JM 273.
Montag, den 26. November.
1888
Jultat
®ie »Fulda« Zeitung' erscheint täz I i ch, Sonn. und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis'ohne Bringerlohn und B-stellaeld- IM W w »tt der belletristischen Wochenb-ilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mart 70 Pfennig, auswä^s 1 Ma?k 7S Pfennig? ' W
^nserate: Dre einspaltige Zelle oder d«en Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. ®
□ Zum Wiederzusammentritt des Reichstages.
i.
Die am Donnerstag vom Kaiser persönlich eröffnete Reichskagssesfion wird allem Anschein nach die letzte der gegenwärtigen Legislaturperiode sein. Das verfaffungrmäßige Mandat des Reichstages läuft allerdings erst am 21. Februar 1890 ab, indessen ist dieser Termin ja nicht der natürliche, sondern nur durch die bekannte Auflösung wegen der SeptennatSfrage herbeigeführt worden. Die natürliche und in Deutschland übliche Wahlzeit ist der Spätherbst, und so klingt denn die Nachricht nicht unwahrscheinlich, daß die nächsten Reichs- tagrwahlen (für eine fünfjährige Legislaturperiode) bereits im Herbst 1889 stattfinden werden. Auch praktische Gründe der Geschäftserledigung sprechen für die vorzeitigen Neuwahlen, denn es ist kaum denkbar, daß ein am 21. Februar zusammentretender neuer Reichstag das spätestens am 31. März fällige Etatgefetz rechtzeitig würde erledigen können. Melleicht mag auch die beschleunigte Vorrahme neuer Wahlen einem persönlichen Bedürfnisse de» Kaisers entsprechen, welcher nicht mit Unrecht den Wunsch hegen mag, daß, wie im preußischen Abgeordnetenhause, so auch im Reichstage, mit Rückstcht auf die nach dem Tode zweier Kaiser wesentlich veränderten Verhältnisse in der obersten Spitze des Staates und Reiches, eine vom Volkswillen auj's Neue sanktionirte Körperschaft ihres Amtes walte. Ob man allerdings in maß- gebenden Kreisen von dem Ergebniß der nächsten Reichstagswahlen eine Bestätigung und Verstärkung des gegenwärtigen System» erwarten kann, ist eine andere Frage. Die bisherigen Nachwahlen zum Kartellreichstage find wenigstens in dieser Hinsicht nicht von guter Vorbedeutung gewesen. Freilich ist es immerhin möglich, daß man bis zum nächsten Herbst wieder irgend ein außerordentliches Agitationrmittel vorbereitet, um die wankenden Kartcllreihen wieder zum Stehen zu bringen.
In Folge der direkten und offenen Parteinahme de» jungen Kaiser» für die Kartellparteien und gegen die deutschfreisinnige Opposition, wie sie nunmehr schon bei zwei Anlässen, einmal sogar in amtlicher Form, in die Erscheinung getreten ist, werden die näcbsten Reichstagswahlen, al« die erste feit dem Regie-ungswechsel aus dem direkten und
M« W Zehn.
Roman von Gabriele d'Arvor.
(25. Fortsetzung.)
Er ließ einen Pfiff erschallen, der rasch eine Antwort erhielt, und gleich darauf eilten Leute herbei, die in ihrer Kleidung von rohen Fällen, das Gewehr in der Hand, auf Tomy einen unheimlichen Eindruck machten und ihm eine Idee gaben von dem Leben, das hier nun auch für ihn beginnen sollte.
„Freunde", sagten die Heimkehrenden, „mit den Konstablern sind wir fertig geworden; wir führen Euch den Geretteten zu!"
Ein lautes Hurrah beantwortete diesen kurzen Bericht.
Am Eingänge einer der Hütten stand John Buck neben einem guten Feuer und bereitete den Whiskey. Er füllte einen Krug, den er den An- I kommenden präsentirte, und Alle, Einer nach dem Andern, schlü-ften mit Behagen das nationale Getränk.
