ein, auf dem sie beide gekommen. Da» ging so lange gut, al» er sich von den früheren Spuren leiten laffen konnte, aber die Nacht sank rasch herab und überdies erhob sich ein Schneegestöber, das dem Boden einen frischen Anstrich gab. Nun war der Fremde dem Zufall preisgegeben und konnte int nächsten Augenblicke sich in einem Abgrunde zerschmettern. Zagend hielt er an.
„Ich werde mich verirren," murmelte er. „Ich hätte besser gethan, zu warten, bis mein Führer zurückgekommen wäre. Aber jetzt ist es zu spät; ich kann nicht ohne Gefahr umkehren."
Er marfchtrte auf'« Gerathewohl weiter, manchmal zurück, statt vorwätts kommend. Die Kälte wurde schneidend; feine Füße sanken tief in den Schnee; er fühlte, daß er den rechten Weg verloren habe. Dabei war es fast vollständig Nacht geworden und da» Schneegestöber ließ nicht einmal den Schimmer der Sterne durchdringen. Und doch trieb e» ihn fort; er konnte nicht die Nacht hier zubringen, wo er vielleicht von Müdigkeit überwältigt eingeschlafen und erfroren wäre; er durste auch kein Zusammentreffen mit bett Konstablern riskiren, da er dann wahrscheinlich al» in
Verbindung mit den Schmugglern stehend verhaftet, wenn nicht gar verurtheilt worden wäre.
Bei diesem Gedanken erfaßte William Pody — denn er war e» — ein panischer Schrecken, der kalte Angstschweiß trat vor seine Stirn, vor seinen Augen tanzte e» wie Gespenster, in seinen Ohren tönte e» wie ferne Musik, er fühlte den Boden unter seinen Füßen schwinden.
In welche Gefahren hatte ihn seine tolle Eifersucht gestürzt! Er war hierher gekommen, seinen Rivalen unschädlich zu machen, und dieser fand vielleicht morgen seine Leiche. Wie verwünschte er jetzt seinen Fehler und Nelly, der er alle Schuld beimaß! Wenn er hier zu Grunde ging, würde Nelly ihn wohl so beweinen, wie sie Tomy beweint hätte? Er antwortete sich: nein; sie würde wieder frei und würde ihn rasch vergeffen haben.
Dieser Gedanke stachelte ihn zu erneuten Anstrengungen an, den Ausweg aus dem Gebirge zu finden. Wohl eine Stunde lang kämpfte er noch gegen Dunkelheit, Schnee und die Unmöglichkeit, seinen Weg zu finden, endlich, erschöpft von Anstrengung und Aufregung, sank er schwerfällig zur Erde und verlor da» Bewußtsein.
10.
Der Greis.
Wie lange blieb William Pody in diesem Zustande ? Al« er wieder zur Bestnnung kam. sühlte er stch an allen Gliedern erstarrt, unfähig, einen Hilferuf auszustoßen. Das schwache Licht einer Laterne beleuchtete den einsamen Pfad und warf tanzende Reflexe auf den Schnee; einige verkrüppelte Eichen reckten ihre knorrigen Stämme in die Höhe wie drohende Riesen; William glaubte eine Truppe auf ihn anstürmender Dämonen zu sehen; mehrere schrille Pfiffe wiederhalten in den Bergen und sprangen von Felsen zu Felsen wie Signale ans einer andern Welt. Der Unglückliche glaubte seine letzte Stunde nahe. Das Licht glitt geheirn- nißvoll über den Boden, das Heulen und Aechzen des Windes nahm zu an Kraft, die bösen Geister, welche nach dem Volksglauben in den Klüften der Felsen wohnen, streckten gierig ihre fleischlosen Arme nach ihm aus und aus dem Schoße der Nacht stieg eine ftemdartige Erscheinung auf. Sie hatte menschliche Gestalt; eine lange Tunika von Schafpelzen hüllte den Körper ein, der lange weiße Bart siel fast bis zum Gürtel hinab, silberweiße Haare floffen über die Schultern. Der Greis hatte eine imponirende Stirn, einen fast überirdischen Blick, ein langes bleiche» Gesicht, da» unwillkürlich Respekt einflößte; er legte die knochige Hand auf die Wange William'», wie um zu erforschen, ob dieser lebe oder erfroren sei. Bei dieser kalten Berührung glaubte William nicht anders, al» daß der Tod in Person vor ihm stehe und ihn abrufe. Er machte eine verzweifelte Anstrengung, um die unheimliche Vision lo« zu werden, fiel aber krast- lo» zurück.
„Was fürchtest Du, mein Sohn?" fragte die Erscheinung mit sanfter Stimme.
„Gnade! Gnade!" flehte der Unglückliche, die Augen öffnend.
Ein Lächeln umspielte die fleischlosen Lippen des Alten.
„Du hältst mich sicher für ein Gespenst; es ist wahr, daß ich einer vergangenen Zeit angehöre. Gott hat erlaubt, daß die gewöhnliche Lebensdauer für mich verlängert werde. Niemand im Lande hat meine Geburt gesehen und schon lange erwarte ich in Gebet und Betrachtung, daß Gott mich zu sich ruft."
Die Worte dieses Manne» waren ebenso fremdartig, wie seine Gestalt, aber sie beruhigten William, denn er wußte nun doch, daß er e« mit einem menschlichen Wesen zu thun hatte.
