jy 278. Samstag, den 1. Dezember. 1888
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TM7 Hierzu ein zweites Blatt und der Weihnachts-Anzeiger Nr. S (erstes «nd zweites Blatt).
Die gegenwärtige Reichstags- Mehrheit,
betrachtet im Lichte der Ergebnisse der Ersatzwahlen. *)
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ES ist nicht zu verwundern, wenn er den Kartellbrüdern vom 27. Februar 1887 immer schwüler um'» Herz wird. Von vornherein haben sie 3—400000 Stimmen weniger erhalten, als ihre
Nationalliberale Konservative Freikonservative Protestler Freisinnige Polen Sozialdemokraten Dänen
vereinten Gegner, wenn sie auch die Mehrzahl der RetchStagsitze eroberten. Und seitdem ist bet den Ersatzwahlen Unglück über Unglück über fie hereingebrochen. Nach dem 21. Februar stellte iich das Ergebniß folgendermaßen:
Centrum nebst Hosp. 92
Die Kartellparteien hatten also 193, ihre vereinten Gegner 143 Sitze. Ueber 61 Sitze mußte erst die Stichwahl entscheiden. Nachdem letztere vorüber war, ergab sich folgendes definitive» Er- gebniß:
Centrum 101 Freisinnige 32
Nationalliberale 98 Protestler 15
Konservative 79 Polen 43
Freikonservative 41 Sozialdemokraten 11
Wilde 7
Unter den letzteren ist Dr. Böcke! ein konservativer Antisemit, von Hornstein mehr dem Centrum zuneigend, ebenso der Welfe Langwerth von Simmern. Neben einem Dänen waren noch 3 „liberale" Wilde, von denen 2 unter deutsch-freisinniger Flagge gewählt worden waren. Demnach verfügte das Kartell über 218 Stimmen gegen 179 der vereinten Gegner; es hatte demnach 19 Stimmen über die absolute Mehrheit. Nicht weniger al» 65 Sitze waren an die Kartellbrüder verloren gegangen, während nur 3 ihnen abgenommen wurden. Ihr Reingewinn bezifferte sich also auf 62 Mandate. Dazu mußten die Frei- finnigen 33, die Sozialdemokraten 11, die Demokraten 7, die Welsen 6, da» Centrum 3 und die Polen 2 Sitze liefern. In 4 Bezirken wechselte nur die Kartell-Färbung. Und in 4 weiteren Bezirken trat ein Wechsel der Gegenparteien ein: in zweien lösten die Sozialdemokraten und Frei- finnigen ab (München II und Ustngen-Jderstein), in 2 anderen traten liberale Wilde an die Stelle eines Freisinnigen und eine» Sozialdemokraten. Seit dem 21. Februar haben nun rund 25 Ersatzwahlen stattgefunden, deren Ergebniffe in der Thal höchst bezeichnend find. Stark die Hälfte derselben ist insofern charakteristisch, al» durch fie der unwiderlegliche Beweis dafür geliefert wird, daß das Ergebniß vom 21. Februar 1887 in der That ein „AngstProdukt" war, und seitdem bei einem großen Theile des Wählerpublikum» starke Ernüchterung und Mißstimmung gegen die Kartellgenoffenfchaft eingetreten ist.
Da da» Ergebmß der S.ichwahl in Melle-Diep- Holz schon jetzt so ziemlich feststeht, so kann man sagen, daß da» Kartell 6 Sitze verloren hat:
1. Merseburg-Querfurt mit einem Stimmens rückgang von 4365 (7682 gegen 12,047.)
2. Sagau-Sprottau — Stimmenrückgang von 3355 (5158 gegen 8513.)
•) Nachdruck nicht gestattet.
Erstes Blatt.
