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JW 274.

Dienstag, den 27. November.

1888

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn« und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Marl 70 Pfennig, auswärts 1 Marl 75 Pfennig.

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□ Zum Wiederzusammentritt des Reichstages.

ii.

lieber die innere Politik enthält die Thron­rede einen Paffn», der sehr sympathisch berührt und manchen auch neuerdings wieder versuchten parteiegotstischen Verleumdungen den Boden ent­zieht. Es ist die vom Kaiser geäußerte lieber- zeugung, daß die deutsche Einigkeit, die Treue zu Kaiser und Reich im gesammten Volke feste Wurzeln geschlagen hat. Werden die Reptilien nun die sog. „nationalen" Blätter nun endlich aushören, ganze politische Parteien und hervorragende Parteiführer mit den gehässigsten Verdächtigungen ihrer Reichstreue zu behelligen? Wir glauben'« kaum; in Dingen des Parteihaffe« und des Parteieigennutzes gilt dieser Sorte von Patrioten ein Kaiserwort lediglich gar nicht« und nicht einmal die thörichte Blosstellung de« deut­schen Volke« vor dem Auslande hält ste davon zurück, ihrem blinden Haffe zu fröhnen.

Die Befriedigung über den nunmehr vollzoge­nen Zollanschluß Hamburg« und Bremen« wird von allen Parteien getheilt, auch dürfte die Er­haltung des vom Kaiser betonten „freundnach­barlichen" Verhältnisses zur Schweiz, welches in einer Erweiterung des bisherigen Handelsver­trages seinen Ausdruck finden soll, Niemandem unwillkommen sein, denn die zeitweiligen wuther- füllten Preßausfälle kleiner „nationaler" Kläffer gegen die Schweiz entbehren jeder Bedeutung für die Diplomatie.

Der Verstcherung über die befriedigende Lage der Reichsfinanzen stehen wir etwa» skeptisch gegenüber; einesteils weiß man ja, durch welche außerordentlichen Mittel die Verbesserung der Reichs finanzen zu Wege gebracht worden ist, ande­rerseits lehrt die Erfahrung, daß die Wirklichkeit fast regelmäßig hinter den Voranschlägen um ein Bedeutendes zurückbleibt. Da» läßt fich am besten au» dem ziffermäßig vorliegenden Ergebniß der Branntweinsteuer ermessen, welche die in fie ge­setzten finanziellen Erwartungen bisher durchaus noch nicht gerechtfertigt hat. Der der immer noch gedrückten Landwirthschaft gespendete Trost im Hinblick auf die Möglichkeit einer höheren Verwerthung einzelner landwirthschastlicher Erzeug­nisse wird in bäuerlichen Kreisen nur wenig be«

Zehn m Mn.

Roman von Gabriele d'Arvor.

(26. Fortsetzung.)

Unter all' diesen Ereignissen und Stürmen hatte Nelly kaum einen Augenblick Zeit gefunden, an ihren reichen Verlobten in Cork zu denken, und ihre Freude war nicht gerade übermäßig, al» er plötzlich in Greenish erschien. Sie saß eben am Fenster, mit einer Handarbeit beschäftigt und schien sein Kommen nicht zu bemerken. Sie dachte an ihr Zusammentri ffen vom Tage vorher mit Tom y und an die Innigkeit, mit welcher er ihr seinen Dank abgestattet.

„Was ist denn da» für eine wichttge Arbeit, die meine liebe Nelly so ganz und gar in An­spruch nimmt?" fragte William Pody mit einem Anklang von Ironie.

Bei dem Klange dieser Stimme verschwand von dem Gesichte de» jungen Mädchen« rasch der Strahl der inneren Freude, der e» eben noch erhellte.

„Verzeihe, Wllliam," sagte fie, sich zu einem Lächeln zwingend, „Du findest ohne Zweifel, daß ich Dir nicht genug Ehre anthue."

Der junge Mann runzelte die Stirne.