„Wer Ihr auch seid, edler Greis," sagte er, „habet Mitleid mit mir. Fremd hier zu Lande, habe ich mich verirrt; die Nacht hat mich überfallen und erlaubt mir nicht, den Weg zu erkennen. Zeigt mir, ich bitte Euch, den Ausgang au» dem Gebirge."
Der Einsiedler richtete auf den jungen Mann einen jener Blicke, die bi» auf den Grund der Seele dringen.
„Wie kommst Du hierher?" fragte er.
William kam in Verlegenhett, doch nur einen Augenblick, dann erwidette er dreist:
„Ich bin, wie ich Euch schon sagte, ein Fremder hier. Ich hörte die Schönheit dieser Landschaft rühmen und wollte mich selbst davon überzeugen. Dabei hat mich die Nacht überrascht, den Rest wißt Ihr."_________________(Forts, folgt.)
Vermischtes.
§ Daß die Reise des Kaisers auch zu manchm humoristischen Scenen Beranlaffung gegeben hat, das wird fol« genbe verbürgte Geschichte illustriren. In einem Dörfchen bei Detmold, welches der Kaiser berühren wollte, hatte man alle nur denkbaren Anstalten getroffen, um der Begeisterung Ausdruck zu geben. Den Glanzpunkt de» festlichen Empfanges sollte ein Feuerwerk bilden, das auf einem freien Platze beim Vorbeifahren des hohen Herrn abgebrannt werden sollte. Schon früh am Morgen hatte man den Michel, einen besonders zuverlässigen und schlauen Bauernknecht beauftragt, mtt Hilfe eines Burschen aus dem benachbarten Städtchen das gefammte Feuerwerk in zwei großen Kiepen herbeizuschaffen. Diese nahmen die Sachen in Empfang und machten sich wohlgemuth auf den Rückweg. Unterwegs berührten sie ein Wrthshaus. Sie traten in die Wirthsstube ein, setzten die Kiepen ab und tranken ein Gläschen. In der Stube saßen außer dem Wifthe noch einige Bauern. „Na," meint der eine, „wat hett jou denn da mitgebracht in de groten Kiepen?" — „Oh, bat ii bat Füerwerk für den Kaiser sine Ankunft: Raketen und Swär- mers un Kanonenschläge un Hoppers!" — „Höpper» k wat sind denn bat eigentlich für Dingers?"—„Ja, wenn man bie anstickt, beim zischen sie und malen grote Springe von eine Stelle an die andere." — „Du, kannste uns nicht mal so'n Ding wiesen? Ick gebe drei Schnäpse, wenn Du mal einen losbrennst." — „Ums Himmelswillen, bet darf ick nich un denn —" — „Blot einen einzigen! Ick gebe fünf Schnäpse." — „Und ick noch fünfe dazu. Se werden et ja nich gleich marken, wen so einer fehlt von de viele." — „Ja, dann will wi aber man alle» fest tau» malen, damits kein Minsche nich sieht!" — Gesagt, gethan. Die Fensterläden werden von außen zugemacht, die Thür sorgfältig verschloffen, und bann beim Schein eines Lichtes kriegt der Michel aus ber einen Kiepe einen „Hopper" (Frosch), zeigt ihn unb zündet ihn an bet Schnur an, während alle neugierig herumsitzen. Sissisit! zischt es los und der Höpper macht einen Satz. Alle schreien: ah! und warten mit Spannung, bis es von neuem zischt und der Höpper nach der anderen Seite springt, bann zum drittenmal und hin und her in der engen Stube, da plötzlich macht er einen gefährlichen Satz und ratsch! — mitten hinein in die eine Kiepe- Michel schreit auf und will zuspringen; aber schon gibt es ein noch viel stärkeres und heftigeres Zischen und Sausen; ein Feuerstrahl fliegt gegen die Decke: eine Rakete hat sich entzündet, andere folgen, nach allen Seiten fliegen die Stücke und immer gefährlicher zischt es und praffelt es aus der Kiepe. Und die Bauern, die nichts mehr sehen können, unb in ihrem Schrecken vergeblich an Thüten und Fenstern getiffen haben, werfen sich auf den Rath des schlauen Michel platt auf die Erde. So liegen sie da unb rühren kein Glied. Inzwischen brummt es, als wäre das jüngste Gericht gekommen; auch in die andere Kiepe ist da« Feuer gefallen. Feuerräder, Flintenschüsse, Kanonenschläge entladen sich in der niedrigen Stube, baß das ganze Haus zittert. Der fürchterliche Lärm hat inzwischen das ganze Dorf zusarn- mengelockt, alles steht auf ber Straße vor dem Wirths- hause, und den» der Teufel fei aus der Erde gefahren, um die arme Seele des Wirthes zu holen. Qualm steigt aus den Ritzen der Fensterladen, aber keiner wagt sie einzuschlagen. Endlich wird es still, bie Thür wird eingestoßen, dicker Rauch strömt heraus. Als er sich verzieht, sieht man die ganze Gesellschaft noch auf ber Erbe liegen. Schon scheint es, als sei keiner mehr am Leben, ba endlich steht der Michel auf, schwarz im Gesicht mit angefeuchtetem Haar, abetjfonft unversehrt nnb schaut mit Entsetzen in bie schwarze leere Tiefe bet Kiepen. Auch bie Anderen erheben sich. „Mn Lebtag lat ick keinen Höpper wieder springen!" meinte der Michel. Aus dem Feuerwerk konnte natürlich nichts werden. Aber ber Kaiser soll herzlich gelacht haben, als ihm bie Geschichte erzählt wurde.