Zweites Blatt
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Samstag, den 1. Dezember 1888
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sei Dank! Nun wird es vorüber sein, da» Grüß« liche, da» selbst seinen gestählten Nerven einen Schauder abgerungen .... Doch nein — fern Athem stockt: wieder erhöht man die Sanieren, und diese» Mal in solch' außergewöhnlicher Weise, daß eine unwillkürliche Bewegung durch die Zu- schauermenge geht. Solche» Wagniß scheint unerhört, ist mehr al» Tollkühnheit. Kann da» zarte Geschöpf dort mit der kindlichen Miene wirklich diesen Sprung ausführen wollen?
Die Kunstreiterin hält während der Pause, welche dieses Mal etwa» länger währt und von den Clown'» mit übermüthigen Spässen ausgefüllt wird, wieder auf der nämlichen Stelle wie vorhin.
Hellmuth, der kein Auge von ihr wendet, glaubt zu bemerken, daß ste im Sattel schwankt und wie nach Halt suchend krampfhaft in die Mähne de» Roste» greift, während ihre Lider fich wie in tödt- sicher Erschöpfung über die Augen senken.
Sein Herz wallt ungestüm in Angst und Mtt- leib; schon will er, alle» um fich her vergestend, fich über die Brüstung neigen, um der Gequälten seinen Schutz gegen die von ihm geahnte Tyrannei de» Direktor» anzubieten, al» dieser plötzlich rasch herantritt und der Dame eine» der ihr gespendeten Bouquet» überreicht, da» er galant vom Boden aufgehoben.
Miß Alice verbirgt minutenlang ihr Antlitz tief in die duftenden Blüthen, indeß der Direktor mit verbindlichem Lächeln eifrig auf ste einredet. Das Publikum glaubt, er spreche ihr seine Anerkennung au» und opplaudirt unwillkürlich.
Jetzt tritt der Direktor zurück; ein Wink: die Mufik setzt wieder ein — erregt von den schmetternden Tönen wirst der Hengst mit lautem Wiehern den stolzen Kopf zurück.
Mit einem gewaltsamen Ruck richtet fich Mß Alice empor. In demselben Moment verstummt jede» Geräusch — Todtenstille legt fich über de weiten Raum, der athemlosen Zuschauer bemächtigt fich jene» erwartungsvolle» Grausen, da» für Mele einen angenehmen Nervenkitzel bildet.
Miß Alice reitet an da» andere Ende der Bahn. Einen Augenblick zögert ste noch; ihr seltsam starrer Blick gleitet wie scheu prüfend über die gefahrvollen Hindernifle hinweg, deren erste» fich fast unmittelbar unter Hellmuth'» Platz befindet. Dieser fieht noch, wie ein Schauer die schlanke Gestalt schüttelt, in der nächsten Sekunde braust fie dahin durch die Bahn.
In gewaltigem Anlauf erreicht der Hengst die erste Barriere. Kraftvoll setzt er an zum furchtbaren Sprunge, da — im entscheidenden Moment fällt der Blick der Reiterin auf die schräg über, ihr befindliche Loge — umsonst, daß Hellmuth die Gefahr mit raschem Blick erfassend, fich weit in seinen Sessel zurücklehnt — sie hat ihn schon erkannt! Bon ihren entfärbten Lippen ringt sich ein’ unartikulirler Laut — wie in plötzlichem Krampf zieht ihre Hand mitten im Sprung den Zügel an ... . Kerzengerade steigt der Hengst empor, sekundenlang scheinen Roß und Reiterin in der Luft zu schweben, dann gellt ein tausendstim- miger Schrei durch den Cirku», begleitet von dem
Aich ei« Weih«eAs-S«grl.
Erzählung von Carl Armand.
(Fortsetzung aus dem ersten Blatt des Weihnachts-Anzeigers.) Die bewundernden Zuschauer ahnen nicht im Entferntesten, daß die arme Kunstreiterin nur mit Aufbietung aller Willenskraft diese» Lächeln auf den zitternden Lippen festzuhalten vermag, daß die geschmeidig elastischen Bewegungen der schlanken Glieder ihr heute unsägliche Anstrengung kosten. Adr e» ist Einer unter ihnen, der mehr sieht al« die Andern — da» Ange des Arzte« ist nicht zu täuschen.
Hellmuth Feldern, der nach jenem ersten Moment fassungsloser Ueberraschung mit gewaltsam erzwungener Selbstbeherrschung seinen Sitz wieder eingenommen, beobachtet sie mit geschärften Sinnen. Mehrmals während ihre« Ritte« ist sie dicht unter feinem Platze vorübergekommen, und wa« er da bemerkt, läßt ihn nur mit bangem Herzklopfen den Barriören entgegensehen, welche soeben von tinigen Bediensteten de« Circu« für die zweite Produktion — die Hauptnummer der Abend« — hereingetragen werden.
Während man dieselben in beträchtlicher Höhe aufrichtet, hält Miß Alice in der Arena, zufällig gerade unter Hellmuth'« Platz. Täuscht ihn seine Erregung, oder hat er auch ste zusammenzucken sehen beim Anblick der Sanieren? Nein, nein — er muß fich getäuscht haben! Furcht wäre ja da« Schlimmste für sie in diesem Augenblicke I Und doch — die Hand, welche liebkosend und beruhigend den Hal« de« aufgeregt schnaubenden Hengste« klopft, zittert, und deutlich hörbar für da» feine Ohr de« athemlo« vorgebeugten Manne« schlagen ihre Zähne aufeinander.