Mittlerweile näherte sich Clary dem jungen Podgey und sagte:
„Tomy, Ihr seid sicher müde; ich biete Euch t ein Obdach in meiner Hütte an."
allgemeinen Wahlrecht yervorgehende politische Willensäußerung des ganzen deutschen Volkes, eine hervorragende Bedeutung gewinnen. Pessimistische Gemüther hatten schon befürchtet, die kaiserliche Thronrede werde irgend einen Passus enthalten, welcher in ähnlicher Weise, wie die offiziellen Aussprüche des Kaisers in Berlin und Breslau, für die gegenwärtige Kartellmehrheit des Reichstages Zeugniß ablegen werde. Wir haben Derartiges nicht erwartet und erwarten es auch nicht für die demnächstige preußische Thronrede; denn bei diesen Thronreden handelt es sich eben doch um streng verfassungsmäßige Akte, bei denen I hier der Bundesrath und Reichskanzler, dort das Gefammtministerium mitzuwirken haben; auch würden derartige reaktionäre Versuche sofort einen parlamentarischen Konflikt herbeiführen, dessen Folgen nicht abzusehen wären.
Die Thronrede bietet für Niemanden irgend welche neuen oder überraschenden Gesi htspunkte. Die Betonung des lediglich friedlichen Zwecke» des D r e i b u n d e r, die weitere Hervorhebung der Freundschaft mit den übrigen vom Kaiser persönlich besuchten Monarchen, also namentlich mit dem russischen Kaiser, alles das ist ja bereits in mehr oder weniger offiziellen Kundgebungen des jungen Kaisers zum Ausdruck gebracht worden. Allerdingshaben gewisse offiziöse Federn gerade in den letzten Tagen wieder neue Wolken an den politischen Himmel hingezaubert, namentlich durch die lebhafte Agitation gegen die Betheiligung deutschen Geld-« an der russischen Anleihe und durch die Nachricht- über besorgnißerregende russische Truppenverschiebungen. Aber der Kundige weiß zu genau, welche Praktiken und Interessen theils politischer, theils finanzieller Natur meist hinter dieser schmachvollen systematischen Beunruhigung des Publckums stecken. Leider ist die Gefahr nicht zu verkennen, daß e» den betreffenden „Machern" einmal ergehen könnte, wie dem Knaben in der Fabel vom Wolfe.. Wenn der KriegSwolf wirklich einmal vor der Thüre steht, dann hat die das fortgesetzte Beunruhigungs- und Lügensystem abge- stumpfte Bevölkerung den Glauben verloren. Die | Thronrede steht im direkten Widerspruch zu den Besorgnissen bezüglich Rußlands, denn gewiß nicht ohne Abficht ist hervorgehoben, daß nicht nur die österreichischen und italienischen Bundesgenossen, sondern auch die übrigen vom Kaiser besuchten,
„Clary O'Warne!" rief Vater Porig, y überrascht au»; „jetzt erkenne ich Euch wieder. Euer Vater und ich waren Freunde, und ich habe Euch aufwachsen sehen, seit Eurem Unglück aber hörte ich nichts mehr von Euch."
„Ich habe hier eine Zuflucht gefunden."
„Das Asyl scheint mir aber nicht allzu sicher; eine Kompagnie Rothröcke würde leicht dieses Thal durchsuchen können."
„Ohne Zweifel, ja, wenn wir hier blieben," erwiderte Clary. „Aber auf das geringste Alarmzeichen hin ertönt ein Signal zum Sammeln der Kolonie. Hinter diesem Felsen befindet sich der Eingang zu einer nur Eingeweihten bekannten Höhle; sie ist ein Labyrinth von unterirdischen Gängen und steigt bis zu einem Kilometer Tiefe ! hinab. Wer sich in den Gängen und Mündungen ! nicht auskennt, findet sicher den Rückweg nicht mehr. Al» Ausgang dient ein im jenseitigen Thale in den Felsen gearbeitete» brunnenartiges Loch, das kein Konstadler finden wird. Das ist unsere l-tzte, sichere Zuflucht, unsere Festung, die von der Polizei nicht überrumpelt werden kann. Stilist wenn da« Gehermniß verrathen würbe, so roänn vier Mann stark genug, am Eintritte diese» Labyrinths ein ganzes Regiment Engländer in Schach •
| befreur n Monarchen mit den Friedenr- ! absich;^: *t Majestät einverstanden find.