„Nicht Ehre ist e», was ich verlange," erwiderte

friedigen. Der „wichtigsteZweig unserer wirth- schaftlichen Arbeit" fühlt fich in einigen Theilen de« Reiche», namentlich in Baden, durch die Fol­gen de» Brauntweinsteuergesetzes ganz außerordent­lich bedrückt unb geschädigt. Der Reichstag wird sich ohne Zweifel auch mit diesen sehr berechtigten Klagen etwas näher befassen müssen.

Neben dem Genoflenschaftsgesetz und der No­velle zum Krankenverficherungsgesktz ist es vor allem die schon so viel erörterte Alters- und Invalidenversicherung, welche auf Grund des veränderten Regierungsentwurfes den Reichs­tag eingehend beschäftigen soll. Die vom Kaiser ausdrücklich übernommene Fortsetzung der Sozial­politik der berühmten kaiserlichen Botschaft kann allerdings, wie die Thronrede mit Recht betont, nicht die Noth der Zeit und da» menschliche Elend ganz au» der Welt schaffen, aber sie soll dieses Elend und diese Noth bi» znr äußersten möglichen Grenze lindern. Daß der neue Entwurf diese» äußerste Ziel erfaßt habe, wird Niemand behaup­ten wollen. Der Reichstag wird an dem Entwürfe mit allem Nachdruck ändern und bessern müssen, wenn eine annehmbare und die biHigeft Ansprüche der Arbeiter befriedigende Lösung dieser sehr wich­tigen Frage erzielt werden soll. Daß der Bnn- desrath auf diesem Gebiete keine Unfehlbarkeit be­ansprucht, beweisen schon die bisherigen gründlichen Wandlungen, welche der Entwurf durchgemacht hat. Von der Grundlage der Berufsgenoffenschaf- ten ist man in kurzer Zeit zu der besonderen loka­ler Verbände übergegangen, auch durch die stufen­weise Normirung der Pensionen ist eine wesent­liche Aenderung erzielt, aber leider ist der küm­merliche Durchschnittsbetrag auch jetzt noch nicht verbi ffert, so daß selbst konservative Blätter sich mit der höchsten Erbitterung über den namentlich der niedrigsten Klaffe zugedachten Bettelpfennig aussprechen. Der Reichstag wird in dieser Hin­sicht, sowie bezüglich der von den Arbeitern sehr abfällig beurtheilten Bestimmungen über die Quit­tung«- und Kontrolbücher, mit großer Gründlich­keit die prüfende und beffernde Hand anlegen müssen.

Zum größten Bedauern aller Arbeiter freunde enthält die Thronrede keine Silbe von einer etwa von der Regierung in Aussicht zu nehmenden A r- beiterschutzgesetzgebung. Die Ablehnung der bezüglichen mit großer Mehrheit gefaßten Be­

er; „mir will es scheinen, daß ein Verlobter mit mehr Herzlichkeit empfangen werden soll."

Einen Moment früher würde Nelly diesen Vor­wurf mit einem lustigen Lachen beantwortet haben; aber ste war ernst geworden. William fiel diese Veränderung sofort auf. Er hatte bereits im Dorfe von den letzten Ereignissen gehört, und der Name seiner Verlobten war dabei öfters genannt worden, al« ihm angenehm sein konnte.

„An was dachtest Du denn eben?" fragte er.

„Ich weiß es nicht."

„Du schienest tief in Gedanken versunken. Planst Du vielleicht eine neue Verschwörung? E» scheint mir fast, daß Du unter die Konspiratoren gegan­gen bist."

„Wie kommst Du auf diese tolle Idee, Wil­liam? Hüte Dich, so etwa« gegenüber Anderen zu äußern; ein solches Wort kann hier zu Lande den Unschuldigsten in Verdacht bringen."