3. Kammin-Greiffenberg — Stimmenrückgang von 2803 (5173 gegen 8276.)
4. Altena-Iserlohn — Stimmenrückgang von 1967 (10,321 gegen 12,318.)
5. Ansbach-Schwabach — Stimmenrückgang von 4371 (5513 gegen 9884).
9. Melle-Diepholz — Stimmenrückgang von 3376 (4242 gegen 7618.)
E» find da» lauter Wahlbezirke, in welchen em lebhafter Kampf geführt wurde und gerade die Kartellgenossenschaft die allergrößten Anstrengungen machte. Wenn gleichwohl allüberall ein Sttm- m en rückgang und zwar in sehr starken Pro- zentsätzen zu verzeichnen ist, so liegt in dieser That- sache die denkbar deutlichste Sprache. Der Stimmenverlust in diesen 6 verlorenen Bezirken beträgt zusammen 20,267 Stimmen. Wie steht es nun bei den siegreichen Gegnern in diesen 6 Bezirken? Sie haben einen theilweise sehr beträchtlichen Zuwachs an Stimmen zu verzeichnen. Obwohl fie in Merseburg rund 2000 Stimmen weniger enthielten, als im Jahre 1887 bei der Stichwahl (das Kartell erhielt über 4000 Stimmen weniger), haben fie doch in den erwähnten 6 Bezirken im Ganzen 6867 Stimmen mehr erhalten als bei der Wahl de» Jahres 1887. Neben diesen 6 Wahlen, in welchen die Kartellgesellschaft jeweils einen Sitz einbüßte, gibt es noch eine Reihe anderer, die gleichfalls sehr charakteristisch sind.
In Schweidnitz-Striegau blieb sie nur Sieger, weil die Katholiken (37 Prozent der Bevölkerung) Wahlenthaltung proklamirten.
In Sternberg (ganz protestantisch) hatten sie emen Rückgang von 3825 Stimmen zu verzeichnen, während bte freisinnigen Gegner einen Zuwachs von 554 Stimmen hatten. ' ■ •J/_.
In Insterburg - Gumbinnen (gleichfalls ganz protestantisch) haben sie bei der Ersatzwahl mit einer Mehr- Beit von 1000 Stimmen gesiegt, während sie bet der Wahl des Jahres 1887 eine Mehrheit von 6159 Stimmen hatten.
In Anklam-Demmin (ganz protestantisch) haben sie einen Rückgang von 1182, die freisinnigen Gegner aber einen Zuwachs von 830 Stimmen zu verzeichnen.
I» Stade, dem Sitze des Herrn v. Benmgsen, haben sie 3424 Stimmen weniger erhalten, obwohl v. Benmgsen inzwischen zum höchsten Beamten des Landes ernporgestie-
Auch die Ersatzwahl in Berlin VI darf nicht übersehen werden. Im Jahre 1887 siegte der sozialdemokratische Kandidat mit 304,53 Stimmen. Damals erhielt der Kartellkandidat 16,836 und der Kandidat der Frei, sinnigen 11,750 Stimmen. Auch für die Ersatzwahl blieb das „Kartell" aufrecht erhalten, und gerade das „Leibblatt de» Fürsten Bismarck wurde nicht müde, die „Freunde der Ordnung" aufzufordern, ihre Stimmen auf den Kartellkandidaten zu vereinigen, welcher zudem noch me gleiche Persönlichkeit war wie am 21. Februar 1887; Gleichwohl erhielt er bloß 3847, also 12,989 Stimmen weniger, als damals. Allerdings hatten die «ülden »nt,fernsten dieses Mal einen eigenen Kandidaten aufgestellt, der 4322 Stimmen erhielt. Allein selbst wenn man diese letzteren mit den Kartellstimmen zusammenrechnet, ,st es noch immer ein Ausfall von nicht weniger als 8667 Stimmen.
Solchen Zahlen braucht wahrlich keinerlei Erklärung beigefügt zu werden. Sie beweisen mehr al» zur Genüge, daß die gegenwärtige Reichstag»- Mehrheit im grellen Gegensatz zur Mehrheit der Wähler steht, die vom „Kartell" und dkffen Leistungen nicht» wiffen will. Sie beweisen, daß die Zusammensetzung de» Reichstage» eine ganz andere würde, wenn in allen Bezirken Ersatzwahlen vorzunehmen wären. Und haben die Kartellgenoffen schon im Jahre 1887 trotz ihrer Mehrheit an Mandaten 3 bi» 400,000 Stimmen weniger gehabt, al» ihre vereinten Gegner, so würde e» jetzt in dieser Beziehung noch ganz ander» ausfallen. Aus 11 Kreisen, in welchen Ersatzwahlen stattfanden, und Kartellbrüder auf der einen und vereinte Gegner auf der anderen Seite sich gegenüberstanden, war es nur möglich, eine Vergleichung mit den Wahlergebnissen des Jahres 1887 anzustellen. Dtefe Kreise find: 1. Varel-Jever, 2. Merseburg- Querfurt, 3. Sagan-Sprottau, 4. Kammin G-rffen- berg, 5. Altena-Iserlohn, 6. Sternburg, 7. Set-
Kn VI., 8. Ansbach-Schwabach, 9. Anklam-Demmin, 10. Stade, 11. Melle-Diepholz. Das Gefammt- ergebniß ist: während die vereinten Gegner der Kartellgenoffen bloß 765 Stimmen weniger erhalten haben, sind den Kartellgenoffen nicht weniger als 38562 weniger zugefallen al» im Jahre 1887. Dabei haben wir die 4322 Stimmen der Berliner Antisemiten der Kartellbrüderschaft gutgeschrieben.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. November.