Der Schlußsatz endlich, wonach der Kaiser sich zu der Hoffnung berechtigt glaubt, daß e« ihm und seinen Bundesgenossen mit Gottes Hilfe gelingen werde, Europa den Frieden zu erhalten, hätte zwar bestimmter und zuversichtlicher („Zuversicht" war in früheren Thronreden der hier gebräuchliche Ausdruck) lauten können, aber immerhin ist er geeignet, die gerade momentan wieder angesammelten Schatten zu verscheuchen. Was die Zukunft bringt, darüber läßt stch heute nichts Zuverläfstges voraussagen; abgesehen von der fortdauernden Unsicherheit der Verhältnisse in Frankreich, können wir unsererseits auch auf die „thurmhohe" Freundschaft mit Rußland keine Häuser bauen. Zur Beruhigung gegenüber vielfach verbreiteten Ansichten mag auch die Versicherung des jungen Kaisers dienen, daß er einen Krieg ohne Roth vor seinem christlichen Gewissen, noch gegenüber den kaiserlichen Pflichten werde verantworten können.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. November.
* Es ist die Zeit der nächstenReichstags- wählen, ob dieselben schon im Herbst 1889 oder erst im Frühjahr 1890 stattfinden werden, eine neuerdings in der Presse lebhaft erörterte Frage. Die Hamburger Nachrichten machten den Vorschlag, die Wahlen bereits im Herbst 1889 vorzunehmen im Hinblick auf den Beginn des Etatsjahrs am 1. April. Diese Frage ist eine müßige, so lange in den maßgebenden Kreisen noch Einerlei Erwäg- ungen staltgefunden. Das ist denn a^ch, wie gemeldet wird, gar nicht der Fall. Auch über den Zeitpunkt einer erneuten gesetzgeberischen Inangriffnahme der Sozialistenfrage find noch keine Entschließungen getroffen.
* Die freisinnige Partei hat folgende drei Anträge im Reichstage eingebracht. 1. Der Reichstag wolle beschließen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, noch im Laufe dieser Session dem Reichstage den Entwurf eines Nachtragsgesetzes zur Gewerbe-Ordnung vorzulegen betüffend die weitere Ausbildung der Arbeiterschutz-Gesetzgebung in Ansehung der Frauen- und Kinder-Arbeit. 2. Die verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem zu halten, bis die darin Befindlichen sich durch den bezeichneten Ausgang gerettet hätten. In ruht» gen Zeiten dient diese« Thal, da« nicht gerade zu unangenehm ist, uns als Asyl; vir verlassen es nur, wenn uns der Broderwerb dazu zwingt."
Tomy war erschöpft von Anstrengung und innerer Bewegung; er trat deßhalb in die Hütte, die ihm Clary als die feinige bezeichnet hatte. Der Boden war mit frischem Farrenkraut bedeckt, an den Wänden hingen Waffen und Kleidungsstücke, ein langer, platter Stein diente als Tisch, neben dem Herde standen und lagen einig- plumpe Geschirre zur Bereitung der Mahlzeit, die gewöhnlich in Kartoffeln und Milchspeisen, manchmal aber auch in Wtldpret bestand.
Der junge Mann ließ sich auf das dürre Stroh fallen und schlief rasch ein.
„Der hat sicher in der vergangenen Nacht nicht geschlafen," meinte Clary lächelnd.
„Und uns ist es nicht viel besser ergangen," sagte W-Uy Podgey; „das ist eine harte Prüfung, die wir fett einigen Tagen durchmachen!"
„Ach", seufzte Clary, „wir Alle haben dasselbe oder Aehnliches erlebt I"
«Das ist wahr, mein Freund, wir dürfen ni