„Sei ruhig, deshalb, meine Liebe; es würde mich in Verzweiflung stürzen, Dir durch eine Un­vorsichtigkeit geschadet zu haben. Dein Interesse, ba» übrigens ja auch das meine ist, liegt mir viel zu sehr am Herzen. Aber im Dorfe erzählte man sich einen wirklich hübschen Roman, in dem Du die Heldin spielst, Nelly interessirt fich für die

schlüsse des Reichstag» durch den Bundesrath hat in den weitesten Kreisen tief verstimmt, man fragt sich, ob denn der Reichstag nur dazu da fei, um neue Steuern und Anleihen zu bewilligen. Die Arbeiterfreunde des Reichstages, namentlich die Centrumspartei werden fich indessen durch die­sen abermaligen Mißerfolg nicht entmutigen las­sen; die Anträge, welche ohnehin schon sehr ver­wässert an den Bundesrath gelangten, werden er­neuert werden, und schließlich wird das Naturgesetz vom Tropfen und Stein auch hier Recht behalten.

Mit allgemeiner Zustimmung wird das deutsche Volk die Ausführungen der Thronrede über die Bekämpfung des Sklavenhandel» in Ostafrika und die hierüber geführten Unter­handlungen mit England und anderen Mächten ausnehmen, lieber die in Aussicht gestellten be­züglichen Vorlagen für den Reichstag wird man erst urtheilen können, wenn diese selbst vorliegen. Der ebele Zweck der Unterdrückung des Sklaven­handels darf nicht zu Extravaganzen in der Kolo­nialpolitik verleiten.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. November.

* Die ,Köl. Vztg.' bementirt sehr energisch die Meldung des ,Berl. Tgbl/ au» Rom von einer Romreise deutscher Bischöfe, indem ste schreibt: „Mit nicht geringer Ueberraschung" er­fährt da» Berliner Tageblatt aus einem Tele­gramm feine» römischen Korrespondenten, daß dem­nächst eine Romreise der — deutschen Bischöfe stattfinben werde. „Bisher", so fügt da» Tagebl. hinzu, „hatte nicht das geringste Zuverlässige darüber verlautet, daß eine solche Pilgerfahrt be­schlossen sei oder Unterhandlungen darüber im Gange wären. Das Geheimniß ist also bis jetzt vortrefflich bewahrt geblieben." Der Korrespondent meldet zu dieser Angelegenheit „auf Grund von Informationen, die ihm an gut unter­richteter Stelle geworden sind", Folgendes: „Die Be­rufung der Bischöfe, die in ihrer Mehrzahl keines­wegs gern die Romreise antreten, soll auf das Drängen ein r Partei im Vatikan erfolgen. Die Bischöfe, so heißt es, würden jedoch nicht alle zu­sammen, sondern sncceffive hier eintrtffen und di­rekt mit dem Papst verhandeln. Der Berathungs- stoff wird, wie man vermuthet, besonder» die poli-

Rebellen, verhöhnt die Polizei. Wenn ich ein elen­der Paddy wäre, dem die Austreibung b.'vorsteht, so könnte ich fast stolz sein auf meine Braut; aber, Scherz bei Seite, ich hoffe, daß nicht zu viel Wah­re» an der Geschichte ist."

„Lassen wir da», William, ich verbiete Dir, so zu mir zu sprechen. Mein Gewissen wirst mir nicht» vor, Deine Unterstellungen find eine Belei­digung für mich. Ich begreife nicht, daß ein Mann, der intelligent fein will, fo beschränkt sein kann, auf da» Dorfgeschwätz Werth zu legen," er­widerte fie entrüstet.

Nelly fühlte sich offenbar bedroht, deshalb griff ste zu dieser Takttk, die ihren Gegner zwang, sich selbst zu rechtfertigen.

„Ich mache mir nicht» au» dem Geschwätz der Leute," erwiderte William kühl. „Ich habe mich stet» über solche Dinge erhaben gefühlt. Aber ich will Dir nicht verhehlen, daß Dein Interesse für Tomy Podgey anfängt, mir zu mißfallen."

„Hättest Du ihn gern am Galgen gesehen?"

„Nein, ich hätte ihn aufrichttg bedauert; indeß halte et fich gröblich gegen die obrigkeitliche Ge­walt vergangen, und e« ist nicht unsere Sache, der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen."

„Wenn Dein Pathe Dir nicht da» kleine Der-