Erstes Blatt»
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Aich ein Ukihmchts-EWl.
Erzählung von Carl Armand.
(Fortsetzung.)
Natürlich war er bereit gewesen. Er hatte fich ihr sofort al« Arzt Dr. Hellmuth Feldern sorgt- stellt und seine Hilfe angeboten, die von ihr dankbar und unbefangen angenommen wurde.
Nachdem er den kleinen, stark geschwollenen Fuß, von dem er das zierliche Schuhwerk mit dem Taschenmesser hatte herunterschneiden müssen, untersucht, hatte er sie unwillkürlich erschrocken angesehen und bedauernd ausgerufen: „Aber, welche Schmerzen müssen Sie gelitten haben, mein Fräulein! Und dabei fitzen Sie so gleichmüthig und winden Blumensträuße? Dar muß ich bewundern 1"
„Ja, womit wollte ich mir denn sonst die Zeit vertreiben?" hatte fie erstaunt gefragt „Oder würden Sie er etwa für zweckmäßiger halten, wenn ich den Bäumen etwa« vorlamentirt hätte?"
Darauf hatten fie Beide lachen müssen. Ihre leichte, scherzend- Art bewirkte überhaupt, daß die beiden, fich vor wenigen Minuten noch völlig fremden Menschen bald bekannt mit einander wurden. Er erfuhr, daß fie Alice von Randow heiße, ihre Mutter früh verloren habe und mit ihrem Vater auf dem nahe gelegenen Schlosse wohne, zu welchem der Wald gehöre.
Wie bezaubert lauschte der junge Arzt dieser Mädchenstimme. Er war 30 Jahre alt geworden, ohne daß sein Herz je für etwa» Andere» geschlagen, al« für die W ffenschaft, der er fich geweiht; aber unter dem halb scheuen, halb zutraulichen Blick der braunen Sammetaugen fühlte er zum ersten Male ein fremde«, seltsame» Regen, da« ihm gleich der Frühlingsluft, die er athmete, Sinn und Seele mrfing.
H ute weiß er, daß er das holde Geschöpf von jenem ersten Augenblick an geliebt hat.
Ein tiefer Seufzer hebt die Brust des Träumenden. Seine Hand fährt über die Stirne, als wolle er gewaltsam die Erinnerungen verscheuchen, die den Gram wieder aufwühlen — umsonst, er muß ihnen folgen wider Willen!
Er steht sich wieder als Gast in jenem Schlosse, zu dem da» kleine Abenteuer im Walde ihn in freundschaftliche Beziehung gebracht. Zuerst ist er al« Arzt zu der jungen Baronesse gekommen wegen des verletzten Fuße«; aber ihr Vater, der stolze unnahbare Edelmann, fand seltsamer Weise Gefallen an seiner Gesellschaft — vielleicht nur wegen seiner Meisterschaft im Schachspiel, welches eine Lieblingsbeschäftigung des Barons bildete. So kam es, daß Hellmuth Feldern auch nach Alicens Heilung häufig unter dem Dach des Schlosses weilte.
Aber es kam ein Tag, der ihn rücksichtslos und für immer daraus vertrieb. Warum war er, der Bürgerliche, auch fo vermessen gewesen, mit einer Werbung um die Hand der Baronesse vor deren Vater zu treten? Mit verächtlichem Hohn hatte der Baron ihn abgewiesen. Hellmuth konnte selbst noch jetzt in der Erinnerung an jene Stunde ein Zähneknirschen nicht unterdrücken. Aber er war ja gerächt! Da« Schicksal selbst hatte die Vergeltung
übernommen. Ein Jahr, nachdem er jene beleidigende Abweisung erfahren, hatte Alice von Randow heimlich ihre« Vater« Schloß verlassen. Sie war entflohen mit einem Kunstreiter, einem schönen, durch seinen tollkühnen Muth doppelt bestrickenden Mann, der mit einem größeren Girat« längere Zeit in der benachbarten Stadt fich aufgehalten. Seine glänzende Persönlichkeit hatte da« unerfahrene Herz de« jungen phantastischen Mädchen- unwiderstehlich gefangen genommen.
Feldern war gerächt; aber er freute fich feine« Triumpfe« nicht. Mit seinem Herzblut hätte er vielmehr denselben abkaufen mögen. Er hatte sie ja geliebt, jene« unselige Mädchen, für da« er nur Mitleid, nicht Verachtung fühlen konnte, — und wahre Liebe hört nimmer auf. Mochte der eigene Vater ihr fluchen, fein Herz hatte längst vergeben. Aber vergessen konnte e« nicht.
Die Erinnerung hatte ihn begleitet durch all' die Jahre hindurch; sie war t«, die ihn zum einsamen Manne gemacht. In angestrengter Beruft- thätigkeit hatte er den Schmerz um die Verlorene zu ersticken gesucht.
Heute nun, durch jenen Namen an der Circuswand, war derselbe gewaltsam wieder aufgewühlt. Wa» mochte aus ihr geworden sein im Strudel de» Leben«, in den sie blind fich hinein gestürzt in jugendlichem Wagemuth, gelockt von einem trügerischen Irrlicht? Er wagt die Frage nicht zu beantworten .... „Verdorben, gestorben vielleicht," flüstert eine Stimme in ihm.