Jetzt — die Vorbereftungen find beendet, die Bahn wird frei. Rauschend setzt die Mufik ein; noch ein gleichsam Hilst flehender Slick au« den Gazellenaugen fliegt zu dem am Eingang lehnenden Direktor hinüber, der indeß nur mit einer energisch oufforbtrnben Geste beantwortet wird. Im nächsten Augenblick ertönt ein pfeifender Gertenschlag, begleitet von anfeuerndem Zuruf, und dahin schießt Darin«. Jetzt ist da« erste Hinderniß erreicht, die Reiterin hebt fich im Sattel — einen Moment scheint der Hengst zu stutzen, dann fliegt er wie der Blitz darüber hinweg, und noch ein Mal und noch ein Mal — da« gefährliche Retterstück ist glänzend gelungen. Durch den wirbelnden Staub ergießt fich ein Regen von Kränzen und Bouquet« zu den Füßen der kühnen Retterin, die hochathmend inmitten der Arena hält, während dröhnender Beifall den wetten Raum durchzittert.
Nach einer kurzen Erholungspause werden die Barriören erhöht. Bon neuem wiederholt fich dasselbe aufregende Schauspiel. Wieder steht man zwischen einer Wolke gelben Staube« drei Mal die blaue Sammetschleppe hoch in der Luft flattern, abermals lohnt ein Beifallssturm, noch lauter und anhaltender als da« erste Mal, die vollkommen gelungene Produktion.
Hellmuth athmet auf aus tiefster Brust. Gott
Vermischtes.
* Die Stadtfernfprecheinrichtungen zeigen für 1887 gegen da« Vorjahr auf« Neue einen gewaltigen Aufschwung. Die Zahl der Theil- nehmer an der Benutzung der allgemeinen Stadtfernsprecheinrichtungen ist von 17243 auf 22900 gestiegen, also um mehr al« 30 Proz. E» wurden über 96 Vi Millionen Gespräche geführt gegen 65V« Millionen im Vorjahre. Im Verhältniß noch mehr hat fich die Zahl derjenigen Gespräche vergrößert, die von einer Stadt zur andern geführt, wurden, fie ist von 5 643482 auf 9685064 gc- wachsen, also um über 70 Proz. Gegenüber den 96* */8 Millionen Gesprächen im Fernsprechbetrieb erscheint die Zahl der überhaupt beförderten Telegramme (20 Millionen) nur klein. Die Zahl der im Stadtfernsprechbetriebe benutzten Apparate (29 247) hat die Zahl der Apparate im Telegraphenverkehr (17 428) bereit« weit überholt.
[fataler Beigeschmack.j „Nun, was sagen Euer Gnaden zu meinem Rheinwein? Feiner Wein ;— nicht wahr?" — „Nun ja, aber er würde doch besser fein, wenn man den Rhein nicht so deutlich herausfchmecken tonnte 1"
(Gaunerbescheidenheit.) Präsident:Angeklagter, Sie sind der größte Lump, den ich in meinem Leben gesehen habe. Angeklagter: O bitte, bitte, Herr Präsident, bringen Sie mich nicht zum Erröthen.
dumpfen Aufschlagen fallender Körper: da« fich überschlagende Pferd hat im Sturz feine unglückliche Reiterin mii jähem Anprall gegen die Wand der Arena geschleudert.
Einen Athemzug lang bleibt alle» still. Von Entsetzen gelähmt starren Publikum und Cirkur- Mtglteder auf die beides Opfer der Katastrophe. Der Hengst ist tobt, darüber kann Lin Zweifel herrschen; da» herrliche Thier liegt starr, alle Viere vor fich gestreckt, es hat int Fall da» Genick gebrochen. Aber fie. Miß Alice? Niemand wagt, fich die Frage zu beantworten; scheu gleiten die Blicke über die regungslose Gestalt im langwallenden blauen Gewände, von deren lilienblassem Antlitz langsam einzelne purpurne Tropfen hernieder tn den gelben Sand ficke rn.
Endlich kommt Leben in die erstarrte Menge. Von feinen Leuten begleitet, eilt der Direktor zur Hilfeleistung herbei; aber schon ist ein Anderer ihm zuvorgekommen. Hellmuth Feldern hat fich über die Brüstung geschwungen und kniet bereit» an der Seite der Verunglückten, mit sanfter Hand da» lockige Köpfchen stützend, von dem da» blaue Barett im Sturz herabgeglitten.
Mit gebieterischer Bewegung wehrt er dem Direktor, der ihm Beistand leisten will. „Sorgen Sie für eine Bahre", spricht er kurz und hart; dann wendet er seine Aufmerksamkeit wieder ausschließlich der Bewußttosen zu.
Die Untersuchung dauert beängstigend lang. Athemlos hängen die Blicke ringsum an dem Arzte, feinen Bescheid erwartend. Das Antlitz desselben, al« er e« endlich wieder aufgerichtet, ist furchtbar blaß, seine Mienen verkünden schon da« Wort, noch ehe er e« ausgesprochen: „Hoffnungslos". (Fortsetzung im nächsten Weihnachts-Anzeiger.)