* Der Reichstag trat heute in die 2. Be- rathung des Reichshaushaltsetat» ein. Beim Etat de» Reichstag» theilte Staatssekretär v. Bötticher mit, daß da» neue Reich»tag»gebäude tat Herbste 1892 werde bezogen werden. Der Etat wurde bewilligt, ebenso, debattelos, der Etat des Reichskanzlers und der Reichskanzlei. Der Etat des Innern gab zu mehrfachen Auseinandersetzungen Anlaß. Beim Kapitel Gesundheitsamt gab e» wieder eine Kunstbutterdebatte. Abg. Dr. Witte (frs.) behauptete die Wirkungslosigkeit de» Kunstbuttergesetzes. Staatssekretär v. Bötticher machte dafür die vom Reichstage beschloffene Amendirung, wonach echte Butter der Margarine nicht zugesetzt werden darf, verantwortlich. Abgg. Robbe (Rchsp.) und v. Wedell-Malchow (kons.) erklärten dagegen, daß man in den Kreisen der Landwirthschaft mit dem Gesetz zufrieden sei. Beim Kapitel Patentamt wurden verschiedene Wünsche in Bezug auf die Abänderung de» Patentgesetzes geäußert. Der Etat de» Innern wurde genehmigt. Beim Etat des Reichsjustizamtes stellte Staatsserretär v. Schelling eine Vorlage betr. die Reform der Gerichtsko^n in Aussicht. Der Entwurf eines neuen bürgerlichen Gesetzbuch» fand von Rednern verschiedener Parteien eine verschiedenattige Beur- theilung. Der Etat de» Reichsjustizamt» wurde genehmigt, ebenso der de» Reichsschatzamts. Dienstag: Theile des Marine- und Militäretat».
* Die Budgetkommission de» Reichstag» trdt erst am Montag'zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Heute war die Wahlprüfungskommisfion de» Reichstag», welcher der Antrag betreffend Schutz der Wahlsreiheit überwiesen worden war, ver- sammelt. Materielle Beschlüffe wurden indeß nicht gefaßt. t
* Wegen unbefugten Nachdrucks des Tagebuch» Kaisers Friedrich« von 1866 ist auf An- trag de» Kaiser» die Anklage erhoben worden.
• Die .Nordd. Allgem.Ztg.' eröffnet eine Reihe von Leitartikeln mit einer Kritik der gegenwärtigen Berliner Polizeipraxi» in Bezug auf das Verbot der öffentlichen AEndigung und Anpreisung von Geheimmitteln und Arzneimitteln, deren Verkauf gesetzlich untersagt oder beschränkt ist. Die Berliner Verleger vermögen sich nicht über die Grenzen dieses Verbots zu unterrichten und müßen deshalb im Gegensatz zu den auswärtigen Zeitun- gen auf die Aufnahme aller Anzeigen, die einen medizinischen Beigeschmack haben, verzichten. Die • .Nordd. Allgem. Ztg.' verlangt daher einheitliche Regelung der Geheimmittel-Frage, verwahrt sich indessen schon j tzt in dem erstenArtikel gegen die Beschlüffe des Aerztetage«. Der Aerztetag befürwortete bekanntlich ein gesetzliches Verbot der öffentlichen Ankündigung von Gcheimmitteln, selbst wenn deren angebliche Zusammensetzung bekannt gegeben sei. Auch verlangte derselbe noch eine weitere Einschränkung des Verkauf» sogen. Geheimmittel außerhalb der Apotheken.
* Die Herder'sche Verlagshandlung in Freiburg hat nun den sechsten Band des großen Janssen'- fchen Geschichtswerke», da» seit Jahren erwartete Gegenstück zu dem ersten Ausgaben-