Die Luft im Zimmer wird ihm plötzlich heiß und bedrückend. E« treibt ihn unwiderstehlich hinan« in den wirbelnden Schnee flcckentanz des Dezember-Abends. Da draußen, meinte er, werde der dumpfe Druck von ihm weichen.
In den verschneiten Straßen ist er seltsam still. Schemengleich gleiten die dicht verhüllten Gestalten der Fußgänger aneinander voiüber; jeder Tritt versinkt lautlos in dem weichen weißen Teppich, der den Boden deckt und den die fallenden Flocken immer mehr noch verdichten. Die Natur webt emsig mit geschäftiger Hand an ihrem Weihnacht«- kleide, wozu Myriaden winziger Schneesternchen den Stoff liefern.
Hastigen Schritte« strebt Hi llmuth Feldern ehern bestimmten Ziele zu und das Ziel ist — der Circus Starotzky. In feiner Brust ist plötzlich ein heftiger Verlangen erwacht, Diejenige zu sehen, deren Namen solchen Sturm in seinem Innern aufgewühlt und die ihm — er weiß selbst nicht warum — ein eigentümliches Interesse eüflößt. Mag diese« Interesse immerhin thöricht und zwecklos sein — jedenfalls wird er doch Zerstreuung und Ablenkung für seine quälenden Gedanken finden.
IV.
Im Cirku» Starotzky hat die Vorstellung ihren Anfang genommen. Der weite Raum ist bi» zur Gallerte hinauf mit einer dichtgedrängten Menschenmenge gefüllt, welche in fieberhafter Spannung dar Erscheinen de» allgemeinen Liebling« erwartet.
Unbeachtet fast gehen die sonst stet« lebhaft be- Naschten Produktionen der Clown« vorüber; wie sehr dieselben fich auch anstrengen, da« Publikum
hat heute kein Interesse für ihre Scherze.--
Endlich sind die einleitenben Nummern zu Ende. Durch die Zuschauerschaft geht e« wie ein erlösende« Aufathmen; dann folgt eine lautlose Stille, die nur einmal durch ein leichte« Geräusch unterbrochen wird: eine der vorderen Logen öffnet fich, um noch einen verspäteten Besucher aufzunehmen, auf den indeß Niemand achtet. Höchsten«, daß eine ober die andere in der Nähe fitzende Dame, welche in dem hachgewachsenen Manne vielleicht eine Ballbekanntschaft vermuthet, flüchtig nach ihm hinblickt, um fich indeß sogleich enttäuscht wieder abzuwenden. Hellmuth Feldern, der ernste, al» Weiberfeind verschriene Arzt, bildet kein passende» Objekt für die Pfeile schöner Augen.
Jetzt — Pferdegestampf vom Stalle her. — „Sie kommt!" Wie ein elektrischer Funke fliegt da» gemurmelte Wort durch die Reihen. Aller Augen richten sich ans den Eingang, durch welchen jetzt lächelnd, graziös, bezaubernd wie immer Miß Alice auf ihrem Falbenhengst zwischen bem Spalier der Stallmeister hindurch in die Marsge sprengt.
In bem betäubenden Jubel, der die Kunstreiterin begrüßt, verhallt unbeachtet bet halberstickte Schrei, mit welchem ber Name „Alice!" bei ihrem Erschauen von den Lippen de» eben eingetretenen Manne» tönt. , H
Hellmuth ist aufgesprungen; leichenblaß, die Hände krampfhaft um die Logenbrüstung gespannt, steht er und starrt, weit vorgebeugt, auf da» vermeintliche Wunder vor ihm. Wacht oder träumt er denn? Die schlanke Reiterin dort im blau- fammetnen, silberverschnürten Reitkleide, mit ber gleichfarbigen polnischen Mütze auf bem grldig- braunen Haargelock unb bem feinen, kindlichen Gesichtchen darunter, die soeben anmuthig grüßend die zierliche Reitgerte gegen da» Publikum senkt, gleicht sie nicht Zug um Zug jener Alice, deren Bild vorhin in der Einsamkeit seine» Sludirzim- mer» so lebendig vor ihm emporgestiegen?
Ja, sie ist e«, unverkennbar! Nur die Augen sind noch größer und dunkler geworden. Unwillkürlich kommt ihm bei dieser Wahrnehmung jener Volksglaube in den Sinn, demzufolge reichlich vergossene Thränen die Augen dunkler färben sollen.
Eine donnernde Beifallssalve weckt ihn aus seiner Erstarrung. Miß Alice reitet ihren Falben nach dem Takt ber Musik in ben Gangarten ber hohen Schule mit jener nur ihr eigenen, unnachahmlichen Grazie unb , Bewegung, welche bie oft gesehene Produktion zu einer künstlerischen Leistung erhebt.
Das Publikum ist hingerissen wie immer. In der That, Miß Alice ist noch im Vollbesitz ihre» alten Zauber»; die von Manchen gehegte Befürchtung, sie könne durch die Krankheit etwa» davon eingebüßt haben, erweist fich als völlig grundlos.
Auch in ihrer äußern Erscheinung ist fie unverändert geblieben. Die Gestalt mag vielleicht noch zarter, die viel bewunderte Perldläffe ihres Teints noch durchsichtiger geworden sein — aber um den Mund schwebt noch dasselbe liebliche Lächeln, das ihren größten Reiz ausmacht und ihr im Sturm alle Herzen erobert. (Fortsetzung im zweiten Blatt.)